Naokos Lächeln: Nur eine Liebesgeschichte von Haruki Murakami

coverDetails zum Buch

Titel: Naokos Lächeln: Nur eine Liebesgeschichte
Originaltitel: ノルウェイの森 (Noruwei no Mori)
Autor: Haruki Murakami
Erscheinungsjahr: 1987
Seitenzahl:  416
Verlag: btb Verlag; Auflage: 9. Auflage (1. Februar 2003)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3442730503
Preis:  € 10,00 (Taschenbuch)

Über den Autor

Haruki Murakami, geboren 1949 in Kyoto, studierte Theaterwissenschaften und Drehbuchschreiben in Tokyo. Entgegengesetzt der Erwartungen seiner Eltern, die japanische Literatur in einem Vorort der Stadt Kōbe unterrichteten, interessierte sich Murakami vielmehr für westliche Literatur und Musik. Wegen des Status Kōbes als Hafenstadt konnte er leicht an Second-Hand-Bücher dort stationierter amerikanischer Marinesoldaten gelangen. Diese Vorliebe schlug sich in den späteren literarischen Werken Murakamis nieder.

Nach erfolgreichem Universitätsabschluss heiratete er seine Kommilitonin Yoko, mit der er bis heute liiert ist. Wenige Jahre nach der Hochzeit eröffnete er seine eigene Jazzbar – Peter Cat – in Tokio, die er bis 1982 leitete. Diese Erfahrung spiegelt sich in einigen seiner Bücher wieder. Mehrere seiner Bücher sind nach Liedtiteln benannt, so beispielsweise auch das hier zu rezensierende Werk Naokos Lächeln welches im Original Nurwei no mori (japanisch für Norwegian Wood nach dem Lied der Beatles) heißt.

Mit dem Schreiben begann Murakami laut eigener Aussage 1978, inspiriert durch einen eindrucksvollen Schlag in einem Baseballpiel zwischen den Yakult Swallows un den Hiroshima Carp. 1979 erschien sein erster Roman. Während des Schreibens verlegte Murakami mehrmals seine Wohnsitze, so lebte er über längere Zeit in Europa und den USA, wo er unter anderem als Gast-Professor an der Princton University (New Jersey) tätig war. Seit 2001 lebt er in Japan.

Murakami ist international gefeierter und mit den höchsten japanischen Literaturpreisen ausgezeichneter Autor zahlreicher Romane und Erzählungen. Ein übergreifendes Thema seiner Werke ist der Verlust geliebter Menschen und die oft vergebliche Suche nach ihnen. Die Romane sind häufig im Stil des magischen Realismus gehalten, wo physische und psychische Realität nahtlos ineinander übergehen.

Motivation

Bereits im Vorfeld an das ASBE Medien- und Literaturform hatte ich den Gedanken gefasst einen Roman von Haruki Murakami zu lesen. Er wird von Fachkritikern als einer der großen Erzählern unserer Gegenwart beschrieben und gilt als einer der bedeutendsten Autoren Japans. Naokos Lächeln habe ich bewusst ausgewählt, da Murakami in diesem Roman das Tokio in den späten 60er Jahren beschreibt. Genauer, das Erwachsenwerden in Zeiten des 68er Umbruchs. Da ich das kommende Wintersemester in Japan studieren werde, erhoffte ich einen Eindruck über die moderne japanische Gesellschaft gewinnen zu können. Zumal ging ich davon aus, dass Murakami eine differenzierte Sichtweise in seiner Erzählung über das moderne Japan einfließen lassen würde, da er selbst längere Zeit in Europa und den USA verbracht hatte.

Inhalt

Als aus den Lautsprechern des in Hamburg ankommenden Flugzeugs das Lied Norwegian Wood von den Beatles ertönt, denkt der 37-jährige Tōru Watanabe noch einmal an die 1960er Jahre zurück und an die Ereignisse, die seitdem sein Leben beeinflusst haben.

Toru, Naoko und Kizuki sind ein festes Dreiergespann, das jedoch nur von Kizuki zusammengehalten wird. Als dieser sich das Leben nimmt verlieren Naoko und Toru sich aus den Augen. Toru beginnt in Tokio Theaterwissenschaften zu studieren und wird zum Einzelgänger, der sich ziellos treiben lässt. Eines Tages trifft er zufällig Naoko und sie beginnen zaghaft sich anzunähern, was schließlich dazu führt, dass beide miteinander schlafen. Dieser Vorfall holt Naokos unverarbeitetes Trauma um Kizukis Suizid wieder ein. Unfähig, noch mit beiden Beinen und alleine im Leben zu stehen, wird sie von ihren Eltern in ein spezielles Sanatorium mit unkonventionellen Heilmethoden gebracht. Naoko und Toru halten daraufhin Briefkontakt. Nach den Sommerferien lernt Tōru die lebenslustige und selbstbewusste Midori kennen, die das genaue Gegenteil von Naoko verkörpert. Trotz seiner Liebe und Sehnsucht zu Naoko stellt er fest, dass er insgeheim Gefallen an Midori findet. Da Toru sich zwischen den beiden Frauen zunächst nicht entscheiden kann, bannt sich eine Dreiecksbeziehung an.

Toru besucht Naoko im Sanatorium und lernt dort Reiko kennen, eine Mitbewohnerin mittleren Alters und zugleich Naokos Vertraute. Während seines Besuches enthüllen beide Frauen mehr über ihre Vergangenheit und die Beweggründe, die zur psychischen Instabilität geführt haben. Naoko schildert, wie ihre ältere Schwester vor einigen Jahren ebenfalls Selbstmord begangen hatte.

Nach seiner Rückkehr nach Tokio distanziert sich Toru unbewusst von Midori, begründet durch seine Unfähigkeit, ihre Wünsche und Erwartungen zu realisieren, als auch durch zunehmende Sehnsucht nach Naoko. Schließlich bittet Toru Reiko in einem Brief um Rat. Einerseits möchte er Naoko nicht verletzen, jedoch möchte er Midori auch nicht verlieren. Reiko rät ihm daraufhin, sein Glück mit Midori zu ergreifen, denn Naokos Zustand verschlechtert sich stetig und eine Heilung ist kaum noch absehbar.

Ein weiterer Brief von Reiko klärt Toru über Naokos Selbstmord auf. Toru verfällt daraufhin in einen depressiven Zustand und beschließt planlos durch Japan zu reisen um seine Gefühle und das Geschehene zu verarbeiten. Midori lässt er über diese Pläne fast unaufgeklärt. Nach einem Monat, wieder zurück in Tokio, empfängt er einen Besuch von Reiko, die sich entschlossen hat, das Sanatorium auf eigenen Wunsch zu verlassen. Die zwei Romanfiguren schlafen miteinander. Diese Erfahrung und die intimen Konversationen dieser Nacht lassen Toru realisieren, dass Midori die wichtigste Person seines Lebens darstellt. Nachdem Toru Reiko am Folgetag verabschiedet, ruft er aus einer Bahnhofstelefonzelle Midori an, um ihr seine Liebe zu gestehen. Midori fragt „Wo bist du jetzt?“ und der Roman endet damit, das Toru über diese Frage wiederholt nachdenkt.

Sprache und Stil

Murakami schildert die Geschichte komplett aus Torus Sicht und lässt den Leser dennoch an den Bewältigungen der einzelnen Personen teilhaben. Der Leser begleitet die Figuren durch die Zeit des Erwachsenwerdens und spürt den Verlust in jeder einzelnen detaillierten und bildgewaltigen Beschreibung. Denn hier liegt die Stärke des Romans. Sprachlich kommt der Roman eher unauffällig daher, vielmehr schafft Murakami allein durch die Begegnungen der Charaktere und ihre Dialoge einen einzigartigen Klang, der den Leser unweigerlich einfängt.

Sexuelle Handlungen werden oftmals geschildert. Jedoch beschreibt Murakami dieses Thema auffällig leidenschaftslos und nüchtern. Sexualität wird von den Figuren als überaus natürlich und selbstverständlich wahrgenommen. Es ist kein überhöhter Akt der Liebe, sondern ein schlichtes Zusammentreffen von Körpern, das von natürlichen Bedürfnissen gesteuert wird.

Seinen zentralen Romanfiguren verleiht Murakami autobiografische Züge. So teilt Toru seine Vorliebe für Jazz, Rock und Literatur.

Fazit

Meiner Meinung nach ist Naokos Lächeln ein großartiger Roman mit einer enormen Sogwirkung. Dies liegt nicht vorwiegend an der Handlung, sondern eher an der Aufrichtigkeit und der Tiefe der Empfindungen und Gefühle des Protagonisten, der die Leser an all seinen Gefühlen teilhaben lässt.

Gleich zu Beginn des Romans wird die zentrale Thematik – der Verlust geliebter Menschen – aufgegriffen. Mit seiner Erzählkunst schaffte es Murakami, ein Gefühl der Melancholie, das sich durch das ganze Buch zog, zu erzeugen.

Wer jedoch ein detailliertes Gesellschaftsbild der japanischen Gesellschaft erwartet, kommt nicht ganz auf seine Kosten. Die Studentenrevolten der späten 60er Jahre werden nur beiläufig erwähnt, da dies das Desinteresse des Protagonisten bezüglich aktueller Geschehnisse widerspiegeln soll. Die Stadt Tokio wir mehrmals in den Erzählungen aufgegriffen, gleicht jedoch einer beliebigen amerikanisierten Stadt, was insbesondere auf Murakamis westlichen Einfluss zurückzuführen ist. Die Studenten lesen westliche Literatur, gehen in Jazzbars und trinken Whisky. Traditionell Japanisches wird im Buch kaum thematisiert. Auf die Hintergründe eines kulturell und religiös anderen, nämlich durch Shinto und Buddhismus, geprägten Verhältnisses zum Selbstmord, geht Murakami nicht ein, obwohl der Freitod ein zentrales Thema in seinem Roman einnimmt. Diese
Punkte würde ich jedoch nicht als Kritik bezeichnen, da sie lediglich entgegen meinen Erwartungen verlaufen sind.

Ich befinde Naokos Lächeln als ein Plädoyer für das Leben, welches von Murakami in all seinen paradoxen und traurigen Facetten gezeigt wird. Der Schleier wird nicht gelüftet, der Interpretationsspielraum bleibt. Diesen Roman würde ich uneingeschränkt weiterempfehlen.

 

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