Buchrezension: Mein Korea-Tagebuch – Zwei verrückte Jahre in Seoul

Buchcover

Buchdetails

  • Titel: Mein Korea-Tagebuch – Zwei verrückte Jahre in Seoul
  • Autor: Baldur Zinnes
  • Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform
  • ISBN-Nummer: 978-1519211231
  • Erscheinungsjahr: 12. November 2015, 2. Auflage, Bad Dürkheim
  • Umfang: 214 Seiten
  • Preis: 16,99 €

Motivation

Mein Anspruch war es, ein Buch auszuwählen, bei dem ich etwas über die koreanische Kultur lerne, das mich auf mein Auslandssemester in Seoul vorbereitet. Gerne durfte dieses Buch auch einen historischen Bezug herstellen, um die heute in Korea gelebten Werte und Normen historisch zu begründen. So entschied ich mich zunächst für den Roman „Drifting House“ von Krys Lee – eine Zusammenstellung mehrerer Kurzgeschichten über die Lebensumstände verschiedener Koreaner nach dem zweiten Weltkrieg. Beim Lesen stellte ich jedoch schnell fest, dass sich die Erkenntnisse aus dem Lesen dieses fiktiven Romans sehr in Grenzen hielten. Für mich bestätigte sich die oft der koreanischen Literatur zugeschriebene düstere Atmosphäre und überspitzte, ja fast schon perverse Darstellung gesellschaftlicher Missstände. Übertragbarkeit auf meinen eigenen Aufenthalt in Südkorea? Wohl eher gering – will ich zumindest hoffen, denn ich hätte mich nicht für Korea entschieden, wenn ich mit Vergewaltigungen, Hungernöten und Entführungen rechnen würde.

Zu meiner Rettung scheint Amazon meinen Literaturgeschmack mittlerweile ganz gut zu kennen und schlug mir das Buch „Mein Korea-Tagebuch – Zwei verrückte Jahre in Seoul“ vor. Zunächst war ich skeptisch, ob ein Buch mit so einem Titel und einem ebenso schnöden Cover nicht bloß eine weitere in wenigen Tagen heruntergeschriebene Ansammlung von Rechtschreibfehlern und formalen Mängeln ist. Ein erster Blick in die Buchbeschreibung und Inhaltsvorschau ließ mich aufatmen. Der Autor ist offenbar ein eingefleischter Geschäftsmann und beherrscht nicht nur die deutsche Sprache, sondern schreibt auch mit einer guten Portion Humor über seine eigenen Erlebnisse bei einem zweijährigen Geschäftsaufenthalt in Seoul. Ziemlich genau das Buch, das ich jetzt gebrauchen kann – danke Amazon, nehme ich!

Über den Autor

Baldur Zinnes wurde 1969 geboren und ist gelernter Journalist. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er bei einem deutschen Großkonzern, den er in seinem Buch nicht namentlich erwähnt. Stattdessen verwendet er das Pseudonym DIE FIRMA. Als Zinnes 2010 für einen mehrmonatigen Projektaufenthalt nach Hongkong geschickt wird, entwickelt er erstmals eine Begeisterung für Asien. Er beginnt, Chinesisch zu lernen, erwirbt mehrere Sprachzertifikate und setzt sich mit der chinesischen Kultur auseinander.

Drei Jahre später erhält Zinnes von seinem Chef ein Angebot für eine Stelle als Leiter des Public-Relations-Teams der südkoreanischen Tochtergesellschaft. Zinnes zögert und denkt zwei Wochen nach, denn schließlich zieht es ihn eher zurück nach China. Zu allem Übel führte Nordkorea wenige Tage zuvor einen weiteren Atombombentest durch und löste damit ein Erdbeben der Stärke 5 aus. Die Situation in Korea ist angespannt und das Büro von DIE FIRMA Korea befindet sich in Seoul, nur 50 Kilometer südlich der Grenze zu Nordkorea. Dennoch entschließt sich Zinnes, die Teamleiter-Stelle anzunehmen und zieht im August 2013 mit seiner Familie für zwei Jahre nach Seoul.

Während seiner Zeit in Korea führt Zinnes ein Tagebuch, das er 2015 als „Mein Korea-Tagebuch“ veröffentlicht. Er unternimmt außerdem mehrere Stippvisiten nach Nordkorea und reist hunderte Kilometer durch das sozialistische Land. Seine Erfahrungen veröffentlicht er zeitgleich in „Mein Nordkorea Tagebuch“. Später arbeitet er für ein Jahr in der japanischen Niederlassung von DIE FIRMA in Tokio und veröffentlicht 2018 sein drittes Tagebuch mit dem Namen – Überraschung! – „Mein Japan-Tagebuch“.

Aufbau des Buches

Das Buch besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil, das Tagebuch, nimmt etwa drei Viertel des Buches ein. Der zweite Teil ist eine strukturierte Auflistung von Überlebenstipps für einen Aufenthalt in Korea. Wer den ersten Teil gelesen hat, wird hier nur wenig Neues erfahren, denn die aufgeführten Tipps nennt Zinnes bereits im Tagebuch an den Stellen, an denen er selbst darauf stößt. Für ein gezieltes Nachschlagen und die eigene Reisevorbereitung kann der zweite Teil zwar nützlich sein, für den Lesegenuss und ein paar Schmunzler empfehle ich jedoch dringend den ersten Teil, das Tagebuch.

Inhalt

Das Tagebuch folgt keinem bestimmten roten Faden und entwickelt auch keine bemerkenswerte Dramaturgie. Was sagt man also zu dem Inhalt eines solchen Buches? Der Wert besteht zweifelsohne in den vielen Informationshäppchen über die koreanische Kultur und den Aha-Momenten, die Zinnes an den Leser weitergibt. Insofern erschien es mir sinnvoll, diese Informationshäppchen zu sammeln und zu gruppieren. Im Folgenden werde ich meine Top 5 Learnings über die koreanische Kultur vorstellen.

Top 1: Höflichkeit & Hierarchien
Höflichkeit wird in Korea großgeschrieben und ist eng an gesellschaftliche Hierarchien geknüpft. Gegenüber älteren Personen oder Personen in höheren gesellschaftlichen Positionen muss man sich besonders respektvoll verhalten. In Deutschland oft ein schwieriges Thema: Sind wir jetzt beim Du oder beim Sie? Im Koreanischen gibt es mindestens vier verschiedene Höflichkeitsstufen und ich bin nicht sicher, ob ich nicht noch eine vergessen habe. Beim Kennenlernen stellen Koreaner gerne eine ganze Reihe von Fragen, um die andere Person in die passende Hierarchieebene einzusortieren und daraus die angebrachte sprachliche Ebene abzuleiten. Ganz beliebt ist auch die Frage nach dem Sternzeichen. Wieso? Direkt nach dem Alter zu fragen ist unhöflich, aber die chinesischen Sternzeichen gelten jeweils nur für ein Jahr und jedes ist nur alle zwölf Jahre an der Reihe. Aus dem Sternzeichen lässt sich also gut das Alter ableiten.

Auch meiden die Koreaner das Wort Nein, denn ein klares „Nein, will ich nicht“ wäre zu abweisend und bei einem „Nein, ich kann das nicht“ würde man schließlich sein Gesicht verlieren. Stattdessen gibt es mehrere Abstufungen von Ja und die Herausforderung ist, die Stufe richtig herauszuhören. Besonders im Berufsalltag kann das zu Problemen führen, wie Zinnes schildert: „Wenn wir in Deutschland etwas besprechen, dann bedeutet ein ‚ja’ auch wirklich: ‚Ja, ich bin einverstanden, machen wir so.’ Fertig. In Korea kann ein ‚Ja’ alles Mögliche bedeuten: ‚Ja’. ‚Vielleicht’. Und sehr oft: ‚Ja ich habe Deinen Vorschlag gehört und werde darüber nachdenken’. Unsereiner denkt ‚abgehakt’, aber für die Koreaner ist es nur eine unverbindliche Absichtsbekundung.“

Top 2: Flexibilität statt langfristiger Planung
Während man in Deutschland meistens lange im Voraus plant und verbindliche Zu- oder Absagen erwartet, um bloß keine bösen Überraschungen zu erleben, hat in Korea Flexibilität den höchsten Stellenwert. „Für Koreaner ist es wichtig, bis zum Schluss flexibel zu bleiben. Man plant maximal ein paar Wochen im Voraus und wirft dann gerne alles bis zur letzten Minute wieder und wieder um.“ Ein Grund dafür findet sich in der zuvor beschriebenen Höflichkeitskultur, denn „die Wertschätzung für das Gegenüber wird darin deutlich, Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, um es möglich zu machen.“ Bei Personen, die in der gesellschaftlichen Hierarchie höher stehen als man selbst, ist es besonders wichtig, Flexibilität zu zeigen. In Korea gibt es das Motto „Der Superstar kommt zuletzt“. Wichtige Personen kommen in aller Regel spät zu Terminen oder sagen kurzfristig ab.

Top 3: Arbeitseinstellung
Seit Juli 2018 gilt in Korea eine neue Höchstgrenze für die erlaubte Wochenarbeitszeit: 52 Stunden. Zuvor waren es 68 Stunden. Koreaner arbeiten viel. Sogar so viel, dass das deutsche Wort „Arbeit“ als Fremdwort Einzug in die koreanische Sprache erhalten hat. „Arbeit“ (아르바이트) bedeutet auf Koreanisch „Teilzeitarbeit“. Aber „Teilzeit wird als neumodischer Quatsch belächelt, als Drückebergerei.“

Im Durchschnitt nehmen Mitarbeiter bei DIE FIRMA Korea nur vier Tage Urlaub im Jahr, obwohl sie Anspruch auf 20 Tage hätten. Den Rest lassen sie sich auszahlen. Es gibt sogar Mitarbeiter, die niemals Urlaub nehmen – nicht einmal den Sommerurlaub, den man sich nicht auszahlen lassen kann. Es fallen Begründungen wie „Das Büro ist so schön klimatisiert … da ist es im Sommer viel angenehmer, als bei mir zu Hause.“ Stattdessen haben Urlaubstage in Korea noch einen anderen Zweck, denn „Krankschreibung durch einen Arzt gibt es hier nicht. Hier haben die Leute ihren Jahresurlaub zu nehmen, wenn sie krank sind. […] Logischerweise schleppen sich alle noch todkrank ins Büro, sofern sie noch laufen können.“

Top 4: Nachtleben & Trinkkultur
Privates und Berufliches sind in Korea eng miteinander verknüpft. Die Kollegen sind häufig auch die Freunde. Man geht nach der Arbeit gemeinsam etwas trinken und manchmal auch direkt nach dem Trinken wieder zurück an die Arbeit. Die Trinkkultur hat einen sehr hohen Stellenwert in Korea und der Alkoholkonsum ist hoch. Der durchschnittliche Koreaner trinkt in der Woche 13,7 Shots. „Die Koreaner glauben: Man kennt jemanden erst dann wirklich, wenn man mit ihm einen gehoben hat. Denn wer einen im Tee hat, der kann sich nicht verstellen und zeigt sein wahres Gesicht.“ Im koreanischen Nachtleben ist es üblich, drei Orte zu besuchen. Erst geht man gemeinsam essen („First Place“), dann trinken („Second Place“) und zum Schluss versackt man in einer Karaoke-Bar, dem „Norae Bang“ („Third Place“).

Top 5: Ehe
Die koreanische Ansicht des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau und der Ehe würde man in Deutschland wohl eher als altmodisch bezeichnen. Man lebt in aller Regel bei den Eltern, bis man heiratet. Dann hat der Mann für die Wohnung zu sorgen und die Frau steuert die Möbel bei. Vorher zusammen übernachten? Das gehört sich nicht. Schon gemischte Studenten-WGs sind ein Problem. In Seoul hat sich eine boomende Motel-Szene entwickelt. Wieso bloß?

Weiter schreibt Zinnes: „Dass jemand nicht heiratet und als Single leben möchte? Nahezu unvorstellbar. So langsam wird mir klar, dass jeder Koreaner über 30, der unverheiratet ist, in der Tat ein Problem hat. Und am Schlimmsten: Wer nicht verheiratet ist, der wird nicht für voll genommen. Der gilt als Halbstarker, aber nicht als erwachsen. Und die Eltern geben immer noch auf einen Acht.“ Aber zum Glück gibt es ja die Firma! Denn, wir erinnern uns, Privates und Berufliches sind in Korea eng miteinander verknüpft. Es kommt häufig vor, dass unverheiratete Kollegen, die auf die 30 zugehen, von anderen Kollegen miteinander verkuppelt werden. Beim Thema Beziehung fragen Mitarbeiter auch mal ihren Chef um Rat – der ist schließlich ein weiser Mann und muss es ja wissen.

Diskussion & Fazit

Zinnes nimmt den Leser mit auf eine Reise durch die koreanische Kultur und schildert auf humorvolle Art und Weise jedes Fettnäpfchen, in das er tritt. Während er mit einigen kulturellen Unterschieden sehr zu kämpfen hat, lernt er viele Aspekte der koreanischen Kultur zu schätzen, zum Beispiel die Hilfsbereitschaft der Koreaner und das starke Gemeinschaftsgefühl. Die Liste an Erkenntnissen und Aha-Momenten, die ich aus diesem Tagebuch ziehe, ist so lang, dass es mir schwer fiel ist, sie auf die oben genannten Punkte herunterzubrechen. Insofern hat sich mein Anspruch, etwas über die koreanische Kultur zu lernen, das mich auf mein Auslandssemester in Seoul vorbereitet, auf ganzer Linie erfüllt. Dennoch ist auch klar, dass man aus den Einzelsituationen, die Zinnes schildert, nicht ohne weiteres auf eine ganze Kultur abstrahieren kann. Wer Korea bereist, sollte jeder neuen Bekanntschaft offen und vorurteilsfrei begegnen. Was das eigene Verhalten angeht, lassen sich aus dem Tagebuch jedoch eine Vielzahl an Richtlinien destillieren, die einem das eine oder andere Fettnäpfchen ersparen dürften. Vielen Dank, Herr Zinnes, ich fühle mich gut vorbereitet und freue mich auf mein Auslandssemester in Korea!

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