Buchrezension: Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung

Cover_Mao-Bibel

 

Titel: Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung
Autoren: Lin Biao
Erscheinungsjahr: 1965
Sprache: Deutsch
Umfang: Zitatsammlung mit 427 Zitaten
Verlag: Verlag Neuer Weg; Auflage: 2., Neuaufl. (1993)
ISBN: 978-3880212374

 

 

Motivation
Bei meinen früheren Besuchen in Peking ist mir mit Erstaunen aufgefallen, dass einem ein ungeheurer Mao-Kult an fast jeder Straßenecke begegnet. Neben dem großen Portrait am Tor des Himmlischen Friedens und dem riesigen Mausoleum im Zentrum der Stadt, sind mir insbesondere die vielen Straßenhändler aufgefallen die Mao-Fanartikel, vorzüglich an Touristen, zu verkaufen versuchen. Mützen, Statuen, Anstecker und Bilder, aber das für mich Auffallendste war ein kleines, unscheinbares rotes Buch, welches auch heute noch an diesen zentralen Orten in Peking überall präsent zu sein schien. Außerdem handelt es sich bei dem Buch ‚Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung‘ um das zweit meist verkaufte Buch der Welt. Hinter der Bibel und vor dem Koran. Ein derart kontroverses Werk welches das Denken von über einer Milliarde Menschen geprägt hat und dies auch immer noch tut, verdient behandelt zu werden. Nach zwei Aufenthalten in Peking und unzählbaren Abweisungsversuchen an die Straßenhändler welche mir das Büchlein verkaufen wollten, habe ich nun den kommenden China Aufenthalt als Anlass genommen mich dem Mysterium Mao und seinem kleinen roten Büchlein zu widmen.

Über Mao Tsetung
Mao Tsetung war der führende Politiker der Volksrepublik China im 20. Jahrhundert und Begründer der Ideologie des Maoismus, welcher maßgeblich den Wandel Chinas von einem überwiegend verarmten agrarischen Feudalstaat zu einer modernen wirtschaftlichen und politischen Großmacht gestaltete. Mao wird noch heute von vielen Chinesen für sein Werk verehrt und bleibt die wahrscheinlich prägendste Persönlichkeit in der modernen chinesischen Geschichte. Die radikalen Methoden und Kampagnen mit welchen Mao die bürgerlichen Strukturen zerschlug und seine Idee eines sozialistischen Staates durchsetze, sowie seine Macht festigte, hatten allerdings ihren Preis. Die radikalen Maßnahmen seiner größten drei Kampagnen, der „Hundert-Blumen-Bewegung“ von 1956 bis 1957, der „Große Sprung nach vorn“ von 1958 bis 1961 und die Kulturrevolution von 1966 bis 1976 haben nach Schätzungen westlicher Wissenschaftler zu ungefähr 44 bis 72 Millionen toten geführt. Auch wenn diese Zahlen nicht von allen Seiten in dieser Höhe anerkannt werden, steht außer Frage, dass Maos Ideologie einen radikalen und schmerzhaften Wandel für China hervorgerufen hat aus welchem sich China heute zu einer mächtigen Weltmacht entwickelt hat.

Inhalt
Mao hatte immer ein sehr klares Bild wohin er China führen wollte und war sich sehr wohl über den hohen Preis welchen sein Volk für diesen Wandel zahlen muss im Klaren. Inspiriert von den Schriften von Stalin, Marx, Engels und Lenin führte er China seit der Revolution von 1949 nach einer Leitidee, welche später als der Maoismus in die Geschichtsbücher eingehen wird. Die wohl bekannteste Schriftensammlung des Maoismus ist die Mao-Bibel welche in 33 Kapiteln mit 427 Zitaten die Leitideen Maos zeigt. Ursprünglich zusammengestellt vom damaligen Verteidigungsminister unter Mao, Lin Biao, als Pflichtwerk für jeden chinesischen Soldaten, entwickelte sich die Mao-Bibel schnell zum Symbol seiner Ideologie.
Die Zitate sind inhaltlich nicht sortiert oder in Zusammenhang, offenbaren aber die Intentionen Maos welche hinter seinen Kampagnen steckten.
Besonders interessant ist zum Beispiel das Kapitel 32 welches Mao Zitate über Kultur und Kunst zeigt.

„Unsere Literatur und Kunst dienen den Volksmassen, vor allem den Arbeitern, Bauern und Soldaten, werden für die Arbeiter, Bauern und Soldaten geschaffen, von ihnen benutzt.“
–Mao Tsetung (Kapitel 32)

„Unsere Literatur- und Kunstschaffenden müssen diese Aufgabe erfüllen und ihren Standpunkt wechseln, sie müssen allmählich auf die Seite der Arbeiter, Bauern und Soldaten, auf die Seite des Proletariats übergehen, indem sie mitten unter die Massen der Arbeiter, Bauern und Soldaten gehen, sich in den praktischen Kampf stürzen, den Marxismus und die Gesellschaft studieren. Nur auf diese Weise werden wir eine Literatur und eine Kunst haben können, die den Arbeitern, Bauern und Soldaten wirklich dienen – eine wahrhaft proletarische Literatur und Kunst.“
– Mao Tsetung (Kapitel 32)

Diese und viele weitere Zitate bilden die Grundlage auf welcher man verstehen kann welche Gedanken sich hinter der großen Kulturrevolution von 1966 erkennen lassen. So begannen Schüler, Studenten und Arbeiter von Mao angestachelt gegen „Konterrevolutionäre“ und „Rechtsabweichler“ vorzugehen und neu etablierte Gesellschaftsstrukturen zu brechen. Mit unglaublicher Grausamkeit wüteten sie gegen Politik, Kultur, öffentliche Meinung, Schule und Universitäten. Die Verachtung richtete sich vor allem gegen Intellektuelle und Kunstschaffende, welche massenhaft erschlagen oder gefoltert wurden. Auch wurden viele Werke und Kulturgüter unschätzbaren wertes vernichtet.

Völker der ganzen Welt, vereinigt euch, besiegt die USA-Aggressoren und alle ihre Lakaien! Völker der ganzen Welt, seid mutig, habt Mut zu kämpfen, fürchtet keine Schwierigkeiten, stürmt Welle auf Welle vorwärts und die ganze Welt wird den Völkern gehören. Alle finsteren Mächte werden restlos vernichtet werden.
– Mao Tsetung (Kapitel 7)

In vielen Zitaten setzt sich Mao auch mit den Ereignissen der Weltgeschichte und den Machtansprüchen durch die USA auseinander. Hier lassen sich viele Sichtweisen erkennen welche auch nach Maos Tot, im Kalten Krieg und noch heute die internationale Politik prägen.

Aber nicht nur der Umgang mit Kunst und Kultur und internationaler Politik, sondern auch viele Erläuterungen zur Struktur der Kommunistischen Partei, dem Sozialismus und Kommunismus, Krieg und Frieden, Erziehung und Disziplin, und vieles mehr lassen sich in diesem Werk finden und bieten Raum für weitere Recherchen in die Geschichte des Chinas unter Mao Tsetung.

Fazit
Das Buch ‚Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung‘ ist ein bedeutendes Werk der Weltgeschichte und mit einer Auflage von über einer Milliarde Bücher definitiv eine Betrachtung wert. Dennoch ist es nur eine zusammenhangslose Sammlung von Zitaten und damit sehr zäh zu lesen, insbesondere wenn man nur wenig Vorwissen über die chinesische Geschichte unter Mao mitbringt. Wenn man aber bereit ist sich mit dieser intensiver zu beschäftigen, erkennt man schnell die geschichtliche Bedeutung der Mao-Bibel und den großen Einfluss welchen Mao’s Ideologie auf die Weltgeschichte ausgeübt hat und noch heute ausübt.

 

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One Response to Buchrezension: Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung

  1. spaetkaroline says:

    Hallo lieber Jan-Oliver,

    zuerst einmal vielen Dank für deine Rezension. Ich kann deine Motivation sehr gut nachvollziehen, dich für das Buch „Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung“ entschieden zu haben. Ich denke es ist wichtig die chinesische Geschichte zu kennen um die heutige chinesische Gesellschaft zu verstehen. Besonders die Politik die Politik des 20. Jahrhunderts, die China so wie es heute ist extrem geprägt hat. Außerdem finde ich es sehr interessant, dass Mao Tsetung auch heutzutage so einen großen Stellenwert in China einnimmt und bin gespannt darauf welche Erfahrungen ich diesbezüglich während meines Auslandsaufenthalts machen werde.

    Das Büchlein scheint sehr gut die Intentionen des Mao Tsetung zu repärsentieren, die sich hinter seiner Politik verbergen. Die von dir hervorgehobenen Zitate von Kunst und Kultur sind hier besonders spannend. Tsetung scheint klare Vorstellungen von Literatur und Kunst gehabt zu haben, obwohl diese Bereiche eigentlich sehr viel Raum für Freiheit bieten sollten. Dass diese Vorstellungen dann mit radikalen Methoden und Inkaufnahme von Millionen von Opfern durchgesetzt wurden, macht es umso schwerer nachvollziehbar, dass Mao Tsetung auch heutzutage in China verehrt wird. Auf der anderen Seite hat seine Politik das China geformt wie es heute besteht, als mächtige Weltmacht.

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