Buchrezension: Gyokusai- Japans Helden sterben schön

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Name: Gyokusai- Japans Helden sterben schön

Autor: Makoto Oda

Übersetzerin: Michaela Manke

Verlag: Hans Schiler

1. Auflage: 1998

Kartoniert, 133 Seiten

ISBN 9783899303247

Einzelpreis: 18,00 €

Der Autor

Makoto Oda (小田 実), geboren am 2. Juni 1932 und gestorben am 30. Juli 2007, war ein bekannter japanischer Schriftsteller. Im Alter von 13 Jahren musste er kurz vor Kriegsende die erschütternde Bombardierung seiner Heimatstadt Ōsaka miterleben, welches ihn zeit seines Lebens prägte. Dieses Ereignis hatte großen Einfluss auf seine schriftstellerischen Werke.

Nach dem 2. Weltkrieg studierte Oda altgriechische Kultur an der Universität Tokio sowie an der Harvard-Universität. Nach seinem Auslandsstudienaufenthalt bestritt er eine Weltreise und verfasste auf dessen Grundlage sein erstes Werk „Nande mo mite yarō. Sekai ichinen ichidoru ryokō” (Alles werde ich mir anschauen: eine Ein-Dollar-pro-Tag-Weltreise), welches zu einem Bestseller avancierte. In diesem sparte er nicht an schonungslosen, gesellschaftskritischen Beobachtungen. Dieser kritische und ungeschminkte Blick auf die Realität blieb einer seiner starken Markenzeichen und setzte sich fort in allem was er schrieb und tat. Insgesamt war Makoto Oda ein bedingungsloser und leidenschaftlicher Kämpfer für Frieden und Gerechtigkeit.  Er war der Mitgründer der „League of Citizens’ Movements for Peace in Vietnam”, welche die erste japanische Friedensbewegung war, die nicht auf Basis der Opferrolle gründete. Nichtsdestotrotz war diese auch im Untergrund tätig und unterstütze amerikanische Deserteure im Vietnamkrieg.  Um für seine Positionen und Ansichten zu kämpfen, blieb er sein gesamtes Leben politisch aktiv. Noch 2004 gründete er zusammen mit 8 weiteren Intellektuellen den „Verein für den Verfassungsartikel 9”, der Japans Verzicht auf ein Recht auf Krieg festschreibt. Auch sozial war Makoto Oda engagiert und gründete beispielsweise eine Bürgerbewegung zur Selbsthilfe nach dem verheerenden Erdbeben in Kōbe. Im Jahr 1981 erschien dann sein wohl bedeutendstes Werk „Hiroshima”, in dem er sich wie in seinen anderen Werken auch mit Themen wie Krieg, die Interaktion zwischen einzelnen Individuen, sowie die Konsequenzen totaler Macht auseinandersetzte. Trotz seines umfangreichen schriftstellerischen Schaffens erfährt  Oda in Deutschland nicht die seinem Lebenswerk angemessene Wertschätzung

Makoto Oda starb 2007 im Alter von 75 Jahren in Tokio an den Folgen von Magenkrebs.

Motivation

Meine Intention war es, eine thematische Konvergenz zwischen der japanischen sowie deutschen Kultur herzustellen. Da ich weiterführend sehr interessiert an geschichtlichen Zusammenhängen bin, bot sich die Auseinandersetzung mit dem 2. Weltkrieg als Überschneidung der beiden Länder an. Japan wie auch Deutschland gelten übereinstimmend als die treibenden Kräfte hinter dem 2. Weltkrieg. Deren Schicksale lassen sich durch die zerstörerischen Konsequenzen durchaus vergleichen. Beide Länder zeichneten sich durch einen fanatischen „Führerkult” aus und die Bevölkerung wie die Armeen wurden systematisch ideologisiert. Diese führte auf beiden Seiten zu einer brutalen und kompromisslosen Kriegsführung ohne Rücksicht auf geltendes Kriegsrecht oder jegliche moralische Grundsätze. Zudem wurden Japan wie auch Deutschland bis auf die Grundmauern zerstört, sodass die Nachkriegsjahre vom Wiederaufbau und Selbstfindung geprägt waren. Auch die Auseinandersetzung und Verarbeitung mit der eigenen Vergangenheit verlief durchaus schleppend und in beiden Ländern setzte sich in den Nachkriegsjahren eine Ohnmacht aufgrund der eigenen Schuld durch. Dieses Gefühl führte anfangs zu einer eingenommen Opferposition, auch um sich der eigenen Verantwortung zu entziehen. Die erfolgreiche Aufarbeitung wurde in Japan nicht zuletzt von Makoto Oda angetrieben und vorangebracht. Da wir in Deutschland den 2. Weltkrieg trotz der beschriebenen Gemeinsamkeiten eher aus der europäischen Perspektive betrachten, empfinde ich es als essentiell, auch die andere Seite des Krieges zu durchleuchten. Dazu möchte ich einen bescheidenden Beitrag leisten und habe mich speziell für ein Werk von Makoto Oda entschieden, da dieser trotz seines beeindruckenden Lebenswerks hierzulande noch sehr unbekannt ist.

Inhalt

Der Roman Gyokusai- Japans Helden sterben schön setzt sich zusammen aus 15 kurzen Kapiteln. Diese sind zusammenhängend geschrieben und behandeln die letzten Tage des Pazifikkriegs aus Sicht einzelner Soldaten der japanischen Armee. Nakamura ist ein noch junger Gruppenführer und wird als absoluter Mustersoldat beschrieben. Er saugt die Propaganda und Ideologisierung seiner Vorgesetzten förmlich auf und ist von seiner Rolle als „Wellenbrecher im Pazifik” vollkommen überzeugt. Kon auf der anderen Seite, ist ein Koreaner („Japaner von der Halbinsel”) und wird dargestellt als ein Elitesoldat mit hoher Kampfbereitschaft. Er kann jedoch nicht verbergen, dass er an starken Minderwertigkeitskomplexen leidet, hervorgerufen durch die starke Repression Koreas. Dadurch besitzt er die Auffassung, immer besser sein zu müssen als seine japanischen Kollegen.

Stationiert auf einer kleinen Pazifikinsel südlich von Japan, versuchen die verbliebenen und stark geschwächten Einheiten den Vormarsch der USA zu stoppen.  Hierauf werden sie fanatisch und brutal eingeschworen. In der ersten Hälfte des Buches stehen die Vorbereitungen des japanischen Militärs im Vordergrund. Die verschiedenen Truppen werden unter unmenschlichen Bedingungen dazu angehalten, Höhlen als Unterschlüpfe zu graben sowie kleine Festungen zu errichten. In der zweiten Hälfte des Buches steht dann die eigentliche Invasion der amerikanischen Einheiten im Mittelpunkt. Aufgeheizt und angestachelt durch das extreme Pflichtbewusstsein des Kaiser und Landes  gegenüber, schaffen es die Japaner die feindlichen Truppen vorerst zurückzuschlagen. Nach anfänglicher Euphorie wendet sich das Blatt aber schnell zu Gunsten der zahlenmäßig und materiell überlegenden Amerikaner. Diese nutzen ihre technischen Vorteile kompromisslos aus und „überrollen” ihre Kontrahenten mit zum Teil sehr bestialischen Mitteln. Die verbliebenen Japaner ziehen sich in ihre Höhlen zurück und fokussieren sich auf konzentrierte Nachtangriffe. Diese verkommen am Ende zu bedeutungslosen Nadelstichen auf der Suche nach Wasser und Lebensmitteln. Nichtsdestotrotz kämpfen die vereinzelten Soldaten bis zum bitteren Ende und es ist keine Spur von Einsicht erkennbar. Nakamura wird schwer verwundet und von Kon in ein Unterschlupf gebracht. Dort schlägt Kon die Kapitulation der nicht mehr vorhandenen Einheiten vor, wodurch Nakamura in einen Wutanfall ausbricht und Kons Einlenken an seiner koreanischen Nationalität festmacht. In Folge dessen verlässt Kon gedemütigt die Höhle und überlässt sich Nakamura seinem eigenen Schicksal. Dieser verfasst in Gedanken einen Abschiedsbrief an seine Eltern. In diesem entschuldigt er sich für die nicht eingehaltene Pflicht, sein Land vor den Feinden zu beschützen.

Fazit

Ich halte Gyokusai- Japans Helden sterben schön als ein sehr fesselndes Buch und schreibe eine klare Leseempfehlung aus. Insbesondere die facettenreiche Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten des Kriegsalltags haben mir sehr zugesagt. Zusätzlich hat mir der Sprachstil von Makoto Oda sehr gefallen, der es geschafft hat, dem Bösen und Grausamen ein menschliches Gesicht zu verleihen. Dadurch konnte man die Sichtweisen und Gefühle der japanischen Soldaten besser nachvollziehen, die gerade aus amerikanischer Seite oft als irre Selbstmordattentäter beschrieben werden. Für die Kürze des Buches, taucht Oda weit in die Abgründe der menschlichen Natur ein und platziert seine Kritik sehr differenziert und sachbezogen. Ohne die japanischen Truppen als Opfer zu beschreiben oder deren Handeln zu legitimieren, kritisiert der Autor auch die amerikanische Kriegsführung als völlig unangemessen. Diese Gratwanderung meistert Oda problemlos. Seine pazifistischen Ansichten kommen dabei gut zur Geltung, ohne dabei belehrend zu klingen. Da fällt es auch nicht so ins Gewicht, dass man sich mit den einzelnen Charakteren durch die aufgebaute Distanz und nüchterne Schreibweise nicht wirklich identifizieren kann. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass man durch diesen Roman einen neuen, für den Europäer oftmals unbekannten, Einblick in den 2. Weltkrieg und dessen verheerenden Auswirkungen erlangt.

 

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One Response to Buchrezension: Gyokusai- Japans Helden sterben schön

  1. SchumannAngelika says:

    Lieber Maximilian,

    vielen Dank für deine sehr gelungene Literaturrezension zu dem Roman “Gyokusai- Japans Helden sterben schön”. Deine Motivation dieses Buch zu lesen ist absolut nachvollziehbar. Auch für mich ist es besonders spannend diese Rezension zu evaluieren, da Deutschland und Japan beide als treibende Kräfte hinter dem 2. Weltkrieg galten und deren Schicksale gewisse Parallelen aufweisen. Beide Länder mussten lernen mit den zerstörerischen Konsequenzen des Krieges umzugehen. Sowohl Deutschlands wie auch Japans Nachkriegsjahre waren vom Wiederaufbau und Selbstfindung geprägt. Die deutsche Perspektive ist mir selbstverständlich bekannt, daher ist es wirklich spannend die japanische Perspektive näher kennen zu lernen. Zudem muss ich leider zugeben, dass mir der Name des Autors Makoto Oda vorher nicht bewusst bekannt war, obwohl er scheinbar die erfolgreiche Aufarbeitung des Krieges in Japan angetrieben und vorangebracht hat.

    Das Buch ist in kurze zusammenhängende Kapitel gegliedert und gliedert sich hauptsächlich in zwei Hälften. Zuerst werden die Vorbereitungen auf den Pazifikkrieg dargestellt, diese scheinen wirklich menschenunwürdig gewesen zu sein.
    Im zweiten und letzten Teil wird die Invasion der Amerikaner geschildert. Diese sind sowohl zahlenmäßig als auch materiell überlegen. Daher werden die Japaner von diesen quasi “überrollt”. Die wenigen Überlebenden ziehen sich zurück und greifen nachts an, jedoch sind ihre Versuche quasi bedeutungslos. Obwohl die Soldaten einsichtslos bis zum bitteren Ende kämpfen, schafft es der Autor diese Truppen nicht als Opfer darzustellen oder deren Handlungen zu legitimieren, im Gegenteil er kritisiert sogar die amerikanische Kriegsführung. Ich finde es bemerkenswert, dass ihm diese Gratwanderung problemlos gelingt.

    Insgesamt scheint der Roman die Thematik des Krieges und die japanische Auseinandersetzung sehr gut darzustellen und es wird dem Leser nicht nur bewusst, wie facettenreich der Kriegsalltag für die Japaner gewesen sein muss, sondern auch wie die Gefühlswelt so wie auch die Sichtweise dieser Soldaten ausgesehen hat. Dementsprechend kann ich absolut nachvollziehen, warum du dieses Buch als besonders lesenswert bewertest, nicht nur um als Europäer einen neuen (auch für mich unbekannten) Einblick in den 2. Weltkrieg und dessen Auswirkungen zu erlangen.

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