Rezension ‘Our Happy Time’ von Florian Krause

Titel: Our Happy Time
Autor: Gong Ji-Young
Übersetzt von Sora Kim-Russel
Erscheinungsjahr:  1. Juli, 2014
Verlag: Atria Books/Marble Arch Press
Umfang: 272 Seiten
ISBN: 978-1476730455

Cover

Der im Jahre 2005 geschriebene Roman „Our Happy Time“ erzählt eine fesselnde Geschichte, die sich mit mehreren kritischen Themen gleichzeitig auseinandersetzt. Hierunter befinden sich unter anderem Verbrechen und der entsprechende Strafvollzug, Armut und Reichtum, Glaube und Verzweiflung sowie Liebe und Vergebung. Die Autorin Gong Ji-young ist eine der erfolgreichsten koreanischen Autorinnen mit einer Vielzahl an Preisen und millionenfachen Verkäufen von Büchern und Kurzgeschichten. Dieser Roman stellte jedoch einen neuen Meilenstein für die Karriere der im Jahre 1963 geborenen Koreanerin dar. Hierbei handelt es sich um ihr erstes ins englische Übersetzte größere Werk und verschaffte ihr dadurch einen Platz auf die internationale Autorenbühne. Gong Ji-young ist womöglich eine der berühmtesten koreanischen Schriftstellerinnen der sogenannten „new wave“ Strömung. Ihr wird weiterhin ein enormer Anteil am Aufstieg des Feminismus in dem männlich-dominierten Etablissement der koreanischen Literatur zugeschrieben. Seit ihrem Debüt 1988 zeigt sie ein starkes Interesse an politischen und sozialen Themen, wie den Arbeiterbewegungen, gesellschaftlich Benachteiligten und den Schwierigkeiten von jungen Frauen in der nach wie vor patriarchalischen Gesellschaft Koreas.
Yu-jeong ist eine junge, attraktive Frau und stellt die Hauptperson des Romans dar. Sie stammt aus einer wohlhabenden Familie und sticht besonders durch ihre intelligente und zuweilen sehr direkte Art heraus. Nichtsdestotrotz ist sie sehr zynisch und zeigt keinerlei Freude an ihrem eigentlich beneidenswerten Leben. In ihrer Jugend war sie eine erfolgreiche Sängerin, konnte jedoch ihre Karriere nicht aufrechterhalten und verdient nun ihr Geld als Professorin für Kunst. Zu Beginn des Buches findet sie sich in einem Krankenhausbett wieder, nachdem sie bereits zum dritten Mal versuchte sich das Leben zu nehmen. Unter der Obhut der Heiler erhält sie einen lebensverändernden Besuch. Ihre ebenfalls direkte Tante, eine christliche Nonne, kommt mit einem Vorschlag für Yu-jeong. Sie soll die alte Dame auf einem Einsatz begleiten, bei dem sie sich um Gefangene mit dem Urteil der Todesstrafe kümmert. Yu-jeong ist zunächst zögerlich und findet keinen Gefallen an der Idee, sagt jedoch letztendlich widerwillig zu.
Im Gefängnis trifft sie Yun-soo, einen überführten Mörder, welcher auf seine Hinrichtung wartet. Obwohl sie von seinen Verbrechen angewidert ist, obwohl sie kaum ein Wort wechselten, lässt ihr etwas an seiner Art keine Ruhe und sie beschließt sich näher mit ihm zu beschäftigen. Vor dem zweiten Treffen erhält Yu-jeong einen Anruf ihrer Tante, dass diese sie dieses Mal nicht begleiten kann. Yu-jeong und Yun-soo kommen sich dadurch etwas näher und sie kehrt in der darauffolgenden Woche zum nächsten Besuchstermin zurück.
Durch die wöchentlichen, stundenlangen Treffen enthüllen die Beiden langsam die dunklen Geheimnisse ihrer Vergangenheiten und sprechen über versteckte Traumas, die ihre Leben beeinflusst haben. Es stellt sich heraus, dass die junge Frau im Alter von 15 von ihrem Cousin vergewaltigt wurde und ihre selbstsüchtige Mutter nichts als Wut und Scham für sie übrig hatte. Seitdem hegt Yu-jeong einen tiefen Groll und ihr zunächst niedergedrückter und misslauniger Charakter wird in einem neuen Licht dargestellt. In der Zeit zwischen den Besuchen geschehen einige Familientreffen, welche jedes Mal in einem Desaster enden. Unvermittelt wird einem bewusst, warum sie sich so verhält und es entsteht ein Gefühl von Verständnis für die Protagonistin. Gleichzeitig wird das Schicksal von Yun-soo Stück für Stück enthüllt. Im Gegensatz zu Yu-jeong ist er unter sehr armen Verhältnissen aufgewachsen. Als Waisenkind in einem Heim hat er sich um seinen jüngeren und blinden Bruder gekümmert. Eines Tages liefen sie davon, um ihre Mutter zu finden, welche sie aufgrund ihres brutalen Ehemannes zurückwies und daraufhin führten die Brüder ein Leben als Bettler auf der Straße. Eines Morgens wachte Yun-soo auf und musste feststellen, dass sein Bruder über Nacht gestorben ist. Viele Jahre später kam es zu einem weiteren Zwischenfall, in dem der Häftling eine unmenschliche Entscheidung treffen musste und infolgedessen im Gefängnis landete.
Im Laufe der regelmäßigen Treffen, jeden Donnerstag, entwickeln Yu-jeong und Yun soo eine unzertrennliche Bindung. Sie helfen sich gegenseitig, ihre inneren Dämonen zu überwinden und nach langer Zeit wieder ein Gefühl von Glück und Freude zu empfinden.
Diese Entwicklung wird jedoch konstant von einem dumpfen Bewusstsein überschattet, da sich Yun-soo die komplette Zeit in Handschellen befindet und ihre Zweisamkeit von Wärtern gestört wird. Dadurch wird ihnen stets die Begrenztheit ihrer „Happy Time“ vor Augen geführt.
Die Erzählweise des Romans springt gut platziert zwischen den Sichtweisen von Yun-soo und Yu-jeong hin und her. Es gibt kurze Abschnitte aus Yun-soo’s Gefängnistagebuch, worin seine Lebensgeschichte erzählt wird und wie er zur Todesstrafe verurteilt wurde. Mit steigendem Wissen seiner Vergangenheit, wird zunehmend Sympathie für ihn entwickelt. Parallel dazu wächst auch die Verbindung Yu-jeong’s zu dem Gefangenen, obwohl sie nie die komplette Wahrheit seines Verbrechens erfährt. Ihre Perspektive wird hingegen in der ersten Person erzählt und zeigt die inneren Konflikte und Entwicklung der jungen Frau.

Ich war sehr von dem Buch angetan, da es sich um einen der meistverkauften koreanischen Romane handelt und somit einen kleinen Einblick in die Kultur gewährt. Von Beginn an war ich gefesselt, da neben der sehr bildhaften Sprache ein dramatisches Ereignis nach dem anderen umschrieben wurde.
Besonderen Gefallen habe ich an den Tagebucheinträgen Yun-soo’s gefunden. Sie waren trotz ihrer Kürze sehr informativ und schlagfertig verfasst. Dadurch war es möglich innerhalb kurzer Zeit in das Buch einzutauchen oder es kurz beiseite zu legen, um das Gelesene zu verarbeiten. Mich hat insbesondere das vorherrschende Thema der Todesstrafe berührt und die direkte Auseinandersetzung mit dem Erlangen von Vergebung. Es ist kein typisches Thema und ist dadurch besonders fesselnd.
Die Beziehung von Yun-soo und seinem Bruder ist unglaublich herzzerreißend und gibt einen völlig neuen Blick auf die koreanische Gesellschaft, in der solche Probleme kaum offen angesprochen werden.
Yu-jeong ist ein einzigartiger Charakter, der sich sehr stark im Verlaufe des Buches entfaltet. Weiterhin ist ihre clevere und temperamentvolle Art sehr erfrischend und mir gefielen ihre impulsiven und direkten Reaktionen auf andere Personen und in Gesprächen. Sie erfährt eine enorme Entwicklung und wird insbesondere sehr mitfühlend gegenüber anderen. Des Weiteren beginnt sie den Unterschied zwischen Todesstrafe und Mord zu hinterfragen und eröffnet neue Ansichtsmöglichkeiten. Dieser innere Konflikt wird sehr gut dargestellt und man findet sich an manchen Stellen ebenso frustriert wie die Protagonistin.
Alles in allem geht das Buch meiner Meinung nach sehr empfindlich und ehrlich mit einem Tabuthema um und glänzt darüber hinaus mit einer exzellenten Darstellung seiner Charaktere.

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One Response to Rezension ‘Our Happy Time’ von Florian Krause

  1. SchumannAngelika says:

    Hallo Florian,

    Lieben Dank für deine sehr ausführliche Rezension, diese konnte mir einen sehr guten Überblick in das Buch „Our Happy Time“ verschaffen. Leider handelt es sich mal wieder um eine koreanische Geschichte voller Melancholie, wie bei dem bereits von Eileen vorgestellten Buch „Vögel“. Es geht um Tabuthemen, von denen es leider noch zu viele in Südkorea zu geben scheint trotz der ausgesprochen fortschrittlichen und technologie-affinen Seite der Kultur.
    Interessant ist insbesondere, dass das Buch von einer koreanischen Autorin verfasst wurde und man somit als Leser einen Einblick in die koreanische Welt aus der Perspektive einer Einheimischen bekommt. Der Aufbau und die Art und Weise, wie es der berühmten und erfolgreichen Autorin Sora Kim-Russel gelingt, die Welt der Hauptfigur Yu-jeong darzustellen, gefällt mir sehr. Vor allem der Umgang mit vermeintlichen Tabuthemen und generell kritischen Themen wie Verbrechen, Strafvollzug, Armut, Reichtum, Verzweiflung, Glaube, Liebe und Vergebung beeindruckt mich.
    Die Geschichte an sich scheint wirklich sehr spannend zu sein – eine auf den ersten Blick erfolgreiche, hübsche Frau, die zunächst auf unverständliche Weise versucht einen Selbstmord zu begehen und deswegen beginnt die Geschichte im Krankenhaus. Die Entwicklung dieser Frau – angefangen beim Besuch eines Gefängnisses- wirkt sehr faszinierend. Wie sie es schafft sich einem Gefängnisinsassen zu öffnen, in ihm einen sehr guten Freund findet, dem sie vertrauen kann und zusammen mit ihm eine sogenannte „happy time“ haben kann.
    Vor allem die Ehrlichkeit, die das Buch ausstrahlt, der Umgang mit empfindlichen Themen und die spannende Geschichte an sich, lassen verstehen, warum es sich bei dem Buch um eins der meist verkauften koreanischen Bücher handelt.

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