Ein ganz einfaches gepunktetes Kleid

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Kurzinformation: 

Titel: Ein ganz einfaches gepunktetes Kleid. Moderne Erzählungen koreanischer Frauen

Hrsg./Übersetzer: AHN Sohyun / Heidi Kang

Erscheinungsjahr: 2004, Auflage 1

Band: 3

ISBN: 978-3-93487-257-8

Verlag: Pendragon Verlag, Bielefeld

Sprache: Deutsch

Gebundene Ausgabe: 248 Seiten

Preis: 19,90€

Motivation:

Seitdem für mich feststand, dass ich mein nächstes Semester als ASBE Studentin an der Ewha Womans University in Seoul verbringen werde, habe ich mich für die Rolle der Frau aber vor allem auch für ihre gesellschaftliche Stellung in (Süd-)Korea interessiert. Im Rahmen des Sprachkurses am LSI in Bochum hatte ich bereits die Gelegenheit, einige Hintergrundinformationen zu den Verhaltensweisen koreanischer Frauen zu bekommen. Die Stellung der Frau in einer von einem konfuzianischen Wertesystem beherrschten Gesellschaft wurde jedoch nur am Rande in privaten Gesprächen thematisiert. Die Erzählung unserer Dozentin, koreanische Männer würden ihre Frauen auf Anweisung sogar die Treppen hochtragen, fand ich besonders spannend das es nicht mit meinen Vorstellungen überein sprach. Auch Berichte, wonach die Scheidungsrate in Korea konstant zunimmt, haben mein Interesse geweckt. Nach einer kurzen Recherche bin ich auf das Buch „Ein ganz einfaches gepunktetes Kleid“ aufmerksam geworden. Anhand des Klappentextes sowie des ungewöhnlichen Titels habe ich mich dafür entschieden, dieses Buch zu lesen und im Rahmen des ASBE Programmes zu rezensieren.

Hintergrundinformationen: 

„Ein ganz einfaches gepunktetes Kleid“ ist der dritte Band einer Reihe koreanischer Erzählungen, umfasst acht Erzählungen und ist ausschließlich koreanischen Autorinnen vorbehalten. Die Autorinnen, allesamt in den 60 er Jahren geboren, befassen sich in ihren Erzählungen mit der Rolle der Frau im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Ein weiteres, sich in allen Erzählungen widerfindende Motiv ist dass der Entfremdung, Einsamkeit und Isolation. Die Autorinnen befassen sich mit der Anpassung an eine männlich dominierte Gesellschaft, der Veränderung von Zwischenmenschlichen Beziehungen sowie der emotionalen Welt der Frauen. Sie gewähren mit ihren Erzählungen einen Einblick in das bisher eher vernachlässigte Privatleben. Die Frankfurter Allgemeine Zeitpunkt (FAZ) bezeichnet die Autorinnen als „kritische Wohlstandskinder“, welche ausgehend von der Demokratisierung und dem wirtschaftlichen Aufschwung Koreas nun statt politischen, gesellschaftskritische Themen porträtieren. Die neu entstehenden, noch unzureichend definierten gesellschaftlichen Strukturen ergeben für den Einzelnen Probleme wie Einsamkeit, Vereinsamung und Identitätsverlust. Im Folgenden werde ich drei markante Erzählungen inhaltlich wiedergeben.

Inhalt:

Kong Sonok – Die allein stehende Mutter

Da sie sich das Leben in der teuren Großstadt Seoul nicht mehr leisten kann, kehrt die alleinstehende Mutter Chong-Ok nach ihrer Scheidung mit den drei Kindern zurück in ihr Heimatdorf. Dort kann sie vergleichsweise günstig leben, ist jedoch den Blicken und Vorwürfen der anderen Dorfbewohnern schutzlos ausgesetzt. Obwohl sie sich wegen häuslicher Gewalt von ihrem Mann hat scheiden lassen, ist sie gebrandmarkt. Besonders die älteren und traditionsbewussten Bauern im Dorf verurteilen sie wegen ihrer Scheidung scharf. Nachdem ihre Kinder für den Schulbesuch zu einer entfernten Tante in die Großstadt gezogen sind, und Chong-Ok sich einer erneuten Hochzeit widersetzt, führt sie ein Außenseiterleben. Um der Einsamkeit, aber auch den harschen Bedingungen wie Kälte und Schmutz in ihrem Heimatdorf zu entkommen, beginnt sie Alkohol zu trinken. Nach Ansicht der Dorfgemeinschaft, aber auch in den Augen ihrer eigenen Familie, hat sie Schande über ihre Familie gebracht. Den Worten ihrer Tante Suna zufolge hätte sie sich „wenn die Kindern nicht wären“ besser umbringen sollen.

Jon Kyongnin – Ein einfaches gepunktetes Kleid

Die titelgebende Erzählung von Jon Kyongnin beschreibt die Geschichte eines gepunkteten Kleides über zwölf Jahre hinweg. Als die titelgebende Heldin, deren Name nicht genannt wird, zwölf Jahre alt ist, wird ihr Vetter von seinen Eltern verheiratet. Er ist zu diesem Zeitpunkt zwanzig Jahre alt und hat damit das perfekte koreanische Heiratsalter. Da sie jedoch seit Jahren heimlich in ihn verliebt ist, bricht für sie eine Welt zusammen. Sie beginnt ihren Cousin zu meiden, um keine Schande über ihre Familie zu bringen. Als die Protagonistin 15 Jahre alt ist, beginnt sie wahllos mit Männern zu schlafen und bringt damit Schande über ihre Familie und das gesamte Dorf. Das Kleid endet schließlich als Vogelscheuche auf einem Feld ihres Heimatdorfes, wo es – wie sie selbst jahrelang – von der Dorfgemeinschaft belächelt werden kann.

 Ha Songnan – Schimmelblumen

Die Erzählung „Schimmelblumen“ wird als einzige, obwohl von einer Frau geschrieben, aus der Sicht eines Mannes erzählt. Um dem Gefühl von Einsamkeit und Entfremdung zu entrinnen und seine Nachbarn besser kennen zu lernen, holt der Protagonist sich nachts Müllbeutel aus dem Container seines Wohnblocks. Er bringt diese in sein Badezimmer, schüttet Unrat und stinkende Abfälle wie Zigarettenreste oder Fischinnereien in seine Badewanne. Für ihn sind sie Teil eines riesigen Puzzles, welches sich nach und nach zusammensetzt und ihm dabei hilft, die Menschen in seiner Umgebung kennen zu lernen. Er erkennt, dass der Abfall Rückschlüsse auf die ihn produzierende Person erlaubt. Indem er diesen durchforstet entlässt er die Bewohner des Gebäudekomplexes aus der Anonymität, aus der er selber gerne gerettet würde. Nachdem er sich in seine Nachbarin verliebt hat durchforstet er systematisch ihren Müll und untersucht so beispielsweise ihre Essgewohnheiten. Statt sie persönlich kennen zu lernen kauft er sich den gleichen grünen Tee, um sich ihr so Nahe zu fühlen.

Die Rolle der Frau in Korea / dem Konfuzianismus  

Noch heute wird die Rolle der Frau stark über das konfuzianische Wertesystem bestimmt. Zwar hat sich die traditionelle Rolle durch bessere Bildungschancen für Frauen und dem Trend einer Ein-Kind-Familie gewandelt, dennoch sind diese Strukturen noch immer von großer Bedeutung. Frauen im modernen Korea sehen sich der Aufgabe gegenüber, traditionelle Werte und moderne Strukturen miteinander zu verknüpfen. Der Konfuzianismus ist durch eine starke Frauendiskriminierung geprägt. Bezeichnend hierfür ist auch das Sprichwort “Wenn die Hühner gackern, dann verfällt das Innere des Hauses”. Die zunehmende Suche der Frauen nach einer Sinn gebenden Aufgabe neben Familie und Haushalt gefährdet die bisherigen Strukturen und schafft gesellschaftliche Probleme. Nach dem Konfuzianismus gibt es fünf menschliche Elementarbeziehungen, unter anderem die der Ehefrau und des Ehemannes, aber auch gegenüber ihren Eltern oder späteren Schwiegereltern. Es handelt sich hierbei um hierarchische Über- und Unterordnungsverhältnisse. Damit definiert sich eine umfassende Gehorsamspflicht der Frau. Widerstrebt sie sich diesen, bringt sie Schande über ihre Familie, wie auch in den Erzählungen deutlich herausgestellt wurde.

Ebenso ist in Korea eine arrangierte Ehe nach wie vor keine Seltenheit. Vielfach werden Ehen durch die Eltern vermittelt, da die Heirat immer noch ein wichtiges Ziel im Leben der Koreanerinnen ist. In letzter Zeit rücken die Interessen der Frauen hierbei jedoch vielmehr in den Vordergrund, da gut ausgebildete Frauen immer seltener die Bereitschaft aufbringen, einem Mann zum Beispiel auf das Land zu folgen.

Fazit

Insgesamt gibt “Ein ganz einfaches gepunktetes Kleid” einen guten Überblick über die Probleme und Konflikte, denen moderne koreanische Frauen gegenüberstehen. Es ermöglicht eine Auseinandersetzung mit den Themen Gesellschaft, Tradition und Geschlecht, wenn auch etwas überspitzt dargestellt. Die einzelnen Erzählungen lassen sich insgesamt gut lesen, ein generelles Grundverständnis über Korea sowie die koreanische Kultur erleichtert jedoch das Lesen. Es empfiehlt sich zudem, die einzelnen Erzählungen mehrfach zu lesen um sie gänzlich zu begreifen. Das von Ahn Sohyun und Heidi Kang verfasste Nachwort sowie die jeweilig passende Kurzbiografie der Autorin sind darüber hinaus wertvolle Lesehilfen.

Mir hat das Buch geholfen, einen Überblick über die Rolle der Frau in Korea sowie mögliche Spannungsfelder zu erhalten, insgesamt denke ich jedoch, dass die Situation im Alltag heutzutage weniger dramatisch ist (z.B. im Falle einer Scheidung). Gerade Berichte über eine steigende Scheidungsrate zeigen, dass die Einflüsse westlicher Kulturen sowie die fortschreitende Internationalisierung Frauen zunehmend von den Zwängen des Konfuzianismus befreien.

 

 

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One Response to Ein ganz einfaches gepunktetes Kleid

  1. scheibnerl says:

    Liebe Christina,
    danke für deine Buchrezension und den Einblick in das Leben koreanischer Frauen.
    Ich finde es sehr interessant, welche Erzählungen dich im LSI auf die Idee gebracht haben ein Buch über die Rolle der Frau zu lesen. Dass koreanische Frauen ihren Männern solche Anweisungen geben können und diese auch noch befolgt werden, fand ich erst einmal sehr verwunderlich.

    Irgendwie war es schwer vorstellbar für mich dies in Einklang mit den Geschichten des Romans und den Zwängen des Konfuzianismus zu bringen (Anweisungen geben vs. Gehorsamspflicht zeigen). Dass Frauen, welche sich von ihrem Mann scheiden lassen noch immer in vielen Kulturen Schande über die Familie bringen und ein Tabu brechen ist ja leider nichts Neues und Einmaliges. Dennoch hätte ich gedacht, dass Südkorea mittlerweile doch “moderner” hinsichtlich dieses Themas ist.

    Ausschlaggebend könnte natürlich sein, dass das Buch vor 10 Jahren, 2004, veröffentlich wurde und deshalb nicht wirklich das aktuelle Bild und die Rolle der Frau wiederspiegelt?! Hast du dazu mit Koreanern im LSI sprechen können?

    Neben den Geschichten über die Rolle der Frau fand ich die Erzählung über den Mann sehr interessant und dennoch sehr traurig. Leider denke ich, dass solche „Schicksale“ gar nicht so selten sind. Wahrscheinlich spiegelt diese Geschichte nicht etwas wirklich „koreanisches“ wieder, sondern eher eine generelle gesellschaftliche Entwicklung.

    Ich bin gespannt was du uns ab September über Südkorea im Jahre 2014 berichten kannst und inwiefern du das Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne wahrnimmst.

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