Samuel Park: Was dein Herz nicht weiß

Das Buch

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Titel: Was dein Herz nicht weiß
Originaltitel: This Burns My Heart
Autor: Samuel Park
Übersetzerin: Stefanie Fahrner
Verlag: Diana
Erscheinungsjahr: 2012
Seiten: 448
Preis: 8,99€
ISBN: 9783453356733
Rezension: Angelika S.
(Vorstellung am 01.06.2015)

Der Autor

Samuel Park ist in Sao Paulo, Brasilien geboren und dort aufgewachsen. Als Sohn einer koreanischen Mutter hat er dort vierzehn Jahre gelebt. Später hat er in Stanford an der University of Southern California studiert. Heute unterrichtet er Englisch am Columbia College in Chicago. Seine Lieblingsautorin ist Jane Austin, von ihr lernte er sich in die Köpfe der Frauen hineinzuversetzen. Die Inspiration und Basisidee für den Roman „Was dein Herz nicht weiß“ lieferte allerdings die persönliche Geschichte seiner aus Südkorea stammenden Mutter. Diese wurde am Abend vor ihrer Hochzeit von einem ihr relativ Fremden gefragt, ihn zu heiraten. Heute lebt Samuel Park sowohl in Chicago so wie auch Los Angeles und schreibt an einem weiteren Roman.

Motivation

Die Geschichte seiner Mutter, dass sie einen Tag vor ihrer bevorstehenden Hochzeit von einem Mann, den sie kaum kannte, aufgefordert wurde, ihn zu heiraten anstelle ihres Verlobten, finde ich sehr ungewöhnlich und faszinierend. Sofort wollte und musste ich die Geschichte, die auf dieser persönlichen Erfahrung der Mutter von Samuel Park basiert, lesen.  Wer würde so etwas Verrücktes tun und für einen Fremden, den man kaum kennt, die eigene Hochzeit absagen? Dieser dramatische Roman von Samuel Park stellt eine wirklich absolut herzzerreißende Liebesgeschichte dar, die zeigt, wie eine einzige (Fehl-)Entscheidung alles verändern kann.

Inhalt

Die Ich-Erzählung handelt vom Leben der Soo-Ja, eine junge wunderschöne und selbstbewusste Frau aus sehr guten Hause und spielt in Daegu. Samuel Park beschreibt in seinem dramatischen Roman „Was dein Herz nicht weiß“ das Leben dieser wunderbaren, faszinierenden Soo-Ja in Südkorea beginnend im Jahr 1960. In dieser Zeit ändert sich viel in Südkorea, es ist die Zeit nach dem Krieg, die amerikanischen Truppen sind abgezogen und niemand weiß was mit Südkorea passieren wird. Man kann nicht nur die Entwicklung und Veränderung Südkoreas beobachten, sondern parallel dazu die Veränderung der Hauptfigur Soo-Ja, diese entwickelt sich von einer jungen, unbeschwerten, sorgenfreien und traditionsbewussten Frau zu einer selbstbewussten, unabhängigen und modernen Geschäftsfrau. Das Buch ist in vier Teile gegliedert: Chrysantheme, Orchidee, Pflaumenblüte und Bambusblüte. Diese stellen wichtige Lebensabschnitte Soo-Jas dar. Die Auswahl der vier Blumen haben eine besondere Bedeutung. Sie werden im ostasiatischen Raum als die „vier Edlen“ bezeichnet und stehen jeweils für besondere Werte und Tugenden. Einerseits wirken diese Blumen zart und fragil, andererseits können sie aber auch eine große Kraft auswirken.

Das Buch beginnt mit einem Vorfall, einer Verfolgung Soo-Jas und ihrer Freundin von einem gutaussehenden Fremden. Die beiden Schulmädchen fliehen vor diesem Fremden und es beginnt eine rasante Verfolgungsjagd, die damit endet, dass der Fremde, namens Min, von Soo-Ja zu einer Polizeiwache geführt wird. Als Min dies begreift, möchte er fliehen, doch das gelingt ihm nicht, da ein Polizeibeamter bereits auf ihn aufmerksam geworden ist. Auf die Frage, warum er den Mädchen gefolgt sei, antwortet er nur, dass er herausfinden wollte, wo Soo-Ja wohne, um sie nach einem Rendezvous fragen zu können.
Soo-Ja hat einen besonderen Wunsch, sie möchte nach Seoul, um dort auf die Diplomatenschule gehen zu können. Ihr Ziel ist es viele Fremdsprachen zu erlernen und die Welt als Diplomatin zu bereisen. Leider entspricht das nicht dem Wunsch und den Vorstellungen ihres Vaters. Im Gegenteil er möchte, dass sie einen ehrenhaften Mann heiratet und sich um den Haushalt und die Familie kümmert – so wie es damals traditionell für eine koreanische junge Frau üblich war. Soo-Ja und ihr Vater haben ein besonders vertrautes Verhältnis und Soo-Ja ist es nicht gewohnt, dass ihr ein Wunsch abgeschlagen wird, daher schmiedet sie Pläne, wie sie dennoch nach Seoul kommen kann, um ihren Traum zu verwirklichen.
Ihre Lösung heißt Min. Dieser vergöttert Soo-Ja so sehr, dass er ihr verspricht mit ihr nach Seoul zu ziehen, wenn sie ihn heiratet. Er hält um ihre Hand an und Soo-Ja entscheidet sich – gegen den Willens ihres Vaters – für Min. Während der Hochzeitsplanung lernt sie den sehr attraktiven und selbstbewusstenYul, einen Freiheitskämpfer und Medizinstudenten, kennen. Dieser hat eine magische Anziehungskraft auf Soo-Ja, dennoch entscheidet sie sich für Min, da dies von ihr erwartet wird. Alles scheint perfekt, doch diese einzige (falsche) Entscheidung macht ihre Träume zunichte. Als Yul von den Hochzeitsplänen Soo-Jas erfährt, sucht er sie auf und bittet sie mit ihm fortzugehen, doch anstatt dass sie mit dem einfühlsamen Yul fortgeht, heiratet sie den charmanten Fabrikantensohn Min.

Nach der Hochzeit muss Soo-Ja erkennen, dass ihr charmanter Ehemann Min sie hereingelegt hat: Sein Versprechen, mit ihr von Daegu in die wachsende Metropole Seoul zu ziehen, löst er nicht ein. Stattdessen muss die kluge und junge Soo-Ja wie eine Sklavin für ihre neue koreanische Familie schuften. Die Schwiegereltern behandeln sie wie einen minderwertigen Menschen und machen ihr bewusst, dass das alles geplant gewesen sei, da sie unter anderen die besonders attraktive Mitgift von Soo-Jas sehr wohlhabenden Familie haben wollten. Trotz des geplatzten Traums lässt sich die junge Koreanerin nicht unterkriegen und kämpft für ihre Selbstständigkeit. Sie bekommt zusammen mit Min eine wunderschöne Tochter Hana, die sie abgöttisch liebt und für die sie bereit ist, alles zu tun.

In ihrem Leben gibt es jedoch immer wieder Momente in denen sie Yul auf zufällige Weise begegnet, jedes Mal, wenn sie diesen sieht, blitzt neue Hoffnung in ihr auf. Die Hoffnung irgendwann doch noch ihr Glück zu finden. Das Wort mit der sich Soo-Jas Leben am besten beschreiben lässt, lautet „Chamara“. Es ist koreanisch und lässt sich leider nicht ins Deutsche übersetzen. Es bedeutet in etwa „versuchen etwas zu ertragen“, „den Schmerz herunterschlucken“ oder „in etwas drin hängen“. Soo-Ja stellt fest, dass sie eigentlich Yul liebt, aber dass sie diesen aufgrund ihrer damaligen Entscheidung Min zu heiraten nicht haben kann. Der Begriff Chamara impliziert, dass man wirklich nichts gegen seine Sorgen bzw. Schmerzen tun kann, das einzige was man tun kann, ist zu versuchen, durchzuhalten – im Wesentlichen also genau das, was Soo-Ja im Verlaufe dieses Romans tut. Ihre Stärke und Willenskraft sowie auch ihr Stolz spielen eine wesentliche Rolle in diesem Roman.

Kritik und Fazit

Sehr eindrucksvoll schildert der Autor Samuel Park die Geschichte der jungen Südkoreanerin Soo-Ja. Die Höhen und Tiefen ihres Lebens sowie die persönliche Entwicklung ihrer Person parallel zu der Entwicklung Südkoreas sind faszinierend und sehr realistisch beschrieben. Als Leser des Romans ist es sehr leicht möglich, in die Welt von Soo-Ja im damaligen Südkorea einzutauchen und sich in das Geschehen einzufühlen. Man kann sich mit der Hauptfigur identifizieren und absolut nachvollziehen, warum sie so handelt, wie sie es tut. Teilweise werden auch koreanische Begriffe verwendet, beispielsweise besondere traditionelle Feste, besondere Speisen oder Verwandte. Wenn man keine Koreanisch-Kenntnisse vorweisen kann, muss man vermutlich einige dieser Wörter nachschlagen, allerdings lassen sie sich meistens auch aus dem Kontext erschließen und es sind wirklich nicht viele Begriffe.

Besonders auffällig ist die Melancholie, die das Buch untermauert, aufgrund dessen, dass Soo-Jas Traum direkt zu Beginn mit der Heirat Mins platzt. Eigentlich platzen zwei Träume.  Es ist erschreckend, wie eine einzige (falsche) Entscheidung, einfach alles ändern kann und das Leben einen ganz anderen Lauf annimmt, als man sich es hätte jemals ausmalen können.  Sie heiratet den Falschen, einen Mann, der sie hintergeht und den sie vor allem nicht liebt, ihre wahre Liebe gilt dem Arzt Yul und gleichzeitig kann sie ihren Traum als Diplomatin etwas in der Welt zu bewegen auch nicht wahrnehmen. Das besondere Schicksal dieser beeindruckenden Persönlichkeit ist wirklich erdrückend und zeigt einem wieder, dass diese Frau ausgesprochen stark ist, da sie es einfach aushält – womit man wieder beim Stichwort „Chamara“ wäre. (siehe oben)
Im Roman werden auch die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in Südkorea von 1960 und die darauffolgenden Jahre berücksichtigt – die Entwicklung von einem Entwicklungsland zu einem der modernsten und reichsten Industrieland weltweit. Besonders gelungen empfinde ich hier, die parallele Entwicklung Soo-Jas von einer traditionsbewussten, selbstbewussten Frau zu einer modernen, unabhängigeren, frei-denkenden Geschäftsfrau.

Das Buch ist meiner Meinung nach vorbehaltlos zu empfehlen. Es ist in einer sehr angenehmen, ruhigen und reflektierenden Weise geschrieben. Es bietet eine wunderschöne, wenn auch sehr traurige, Liebesgeschichte, die Herzschmerz garantiert und gleichzeitig die Entwicklung Südkoreas schildert. Es zeigt auf, wie sowohl das Land als auch die Menschen sich im Laufe der Zeit ändern. Durch die ständigen Rückschläge wie auch Hoffnungsschimmer bleibt es stets spannend und mitreißend. Man fiebert als Leser mit und kann sich sehr in die Protagonistin hineinversetzen. Man wünscht sich regelrecht, dass Soo-Ja endlich ihr Glück findet.
Alles in allem, kann man folgendes als Kernaussage des Buches „Was dein Herz nicht weiß“ auffassen: Auch wenn nicht immer alles so geschieht, wie man es sich vorgestellt und geplant hat, kann man mit viel „Chamara“, Hartnäckigkeit und Motivation seine Ziele erreichen. Unerwartete Chancen folgen meist auf  schwerere Zeiten – nach dem Regen kommt der Regenbogen.

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2 Responses to Samuel Park: Was dein Herz nicht weiß

  1. Katarina says:

    Liebe Angelika,

    eigentlich mag ich keine schnulzigen Bücher, aber deine Präsentation hat doch mein Interesse geweckt. Ich würde gerne wissen, ob das Buch denn für Soo-Ja gut endet.
    In deiner Präsentation hast du erwähnt, dass die Ehefrau des Erstgeborenen die gesamte Sippe, und vor allem die alten Eltern pflegen und hegen muss. Heute ist es nicht anders. Natürlich ist es nicht mehr so krass, wie in den 1950er und 1960er Jahren, aber der Platz der Ehefrau in der Familie ist an der letzten Stelle. Das merkt man auch daran, dass eine koreanische Frau nach der Heirat ihren Mädchennamen behalten MUSS, und gar nicht die Möglichkeit hat, den Namen des Mannes anzunehmen. Sie wird also gar nicht erst in die Familie integriert, sondern bleibt eine Bedienstete. Die Kinder tragen natürlich den Namen des Vaters. Deswegen sind die Koreaner auch so erpicht darauf, einen männlichen Namensträger zu haben.
    Was ich auch sehr spannend finde, ist, dass das Buch auch den Weg Südkoreas von einem Entwicklungsland zu einer modernen Industrienation zeichnet.
    Ich werde mir das Buch in den Sommerferien anschaffen und lesen.

    Danke für deine Rezension,

    Katarina

  2. spaetkaroline says:

    Hallo liebe Angelika,

    zuerst einmal vielen Dank für deine Rezension!
    Dein Buch erscheint mir sehr lesenswert, besonders im Hinblick darauf, dass die Idee des Romans auf der persönlichen Erfahrung der Mutter des Autors basiert. Sehr interessant ist außerdem, die Persönlichkeit der Protagonistin. Sie schein eine selbstbewusste junge Frau zu sein, die sogar jemanden heiraten möchte, nur als Mittel dazu ihr die Diplomatenkarriere zu ermöglichen. Ich denke das Schicksal dieser Frau hinterlässt einen erdrückenden Eindruck, allerdings entwickelt man auch Bewunderung für Soo-Ja, da sie sehr viel Stärke zeigt und sich zu einer unabhängigen und freidenkenden Geschäftsfrau entwickelt. Deine Beschreibung mit dem Begriff „Chamara“ erscheint mir äußerst gelungen. Nachdem sich ihre Ehe nicht ihren Vorstellungen entsprechend entwickelt hat, versucht Sie die Situation in der sie sich befindet einfach zu überstehen. Diese Haltung der Protagonistin erscheint mir als sehr eindrucksvoll. Ich denke beim Lesen dieses Romans erhält man die Möglichkeit sich in das Geschehen und Soo-Ja hinein zu fühlen und ihr Verhalten als Vorbild zu nehmen.
    Spannend finde ich auch, dass sich parallel zu der persönlichen Entwicklung der Protagonistin die Entwicklung Südkoreas voranschreitet. Es scheint so zu sein, dass Soo-Ja die Entwicklung Südkoreas von einem Entwicklungsland zu einem modernen Industriestaat wiederspiegelt.

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