Buchrezension ” Die Verflüchtigten” von Thomas Reverdy

Informationen zum Titel

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Originaltitel: Les Évaporés

Deutscher Titel: Die Verflüchtigten

Erscheinungsjahr: 2013 in Frankreich, 2016 in Deutschland

Verlag: Berlin Verlag

ISBN: 978-3827012227

Seiten: 391

Preis: 22,00€

Über den Autor

Thomas Reverdy wurde 1974 in Frankreich geboren und hatte dort nach eigenen Angaben eine „glückliche Kindheit inklusive humanistischer, aufklärerisch geprägter Erziehung“. Sein Großvater hinterließ ihm nach seinem Tod einen „Brief“:18 Aktenordner mit jeweils 500 Seite Inhalt über Dinge, die ihn in seinem täglichen Leben inspiriert haben. So kam Reverdy dazu, selbst Texte zu verfassen und schließlich Schriftsteller zu werden. Er ist ein im Ausland noch relativ unbekannter Autor, obwohl er mittlerweile bereits sechs Romane veröffentlicht hat. Mit ihnen konnte er drei französische Literaturpreise gewinnen und für drei weitere nominiert werden.

„Die Verflüchtigten“ ist sein fünftes Buch, welches er bereits im Jahr 2012 während eines Aufenthaltes in Kyoto verfasste. Ein Jahr später erschien der Roman in Frankreich, in Deutschland allerdings erst im März 2016. Mich hat besonders gereizt, dass dieser Roman sich nicht mit dem historischen Japan, mit Samurai und Dynastien, beschäftigt, sondern die Handlung bewusst in der Gegenwart angesiedelt ist. Die Tatsache, dass Reverdy selbst vor Ort war, als er das Buch schrieb und auch die Idee, dass ein Europäer aus der Sicht verschiedener fiktiver Figuren das Japan, wie er es selbst kennengelernt hat, beschreibt, haben mich letztendlich davon überzeugt, dieses Buch auszuwählen. Im Nachwort zum Text erklärt der Autor, dass alles, was er berichtet hat, auf wahren Begebenheit beruht. Er hat im Zuge seiner Recherchen viele Interviews geführt und mit Betroffenen gesprochen. Meiner Meinung nach merkt man das beim Lesen auch sehr deutlich, weswegen ich das Buch auf jeden Fall weiterempfehlen kann.

Die Geschichte

Kazehiro ist ein erfolgreicher Investmentbanker aus Tokio. Er führt ein ruhiges und glückliches Leben mit seiner Frau; seine einzige Tochter Yukiko ist vor Jahren nach Amerika gegangen, um Schauspielerin zu werden. Eines Tages geschieht etwas Unvorhergesehenes: Kazehiro verliert sein Gesicht, die schlimmste Strafe für die meisten Japaner, als er fristlos entlassen wird. Jetzt muss er verschwinden, sich verflüchtigen, wie man in Japan sagt, um seine Familie vor der Schande zu bewahren. In einer Hauruck-Aktion flieht er mitten in der Nacht nach San’ya, einem heruntergekommen Vorort Tokios, in dem sich hauptsächlich Tagelöhner verdingen. Seiner Frau schreibt er einen Brief, in dem er sie bittet, von jetzt an so weiterzuleben, als wäre er tot. Niemand soll nach ihm suchen und zurückkehren kann er nie mehr.

So beginnt der 391 Seiten starke fünfte Roman von Thomas Reverdy. Man wird sofort in die Geschichte hineingeworfen und muss sich erst einmal zurechtfinden. Man begleitet Kazehiro, der sich ab da nur noch Kaze nennt, bei seinem verzweifelten Versuch, ein neues Leben weit weg von seiner Heimat und seiner Frau anzufangen.

In San’yu angekommen, versucht Kaze, sich mit Gelegenheitsarbeiten und kleinen Diensten über Wasser zu halten, wobei er viele ebenfalls von Schicksalsschlägen getroffene Menschen trifft. Die meisten sind nach San’ya gekommen, nachdem sie durch den Tsunami und die anschließende Atomkatastrophe in Fukushima ihre Häuser und Familien verloren haben. So auch der Straßenjungen Akainu, der vor der Katastrophe in Ishinomaki lebte. Als die Welle sein Haus fortriss, war er gerade in der Schule, die weitestgehend verschont wurde. Aus kindlicher Furcht, sich vielleicht dem Tod seiner Eltern stellen zu müssen, floh Akainu nach San’ya, wo er bei einem alten Herrn im Haus ein Zimmer beziehen konnte. Da San’ya allerdings zum größten Teil von der Yakuza, der japanischen Mafia, beherrscht wird, muss der kleine Junge eines Tages mit ansehen, wie der alte Mann von Mafiaschergen ermordet wird. Da sie in gesehen haben, flieht er erneut. Er schafft es in einen anderen Teil der Stadt, wo er Kaze trifft. Dieser hat sich mittlerweile ein kleines Geschäft aufgebaut und erlaubt Akainu, sein Parter zu werden. Kazes eigentliche Absicht ist jedoch, herauszufinden, warum man ihn aus seiner Firma beseitigt hat. Dies gelingt ihm auch und er entdeckt ein schreckliches Komplott, dass zum Ziel hatte, sich an der Not der Menschen in Sendai zu bereichern. Sein Chef hatte ihn entlassen, weil Kaze unwissentlich all die Transaktionen der Gewinne für seine Kunden getätigt hatte und bei genauerem Hinsehen die skrupellosen Machenschaften hätte entdecken können. Kaze stellt daraufhin seine Boss zur Rede, kann sich aber nicht durchringen, etwas zu unternehmen. Er als Verflüchtigter könnte ohnehin nicht in sein altes Leben zurück. Er und Akainu beschließen daraufhin, aus dem von der Yakuza beherrschten Stadtteil San‘ya fortzugehen, um in Sendai beim Wiederaufbau der vom Tsunami verwüsteten Gebiete zu helfen.

Kazes einzige Tochter Yukiko, die als gescheiterte Schauspielerin in San Francisco lebt und als Serviererin in einem japanischen Schnellrestaurant arbeitet, hat unterdessen beschlossen, ihren Vater zu suchen. Sie macht sich mit ihrem Ex-Freund, dem Privatdetektiv und Möchtegern-Dichter Richard B., auf den Weg nach Tokio, um die Verflüchtigung ihres Vaters rückgängig zu machen und ihn nach Hause zu holen. Dabei wird die nicht abgeschlossene Liebesgeschichte der beiden erzählt. Yukiko hat Richard vor einigen Monaten aus heiterem Himmel verlassen; er liebt sie allerdings immer noch, was er vor allem ihrer japanischen Art, ihr Leben zu führen, zuschreibt. Er erhofft sich von der Unternehmung, dass die beiden noch einmal eine Chance bekommen, also fliegt er bereitwillig mit nach Japan und macht sich auf die Suche nach Yukikos Vater. Er recherchiert viel, über das Verflüchtigen und seine Konsequenzen und trifft sich mit vielen Leuten, die ihm etwas mehr über diesen seltsam anmutenden Brauch erzählen sollen. Davon verspricht er sich, dass er eines Tages vielleicht den Kontakt zu Kaze herstellen kann, der mittlerweile zusammen mit Aikanu in Sendai eine Verflüchtigungsagentur betreibt. Diese sollen Menschen, die das gleiche Schicksal teilen wie die beiden, dabei unterstützen, spurlos zu verschwinden. Der eigentliche Grund aber, warum Kaze mit Aikanu nach Sendai gekommen ist, ist der, dass der Junge lernen soll, um seine Eltern zu trauern. Das hatte er bisher vermieden, in dem er seine Trauer unterdrückte, wenn sie ihn zu überwältigen drohte. Kaze nimmt Aikanu mit zu den Überresten seiner verwüsteten Heimat und nimmt ihn schließlich mit in die Hauptstadt der Präfektur, wo er sich von der Liste der Verschwundenen streichen lassen soll. Hier erfährt Aikanu auch, dass seine Mutter zwar bei der Katastrophe ums Leben kam, sein Vater es aber geschafft hat. Die beiden treffen sich wieder und Aikanu kann endlich seine Trauer zulassen. Kaze lässt ihn bei seinem Vater zurück und trifft sich mit Richard, der es tatsächlich geschafft hat, über viele Umwege und durch einen ehemaligen Regisseur japanischer Kinofilme, der sich wegen Problemen mit der Yakuza ebenfalls vor Jahren verflüchtigen musste, Kaze aufzuspüren. Kaze weiß jedoch, dass er nie wieder in sein altes Leben zurückkann und auch Richard hat während der Zeit seiner Recherchen genug über Japan gelernt, dass er weiß, dass er Yukikos Vater nicht umstimmen kann. Er behauptet ihr gegenüber, ihn nicht gefunden zu haben, „weil man Verflüchtigte in Japan nicht findet“ (S. 301) und fliegt nach Amerika zurück. Yukiko hat während Richard ihren Vater gesucht hat erkannt, dass sie nach Japan gehört und entscheidet sich schließlich, bei ihrer Mutter zu bleiben.

Fazit

„Die Verflüchtigten“ ist kein typischer Roman über Japan. Er erzählt in sehr abwechslungsreicher und bildintensiver Sprache über das Japan, wie es heute ist, nach der Welle und Fukushima, und beleuchtet diese Situation aus den Blickwinkeln vier unterschiedlicher Hauptpersonen.

Der Roman lässt sich leicht lesen, man findet allerdings nicht besonders gut Zugang zu den Charakteren, da diese, bis auf Kaze und zum Teil Akainu, nur oberflächlich beschrieben werden. So erfährt man kaum etwas über Yukiko und auch die Besessenheit, mit der Robert ihr gefallen will, erklärt sich nur schwer aus dem Kontext.

Die Geschichte und die ganze Thematik der Verflüchtigung, wie man sie nur in Japan kennt, hat mir sehr gefallen; ich fand allerdings, dass man mehr hätte daraus machen können. Der Autor versucht ein ums andere Mal zu sehr, ein möglichst originalgetreues Bild des heutigen Japans zu zeichnen. Dabei verliert er sich allerdings meiner Meinung nach ein wenig zu sehr in deskriptiven Passagen und vernachlässigt die Charakterbildung seiner Figuren. Nichtsdestotrotz würde ich das Buch weiterempfehlen, weil es viele Einblicke in die japanische Kultur liefert und man so die von außen scheinbar unverständlichen Entscheidungen und Bräuche der Japaner ein bisschen besser verstehen lernt. Auch das Leid der Menschen, die von dem Tsunami und dem anschließenden Super-GAU getroffen wurden, wird herausgestellt und lässt den Leser mit einem beklemmenden Gefühl zurück. Fröhliche Unterhaltung bietet der Roman demnach nicht, aber ich würde ihn trotzdem jedem ans Herz legen, der sich mit der japanischen Kultur befassen möchte und einen Einblick in das Japan der Gegenwart gewinnen möchte.

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