Buchrezension zu „Vögel“ von Oh Jung-Hee

BuchCoverDetails zum Buch
Genre: Roman
Titel: Vögel
Koreanische Originalausgabe: Sae (1995)
Autorin: Oh Jung-Hee
Verlag: Unionsverlag, Zürich
Erscheinungsjahr: Erstauflage 2005
Umfang: 160 Seiten
ISBN: 978-3-293-20329-7
Preis: 9.90 Euro (Taschenbuch)

Aus dem Koreanischen und mit einem Nachwort von Edeltrud Kim und Kim Sun-Hi

 

Die Autorin
Oh Jung-Hee wurde 1947 in Seoul geboren und lebt heute mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Chunchon. Sie studierte kreatives Schreiben an der Sorabol-Kunsthochschule und veröffentlichte bereits mit 21 Jahren ihre ersten Erzählungen. Oh Jung-Hee erhielt zahlreiche Preise für ihre Werke, unter anderen den renommierten Yisang Literaturpreis und den LiBeraturpreis. Viele ihrer Texte erzählen aus einer weiblichen Perspektiven und beschreiben Herrschaftsverhältnisse zwischen Männern und Frauen und damit verbundenen gesellschaftlichen Regeln. Heute gehört Oh Jung-Hee zu den angesehensten Autoren in Korea.

 
Motivation
Ich habe mich für das Buch einer koreanischen Autorin entschieden, um das Land Südkorea aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Ich erhoffte mir Dinge über Korea zu erfahren, die nicht in Reiseführern oder in den Erfahrungsberichten von Freunden und Bekannten – die bereits in Südkorea waren – zu finden sind. Über die koreanische Kultur habe ich während der Sprachkurse schon einiges erfahren dürfen. Das Buch „Vögel“ greift jedoch kulturelle Aspekte und Themen auf, die ziemlich bedrückend sind und insbesondere für Nicht-Koreaner meist im Verborgenen bleiben. Auf eine ganz individuelle Art werden die Themen Familie, Gewalt und Herrschaftsverhältnisse insbesondere zwischen Mann und Frau in Korea beschrieben.

 
Inhalt
Das Buch „Vögel“ handelt von zwei südkoreanischen Kindern, die mit ihrem Vater in einer ärmlichen Hinterhofwohnung leben, nachdem die Mutter sie verlassen hat. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des Mädchens Uumi, die für sich und ihren Bruder Uuil sorgt.
Die Erinnerungen an ihre Mutter mit dem – durch die Schläge des Vaters – „bemalten“ Gesicht, verblassen immer mehr. Ihr Vater ist aufgrund seiner Arbeit nur am Wochenende zuhause und meist darauf bedacht Zeit mit seiner neuen Frau zu verbringen und seine Macht als Mann auszuüben. Uuil und Uumi verstecken sich häufig unter der Bettdecke, um den Streit und die Gewalt zu verdrängen. Die neue Frau kann sich an den Alltag mit den Kindern und die ärmlichen Verhältnisse nicht gewöhnen und verlässt die Familie. Als der Vater spürt, dass seine Frau nicht mehr zurückkommen wird, verlässt auch er seine Kinder.
Der zehnjährige Uuil und die zwölfjährige Uumi sind von da an auf sich allein gestellt und werden von den Nachbarn im Haus zwar kritisch beobachtet, aber geduldet. Uumi übernimmt die Rolle der Mutter und Hausfrau. Auf der einen Seite richtet sie Befehle an ihren geistig und körperlich zurückgebliebenen Bruder und bestraft ihn bei Ungehorsam mit Schlägen, andererseits kümmert sie sich um ihn wie ihr eigenes Kind. Uuil möchte wie sein Vorbild „Toto“, der Weltraumjunge, fliegen können. Da er immer wieder von Bäumen oder Hütten springt, um das Fliegen zu üben, ist er oft verletzt. Uumi dagegen möchte so schnell wie möglich erwachsen werden, damit sie in eine neue Zukunft aufbrechen kann. Beide halten trotz der schwierigen Umstände an ihren Träumen fest und entwickeln gute Überlebensstrategien. Wenn sie Rechnungen beim Arzt oder Handwerker begleichen müssen, lassen die Kinder anschreiben und sagen, dass ihr Vater eine große Kirche baut, gutes Geld verdient und bald wieder kommt. Uuil und Uumi gehen regelmäßig zur Schule und bekommen eine Beratungsmutter, die sich um allein lebende Kinder kümmert. Diese führt regelmäßig Gespräche mit Uumi, da sie die älteste ist und versucht an sie heranzukommen. Jedoch wirkt die Beziehung sehr oberflächlich und erzwungen. Die Vermieterin, die auch im Hinterhaus wohnt, fragt die Kinder mehrmals, wann denn ihr Vater zurückkommt, um die Miete zu begleichen, sorgt sich jedoch nicht wirklich um die beiden. Da keine nähere Beziehung zu Personen besteht, leben Uuil und Uumi einsam und verlassen. Sie werden von ihrem Umfeld zwar kritisch beäugt, in ihrer Situation aber nicht unterstützt, sondern ganz einfach akzeptiert. Während Uuil letztendlich abdriftet, nicht mehr zur Schule geht und sich selbst verliert, kann Uumi ihren Traum verfolgen und geht mit großen Schritten Richtung Zukunft.

 
Fazit
Mit ihrem Roman „Vögel“ greift die Oh Jung-Hee auf ganz besondere Art Themen und Aspekte auf, die meist verschwiegen werden. Die beiden Kinder leben in einer Welt voller Gewalt und Verständnislosigkeit und lernen früh erwachsen zu werden. Die ärmliche Hinterhauswohnung, in der Uuil und Uumi leben, ist somit ihr Nest und Käfig zugleich. Die oft naiven Beschreibungen aus kindlicher Perspektive sind beunruhigend und gaben mir das Gefühl helfen zu wollen. Man entwickelt ein Unverständnis für die Umstände in der Geschichte und fragt sich, wieso Eltern ihre Kinder verlassen und wieso das Umfeld beide Kinder alleine leben lässt. In Deutschland hätte man direkt das Jugendamt informiert. Durch die Anmerkungen und das Nachwort der Übersetzer werden die während des Lesens aufgekommenen Fragen im Anhang beantwortet.
Bis vor einigen Jahren wurde häusliche Gewalt in Korea nicht strafrechtlich verfolgt. Nach alten Traditionen sind Frauen ihren Männern untergeben und haben die Schläge zu dulden. Auch wenn sie ihre Kinder im Stich lassen mussten, sahen viele Frauen die einzige Lösung in der Flucht. Unter anderen ist das ein Grund, warum es in Korea viele Haushalte ohne Erwachsene gibt. Da in Korea kein gut funktionierendes Jugendgesetz existiert und Regelungen fehlen, erhalten allein lebende Kinder neben finanzieller Unterstützung, eine Beratungsmutter.
Dieses Buch ist berührend und erschreckend zugleich. Oh Jung-Hee schafft es mit ihrem Schreibstil die dramatische Geschichte von zwei verlorenen  Kindern einfühlsam zu erzählen. Die symbolhafte Sprache macht die traurige Geschichte zu etwas Besonderem. Erschreckende Situationen werden in dem Buch anhand von Metaphern präzise und naiv beschrieben. Das Motiv des Vogels taucht immer wieder an verschiedenen Stellen der Geschichte auf. Durch Nichtgesagtes lässt die Erzählung an vielen Stellen Raum für eigene Interpretationen und die Gedankensprünge der Protagonistin Uumi erfordern ein aktives Mitdenken.
Die aus Kinderaugen erzählte Geschichte ist trotz der schweren Thematik leicht zu lesen. Einige traditionell begründete Aspekte und die Einbindung des Aberglaubens in Südkorea wirken erst seltsam, machen das Buch aber wirklich interessant. Obwohl ich während des Lesens durch die beschriebene Dramatik und Traurigkeit ziemlich beunruhigt war, bin fasziniert von dem Schreibstil der Autorin und werde sehr wahrscheinlich weitere Bücher von Oh Jung-Hee lesen.

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3 Responses to Buchrezension zu „Vögel“ von Oh Jung-Hee

  1. KrauseFlorian says:

    Hallo Eileen,
    wieder einmal eine koreanische Geschichte voller Trauer und Leid. Ich habe bereits gehört, dass es sich um eine sehr melancholische Gesellschaft handelt und dies ist dann wohl ein weiterer Indikator dafür. Korea erscheint mir immer mehr als gäbe es eine große Unbalance zwischen der ausgesprochen fortschrittlichen und technologieaffinen Seite der Kultur und einer verborgenen Seite, geprägt von sozialen Problemen und Tabus. Das Buch scheint sehr gut zu zeigen, wer bei solchen Missständen am meisten leidet – die Kinder. Hier musste die Tochter so schnell erwachsen werden, dass sie gar keine Zeit hatte ihr Kindheit zu genießen. Die Tatsache, dass sie sich zusätzlich um ihren Bruder kümmern muss und dieser überdies eine Behinderung hat entspringt hoffentlich nur der Fantasie der Autorin! Das Problem der häuslichen Gewalt in der patriarchalischen Gesellschaft Koreas war auch in meinem Buch ein Thema und scheint daher noch sehr aktuell und präsent zu sein.
    Du hast die Rezension sehr gut auf den Punkt gebracht und interessant geschrieben!

  2. SchumannAngelika says:

    Liebe Eileen,

    vielen Dank für deine wirklich hervorragende Rezensur! Das Buch “Vögel” von der südkoreanischen Autorin Oh Jung-Hee ist für mich besonders interessant, da es für mich bald auch nach Südkorea geht. Besonders auffällig bei deiner Buchwahl ist das Thema – die Brutalität, die Dramatik und Traurigkeit.
    Interessant ist es, dass die Autorin aus der südkoreanischen Perspektive Themen aufgreift über die man in ihrem eigenen Land nicht gerne redet. Zunächst die Thematik der häuslichen Gewalt und die daraus resultierende Konsequenz, dass die Frau ihren Mann und sogar ihre eigenen Kinder verlässt, erscheint sehr dramatisch. Erschreckend empfinde ich den Umstand, dass der Vater später auch seine Kinder verlässt und diese dann mit ihren zwölf bzw. zehn Jahren komplett auf sich alleine gestellt sind. Vor allem, dass das Umfeld nichts dagegen tut, ist erschreckend und für mich als Deutsche kaum vorstellbar. Hier hätte wie bereits von dir bemerkt, dass Jugendamt schon längst eingegriffen.
    Besonders erschreckend ist zusätzlich, dass die Frau als einzigen Ausweg aus ihrer Situation nur die Flucht sieht, da früher häusliche Gewalt in Südkorea strafrechtlich nicht verfolgt wurde. Zum Glück scheint dies nicht mehr der Fall zu sein.
    Interessant wäre es zu wissen, wie die heutige Situation für Frauen aussieht. Im Allgemeinen würde mich interessieren, wie der koreanische Staat und die Gesellschaft heutzutage mit den angesprochen Themen umgehen und ob sich da etwas geändert hat, denn auf Basis der im Buch geschilderten Geschichte, besteht eindeutig Handlungsbedarf.

  3. spaetkaroline says:

    Hallo liebe Eileen,

    vielen Dank vorerst für deine Rezension! Das von dir gewählte Buch scheint ein interessanter Roman zu sein, mit einer schweren und traurigen Thematik. Besonders auffällig ist hierbei, dass die Einzelschicksale der Protagonisten im Vordergrund zu stehen scheinen, diese jedoch ein Problem wiederspiegeln, dass sich teilweise auf die Gesellschaft Süd Koreas übertragen lässt.
    Wie du schon erwähnt hast bietet die Darstellung der Autorin einen anderen Blickwinkel auf die koreanische Gesellschaft und Kultur. Erschreckend ist, dass es so zu sein scheint, dass einige koreanische Frauen als einzigen Ausweg aus der untergeordneten Position gegenüber ihrer Männer, das Verlassen der Familie sehen, auch wenn sie damit das Risiko eingehen, ihre Kinder auf sich allein gestellt zurück zu lassen. Auch, dass Kinder, die eigentlich einem extrem großem Schutzbedürfnis unterliegen, auf sich allein gestellt von der Gesellschaft akzeptiert werden ist sehr erschrecken. Gerade im Hinblick darauf, dass Süd Korea in vielen anderen Aspekten ein sehr fortschrittliches Land ist, wirft diese Problematik viele Fragen auf. Im Allgemeinen würde mich interessieren, ob die koreanische Regierung diese Probleme angeht und welche Lösungsansätze sie diesbezüglich entwickeln beziehungsweise was die Gründe dafür sind, weshalb dieses Problem nicht schon früher gelöst wurde und ob die Gründe mit der koreanischen Kultur verknüpft sind.

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