Buchrezension: Die Ladenhüterin

Buchdetails

  • Titel: Die Ladenhüterin / Konbini ningen (コンビニ人間)
  • Autorin: Sayaka Murata (村田 沙耶香)Die-Ladenhüterin
  • Übersetzung: Ursula Gräfe
  • Erscheinungsjahr: 2018 (3. Auflage)
  • Verlag: Aufbau Verlag, Berlin
  • Umfang: 145 Seiten
  • ISBN: 978-3-351-03703-1
  • Preis: 18,00 €

 

Die Autorin
Sayaka Murata wurde 1979 in Inzai in der japanischen Präfektur Chiba geboren, in welcher sie ebenso aufwuchs und die Mittelschule besuchte. Später zog sie mit ihrer Familie nach Tokio, wo sie ihren Schulabschluss an der Kashiwa High School machte. An der Tamagawa Universität studierte sie dann Kunst- und Kulturwissenschaften.
Während ihres Studiums begann Murata mit der Veröffentlichung verschiedener Romane. Für ihren ersten Roman Jyunyū (Stillen) gewann sie 2003 den Gunzō-Nachwuchspreis. Es folgten weitere Auszeichnungen wie z.B. der Noma-Literaturpreis im Jahr 2009 oder der Mishima-Preis im Jahr 2013. Der internationale Durchbruch gelang ihr schließlich 2016 mit dem Roman Konbini ningen (Convenience Store Mensch(en)), welcher in Deutschland im Jahr 2018 unter dem Titel Die Ladenhüterin veröffentlicht wurde. Für ihre Geschichte über eine Konbini-Verkäuferin, die sich in Japan über 600.000 Mal verkaufte, erhielt sie 2016 den wichtigsten japanischen Literaturpreis, den Akutagawa-Preis. Inspirieren ließ sie sich dabei von ihrer eigenen Teilzeittätigkeit als Convenience Store Mitarbeiterin in Tokio, die sie neben ihrer Schriftstellerkarriere ausübt. Im Zuge dieses Erfolges wurde sie als eine der Women of the Year der japanischen Vogue ausgezeichnet.

Meine Motivation
Noch vor meiner expliziten Suche nach einem Buch für das Literaturforum bestand mein Interesse darin, eine auf der einen Seite unterhaltende, auf der anderen Seite aber auch gesellschaftlich relevante sowie zeitgemäße Geschichte über Japan zu lesen. Schon länger ist mir bekannt, dass es vor allem in Japan viele gesellschaftliche Phänomene gibt, für die sich die Japaner oft sogar ein eigenes Wort einfallen lassen (wie z.B. Karōshi, Inemuri, Hikikomori etc.). Um einen tieferen Einblick in diese Thematik zu gewinnen und genauer zu verstehen, wie Japaner speziell in Bezug auf Arbeit, Familie oder Konformität denken, war es mir besonders wichtig, ein Buch eines japanischen Autors zu wählen, der aus erster Hand über die allgemeine und gegenwärtige japanische Denkweise berichten kann. Nach kurzer Internetrecherche entdeckte ich dann schnell den Roman von Sayaka Murata, für den ich mich auch entschied. Der Klapptext des noch relativ neuen Buches sowie diverse Rezensionen und positive Pressemeinungen weckten mein Interesse für die in dem Buch beschriebene Konbini-Verkäuferin, die sich in ihren Mittdreißigern zunehmend mit der Wichtigkeit einer Festanstellung sowie der Familienplanung konfrontiert sieht. Um mir nun ein Bild von der dargestellten Denkweise zu machen sowie mir kritisch meine eigene Meinung über die Thematik bilden zu können, fing ich mit großer Neugier an, das Buch zu lesen.

Inhalt
In ihrem Roman erzählt Sayaka Murata die Geschichte der 36-jährigen Japanerin Keiko Furukura, die als Aushilfskraft in einem Convenience Store, einem sogenannten Konbini, arbeitet, der rund um die Uhr geöffnet hat. Dieser befindet sich in einer nicht näher bestimmten japanischen Stadt am Bahnhof Hiiro-chō. Vor ihrer Zeit als Ladenhilfe hatte Keiko große Schwierigkeiten, sich problemlos mit ihrem Verhalten in die Gesellschaft einzufügen. Denn schon immer galt sie als Außenseiterin, die mit den Gefühlen ihrer Mitmenschen kaum etwas anfangen kann. Mehrere Vorfälle in ihrer Kindheit machen deutlich, dass sie im Vergleich zu den anderen Kindern ein eher sonderbares Verhalten an den Tag legte, was ihre Eltern oft dazu veranlasste, sich zu fragen, wie man sie „heilen“ könne. Um mit ihrer Art nicht weiter unangenehm aufzufallen, fasste Keiko den Entschluss, für sich zu bleiben. Da sich jedoch weder in ihrer Schulzeit noch während ihres Studiums etwas änderte und sie keinen richtigen Anschluss an die Gesellschaft fand, lebte sie mit der Vorstellung, „unheilbar“ zu sein. Eines Tages aber stieß sie auf dem Rückweg von der Universität auf einen neu eröffneten Konbini, in dem sie kurzerhand den Job der Ladenhilfe antrat. Während ihrer Schulung wurden ihr ein „normaler Gesichtsausdruck“ und eine „normale Art zu sprechen“ beigebracht und Keiko hatte zum ersten Mal in ihrem Leben das Gefühl, als „normales Mitglied der Gesellschaft“ am „normalen Leben“ teilzuhaben.
Seitdem sind 18 Jahre vergangen. Keiko hat ihr Studium schon vor einigen Jahren abgeschlossen, arbeitet jedoch immer noch tagtäglich als Aushilfe im Konbini. Das Verhalten ihrer Kollegen sowie die Gepflogenheiten des Ladens hat sie sich regelrecht einverleibt und diesen zu ihrem Lebensinhalt erklärt. Da ihre Situation seit Jahren aber unverändert geblieben ist, werden ihr immer öfter unangenehme Fragen gestellt. Sowohl ihre Schwester als auch ihre Freundinnen, die fast alle schon geheiratet und Kinder bekommen haben, haken zunehmend nach, warum sie noch nicht verheiratet sei, ja noch nicht mal eine Liebesbeziehung hatte. Auch die Tatsache, dass sie keinen Vollzeitjob hat, stellt Keiko vor die Schwierigkeit, ihren Umstand immer wieder erklären zu müssen. Mehr und mehr wird sie sich bewusst darüber, dass ihre Gesellschaftsfähigkeit an ihrem Beruf sowie ihrem Beziehungsstatus gemessen wird. Sollte es in dieser Hinsicht zu keiner Besserung kommen, fürchtet sie sich davor, als Fremdkörper aufzufliegen und beseitigt zu werden.
Als dann aber der neue Mitarbeiter Shiraha eingestellt wird, gerät ihre Weltordnung mehr und mehr ins Wanken. Dieser verhält sich mit seiner Art genau gegenteilig zu Keiko. Er ist faul und lustlos, antwortet herablassend und hält sich nicht an die Regeln. Nachdem sich der Chef des Konbini sowie andere Mitarbeiter über ihn beschwert haben, wird Shiraha kurze Zeit später gefeuert und als Fremdkörper, der der Normalität im Wege steht, beseitigt. Eines Abends findet Keiko ihn dann in der Nähe des Konbini herumlungern. Sie begeben sich in ein Restaurant, in dem Shiraha seinen Unmut über die Welt äußert. Seiner Meinung nach würde sich die Gegenwart nicht von der Jōmon-Periode (eine Phase der japanischen Vorgeschichte zwischen 14 000 und 300 v. Chr.) unterscheiden. Der Stärkere gewinne, die Gleichheit zwischen Männern und Frauen sowie der Individualismus seien bloß Lügen, Außenseiter erkenne man nicht an, und Menschen, die zu keinem „Stamm“ gehören und keinen Nutzen bringen, werden belästigt, ungerecht behandelt und ausgestoßen. Die moderne Gesellschaft sei nichts weiter als eine Illusion. Dabei wolle Shiraha nur seine Ruhe vor denjenigen haben, die versuchen, ihm eine bestimmte Lebensweise vorzuschreiben. Um die Kritik an ihm verstummen zu lassen, möchte er heiraten und ein Internetgeschäft gründen. Da Keiko ein ähnliches Interesse verfolgt und eine Veränderung in ihrem Leben von Nöten ist, schlägt sie ihm unvermittelt vor, sie zu heiraten. Shiraha scheint von ihrer Idee zunächst nicht ganz angetan zu sein, entscheidet sich dann aber doch aufgrund dessen, dass er keine Bleibe und Probleme mit seiner Familie hat, dafür, bei ihr zu wohnen. Beide sind der Meinung, dass sie von diesem „Geschäft“, als welches sie diese Beziehung bezeichnen, profitieren werden. Nach und nach erzählt Keiko ihrer Schwester und ihren Freundinnen die Neuigkeit – ihre überschwängliche Freude darauf findet sie aber eher befremdlich und nicht nachvollziehbar.
Nachdem es einige Tage gut lief, rutscht Keiko auf der Arbeit heraus, dass sie neuerdings mit Shiraha zusammenlebt. Ihre Kollegen, denen Shiraha aufgrund seiner damaligen Anstellung bekannt ist, mischen sich unverhohlen in ihre Angelegenheit ein und tratschen während der Arbeitszeit über sie, wofür Keiko kein Verständnis hat. Als es dann zu weiteren Problemen mit Keikos Schwester und Shirahas Schwägerin kommt, die der Meinung sind, dass die beiden so nicht weiterleben können, scheint es beschlossen zu sein, dass Keiko nicht weiter als Ladenhilfe im Konbini arbeiten kann. In dem schmerzlichen Bewusstsein, dass das Geschäft im Konbini am nächsten Tag auch ohne sie reibungslos weiterlaufen wird, absolviert sie ihren letzten Arbeitstag. Ihre Kollegen, in deren Augen sie nun ein normaler Mensch geworden ist, wünschen ihr viel Glück für ihren neuen Lebensabschnitt. Während Shiraha sich auf die Suche nach einem neuen Job für Keiko macht, um selber davon zu profitieren, verliert sie ihren Tagesrhythmus sowie ihren Lebensinhalt und weiß nichts mehr mit sich anzufangen.
Etwa einen Monat nach ihrer Kündigung hat Keiko ein Vorstellungsgespräch für einen neuen Job. Auf dem Weg zu diesem machen sie und Shiraha einen Stopp in einem Konbini, um dort auf die Toilette zu gehen. Unmittelbar nach ihrem Eintritt hört Keiko dann plötzlich die „Stimme“ des Konbini. Sie weiß instinktiv, was der Laden braucht, und beginnt damit, fehlplatzierte Waren umzuräumen. Als Shiraha von der Toilette zurückkehrt und sie wütend aus dem Laden herauszieht, versucht er, ihr den Gedanken, wieder im Konbini anzufangen, auszureden. Doch Keiko ist sich nun vollends sicher, für den Job als Konbini-Angestellte geboren zu sein. Während sich Shiraha voller Zorn auf den Weg zum Bahnhof macht und sich sicher ist, dass sie dies noch bereuen wird, entschließt sich Keiko dazu, wieder in einem Konbini anzufangen und alles für ihren Job zu geben.

Kritische Würdigung und Fazit
Trotz der Kürze des Romans hat es Murata geschafft, mich mit ihrer Geschichte zu faszinieren. Der kurze und präzise Schreibstil, der alles ohne weitere Ausschmückungen nüchtern auf den Punkt bringt, ermöglicht einen leichten und schnellen Lesefluss, der den Leser bis zum Ende der Erzählung mitreißt. Der Roman hat mich durchaus unterhalten, auch wenn die in ihm vermittelte Atmosphäre von einer gewissen Gefühlskälte zeugt. Meiner Meinung nach ist dies jedoch der Thematik angemessen und zu großen Teilen auch der Protagonistin geschuldet.
Keikos Andersartigkeit kann schlichtweg darauf zurückgeführt werden, dass es ihr an Empathie – einer in Japan so wichtigen Eigenschaft zur Wahrung der Harmonie und sozialen Balance – fehlt. Das zeigte sich bereits in ihrer Kindheit und auch im Erwachsenenalter änderte sich in dieser Hinsicht nicht viel. Vielmehr basiert ihr Handeln auf Pragmatismus, wodurch sich viele komische Situationen und Gedanken ihrerseits ergeben, über die ich einerseits oft schmunzeln musste, die mich andererseits aber auch – zugegebenermaßen – fast schon verstörten. Nichtsdestotrotz kommt Keiko überaus sympathisch rüber, man fühlt aufgrund ihres Schicksals mit ihr mit und möchte erfahren, wie es für sie weitergeht.
Interessant fand ich den Ansatz, der gewählt wurde, als Keiko zunehmend den gesellschaftlichen Druck aus ihrer Umgebung spürte: um nicht weiter negativ aufzufallen, beugt sie sich – nicht ganz unkritisch – den gesellschaftlichen Normen und Konventionen und passt sich komplett und in jeder Hinsicht ihrem Umfeld an. Und genau in jener totalen Anpassung findet sie dann ihre Bestimmung. An vielen Stellen könnte der Roman hier überspitzt oder gar befremdlich wirken, da Keiko ihr ganzes Leben wirklich nur nach dem Konbini und ihrer dortigen Arbeit ausrichtet, jedoch bekommt man als Leser auch das Gefühl, dass sie genau dies am glücklichsten und zufriedensten macht. Umso mehr entsetzte es mich dann schon fast, als sich immer mehr Leute zwischen sie und ihr Glück im Konbini gestellt haben, sie unter Druck setzten und sich auf dreiste Weise das Recht herausnahmen, sich in ihr Leben einzumischen. Und das nur, weil sie als unverheiratete Frau nicht dem typischen Bild einer 30-jährigen Japanerin entspricht. Ob Keiko der Job im Konbini erfüllt, interessiert dabei niemanden. Auch wenn an dieser Stelle die japanische Denkweise gut zum Vorschein kommt, wäre hier meiner Meinung nach etwas mehr Menschlichkeit völlig angebracht gewesen.
Obwohl sich die Geschichte größtenteils nur im Konbini abspielt, lassen sich die in ihr behandelten Themen durchaus auf die gesamte japanische Gesellschaft übertragen. Dabei bestätigte Murata meine Vorstellungen über eine Gesellschaft, in der das bloße Funktionieren am Arbeitsplatz und die Konventionen des gesellschaftlichen Zusammenlebens alles andere dominieren. Somit bietet der Roman einen authentischen und interessanten, wenn auch traurigen und leicht verstörenden Einblick in eine für uns eher fremde Welt. Jedoch spiegelt sich hier meiner Meinung nach nicht nur die japanische Gesellschaft wider, sondern eine insgesamt moderne, kapitalistische und gefühlskalte Welt, in der jeder seinen definierten Platz einnimmt und die gesellschaftliche Ausgrenzung derjenigen erfolgt, die sich dem allgemeinen Muster nicht fügen wollen.

Abschließend kann ich sagen, dass der Autorin mit ihrem Roman eine klug und stellenweise sehr humorvoll erzählte, satirische Gesellschaftskritik gelungen ist, die die absurden Gesetzmäßigkeiten unseres Alltags gut zum Vorschein bringt und an unserem Selbstverständnis eines normalen Lebens rüttelt. Das Buch empfehle ich vor allem denjenigen weiter, die Interesse an der japanischen Kultur haben und gerne über Themen wie Individualität und Konformität, dem Anderssein oder gesellschaftlichen Funktionieren reflektieren, da der Roman hier viele Ansatzpunkte zur weiteren Diskussion bietet. Ein netter Nebeneffekt ist zudem der umfassende Einblick, den man in die Welt eines Konbini erhält. Für mich war dies besonders interessant und ich bin gespannt, ob ich die in dem Buch beschriebene Atmosphäre genauso empfinden werde, wenn ich meine Einkäufe in einem der für Japan so wichtigen Läden tätige.

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