Blickwinkel auf China

Blickwinkel auf China: 1275 – 1900 – 2014
Diese Rezension analysiert die Geschichten von drei Europäern, welche in China leben
oder gelebt haben, um dort zu arbeiten. Ziel dieser Rezension ist es, die Gemeinsamkeiten
und Unterschiede in der Wahrnehmung der fremden Kultur herauszuarbeiten.

Die Bücher:

1. “Marco Polo – Der Besessene”

Marco Polo

 

 

 

 

 

 

 

Typ: Historischer Roman
Autor: Gary Jennings
Erscheinungsjahr: 1984
Seitenzahl:1030
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-596-16523-0
Preis: 9,95€

2. “Die Rebellin von Shanghai”

Die Rebellin von Shanghai
Typ: Historischer Roman
Autor: Tereza Vanek
Erscheinungsjahr: 2013
Seitenzahl: 680
Verlag: Bookspot Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-937357-81-2
Preis: 17,95€

3. “Überleben unter 1,3 Milliarden Irren”
Überleben unter 1,3 Milliarden Irren
Typ: Taschenbuch
Autor: Jan Aschen
Erscheinungsjahr: 2014
Seitenzahl: 256
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-453-60277-9
Preis: 8,99€

Die Autoren

1. “Marco Polo – Der Besessene”
Gary Jennings wurde am 20.09.1928 in Virginia, USA geboren. Er studierte an der
Art Students League of New York und war als Werbetexter tätig.Für seine Teilnahme
am Korea Krieg wurde er mit dem Bronze Star ausgezeichnet. Nach der Rückkehr in
die USA arbeitete er als Journalist und fing an zu schreiben. Das Hauptaugenmerk
legt er auf historische Romane und Kinderbücher. Gary Jennings ist am 13. März 1999
in New Jersey verstorben.

2. “Die Rebellin von Shanghai”
Tereza Vanek wurde im Jahr 1966 in Prag geboren und entdeckte schon früh die
Faszination am Schreiben. Nach einem Studium der Anglistik, Romanistik und Slawistik
und arbeitete nach ihrer Promotion als Fremdsprachenlehrerin im Ausland. Nach diversen
weiteren Nebenbeschäftigungen veröffentlichte sie 2007 ihren ersten Roman.

3. “Überleben unter 1,3 Milliarden Irren”
Jan Aschen wurde 1973 geboren und arbeitet in der Marketingbranche. Seit 2010
lebt er mit seiner Frau in China und schreibt einen Blog über sein Leben dort.
Seine Eindrücke von China und den Chinesen fasst er in seinem Taschenbuch zusammen.

Inhalt

1. “Marco Polo – Der Besessene”
Das Buch erzählt die Geschichte der Reisen von Marco Polo. Marco Polo ist als Sohn
einer Handelsfamilie in Venedig aufgewachsen, muss jedoch aus Venedig fliehen,
da er des Mordes verdächtigt wird. So begibt er sich mit seinem Vater und seinem
Onkel auf eine Handelsreise quer durch Eurasien. Auf dem Weg lernt er zahlreiche
fremde Kulturen kennen. Sein Ziel ist jedoch China, welches zu der Zeit von den
Mongolen regiert wird. Dort macht er den “Kubilai Kahn” auf sich aufmerksam, welcher
neben China auch über einen Großteil Asiens herrscht. Diesem Kahn dient er in den
folgenden Jahren als Präfekt und Berater und reist durch China, um in seinem Namen
Amtshandlungen auszuführen. Er heiratet eine chinesische Frau, welche jedoch nach einigen
Jahren im Kindbett stirbt. Daraufhin machen sich sein Vater, Onkel und er auf einen
mehrere Jahre dauernden Heimweg, da ihr Schutzpatron – der Khan – mittlerweile sehr
alt geworden ist und nach seinem Tod Umstürze zu befürchten sind. Sie erreichen Venedig
und Marco Polo wird aufgrund seiner abenteuerlichen Geschichten umworben, aber auch
als Lügner dargestellt. Seine Geschichten lässt er niederschreiben, nachdem er in
Kriegsgefangenschaft geraten ist und dadurch viel Zeit hat sie einem Schreiber zu diktieren.

2. “Die Rebellin von Shanghai”
Dieses Buch handelt von zwei Frauen, welche China zur Zeit des Boxerauftands erleben. Charlotte ist eine von einer Europäerin adoptierte Chinesin, welche in Shanghai lebt. Als sie sich jedoch in einen Europäer verliebt, werden die gesellschaftlichen Unterschiede deutlich und sie flieht  mit einem Trupp spätere Boxer nach Peking, um ihre Herkunft zu ergründen und ihre Mutter zu finden. Im Rahmen dieser Rezension soll der Schwerpunkt jedoch auf der zweiten Protagonistin liegen: Elsa Skerpov muss nach einer Anklage wegen Diebstahls aus Deutschland fliehen. Sie reist nach Shanghai zu Viktoria (Charlottes Mutter) um ein neues Leben zu beginnen. Nach einiger Zeit erhält sie die Möglichkeit in Peking an der deutschen Botschaft als Schreibkraft tätig zu werden. Sie nimmt diese Gelegenheit war und verspricht Viktoria, nach Charlotte zu suchen, welche irgendwo in Peking vermisst wird. Nach ihrer Ankunft in Peking beendet der Boxeraufstand das normale Leben im internationalen Gesandtschaftsviertel. Chinesische Rebellen belagern das Viertel und es wird ständig gekämpft. In diesem Ausnahmezustand leben alle Gesandtschaften auf engstem Raum in einer gut zu verteidigenden Botschaft. Während eines Waffenstillstands erwischt Elsa einen Kollegen beim Diebstahl, dieser sieht Elsa und schlägt sie nieder. Sie wacht mitten im Chaos der Stadt auf und wird durch das Eingreifen eines ihr bekannten Chinesen der Oberschicht gerettet. Sie verliebt sich in ihn und die zwei planen vorsichtig ein gemeinsames Leben. Doch auch diese Idee wird durch einen Trupp europäischer Soldaten zerstört, welche ihren Geliebten bei der Befreiung des Gesandschaftsviertels
trotz seiner hohen Stellung und Friedfertigkeit als Aufständischen betrachten und verprügeln und erniedrigen.

3. “Überleben unter 1,3 Milliarden Irren”
In diesem Buch wird das Ankommen und Einleben eines Europäers in China beschrieben.
Das Buch folgt einer Folge von Phasen, welche in einem neuen Land durchlebt werden:
1. “Ist das toll hier!” 2. “Habt ihr sie eigentlich noch alle?” 3. “Drollig!” 4. “Zurückgehen wird schwierig”
Zu jeder dieser Phasen berichtet der Autor Geschichten und Besonderheiten aus seinem
Leben in Shanghai. Dort lebt er mit seiner Frau und diversen Haustieren in Shanghai und
arbeitet in einer internationalen Firma als Marketingexperte.

Vergleich

Im Folgenden sollen die verschiedenen Schicksale und Blickwinkel von Marco Polo, Elsa Skerpov und Jan Aschen in den verschiedenen Epochen 1275 – 1900 -2014 verglichen werden. Dies geschieht anhand einzelner Aspekte, welche sich in jedem Buch wiederfinden.

Wohnen
Marco Polo residiert meist im Palast des Kubilai Khan, lernt auf seinen Reisen und in den
Provinzen jedoch die Wohnformen und Eigenarten vieler Gegenden kennen. Elsa Skerpov lebt für eine Zeit bei einer chinesischen Familie in einem separaten Zimmer, findet hier jedoch nur sporadischen Anschluss und muss bei Beginn der Aufstände in die Gesandtschaft ziehen. Jan Aschen lebt in einer abgeschotteten Expat-Siedlung, in welcher nur internationale Familien leben. Kontakt zur “echten” Stadt bekommt er nur außerhalb seines Wohngebietes.

China als Völkerstaat
Alle drei Protagonisten nehmen China als Land sehr verschieden wahr. Marco Polo sieht China zuerst als ein Land, welches nur ein Teil des Herrschaftsgebietes der Mongolen ist. Er stellt  jedoch auf seinen Reise schnell fest, dass das Land aus einer Vielzahl verschiedener Völker besteht. Nach einigen Jahren ist er auch in der Lage diese zu Unterscheiden und Besonderheiten der einzelnen Völker zu nennen. Elsa Skerpov sieht China hingegen aus einer sehr eingeschränkten Perspektive. In den europäischen Vierteln begegnet Sie hauptsächlich hohen Beamten und nur wenigen normalen Einheimischen. Daher zeigt sie außer der Unterscheidung Beamter – Rebell – Arbeiter keine
weiteren Erkenntnisse zu den verschiedenen Volksgruppen. Jan Aschen berichtet ebensowenig über seine Wahrnehmung des Landes als Vielvölkerstaat. Er kennt hauptsächlich Arbeitskollegen und die Verwalter seines Hauses.

Arbeitswelt
Sowohl Marco Polo als auch Jan Aschen stellen Besonderheiten bei der Arbeit unter Chinesen fest. Sie bemerken, dass es teilweise als klug und gut gilt einen Geschäftspartner trickreich “übers Ohr zu hauen”. Jan Aschen ist hier sehr pauschal und sieht dies aus einer deutschen Perspektive sehr negativ. Marco Polo ist durch seine Kenntnisse diverser Kulturen weniger geschockt. Beide berichten von sehr unterschiedlichen Sitten, welche dass Arbeitsleben beeinflussen. Jan Aschen wundert sich über den Brauch des “Gesichts”, dass man verlieren, gewinnen, verbessern…. kann und das allgegenwärtige
Guanxi. Diese Bräuche schildert Marco Polo weniger, da das Mongolenreich ihn in eine Sonderstellung hebt. Stattdessen hat er mit Palastintrigen zu kämpfen. Elsa Skerpov arbeitet nahezu vollständig mit Europäern zusammen und bekommt so sehr wenige Einblicke in die Arbeitswelt der Chinesen.

Sprachen
Marco Polo lernt auf seinen Reisen mehrere Sprachen in ihren Grundzügen. In China benutzt er zu Kommunikation mit den herrschenden Mongolen Mongolisch. Chinesisch lernt er nur die Grundlagen, für den täglichen Gebrauch. Elsa Skerpov beherrscht Deutsch und Englisch in Teilen. Mit der chinesischen Sprache kommt sie erst im Zuge
der Aufstände näher in Kontakt, als sie sich in einem chinesischen Haushalt verstecken muss. Hier lernt sie einige Wörter und lehrt den Chinesen einige deutsche Wörter im Gegenzug. Für das Leben in der Gesandtschaft benötigt Sie diese Kenntnisse jedoch nicht. Jan Aschen hat trotzdem er seit vier Jahren in China lebt kein Chinesisch gelernt.
Der Umgang mit dem Großteil der Bevölkerung ist somit sehr schwierig und er ist oft auf Hilfe angewiesen.

Chinabild des Protagonisten
Marco Polo hat aufgrund seiner Unterscheidung der chinesischen Volksgruppen ein sehr differenziertes Bild der Chinesen. Einige Völker verachtet er ob ihrer Untätigkeit, Schmutzigkeit und aus seiner Sicht sinnfreien religiöser Gebräuche. Dem Großteil der Bevölkerung ist er jedoch positiv eingestellt. Elsa Skerpov hat in der bedrückenden Lage des Aufstands natürlich eine schwieriges Bild der Bevölkerung, doch trotz der Umstände
ist sie dem chinesischen Volk verbunden, ihrer Gastfamilie gegenüber sehr hilfsbereit und offen und verliebt sich sogar in einen Chinesen. Angst und Ablehnung empfindet sie lediglich gegenüber den Auständischen, die gewalttätig
werden.

Kritik

Stil der Autoren
Der Text aller drei Autoren lässt sich flüssig lesen. Gary Jennings schafft es am Besten Detailreichtum und Spannung zu kombinieren. Bei Tereza Vanek plätschert die Handlung hingegen teilweise langwierig dahin und verliert so an Spannung. Jan Aschen schreibt sehr kurzweilig und provokant und erhält die Aufmerkamkeit des Lesers so durchgängig aufrecht. Die Geschichten aus seinem leben erhöhen ebenfalls das Interesse weiterzulesen. Ein großer Nachteil des Buches sind jedoch sehr viele Wiederholungen in nächsten Kapiteln, sodass teilweise über mehrere Absätze nichts neues berichtet wird. Darüber hinaus gelingt es ihm nicht, seine angestrebte Vierteilung in die Phasen des Ankommens in einem neuen Land sinnvoll mit den erzählten Geschichten in Einklang zu bringen.

Historische Korrektheit
Gary Jennings’ Geschichte basiert theoretisch auf den Aufzeichnungen Marco Polos, entspräche also sehr genau den historischen Tatsachen. Über diese Frage streitet sich die Wissenschaft jedoch heute noch. Tereza Vanek stützt ihren Roman auf eine Recherchereise und die Aufzeichnungen aus Tagebüchern der Belagerten, schreibt demzufolge auch sehr detailgenau und historisch korrekt. Jan Aschen schreibt aus seiner eigenen Perspektive,
seine Ausführungen sind demnach korrekt.

Fazit
Da es sich um sehr unterschiedliche Bücher aus sehr unterschiedlichen Epochen handelt, sind große Abweichungen zu erwarten gewesen. Im Stil der Bücher und den Geschichten der einzelnen Protagonisten sind diese Unterschiede auch deutlich hervorgetreten. Gemeinsamkeiten gibt es jedoch im Hinblick auf die Lebenssituaton der Protagonisten:
Alle leben mehr oder weniger losgelöst von der einheimischen Bevölkerung. Jan Aschen sehr extrem, Marco Polo gliedert sich nach einigen Jahren teilweise ein. Alle drei erfahren wesentliche Unterschiede zwischen den Kulturen und haben mit diesen zu kämpfen. Jedoch können auch alle drei der chinesischen Kultur etwas Positives abgewinnen und
lassen sich von den Unterschieden nicht sofort abschrecken.

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39 Responses to Blickwinkel auf China

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  39. weidenkellerm says:

    Deine Idee, einen Vergleich von drei Büchern im Rahmen des ASBE Literaturforums durchzuführen, finde ich originell . Du begründest deine Motivation damit, dass du verschiedene Schicksale und Blickwinkel in den Epochen 1275 – 1900 -2014 einander gegenüberstellen möchtest. Jedoch wird mir nicht eindeutig, warum du gerade Marco Polo – Der Besessene, Die Rebellin von Shanghai und Überleben unter 1,3 Milliarden Irren ausgewählt hast. Schließlich gibt es eine Vielfalt an Büchern, die gerade diese Epochen in China thematisieren bzw. die Handlung zu dieser Zeit stattfindet.

    Da die drei Bücher verschiedenen Genres und unterschiedlichen Epochen entstammen waren große Unterschiede bereits zu erwarten. Interessant finde ich vor allem die Gemeinsamkeit, die sich durch den Vergleich herauskristallisiert hat: Die Figuren aus den Büchern sind alle in der Lage mehr oder weniger losgelöst von der einheimischen Bevölkerung zu leben und kämpfen sich durch die Kulturunterschiede. Dass dies all den verschiedenen Protagonisten möglich ist, ist sicherlich aufbauend für die Studierenden, die ihr Semester in China verbringen werden.

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