Buchrezension: Laoste – Tao te king

9783866474659_IN01_mlDie Buchdetails:

Titel: Tao te king – Das Buch vom Sinn und Leben
(Chinesisch 道德經 / 道德经, Pinyin: Dào Dé Jīng)
Autor: Laotse (Chinesisch: 老子, Pinyin: Lǎozǐ)
Übersetzer: Richard Wilhelm
Verlag: Anaconda (28. Februar 2010)
Erscheinungsjahr: unbekannt (Schätzung: 4. Jhd.v.Chr.)
Seitenzahl: 153
ISBN – 10: 386647652
ISBN – 13: 978-3866474659
Größe: 13,1 x 2 x 19,4 cm
Preis: 4,95 €

 


Die Motivation:

Der Daoismus (oftmals auch Taoismus geschrieben) ist neben dem Konfuzianismus und dem Buddhismus eine der drei großen Lehren (三教, sānjiào), die maßgeblich das Land China noch heute weitestgehend prägen. Gerade ungeschriebene Gesetzte, antike Weisheiten und aphoristische Denkweisen sind in der chinesischen Kultur tief verankert. Um die Menschen im Reich der Mitte zu verstehen (und somit auch rund 1,4 Milliarden Menschen auf der Welt zu verstehen) sollte man sich mit ihrer Philosophie auseinandersetzten – so waren zumindest meine Gedanken, als ich mich dafür entschied, das Werk von Laotse spontan an einem Samstagnachmittag in einer Buchhandlung zu erwerben – damals noch ohne zu wissen, dass es mich tatsächlich schon so bald nach China verschlagen wird.

Das Buch hatte bereits von Weitem meine Aufmerksamkeit erlangt. Zum einen hatte das Buchcover eine sehr beruhigende Wirkung auf mich und zum anderen wusste ich, dass es zu einer der meist übersetzten Werke der Weltliteratur angehört und daher wollte ich die Chance nutzen, um mir einen Einblick in den Klassiker zu verschaffen.


Der Autor Laotse:

„Laotse“ ist an für sich kein eigenständiger Name, obgleich er im europäischen Raum als eben dieser bekannt ist. Laoste ist im Grunde ein Appellativum und kann im Deutschen mit „der Alte“ übersetzt werden. Gerade in der chinesischen Kultur werden ältere Menschen als Lehrer und Meister angesehen und somit stellen sie weise und intelligente Personen dar, zu denen man gerne aufsieht und von denen man gerne lernt. Seine Existenz wird jedoch bis dato angezweifelt und es gibt weder klare Beweise, noch konkrete Informationen über seine Persönlichkeit. Lediglich kleine Anekdoten und übermittelte Legenden kreieren ein Bild, das von ihm geschaffen wurde. Infolgedessen gibt es nur Annahmen über seine Person.

Seine vermeintliche Herkunft soll demnach in der heutigen Provinz Honan liegen, dem südlichsten der sogenannten Nordprovinzen. Seine Geburt wird auf das 7. Jh. v. Chr. geschätzt, demnach müsste er ca. 500 Jahre älter gewesen sein als Konfuzius. Manche Quellen besagen, dass er über 160 Jahre alt geworden sei, andere sprechen sogar von über 200 Jahren. Weiterhin vermutet man, dass er in seinen Lebzeiten am kaiserlichen Hof das Amt des Archivar bekleidet hat. Als das Land jedoch in Chaos verfall, hatte sich Laoste zurückgezogen und seine Heimat auf einem Ochsen reitend verlassen. Als „Zoll“ musste er dem Grenzbeamten Yin Hi etwas hinterlassen und so entstand das Buch Tao te king, dass er mit über 500 chinesischen Schriftzeichen niederschrieb.


Der Übersetzer Richard Wilhelm:

Richard Wilhelm war ein deutscher Sinologe und protestantischer Theologe und Missionar. Er ist am 10. Mai 1873 in Stuttgart geboren und verstarb mit 56 Jahren am 2. März 1930 in Tübingen. Zu seinen Lebzeiten verbrachte er über 25 Jahre in China. Seine Übersetzungen zu chinesischen Werken fanden weite Verbreitung, so nutzte auch Bertolt Brecht die Übersetzung zu Tao te king für sein Gedicht „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“ (1938) – ein Hauptwerk, wenn es um Exilliteratur geht.


Der Inhalt:

Das Buch ist nicht wie eine gewöhnliche, zusammenhängende Lektüre zu verstehen. Es ist eine Aphorismensammlung, eine Kollektion von Lebensweisheiten und friedlichen Handlungsrichtlinien. Jedes Kapitel versucht einen Bereich des Lebens zu thematisieren, wobei mit „Leben“ nicht nur das Diesseitige gemeint ist, sondern eben auch das Jenseitige. Es sind viele Gleichnisse zu finden. Das Buch regt zum Denken an, ohne dabei konkrete Anweisungen zu geben, daher bietet es sehr viel Freiraum für Interpretationen und die Entwicklung von einer persönlichen Sichtweise auf alle wichtigen Kernelemente des Sinns und des Lebens. Eben diese zwei Bereiche stellen auch die zwei Unterteilungen des Buches dar. Der erste Teil befasst sich mit dem „Sinn“, der zweite Teil mit dem „Leben“.

Die Folgende Tabelle ist nicht nur eine Übersicht des Inhaltsverzeichnisses, sondern bietet auch die Möglichkeit einen Einblick in die einzelnen Bereiche zu bekommen, die der Autor versucht zu erfassen.

Erster Teil – Der Sinn Zweiter Teil – Das Leben
1. Verkörperung des Sinns, 11
2. Pflege der Persönlichkeit, 12
3. Friede auf Erden, 13
4. Von Ewigkeit her, 14
5. Die Wirkung der Möglichkeit, 15
6. Das Werden der Formen, 16
7. Verhüllung des Lichts, 17
8. Das Wesen der Beweglichkeit, 18
9. Selbstbeschränkung, 19
10. Möglichkeiten, 20
11. Die Wirksamkeit des Negativen, 21
12. Zügelung der Begierden, 22
13. Abscheu vor Beschämung, 23
14. Lob des Geheimnisses, 24
15. Wie das Leben sich zeigt, 25
16. Rückkehr zur Wurzel, 26
17. Reinheit des Wirkens, 27
18. Verfall der Sitte, 28
19. Rückkehr zur Echtheit, 29
20. Abseits der Menge, 30
21. Das leere Herz, 32
22. Wert der Demut, 33
23. Leere und Nichtsein, 34
24. Bittere Herrlichkeit, 35
25. Des Unzulänglichen Gleichnis, 36
26. Wesen des Schweren, 37
27. Weisheit im Üben, 38
28. Rückkehr zur Einfalt, 39
29. Vom Nichthandeln, 40
30. Warnung vor dem Krieg, 41
31. Die Waffen nieder, 42
32. Das Leben der Berufenen, 44
33. Unterschiede des Wesens, 45
34. Die Aufgabe der Vollendung, 46
35. Das Leben der Liebe, 47
36. Geheime Erleuchtung, 48
37. Ausübung der Herrschaft, 49
38. Über das Leben, 53
39. Die Wurzel des Gesetzes, 55
40. Wirkungsart des Zurückgehens, 57
41. Gleichheit und Unterschied, 58
42. Die Wandlungen des Sinns, 59
43. Ungehemmte Wirkung, 60
44. Warnung, 61
45. Überströmendes Leben, 62
46. Mäßigung der Begierden, 63
47. Fernschau, 64
48. Vergessen des Erkennens, 65
49. Das Wesen der Nachgiebigkeit, 66
50. Die enge Pforte des Lebens, 67
51. Pflege des Lebens, 68
52. Rückkehr zum Ursprung, 69
53. Beweis des Überflusses, 70
54. Pflege des Schauens, 71
55. Geheimnisvoller Zauber, 72
56. Verborgenes Leben, 73
57. Der echte Einfluß, 74
58. Schmiegsame Bekehrung, 75
59. Bewahrung des Sinns, 76
60. Ausübung der Herrschaft, 77
61. Leben der Demut, 78
62. Verwirklichung des Sinns, 79
63. Denken beim Anfang, 80
64. Achtung aufs Geringe, 81
65. Reines Leben, 83
66. Selbstverleugnung, 84
67. Die drei Schätze, 85
68. Gemeinsamkeit mit dem Himmel, 86
69. Entfaltung des Geheimnisses, 87
70. Schwierigkeit des Verstandenwerdens, 88
71. Erkenntnis des Leidens, 89
72. Selbstliebe, 90
73. Nachgiebigkeit im Wirken, 91
74. Einschränkung des Selbstbetrugs, 92
75. Der Schaden der Gier, 93
76. Warnung vor der Stärke, 94
77. Des Himmels Sinn, 95
78. Was man dem Glauben überlassen muß, 96
79. Festhalten an der Verpflichtung, 97
80. Selbständigkeit, 98
81. Entfaltung des Wesentlichen, 99

All diese Oberthemen werden im Buch ergriffen. Rundum hat man das Gefühl, dass es Themen sind, mit denen jeder Mensch in Laufe seiner Lebenszeit früher oder später in Berührung kommt. Nahezu jedes Individuum  macht sich mehr oder minder Gedanken  über das Leben, das Sein, die Liebe, die Familie, das Materielle, die Wut, die Freundschaften, den Tod, die Stärke, die Schwäche etc. Es werden beide Seiten des Lebens angesprochen, sowohl das Positive, als auch das Negative – wie bei Yin und Yang. Aus den einzelnen Textpassagen kommen die kosmologischen Grundlagen des Daoismus hervor, die sich mit der Naturforschung und dem Gleichgewicht der Erde befasst.


Das Fazit:

Der Daoismus als Philosophie und Religion stellt das Leben in Harmonie mit dem Tao dar, das primär versucht das Prinzip der Existenz einhergehend mit der Natur, also der Quelle des Seins und des Lebens näherzubringen. Hierbei sind starre Rituale und soziale Ordnungen eher nebensächlich. Im Vordergrund stehen wu wei (müheloses Handeln), Natürlichkeit, Einfachheit, Spontaneität und die drei Schätze Mitgefühl (慈), Sparsamkeit (儉 ) und Demut (不敢 為 天下 先).

Die Lehre des Laotse ist sehr spannend und hat mir persönlich geholfen die Gedankenstruktur hinter dem Phänomen etwas mehr zu verstehen. Vor allem, da man sich im Alltag in Deutschland kaum mit dem daoismus beschäftigt. Dennoch muss ich zugeben, dass es nicht leicht ist das Buch zu lesen. Nach jeder Lehreinheit (nach jedem Kapitel) muss man sich Zeit nehmen, um über die einzelnen, gesagten Worte nachzudenken, ohne jedoch zu wissen, ob das Gedachte dem entspricht, wie es ursprünglich gemeint war. Des Weiteren geht mit der Übersetzung des Originaltextes vieles der subtilen und latenten Kerngedanken des Laotse verloren, wobei gerade diese Elemente einen wichtigen Aspekt des Gesamtwerkes darstellen und dabei helfen würden China als „high-context-culture“ zu verstehen. Zudem kamen mir beim Lesen des Buches viele Fragezeichen entgegen, sodass ich viel Sekundärliteratur hinzugezogen habe.

Insgesamt kann ich das Buch jedem empfehlen, der gern philosophische Texte liest und einen Klassiker der Weltliteratur mehr auf seiner bereits gelesenen Bücherliste haben möchte. Für all diejenigen, die gern mehr über die Kultur von China lernen möchten für ihren Auslandsaufenthalt, kann ich das Buch uneingeschränkt nicht empfehlen. An dieser Stelle muss erwähnt sein, dass ich noch nicht einschätzen kann, inwiefern mir das Wissen über den Daoismus bei meinem Auslandssemester eine Hilfe sein wird.

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3 Responses to Buchrezension: Laoste – Tao te king

  1. Jasmin says:

    Hallo Sumaya,

    vielen lieben Dank für deine gelungene Rezension!
    Bei deiner Buchauswahl finde ich es sehr spannend, dass du dich für die Thematik einer der drei großen Lehren in China entschieden hast. Der Daoismus war mir bis dato nicht bekannt und so konnte ich die Gelegenheit nutzen, um einen Einblick in seine Lehre zu gewinnen. Auch finde ich es interessant zu erfahren, dass sich bereits Berthold Brecht Inspiration von deinem vorgestellten Buch geholt hat.

    „Laoste – Tao te king“ ist ein Buch voll von Lebensweisheiten und friedlichen Handlungsrichtlinien, was ich persönlich sehr schön finde. Es ist also ein Buch, das zum Nachdenken anregt und viele Aspekte des Lebens und Sinns abdeckt, die einem selbst immer wieder begegnen. Durch das von dir abgebildete Inhaltsverzeichnis hat man direkt eine Orientierung, welche Themen das Buch behandelt.

    Aufgrund der Tatsache, dass der Fokus dieses Buches auf dem Daoismus liegt, kann ich mir durchaus vorstellen, dass man kulturelle Sichtweisen und vor allem chinesische Denkweisen beim Lesen mitbekommt. Auch die durchaus interessante Entstehungsgeschichte des Buches ist ein Teil der chinesischen Geschichte.

    Mich würde es interessieren, wie du nach deinem Auslandsaufenthalt über das Buch denkst – ob es dir einige Dinge verständlich gemacht hat oder nicht. Abgesehen davon freue ich mich darauf, das Buch bald selbst zu lesen und danke dir nochmal herzlichst für deine Buchauswahl!

    Viele Grüße,
    Jasmin

  2. MadeleineH says:

    Hallo Sumaya,

    vielen Dank für Deine Rezension. Zu Anfang möchte ich auf das Cover von „Tao te king“ aufmerksam machen, es ist auch für mich sehr ansprechend. Die Farbwahl ist sehr harmonisch und auch die Wahl des Vogels und der Blumen haben einen starken Fokus auf die kleinen Details und wirkt für mich ansprechend, ruhig und wirkt bei mir ein sehr entspanntes und angenehmes Gefühl aus.

    Schon Deine Worte über den Autor, Laotse, weckten meine Neugier, denn wir kann jemand, dessen Existenz bis heute nicht bestätigt wurde, dem Grenzbeamten ein literarisches Werk hinterlassen?

    Ich muss gestehen, dass je mehr ich von Deiner Rezension lesen durfte, mehr und mehr von dem Inhalt gepackt wurde. Voller Neugier möchte ich mehr über den Sinn und das Leben erfahren. Ich stimme Dir vor vollkommen zu, dass jeder sich im Laufe verschiedenster Lebensphasen über Themen, die Laotse anspricht beschäftigt. Und dabei nicht nur mit den positiven, sondern auch mit den negativen Aspekten dieser. Beeindruckt hat mich, dass Laotse sich in all den Themen mit wenigen Worten in die Tiefe vom Daoismus und dessen Philosophie beschreibt.

    Es hat mir eine große Freude bereitet, Deine Rezension zu lesen und bedauere es sehr, persönlich nicht anwesend gewesen zu sein.

    Bei weiteren Rückfragen bin ich selbstverständlich jederzeit für Dich erreichbar.

    Liebe Grüße,
    Madeleine

  3. Ünzile Gürsoy says:

    Hallo Sumaya,

    Vielen Dank für deine Rezension.
    Wenn ich das Cover des Buches betrachte, kann ich genau nachvollziehen warum es deine Kaufentscheidung beeinflusst hat. Es sieht wirklich sehr ansprechend aus und strahlt mit den hellen Farben und dem Blumenmuster eine gewisse Harmonie aus. Diese gewisse Harmonie beinhaltet auch der Daoismus, den du mithilfe des Buches beschreibst. Diese Philosophie/Religion, die sich auf Mifgefühl, Sparsamkeit und Demut basiert, ist eine wirklich sehr interessante Weltanschauung die die Lebensweise von vielen Chinesen prägt. Daher kann ich deine Intention den Daoismus näher erforschen zu wollen gut nachvollziehen.
    Das Buch, oder vielleicht besser gesagt dieser Ratgeber, ist sehr alt. Daher denke ich das es ein wichtiges Chinesisches Kulturgut ist. Die 81 verschiedenen Themen die es beinhaltet, von dem Sinn des Lebens, bis zum Jenseits, Charakter, Denkweise, und Selbstentfaltung, finde ich alle sehr interessant. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieses Buch relevant für viele Menschen ist, die einen Ratgeber suchen, den Sinn ihres Lebens zu verstehen. Dieses Buch das du ausgewählt hast, ist anders als alle anderen. Es hat keine zusammenhängende Handlung sondern besteht aus kurzen, unterschiedlichen Weisheiten. Es ist sehr schön, dass du solch ein Buch ausgewählt hast, und damit diese Literaturzusammenstellung diversifiziert hast.

    Vielen Dank und liebe Grüße,

    Ünzile.

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