Seidentochter – Ein Adoptivkind findet seine leiblichen Eltern

Eine Buchrezension von Christine van Roßum im Rahmen des Literaturforums des ASBE Programms

Titel: Seidentochter –  Ein Adoptivkind findet seine leiblichen Eltern

Autorin: Anneli Schinkel

Gebundene Ausgabe: 251 Seiten, unterteilt in 16 Kapitel

Verlag: Ehrenwirth in der Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG

Erscheinungsjahr/- ort: 2007 in Bergisch Gladbach

Sprache: Deutsch

ISBN: 978-3-431-03736-4

Motivation:

Auf der Suche nach einem geeigneten Buch für meine Rezension bin ich über verschiedene Romane und Ratgeber, die sich mit der koreanischen Kultur beschäftigen, gestolpert. Aber bei vielen dieser Bücher bekam ich den Eindruck, dass die Autoren Südkorea aus einer anderen Perspektive betrachten als ich es momentan vor meinem ersten Aufenthalt in diesem Land tue. Ich wollte ein Buch lesen, das mir die Menschen, das Land und die Sprache aus dem gleichen Blickwinkel präsentiert, wie ich Südkorea sehe, als noch völlig unbekannt. Gleichzeitig sollte das Buch aber darüber hinaus auch eine spannende Geschichte zu meiner Unterhaltung bieten.

Bei meiner Suche bin ich letztendlich auf das Buch „Seidentochter – Ein Adoptivkind aus Korea findet seine leiblichen Eltern“ gestoßen. Der Roman ist autobiografisch geschrieben und beruht somit auf einer wahren Geschichte, in der die koreanische Autorin Anneli Schinkel im Säuglingsalter von einem deutschen Ehepaar adoptiert wird und sich im Alter von 21 Jahren das erste Mal in ihr Geburtsland wagt, um ihre leiblichen Eltern zu finden. In diesem Roman treffen meiner Meinung nach zwei interessante Komponenten aufeinander: auf der einen Seite werden die ersten Erfahrungen der Autorin mit Südkorea, dieser bis dahin ihr völlig fremden Kultur, erzählt und auf der anderen Seite präsentiert der Roman eine spannende Hintergrundgeschichte: ihre Adoption.

Autorin:

Anneli Schinkel kam 1982 in Korea zur Welt. Kurz nach ihrer Geburt wurde sie vor einem Waisenhaus ausgesetzt; bis heute konnte nicht geklärt werden, von wem. Im Alter von wenigen Monaten wurde sie von einem deutschen Ehepaar adoptiert und wuchs in Köln auf. Heute studiert sie und reist in regelmäßigen Abständen nach Südkorea, um ihre koreanische Familie zu besuchen.

Inhalt:

„Ich bin ein Adoptivkind. Im Alter von vier Monaten von Korea nach Deutschland gebracht. Und dort wurde ich von den Eltern in Empfang genommen, die für mich bis heute meine Eltern sind und immer bleiben werden. Wenn ich das Album anschaue, das Mama und Papa nach meiner Ankunft in Deutschland für mich angelegt haben, dann weiß ich, wie sehr sie sich auf mich gefreut haben. Ich wuchs in Geborgenheit auf und kann mir kein besseres Zuhause vorstellen. Und doch beschloss ich eines Tages, auf Spurensuche zu gehen. Auf die Suche nach meinen Wurzeln, nach meiner Mutter. Sie anzuschauen und zu sehen, ob ich ihr ähnlich bin, das war mein großer Wunsch. Gibt es irgendwo einen Menschen auf dieser Welt, dem ich ähnle? Von dem ich das fröhliche Lachen habe, die Nase, die Augen?“

Im März 2003 erhält Anneli im Alter von 21 Jahren einen Brief: Der koreanische Staat ermöglicht 30 Adoptivkindern aus der ganzen Welt, ihr Geburtsland kennen zu lernen und sich mit der Kultur des Landes vertraut zu machen. Anneli ist schnell klar: sie wird die Einladung annehmen und nach Südkorea reisen. Sie wird endlich spüren, wie es ist, einmal äußerlich nicht aufzufallen, Gleiche unter Gleichen zu sein. Und sie wird alles versuchen, mehr über ihre Herkunft zu erfahren.

Gemeinsam mit ihrem Adoptivbruder Jannik, der auch koreanische Wurzeln besitzt, macht sich Anneli auf die Reise nach Südkorea. Zuerst nehmen sie mit anderen geladenen Adoptivkindern an dem zehntätigen Kulturseminar in Seoul teil. Während dieser Zeit erfahren die Beiden viel über die koreanischen Bräuche und Sitten, sowie über die koreanische Schrift, aber auch über sich selbst. Das Seminar zeigt Anneli, wie westlich sie ist. Ihrer Meinung nach eine waschechte Deutsche, nur eben mit Schlitzaugen und asiatischem Teint.

Nach Beendigung dieses Kulturworkshop begibt sich Anneli mit ihren Eltern und ihrem Bruder auf ihre persönliche Spurensuche. Sie reisen nach Gyeongju, um das Waisenhaus aufzusuchen, vor dem Anneli vor mehr als 20 Jahren ausgesetzt worden war. Anneli erhofft sich, wichtige Informationen über ihre Herkunft zu erfahren, denn bis dahin ist noch nicht einmal ihr richtiges Geburtsdatum bekannt. Doch dort erfährt sie, dass es damals mit der Bürokratie nicht so ernst genommen wurde, und dass es auch keine Zeitzeugen mehr von ihren ersten vier Monaten im Waisenhaus gibt. Lediglich ein neues Babyfoto von ihr taucht auf.

Wenige Tage später ist Anneli bei der „Achim-Madang-Show“ als Gast geladen. Durch einen koreanischen Freund ihres Vaters erhält sie die Möglichkeit, in dieser Live-Sendung, mit deren Hilfe Menschen ihre vermissten Angehörigen ausfindig machen können, aufzutreten. Während der Show erzählt sie die wenigen Details, die sie über ihre Herkunft weiß und zeigt nebenbei ihre Adoptionsfotos. Und das Unglaubliche geschieht: während der Live-Sendung erkennt ihre leibliche Mutter Anneli anhand der Fotos wieder – das Kind, das sie jahrelang tot geglaubt hatte – und meldet sich bei dem Sender. Doch bevor es zu einem ersten Treffen kommt, wird anhand eines DNA-Tests festgestellt, ob wirklich eine Verwandtschaft vorliegt. Als das Ergebnis mit 99,9 Prozent positiv ausfällt, steht einem ersten Treffen vier Wochen später in jener Live-Show nichts mehr entgegen. Neben ihrer leiblichen Mutter findet Anneli auch ihren leiblichen Vater, zwei ältere Schwestern und einen jüngeren Bruder. Die erste Begegnung dieser zwei Familien ist ein sehr bewegender Moment und Anneli wird in ihrer leiblichen Familie sehr herzlich aufgenommen. In den nächsten Tagen lernen sie einander trotz Sprachschwierigkeiten und diverser kultureller Unterschiede kennen.

Zurück in Deutschland skypt Anneli in den darauf folgenden Monaten viel mit ihrer koreanischen Familie und reist mehrmals nach Südkorea. Sie baut ein tiefes Verhältnis zu ihrer koreanischen Mutter und ihrer koreanischen Familie auf. Doch über das Glück schiebt sich bald darauf ein Schatten, denn ihre leibliche Mutter erkrankt an Krebs…

Fazit:

Meiner Ansicht nach weist das Buch mehr Stärken als Schwächen auf.

Zu den Stärken des Buches gehört definitiv, dass die kulturellen Unterschiede zwischen der deutschen und der koreanischen Lebensweise deutlich hervorgehoben werden. Ich nehme viele geschilderte Erfahrungen mit für meine Vorbereitung auf den Auslandsaufenthalt. Neben praktischen Tipps für einen möglichen Frisörbesuch werden dem Leser wissenswerte Informationen über den Alltag einer koreanischen Familie geboten, z. B. besitzen die Koreaner in den ersten Monaten eine völlig andere Beziehung zu ihren Neugeborenen. Die Säuglinge erhalten erst nach ein paar Monaten, wenn sich die Mutter von der Geburt erholt hat und ihr Baby zu sich holt, einen Namen. In der vorherigen Zeit werden die Säuglinge von den Großmüttern versorgt.

Eine weitere Stärke ist, dass die Adoption, hier sogar speziell die Auslandsadoption, und die damit einhergehenden Probleme für die Adoptionskinder sehr gut thematisiert werden. Tausende Kinder wachsen ohne ihre leiblichen Eltern auf, sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern dieser Welt. Aber wie fühlt es sich an, wenn ein Adoptivkind nach über zwanzig Jahren auf einmal die Chance erhält, die Person kennen zu lernen, die es einst zur Welt brachte und unter womöglich ungeklärten Umständen zur Adoption freigab? Diese interessante Frage beantwortet die Autorin. Ich bin zuvor noch nie mit dem Thema der Adoption in Berührung gekommen und habe mich durch das Buch mit der Problematik einer Adoption auseinander gesetzt.

Zudem bietet diese Autobiografie eine interessante Geschichte. Nachdem die Autorin ihre koreanische Familie gefunden hat, geschehen noch viele weitere Ereignisse, mit denen der Leser immer wieder überrascht wird.

In der Mitte des Buches ist auf mehreren Seiten eine Ansammlung diverser Fotos der Autorin und ihrer beiden Familien zu finden. Der Leser ist somit in der Lage, sich viel besser mit Anneli Schinkel  und den beiden unterschiedlichen Kulturen zu identifizieren.

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