Wovon wir träumten – Julie Otsuka

Details zum Buch:
Titel: Wovon wir träumten
Originaltitel: The Buddha in the Attic
Autorin: Julie Otsuka
Erscheinungsjahr: 2011
Seitenzahl: 160 Seiten
Verlag: Wilhelm Goldmann Verlag, München
Sprache: deutsch
ISBN: 978-3-442-47968-9
Preis: 8,99 Euro

Über die Autorin:Otsuka
Julie Otsuka ist 1962 in Kalifornien geboren und aufgewachsen. Heute lebt sie in New York City. Ihr zweiter Roman Wovon wir träumten wurde 2012 mit dem PEN / Faulkner Award ausgezeichnet und ist ihr erster Roman, welcher auf Deutsch erschienen ist. Besonders an ihrem Roman ist – vor dem Hintergrund, dass Otsuka eine Amerikanerin mit japanischer Herkunft ist – dass dieser das Schicksal japanischer Einwanderer nach Amerika in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schildert.

Motivation:
Meine Motivation das Buch zu lesen war, dass sich der Roman mit der Immigration von Japan nach Amerika beschäftigt und man somit viel über die japanische Kultur und Geschichte ab 1920 lernen kann. Des Weiteren stellt der Roman glaubwürdig dar, mit welchen Herausforderungen sich Menschen in einer neuen Kultur konfrontiert sehen. Auch wenn der Roman vor knapp 100 Jahren spielt, gibt es viele Parallelen zwischen der Handlung und heutiger Immigration bzw. Auslandsaufenthalten (Träumereien und Ängste vor dem Unbekannten, Sprachbarrieren, Kennenlernen und Annehmen neuer Bräuche und Sitten, etc.). Faszinierend fand ich auch, dass die Autorin selbst eine japanische Einwanderin ist sowie auf viele historische Quellen zugegriffen hat, weshalb der Roman sehr glaubwürdig wirkt. Neben dem Thema der Immigration fand ich es außerdem gut, dass die Rolle der Familie thematisiert wird, da dieses seit einigen Jahren in Japan sehr stark diskutiert wird. Während in dem Roman noch das traditionelle Rollenverhältnis innerhalb der Familie betrachtet wird, steht das moderne, heutige Japan vor Problemen wie bspw. dem demografischen Wandel, welcher durch die veränderte Rolle der Frau (Arbeit statt Familie) gefördert wird.

Aufbau und Inhalt:
Der Roman gliedert sich in insgesamt 8 Kapitel. Jedes Kapitel beschreibt eine Etappe im Leben junger Japanerinnen – den Protagonistinnen des Romans. Die japanischen Frauen sind zu Beginn des 20 Jahrhunderts nach Kalifornien gereist, um dort lebende japanische Einwanderer zu heiraten. Aufgrund des Erzählstils in der „Wir-Perspektive“ schafft es die Autorin Julie Otsuka die Schicksale mehrere Frauen zu beschreiben – von der Ankunft in einem ihnen fremden Land, ihrer Arbeit als Feldarbeiterinnen oder Hausmädchen „weißer Familien“, der Gründung einer eigenen Familie, dem Leben in fremden Sitten und Bräuchen, den sprachlichen Schwierigkeiten und Barrieren, aber auch ihrer gesellschaftlichen Isolation nach dem Angriff japanischer Streitmächte auf Pearl Harbor. Die Erzählungen der Gegenwart in den USA werden dabei immer wieder durch Rückblenden und Träumereien des vorherigen Lebens in Japan unterbrochen. Durch diese wird die japanische Kultur immer wieder eingebracht und ein Bezug zwischen beiden Kulturen hergestellt.

Der Roman beginnt damit, dass geschildert wird, wie die Gruppe junger Japanerinnen auf einem Schiff nach Kalifornien, USA, reist. Sie versprechen sich dort ein Leben in besseren Verhältnissen zu führen und wagen deshalb den Schritt in eine ihnen unbekannte „Welt“. Als sogenannte „Picture Brides“ kennen sie ihre zukünftigen Ehemänner nur von Fotos, weshalb ihre Spekulationen über ihr zukünftiges Leben und Amerika anfangs sehr groß sind. Insbesondere während der Überfahrt nach Amerika wird deutlich, wie groß ihre Spannung und Träume, aber auch Ängste, auf eine neue und unbekannte Kultur sind. Bis dato kennen die Frauen Amerika nur aus Erzählungen und sie beschäftigen sich mit den Fragen: „Ist es in Amerika wirklich so anders?“, „Wie kann ich mit den kulturellen Unterschieden umgehen?“

Als die Frauen schließlich in den USA ankommen, macht sich die Ernüchterung schnell breit. Die ihnen versprochenen gutaussehenden und wohlhabenden Männer entpuppen sich als ärmliche, ältere Männer. Statt einem Seidenhändler steht ein Obstpflücker am Pier und erwartet „seine japanische Frau“. Es folgt ein Leben voll schwerer Arbeit auf dem Acker oder als Hausmädchen amerikanischer Familien. Selbst Jahre nach der Überfahrt sind viele der Frauen nicht in der Lage mehr als einzelne englische Worte zu sprechen, weshalb eine Kommunikation unmöglich ist. Auch die Gründung einer eigenen Familie zeigt sich als außerordentlich schwierig – Söhne und Töchter, welche nach japanischen Traditionen leben sollen, wenden sich lieber dem amerikanischen Lebensstil zu und verleugnen ihre Herkunft („Lieber Baseball als Buddhismus“). Als schließlich Pearl Harbor im Jahr 1941 angegriffen wird, werden japanische Immigranten in den USA für Dinge verantwortlich gemacht, von welchen sie gar nichts verstehen. Der Roman endet schließlich mit der Internierung der in Amerika lebenden Japaner.

Sprache und Stil:
Der Roman ist in der Wir-Perspektive geschrieben, sodass verschiedene Sichten und Erlebnisse der Japanerinnen geschildert werden können. Dadurch, dass es nicht nur eine Protagonistin gibt, können die verschiedenen Schicksale erzählt und sowohl positive als auch negative Aspekte der Immigration beleuchtet werden. Des Weiteren beginnen viele Sätze genau gleich („Wir träumten…“, „Wir träumten…“), was der Handlung eine Schnelligkeit verleiht. Diese beiden Merkmale führen dazu, dass der Roman sprachlich und stilistisch einzigartig ist.

Abschließende Bewertung und Fazit:
Der Roman stellt die japanische Geschichte und Kultur sehr facettenreich dar. Gut gefallen hat mir dabei, dass die Lebenssituationen der Japanerinnen sehr vielfältig beleuchtet werden. Dies liegt daran, dass der Roman von verschiedenen Charakteren und Schicksalen handelt. Das Ende des Romans – die Zeit nach dem Angriff auf Pearl Harbor – hätte meiner Meinung nach jedoch noch etwas umfangreicher geschildert werden können, da mich diese einschneidende Zeit der Geschichte besonders interessiert.
Die Rückblenden und Träumereien der Protagonistinnen von Japan geben dem Leser einen sehr guten Eindruck vom Japan des 20. Jahrhunderts und stellen die Unterschiede zur westlichen Welt sehr gut dar. Dies hat mir sehr gut gefallen, auch wenn die Rückblenden meiner Meinung nach noch öfters und ausgedehnter hätten stattfinden können, um dem Leser noch mehr Informationen über Japan zu vermitteln.
Gut gefallen hat mir des Weiteren, dass die Autorin Julie Otsuka von realen Schicksalen schreibt. Dies zeigt sich durch die lange Liste an historischen Quellen am Ende des Romans.

Insgesamt hat mir der Roman gut gefallen. Meiner Meinung ist es ein Roman, welcher sich gut lesen lässt und eher zur „leichten Kost“ gehört. Dies liegt daran, dass im Roman keine überraschenden Wendungen vorkommen, es keine Spannungskurve gibt und die Sprache leicht verständlich geschrieben ist. Generell empfehle ich somit das Buch jedem weiter, der gerne Erzählungen über das Leben und Schicksal Japanerinnen lesen möchte, aber keinen großen Wert auf überraschende Wendungen und Geschehnisse legt.

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2 Responses to Wovon wir träumten – Julie Otsuka

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  2. weidenkellerm says:

    Hallo Lisa,

    thematisch hast du dir ein sehr spannendes Werk ausgesucht. In Wovon wir träumten wird nicht die Geschichte der Protagonistinnen in ihrem Herkunftsland erzählt, sondern in einem fremden. Ich finde es sehr ergreifend, dass die japanischen Frauen bis zu ihrer Ankunft in Kalifornien ihre zukünftigen Männer nur von den strahlenden Fotos der Heiratsvermittler kennen, nur eine äußerst vage Vorstellungen vom Zielland haben und daher im größtenteils negativen Sinne überrascht werden: Statt erfüllter Träume erwartet sie harte Arbeit. Statt wohlhabender Traummänner verarmte Arbeiter. Sie finden sich nur schwerlich in der fremden Kultur zurecht und werden nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor erneut zu Außenseitern.

    Das faszinierende an dem Buch scheint der Schreibstil Otsukas zu sein. So stellt sie die Schicksale der Frauen aus der Wir-Perspektive dar und gibt den Frauen somit eine gemeinsame Stimme. Ein Effekt der dazu führt, dass die Schicksale der Japanerinnen den Leser stärker. Durch die kollektive Perspektive, wird der Fokus nicht auf ein Einzelschicksal gelegt, sondern auf das Schicksal vieler Japanerinnen. Sicherlich trägt diese Erzählform auch dazu bei, dass keine richtige Spannung erzeugt wird, zumal die Geschichten nüchtern und undramatisch präsentiert werden. Doch gerade diese Nüchternheit, das Undramatische macht die Tragik dieser Leben sicherlich deutlich.

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