Risse in der Großen Mauer – Gesichter eines neuen China

Details zum Buch
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Titel: Risse in der Großen Mauer – Gesichter
eines neuen China
Autor: Jan-Philipp Sendker
Verlag: HEYNE Verlag
Erscheinungsjahr: 2000 (2007 akt. Ausgabe)
Seiten: 240
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-453-62016-2
Preis: 8,95 €

 

 

Der Autor

Jan-Philipp Sendker wurde 1960 in Hamburg geboren und ist deutscher Journalist und Schriftsteller. Von 1990 bis 1995 arbeitete er Amerikakorrespondent für den Stern. Im Zeitraum von 1995 bis 1999 arbeitete er in Asien – ebenfalls als Korrespondent für den Stern. In diesem Zeitraum führte Sendker die für das vorgestellte Buch notwendigen Recherchen und veröffentlichte dieses unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Deutschland im Jahre 2000. Im Anschluss an „Risse in der Großen Mauer – Gesichter eines neuen China“ veröffentlichte er vier Romane. Der erfolgreichste von ihm verfasste Roman ist der Bestseller „Das Herzhören“. Heute lebt Jan-Philipp Sendker als freier Autor und Familienvater in Potsdam.

Motivation
Auf der Suche nach einem passenden Buch für das Literaturforum bzw. für die Vorbereitung auf mein Auslandssemester in Peking war für mich von Anfang an klar, dass ich authentische Lebensgeschichten chinesischer Menschen lesen wollte. Dies erscheint mir als beste Lösung so viel wie – mithilfe von einem Buch – möglich über die Gesellschaft eines so fremden Landes zu erfahren. Dass Jan-Philipp Sendker in seinem Buch nicht nur eine einzelne Person vorstellt, sondern gleich zwölf, hat mir die Entscheidung sehr einfach gemacht. Diese zwölf Personen stammen alle aus zumeist unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten und haben die verschiedensten individuellen Hintergründe, was einen breiten Überblick über die Gesellschaft Chinas ermöglicht. Besonders spannend hierbei war für mich die Frage inwieweit diese verschiedenen Personen von den wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen ihres Landes betroffen sind und wie diese damit umgehen. Eine weitere Motivation für mich war, dass ich Tipps im Hinblick auf die zwischenmenschliche Kommunikation mit Chinesen sammeln wollte. Da der Autor Deutscher ist und seine Recherchen auf direkten Interviews und Begleitungen durch den Alltag basieren, war ich sehr optimistisch nicht enttäuscht zu werden.

Inhalt des Buches
Jan-Philipp Sendker bereiste im Zeitraum von 1995-1999 verschiedenste Regionen Chinas und sammelte durch Interviews die notwendigen Informationen und Eindrücke für das vorgestellte Buch. Hierbei begleitete er zwölf Menschen unterschiedlichster gesellschaftlicher und regionaler Herkunft durch Ihren Alltag. Sofern es von den Menschen erwünscht war ließ er sich zeigen was den entsprechenden Personen wichtig war, wie sie lebten, wo sie herkamen und befragte sie nach Ihrer Vergangenheit, den Plänen für die Zukunft und deren Träumen. Teilweise begleitete der Autor die Menschen über Monate und teilweise lediglich über Tage oder – im Falle von den Parteimitgliedern – nur einige Stunden.
Die Gemeinsamkeit aller betrachteten Lebensgeschichten ist die auffällige Beeinflussung des Lebens durch Staat, Gesellschaft und Wirtschaft. Zumeist sind die in dem Buch geschilderten Geschichten das Ergebnis von tiefgreifenden strukturellen Veränderungen des chinesischen Alltags durch jüngste Entwicklungen auf staatlicher bzw. wirtschaftlicher Ebene. Geschichten wie die des wirtschaftlich aufstrebenden Rechtsanwalts, des um die Ausbeutung der chinesischen Umwelt bekümmerten Umweltaktivisten oder der Gründerin der ersten Travestie-Tanzgruppe wären vor noch dreißig Jahren undenkbar gewesen. Sie alle gründen auf der langsamen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Öffnung oder – je nach Ansicht – Rückzugs der Kommunistischen Partei aus den Privatleben der chinesischen Bevölkerung. Geschichten, die dem „Amerikanischen Traum“ gleichen, sind nun möglich, Freiräume für Journalismus, Umweltschutz, Wissenschaft, Kunst und freie Auslebung der sexuellen Identität erscheinen plötzlich möglich und geschehen wirklich – allerdings in der chinesischen Version. Sendker schildert durch die Portraits der einzelnen Personen eindringlich die noch immer tiefgreifenden Tentakel der Partei. So gibt die Partei mittlerweile zunehmend Spielraum für Individualität frei – behält sich aber vor jederzeit einzugreifen.

Jährliche Lizensierungen von bürgerlichen Vereinigungen wie Umweltschutzvereinen, keine ausdrückliche Erlaubnis – jedoch Duldung – von „Schwulenbars“ mit Auftritten von Travestiekünstlern und oft wechselnde, widersprüchliche Gesetze für Unternehmen machen den gewonnenen Freiraum zu einem auf wackligen Beinen stehenden Privileg. Ganze Organisationen, zaghafte Versuche von bürgerlichen Bewegungen und Wirtschaftszweige sind von Launen der Partei abhängig. So sind gewisse Aktionen von Umweltschutzvereinen geduldet, so lange sie – nach der Einschätzung der Partei – nicht zu kritisch sind. Bei einer direkten Kritik oder Einmischung von Umweltschutzvereinen oder Zeitungen ist ein Verbot bzw. das Auslaufen der Lizenz vorprogrammiert. Somit stehen diese jeden Tag vor einem Drahtseilakt und können sich nie sicher sein, ob ihre Organisation nicht morgen schon Geschichte ist.

Auch die Leidtragenden der Entwicklungen der letzten Jahre lässt Sendker nicht außen vor. Er schildert das Schicksal einer Wanderarbeiterin, die als junges Mädchen alleine in die Stadt zog um Geld für ihre Familie zu verdienen, sehr eindringlich. Nach einigen Jahren voller Entbehrung und harter Arbeit findet sie nach Monaten ohne Auszahlung ihres Gehalts keinen Anschlussjob und muss als Tänzerin in einem Nachtclub anfangen. Familien, die aufgrund der unwirtschaftlichen staatlichen Fabriken in die Armut abrutschen und wegen fehlendem sozialen Netz hungern und frieren müssen, werden dargestellt. Eine Prostituierte, die gezwungen ist zur Finanzierung ihres Studiums anzuschaffen, wird durch ihren Alltag begleitet und vorgestellt.

Da es sich um zwölf eigenständige Geschichten handelt, die unabhängig voneinander gelesen und verstanden werden können, möchte ich im Folgenden eine herausnehmen und abschließend genauer vorstellen. Meiner Meinung nach zeigt diese die politische und wirtschaftliche Öffnung der Kommunistischen Partei sehr gut und gibt Einblick in staatliche Großbetriebe, den wirtschaftlichen Boom zu Anfang der neunziger Jahre und den Einfluss lokaler Behörden auf die von Ihnen verwaltete Privatwirtschaft.
Wir befinden uns in den achtziger Jahren in einem chinesischen Staatsbetrieb der Stahl herstellt. Xiao Ming wohnt zusammen mit seinen Eltern und einer kleinen Schwester auf dem Fabrikgelände – zusammen mit 150.000 weiteren Einwohnern. Insgesamt arbeiten 40.000 Menschen für den Staatsbetrieb. Das Firmengelände umfasst zwei Schulen, Krankenhäuser, viele Geschäfte und sogar einen eigenen Fernsehsender. Xiao Mings Eltern arbeiten hier seit dreißig Jahren voller Stolz und wünschen sich, dass ihr Sohn bis zu seiner Pension für die Firma arbeitet. Doch dieser hat andere Pläne. Er möchte Privatunternehmer werden und verlässt die Firma im Jahre 1992. Nach den niedergeschlagenen Studentenaufständen am 4. Juni 1989 verfiel China in eine politische und wirtschaftliche Schockstarre. Deng Xiaoping löste diese 1992 auf indem er durch das Land reiste und Eigeninitiative und Mut von der Bevölkerung forderte. Ein nie zuvor gesehener Wirtschaftsboom war die Folge dessen. Stahl wurde überall benötigt, den Unternehmen jedoch nur ein gewisses Kontingent zu festen, niedrigen Preisen zugewiesen. Da viele Unternehmer kein Interesse hatten ihren Stahl bei explodierender Nachfrage zu einem künstlich niedrig gehaltenen Preis zu verkaufen, blühte der Schwarzmarkt auf. Xiao Ming verdiente viel Geld durch seine Kontakte in die Stahlbranche und die Vermittlung von Deals zwischen Unternehmern. Im Anschluss baute er aufgrund seiner Familie und guten Kontakten zu lokalen Behörden eine Textilfirma in der Nähe seiner alten Heimat. Er erhielt alle notwendigen Genehmigungen in vier Wochen anstatt vier bis sechs Monaten und zusätzlich drei Jahre Steuerfreiheit. Nichts destotrotz fühlt er sich nicht sicher. Laut Xiao ist er auf das Wohlwollen der lokalen Behörden angewiesen. Diese helfen ihm nur so lange er ihnen von Nutzen ist. Aufgrund dessen trifft er persönliche Sicherheitsmaßnahmen indem er Geld in Sicherheit – bzw. das Ausland – bringt und versucht seinen Töchtern die amerikanische Staatsbürgerschaft zu verschaffen. Diese gehen auf ein privates Internat, das Kreativität fördert und der westlichen Bildung ähnlicher ist als der chinesischen. Xiao ist nichtsdestotrotz dankbar und gibt der Gesellschaft durch Arbeitsplätze und Spenden etwas zurück. Arbeiter verdienen in seiner Fabrik dreimal so viel wie in den maroden Staatsbetrieben, müssen aber auch „doppelt so viel arbeiten“. Dies ist seiner Meinung nach das Problem der chinesischen Staatsbetriebe. Da es keinerlei Anreiz gebe sich und seine Arbeitsperformance zu verbessern geht es den Betrieben schlecht. Gute Arbeit soll seiner Meinung nach gut bezahlt werden. Zusätzlich nimmt er an Spendenveranstaltungen teil und teilt seinen Reichtum. Hierfür wird er von einem anwesenden Parteisekretär gefeiert. Dieser fordert, dass die Gesellschaft sich selbst um sich kümmern solle und einander geholfen werden solle. Der Rückzug der Partei hat nicht nur ideologische Leere in vielen Menschen hinterlassen, sondern auch ein fehlendes Netz für Menschen, die auf die Hilfe der Gesellschaft angewiesen sind. Noch vor einigen Jahren würden private Unternehmer als Wohltäter für die Gesellschaft von der Partei als Wegbereiter für den Kapitalismus verhaftet werden würden – heute heißt die Kommunistische Partei sie willkommen…

Fazit
Meine zu Anfang geschilderten Erwartungen wurden größtenteils erfüllt. Die Vorstellung verschiedenster Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten hat mir den Überblick über die chinesische Gesellschaft gegeben, den man von einem Buch erwarten kann. Alle vorgestellten Personen waren höchst individuell doch stehen sie mit ihren Geschichten für zahlreiche ähnliche Lebensgeschichten. Besonders gut gefiel mir, dass zahlreiche Randinformationen zu Gesellschaft, Geschichte und Wirtschaft gegeben wurden. Das bloße Erzählen dieser Geschichten ohne Einordnung in den Gesamtkontext wäre zwar auch sehr lebendig und spannend, jedoch nicht so lehrreich. Der Schreibstil ist durch die vielen direkten Zitate und kurzweiligen Schilderungen der Situationen sehr lebendig und es macht durchweg Spaß dem Text zu folgen. Oft wünscht man sich, dass die für einen persönlich besonders spannenden Geschichten noch etwas länger wären.
Nicht so gut gefallen hat mir, dass fast ausschließlich sehr ungewöhnliche Menschen portraitiert wurden. Dies macht die Geschichten zu einem gewissen Grad spannend und einzigartig, hilft aber nicht wirklich bei der Vorbereitung auf ein Auslandssemester, da man solch Menschen wahrscheinlich nicht so oft begegnen wird. So war es zum Beispiel der bekannteste Umweltschützer des Landes, ein Staranwalt aus dem Finanzdistrikt Pu Dong in Shanghai, der homosexuelle Gründer der ersten Drag-Queen Travestie-Tanzgruppe des Landes oder die berühmteste Psychologin des Landes.

Ich hätte mir gewünscht, dass auch gewöhnliche Lebensgeschichten von beispielsweise der rapide wachsenden Mittelschicht vorgestellt werden würden. Zwar sind deren Geschichten wahrscheinlich nicht so extrem und außergewöhnlich, dafür stehen sie aber beispielhaft für das Leben von mehr Menschen insgesamt und vor allem für Lebensgeschichten, auf die man eventuell selbst in China treffen könnte. Ein weiterer Punkt ist, dass ich das Gefühl hatte, dass der Autor entweder durch die Auswahl der Personen oder durch persönliche Wertungen fast immer negative Aspekte gesucht, gefunden und ausgeführt hat. Es ist allerdings auch möglich, dass dies durch seine westliche Abstammung und der damit verbundenen subjektiven Blickweise zum Ausdruck gekommen ist oder ich es nur persönlich so aufgefasst habe. Abschließen möchte ich mit einem Zitat, das dieses Dilemma treffen beschreibt: „Das große Missverstehen der chinesischen Sitten beruht darauf, dass wir ihr Verhalten nach unseren Maßstäben beurteilen“ – Voltaire, 18. Jahrhundert.

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43 Responses to Risse in der Großen Mauer – Gesichter eines neuen China

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  43. scheibnerl says:

    Hallo Alex,

    auch du hast ein Buch gewählt, dass die Schicksale verschiedener Personen in China schildert und somit ein Verständnis für die Menschen aus unterschiedlichen Schichten und Regionen schafft.

    Die Besonderheit an deinem Buch ist für mich, dass es sich verstärkt mit dem Einfluss des Staates, der Gesellschaft und Wirtschaft auf das Leben der Menschen beschäftigt. Es wird deutlich in welchem Drahtseilakt sich die interviewten Protagonisten befinden – ständig in Angst davor, ihre Organisation / ihr Unternehmen zu verlieren.

    Auch die Geschichte des Xiao Ming finde ich gut gewählt. Sein Schicksal zeigt deutlich wie sehr er von den Launen der lokalen Behörde abhängig ist. Es zeigt aber auch, welcher Maßnahmen ergriffen werden können, um sich zu einem gewissen Maße abzusichern (amerikanische Staatsbürgerschaft für seine Töchter, internationale Schulen, Geldtransfer, etc.).

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