Rezension zu “Menschen aus dem Norden, Menschen aus dem Süden” von Lee Hochol

DAS BUCH2

Titel: Menschen aus dem Norden, Menschen aus dem Süden
Originaltitel: Namnyok saram, puknyok saram
Autor: Lee Hochol
Übersetzung: Heidi Kang
Verlag: Pendragon
Erscheinungsjahr: 1996 (Deutsche Übersetzung 2002)
Seiten: 222
ISBN: 3-934872-23-9

DER AUTOR

Lee Hochol wurde am 15.März 1932 in Wŏnsan (Nordkorea) geboren. Heute gilt er als einer der bedeutendsten Schriftsteller südkoreanischer Gegenwartsliteratur. Für seine Werke erhielt er zahlreiche Auszeichnungen verliehen, unter anderem den Literaturpreis der Republik Korea. Hochol schreibt vorwiegend über die Teilung Koreas in Nord- und Südkorea. Seine Erzählungen und Berichterstattungen aus der Perspektive des Volkes verhalfen ihm zu großer Bekanntheit in Südkorea. Lee Hochol wurde nach Kriegsausbruch als 18-jähriger Oberschüler von der Volksarmee rekrutiert. Während des Krieges geriet er in Kriegsgefangenschaft der südkoreanischen Armee. Nach seiner Freilassung entschied er sich zur vorübergehenden Flucht nach Südkorea. Den Grund dafür beschreibt er als „Entscheidung für das Überleben“, da Gerüchten zufolge Atombomben auf das nordkoreanische Gebiet abgeworfen werden sollten. In Südkorea arbeitete Hochol als Hafenarbeiter und in einer Nudelfabrik. Durch glückliche Umstände erhielt er später einen Posten als Wachmann beim US-Nachrichtendienst. Zu dieser Zeit begann er mit dem Schreiben. Bis heute lebt Hochol in Südkorea und ist öffentlich für sein Engagement für die koreanische Wiedervereinigung bekannt. Aufgrund seines politischen Aktivismus wurde er in den 1970er und 1980er Jahren als kommunistisch gesinnt eingestuft und verbrachte Großteile dieser Zeit im Gefängnis. Er selbst fühlt sich „entwurzelt“, fernab von Heimat, Familie und Freunden. Seine Erlebnisse vor, während und nach dem Koreakrieg sind Grundlage für seine zahlreichen autobiografisch-geprägten Werke. Weitere Bücher, die ins Deutsche übersetzt wurden, sind zum Beispiel „Heimatlos“ oder „Kleine Leute“. Hochol ist heute Gastprofessor an der Kyongwon Universität und träumt weiterhin von der Wiedervereinigung Koreas.

MEINE MOTIVATION

Die Teilung des Landes in Nord- und Südkorea beeinflusst die Bevölkerung sehr. Viele Menschen waren entweder direkt in den Krieg involviert oder sind während der Nachkriegszeit aufgewachsen. Zahlreiche Menschen mussten zudem den Verlust von Angehörigen verkraften oder ihre Heimat und Familie verlassen. Die unterschiedlichen Einflüsse in beiden Ländern haben zu einer sehr verschiedenen gesellschaftlichen Entwicklung zweier Völker geführt, die eigentlich denselben Ursprung haben und dieselbe Sprache sprechen.
Ich denke es kann hilfreich sein die Geschehnisse des Krieges und die Folgen für das Volk zu kennen, um die Koreaner besser zu verstehen. Die besondere, unvoreingenommene Betrachtungsweise des Autors spielt hierbei eine besondere Rolle, da dieser die Menschen beider Länder unter gleichen Gesichtspunkten und basierend auf eigenen Erfahrungen vorstellt.

DER INHALT

„Menschen aus dem Norden, Menschen aus dem Süden“ ist in vier Bücher unterteilt, die jeweils unterschiedlich viele Kapitel umfassen. Die einzelnen Bücher stehen nur bedingt in einer chronologischen Reihenfolge und liefern nur vereinzelte thematische Überschneidungen.
Das erste Buch trägt den gleichnamigen Titel „Menschen aus dem Norden, Menschen aus dem Süden“ und umfasst zwei Kapitel. Zu Beginn wird der Ich-Erzähler vorgestellt. Dieser ist ein 18 Jahre alter Oberschüler aus der nordkoreanischen Industriestadt Wŏnsan, der von der Volksarmee aufgrund des bevorstehenden Krieges eingezogen wurde. Die Geschehnisse spielen im Kriegsjahr 1950 in Yangyang, einer Grenzstadt im heutigen Südkorea. Der Erzähler befand sich auf der Flucht zurück nach Nordkorea und wurde von der südkoreanischen Militärpolizei aufgegriffen und verhaftet. Das Verhör mit dem Militärpolizisten ist seine erste Begegnung mit einem Südkoreaner, sodass seine Gedanken und Eindrücke besonders detailliert beschrieben werden. Das Gespräch verliert schnell seinen ernsten Charakter und entwickelt sich zunehmend zu einer privaten Unterhaltung über sowjetische Schriftsteller. Der Militärpolizist wird vom Erzähler als nachgiebig und manipulierbar beschrieben und die Situation sei anstelle einer Unterhaltung zwischen einem Verhörer und einem Gefangenen, eher eine Unterhaltung zwischen einem Studenten aus dem Süden und einem Schüler aus dem Norden. Im Anschluss folgt ein Szenenwechsel und der Erzähler berichtet von einer Unterhaltung im Gefängnis mit anderen Gefangenen. Die Erfahrungen von der Rücküberführung in den Norden stehen im Zentrum dieser Unterhaltung. Der Erzähler berichtet von einer zwanglosen Atmosphäre zwischen den Militärpolizisten und den Gefangenen. Um dies zu untermauern erzählt von der Freilassung eines Gefangenen, der zufälligerweise in der Nähe der Überführungsroute wohnte und mit „einem Tritt in den Hintern“ in die Freiheit geschickt wurde. Als weiteres Beispiel für das gute Verhältnis zwischen den Polizisten und den Gefangenen führt er auf, dass es ihm ermöglicht wurde eine private Nachricht an seine Familie in Nordkorea übermitteln zu lassen. Als Gegenstück zu diesen positiven Berichterstattungen wird die Erinnerung an eine Nacht in einem Theater aufgeführt. Aus unklaren Gründen entwickelte sich dort eine gefährliche Situation, die letztlich in der Hinrichtung eines ungehörigen Inhaftierten gipfelte. Der Erzähler begründet dies mit dem „Prinzip des Zufalls“. Das erste Buch endet mit der Freilassung des Erzählers, da sich der Vetter seines Vaters, ein Grundschullehrer, dafür einsetzte.
Das zweite Buch trägt den Titel „Leute, die aus dem Süden kamen“ und umfasst sechs Kapitel. Es werden die Gedanken des Erzählers während einer Lastwagenfahrt beschrieben. Die Geschehnisse spielen in der Endphase des Krieges. Der Erzähler ist auf dem Weg zu einem Ort, an dem er politische Aufklärungsarbeit beim Ersatz-Bataillon leisten soll. Dieses besteht aus Freiwilligen, die als Nachschub an die Front verlegt werden sollen, denen allen voran sowjetische Propagandalieder beigebrachte werden sollen und eine flüchtige Waffenausbildung vermittelt werden soll. Der Erzähler umschreibt die Situation als widersinnig, da er selbst nie von der kommunistischen Ideologie überzeugt war und diese nun an andere weitergeben soll. Im Anschluss folgt ein Zeitsprung zum 13.Juli, den Tag der großen Bombardierung der Alliierten. Es wird über das Ausmaß der Zerstörung, die Angst der Bevölkerung und der Soldaten und die vielen Toten berichtet. Der Erzähler überlebt die Bombardierung und schildert das traurige Schicksal einer Gruppe von Studenten. Diese kamen frohen Mutes am Bahnhof an und hörten die näherkommenden Flugzeuge nicht, weil sie lauthals Propagandalieder sangen, sodass keiner von ihnen überlebte. Die Bombardierung stellt einen Wendepunkt im Schicksal des Erzählers dar. Er wird in der Folge einer neuen Truppe zugeteilt, mit der er zu einer einwöchigen Aufklärungsarbeit in abgelegene Gebiete aufbricht. Die Truppe besteht größtenteils aus Studenten aus Pjöngjang, was den Erzähler sehr freut, da er sich gerne mit Studenten umgibt. Es herrscht eine gute Atmosphäre und es gibt Essen im Überfluss. Des Weiteren wird der Erzähler zum Leiter des Unterhaltungsprogramms befördert.
Nach einem erneuten Zeitsprung wird im dritten Buch „Rastlose Fahrt in der Finsternis“ eine nächtliche Zugfahrt an die Front beschrieben. Vor der Abfahrt weist ihn ein Leutnant darauf hin, dass diese Fahrt in den Tod führen wird und gibt ihm den indirekten Hinweis zu flüchten. Der Zug hält in einem Bahnhof und die diensthabenden Offiziere liegen betrunken in einem anderen Wagon. Der Erzähler nutzt nicht Möglichkeit der Flucht nicht. In tiefster Nacht hält der Zug erneut, dieses Mal in einem Tunnel. Ein Jagdflugzeug beschoss den Zug und die hinteren Teile des Zuges sind stark zerstört. Die Situation ist sehr beängstigend für den Erzähler und dieser schließt die Augen, um sich in seine Gedanken zu flüchten. Er denkt zurück an einen stimmungsvollen Unterhaltungsabend, an dem besonders viele Propagandalieder gesungen wurden. An diesem Punkt realisiert der Erzähler warum er nicht flüchten konnte.
Das vierte und letzte Buch trägt den Titel „Menschen in Zeiten des Umbruchs“. Die Handlung spielt im Anschluss an die Zugfahrt aus dem dritten Buch und handelt vom Marsch an die Front. Die Stimmung wird sehr heiter dargestellt, obgleich es eine todernste Situation ist. Der Erzähler berichtet von Grüppchenbildungen innerhalb der Truppe. Außerdem denkt er zurück an die sowjetische Befreiung Koreas aus japanischer Kolonialherrschaft. Propaganda, Enteignungen und Neuverteilungen haben in Nordkorea vieles verändert. Mit zunehmender Zeit und näherkommender Front wird die Stimmung in der Truppe ernster. Das Buch endet in einer Situation, in der zwei Mitglieder des Trupps einen Fluchtversuch unternehmen, aber entdeckt und daraufhin exekutiert werden.

MEIN FAZIT

„Menschen aus dem Norden, Menschen aus dem Süden“ ist ein stark autobiografisch geprägtes Werk. Der Autor beschreibt beide Lager sehr unbefangen und unvoreingenommen. In Südkorea wurde das Buch nach seiner Veröffentlichung als harte Kritik am nordkoreanischen System verstanden. Lee Hochol widerlegte dies umgehend. Ideologien und Politik werden in diesem Buch insgesamt weniger und eher nebensächlich behandelt. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen die individuellen Auswirkungen der Geschehnisse auf die einzelnen Menschen.
Durch seine sehr lockere Erzählweise und den überraschend optimistischen Grundton wirkt das Buch heiterer, als die ernste Thematik erwarten lässt. Aufgrund der fehlenden chronologischen Abfolgen und der unzusammenhängenden Handlung verliert das Buch leider an Spannung und Unterhaltungswert. Aus diesem Grund möchte ich eine eingeschränkte Leseempfehlung aussprechen und allen voran denjenigen zum Lesen dieses Buches raten, die an den zwischenmenschlichen Beziehungen zu Zeiten des Koreakriegs interessiert sind und Interesse an einer grundsätzlich ehrlichen Berichterstattung eines Zeitzeugen haben.

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3 Responses to Rezension zu “Menschen aus dem Norden, Menschen aus dem Süden” von Lee Hochol

  1. SchumannAngelika says:

    Lieber Hanno

    zunächst erst mal vielen Dank für deine sehr gelungene Literaturrezension. Deine Motivation dieses Buch “Menschen aus dem Norden, Menschen aus dem Süden” zu lesen ist absolut nachvollziehbar. Auch mich interessiert die Thematik Nord- und Südkorea sehr, da die Teilung des Landes die Bevölkerung sehr beeinflusst. Insbesondere ist hier hervorzuheben, dass der Autor Lee Hochol aus Nordkorea stammt und es geschafft hat nach Südkorea zu fliehen, wo er aktuell weiterhin lebt. Dies beeinflusst den Stil des Romans zusätzlich, da nicht nur die südkoreanische Perspektive auf die Geschehnisse vorherrscht, sondern gleichzeitig auch die nordkoreanische.
    Mir gefällt wie du das Buch beschreibst, auch wenn ich es etwas ungewöhnlich finde, dass sich das Buch in vier Bücher mit jeweiligen Kapiteln gliedert. Die Gegensätzlichkeit von Nord- und Südkorea, insbesondere die unterschiedliche Entwicklung der beiden Länder scheint im gesamten Verlauf des Romans immer eine bedeutende Rolle zu haben und wird in vielen Bereichen wider gespiegelt, beispielsweise im Gespräch zwischen dem Ich-Erzähler, der auf der Flucht nach Nordkorea von der südkoreanischen Militärpolizei verhaftet wurde, und dem Militärpolizisten. Dieses entwickelt sich von einer Unterhaltung zwischen einem Gefangenen und seinem Verhörer zur einer netten Unterhaltung zwischen einem Studenten aus dem Süden und einem Schüler aus dem Norden. Das scheint sehr ungewöhnlich, aber selbst im weiteren Verlauf des Buches werden des Öfteren solche ungewöhnlichen Situationen geschildert.

    Insgesamt scheint die Thematik der Teilung Koreas sehr ungewöhnlich und vermutlich gewöhnungsbedürftig dargestellt zu werden. Auch die lockere Erzählweise und der optimistische Grundton sprechen sehr für das Buch. Als besonders schade empfinde ich es, dass aufgrund der fehlenden chronologischen Abfolgen das Buch an Spannung verliert und du deswegen nur eine eingeschränkte Leseempfehlung aussprechen kannst.

  2. alexanderrautzenberg says:

    Hallo Hanno,
    wie ich in deiner Motivation entnehmen kann interessierst du dich für die auch heute noch aktuellen Korea-Konflikte. Persönlich finde ich das Thema auch sehr interessant, weshalb mir das Lesen deiner Rezension viel Spaß gemacht hat. Super finde ich auch, dass du dich über die Geschehnisse der koreanischen Völker informieren willst, um die Koreaner besser zu verstehen. Ich denke, dass der „Bruderkrieg“ tiefe Spuren im Gedächtnis des Volkes hinterlassen hat und diese auch in die Literatur übertragen wurden. Aus diesem Grund ist eine Veröffentlichung des Buches sehr erfreulich.

    Des Weiteren gefällt mir auch die Zusammenfassung des Inhaltes. Durch deine Erzählung lässt sich der Inhalt sehr gut nachvollziehen und trotzdem wird nicht zu viel vorweggenommen. Ins Auge fällt in der Rezension sofort die schnelle Entwicklung der kommunistischen Revolution, die von einem großen Teil der Bevölkerung in allen Schichten vertreten wird (ständige Propagandagesänge). Deutlich wird auch die klare Sympathie von Lee Hochol gegenüber Südkorea und dessen politischen Systems, obwohl er diesem nicht unkritisch gegenübersteht.

    Nach deinen Erzählungen kann ich verstehen warum das Buch als harte Kritik gegenüber Nordkorea empfunden wurde. Aus diesem Grund ist es gut, dass du es im Fazit nochmal klar wiederlegst. Insgesamt finde ich es eine sehr gelungene Rezension. Ich finde es aber schade, dass du nur eine eingeschränkte Leseempfehlung abgeben kannst.

  3. spaetkaroline says:

    Hallo lieber Hanno,

    zuerst einmal vielen Dank für deine Rezension!

    Deine Motivation, sich für dieses Buch zu entscheiden kann ich sehr gut nachvollziehen. Das geteilte Korea in Nord und Süd, mit der extrem unterschiedlichen gesellschaftlichen Entwicklung der beiden Völker ist im Allgemeinen ein sehr interessantes Thema.

    Mir scheint es so, als ob diese Gegensätzlichkeit im gesamten Verlauf des Buches sowohl direkt, als auch indirekt thematisiert wird. Zum einen bei der Beschreibung der gegensätzlichen Behandlung der Gefangenen. Auf der einen Seite wird in dem Buch ein gutes Verhältnis zwischen den Gefangenen und den Polizisten Süd-Koreas beschrieben, die Freilassung und die Ermöglichung von Telefonaten. Auf der anderen Seite aber auch die Hinrichtung eines Gefangenen aufgrund von Ungehörigkeit. Auch die heitere Beschreibung der Situationen, die eigentlich eine todernste Thematik haben verdeutlicht diese Gegensätzlichkeit.

    Auch finde ich besonders spannend, dass in der Mitte des Buches der Autor seine Aufgaben als widersinnig beschreibt. Er selbst sei nie von der kommunistischen Ideologie überzeugt gewesen und soll diese jetzt noch anderen weitergeben. Im dem darauf folgenden Teil beschreibt er allerdings, dass ihm seine Funktion als Leiter der Unterhaltungsabende, an denen auch zahlreiche Propagandalieder gesungen wurden, im Nachhinein sehr gut gefallen hat. Dies führte letztendlich wohl auch dazu, dass er in der Situation im Zug keinen Fluchtversuch unternommen hat.

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