“Töchter des halben Himmels – Sieben Frauen aus China”

Eine Buchrezension von Jessica Landeck im Rahmen des Medien- und Literaturforums für das Modul ASBE I
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Titel: Töchter des halben Himmels – Sieben Frauen aus China
Autor: Xiao Hui Wang/Monika Endres Stamm
Erscheinungsjahr: 2000
Seitenzahl: 217
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-596-14822-6
Preis: 8,95 € (Taschenbuch)

Über die Autoren
Xiao Hui Wang, geboren in China, ist eine chinesische Fotografin und Buchautorin, die in Deutschland und China arbeitet und lebt. Sie studierte 1978 Architektur in Shanghai und München. Mit einem Stipendium kam sie 1986 nach München und arbeitete dort als Doktorandin. Seit 2002 ist sie Professorin an der Tongji Universität und arbeitet zudem als Art Direktorin des Themenpavillons der Expo 2010 in Shanghai.

Monika Endres-Stamm, geboren 1950, studierte Anglistik, Germanistik, Amerikanistik und Philosophie in Heidelberg und in den USA. Ihre ersten Bücher veröffentlichte sie in enger Kooperation mit der chinesischen Fotografin Xiao Hui Wang.

Thematik und Intention der Autoren
Das Buch handelt von sieben verschiedenen chinesischen Frauen, die Einblick in ihr Leben geben. Die Texte, die je nach Herkunft, Persönlichkeit und Bildungsniveau der Frauen sehr unterschiedlich sind, werden aus deren Perspektive wiedergegeben. Ihr chinesischer Alltag wird aus ihren sehr persönlichen Blickwinkel erzählt.

Die Idee zu diesem Buch entstand während Xiaos Studienaufenthalts in Deutschland. In diesem Zeitraum schilderte Xiaos Mutter ihre erschütternde Lebensgeschichte in Briefen. 1996 auf der Weltfrauenkonferenz in Peking nahm die Idee zu ihrem gemeinsamen Buch konkrete Formen an. Xiao Hui war als Fotografin geladen und machte einfühlsame Porträts von aus unterschiedlichen sozialen Milieus stammenden chinesischen Frauen. Während ihrer nächsten Arbeitsaufenthalte in China ermunterte Xiao Hui Wang die Frauen, ihre Geschichten zu erzählen.

Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Autoren ermöglichte es, eine Verbindung zwischen der westlichen und der östlichen Welt herzustellen. Die Geschichten sollen zum Nachdenken anregen und somit den Zugang zur chinesischen Kultur eröffnen. Dabei sollen die Geschichten keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben. Darüber hinaus werden der Wandel der Beziehung zwischen Männern und Frauen und das Selbstverständnis der heutigen chinesischen Frauen während der Phasen des Umbruchs in China deutlich. Der ungeheure wirtschaftliche Aufschwung ermöglicht einen Wandel in der Gesellschaft und in der Wirtschaft, sodass Frauen in den Städten Positionen erhalten, die es vor wenigen Jahren noch nicht gab. Dadurch genießen chinesische Frauen nun ein freieres und selbstbestimmteres Leben.

Inhalt und Aufbau des Buches
Das Buch handelt von sieben chinesischen Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie kommen aus verschiedenen Milieus und Altersgruppen und erzählen von ihrem Alltag, ihren Problemen in Beziehungen, Familie, Beruf und Politik, von ihren Träumen und Hoffnungen für die Zukunft. Insbesondere die Kulturrevolution durch Mao und Chinas wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Wandel spielen eine große Bedeutung, die das Leben der chinesischen Frauen veränderte. Im Folgenden wird auf die einzelnen Lebensgeschichten eingegangen.

Die erste Lebensgeschichte handelt von Wang Ming Lan, einem 21-jähtigen Bauernmädchen. Ihr erster Lebensabschnitt ist von harter Arbeit auf dem Land und einer lieblosen Familie gezeichnet. Nachdem sie an dem harten Leben auf dem Land beinahe zerbrochen ist, geht sie in die Stadt, um dort als Kindermädchen zu arbeiten. Nach mehreren Arbeitgebern kann sie bei einer Professorin arbeiten, die sie zum ersten Mal mit Respekt behandelt. Sie kann sich ein kleines Vermögen ansparen und träumt davon einen kleinen Laden für das tägliche Leben aufzumachen.

Jin Xing wird als Mann geboren, trotzdem spürt sie seit Kindertagen, dass sie eigentlich eine Frau ist. Sie tanzt für ihr Leben gern und kommt auf eine Militärschule, um dort ihrer Leidenschaft nachzugehen. Durch ein Stipendium kommt sie zum ersten Mal in ihrem Leben nach New York und wird eine bekannte Tänzerin. Sie verliebt sich in einen Cowboy und gibt sogar ihre Tanzkarriere für ihn auf. Doch bald muss sie sich eingestehen, dass sie ihrer Sehnsucht zum Tanzen mehr Raum geben muss. Sie kehrt nach New York zurück und bekommt ein Angebot nach Italien zu gehen. Sie lernt einen neuen Mann kennen, mit dem sie eine leidenschaftliche Beziehung führt. Sie beschließt daraufhin sich einer Geschlechtsumwandlung in Peking zu unterziehen.

Zhao Mei ist die Tochter einer Schauspielerin und eines Regisseurs am Volkskunsttheater. Sie hat einen fürsorglichen Vater und eine schöne Kindheit. Mit Beginn der Kulturrevolution 1966 ändert sich ihr Leben dramatisch. Für viele Jahre verschwindet ihr Vater in ein Verlies und wird danach auf das Land zum Arbeiten geschickt. Als Intellektueller gehört er zu den Klassenfeinden. Die ganze Familie ist nun der Abschaum der Gesellschaft. Nachdem sie die Mittelschule beendet, wird sie als Arbeiterin in einer Stahlfabrik zugeteilt. Erst mit dem Ende der Kulturrevolution hat sie die Chance als „Ausgestoßene“ die Hochschul zu besuchen. Sie nimmt ein Literaturstudium auf und lebte weiterhin bei ihren Eltern. In ihrem Studium lernt sie einen Mann kennen und sie verlieben sich ineinander. Nach der Geburt ihrer Tochter ließ sie sich scheiden, da sich beide auseinander gelebt hatten. Zhao Mei wird Lektorin in einem Verlag und beginnt ihre eigenen Bücher zu schreiben. Ihre Frauenromane führen die Bestsellerlisten an.

In der vierten Lebensgeschichte geht es um Jiao Yang. Sie ist gerade erst 17 Jahre alt, hat das Gymnasium abgeschlossen und ist eine sehr gehorsame Schülerin von Maos Lehren, als sie sich freiwillig meldet, um Maos Lehren im Land zu verwirklichen. Sie wird in ein Dorf geschickt und den „Eisenmädchen“ zugeteilt, die für die besonders harten Arbeiten herangezogen wurden. Die harte Arbeit auf dem Feld setzte ihr sehr zu, aber sie weigert sich, leichtere Arbeit zu machen, das hätte ihrem Bild einer überzeugten Revolutionärin widersprochen. Sie beginnt kleine Propagandaartikel über besondere Ereignisse in ihrer Jugendliga zu schreiben und wird immer erfolgreicher. Als die Hochschulen wieder geöffnet werden, meldet sie sich 1979 für die Aufnahmeprüfung für ein Journalismus Studium an und erhält die Zulassung zur Fu-Dan-Universität in Shanghai. Während einer Fotoausstellung in einer Schule trifft sie auf einen Freund aus Kindertagen. Beide verlieben sich Hals über Kopf ineinander, jedoch kommen sie aus verschiedenen Welten. Ihr Freund kommt aus einer intellektuellen Familie und ist kein Mao Anhänger wie sie. Schweren Herzens macht sie mit ihm Schluss, da ihr ihre politischen Ansichten wichtiger sind. Heute ist sie die Leiterin des Presseamts der Stadtregierung und trägt viel Verantwortung. Sie gilt als „starke Frau“ und ist Vorgesetze, der fast ausschließlich Männer unterstellt sind. Ihr Familienleben ist ihr gleichzeitig sehr wichtig und versucht so viel Zeit wie möglich mit ihrer Tochter zu verbringen.

Bis 1966 hatte Lin Ding eine glückliche Kindheit. Die Kulturrevolution verändert ihr Leben dramatisch. Sie ist eine Ausgestoßene, da ihr Vater aus Taiwan kommt und dort noch Familienangehörige hat. Aus diesem Grund wird er der Spionage verdächtigt. Ihre gesamte Familie wird in eine der ärmsten ländlichen Gegenden verbannt. Lan Ding verfällt in eine Psychose und beschließt zu fliehen. Durch den früheren Vorgesetzten ihres Vaters erhält sie ein Zimmer in ihrer alten Heimatstadt. Obwohl sie eine sehr gute Schülerin ist, musste sie mit 16 Jahren die Schule verlassen und in einer Textilfabrik arbeiten. Sie ist den anderen Arbeiterinnen herkunftsmäßig unterlegen und muss somit die unangenehmsten Tätigkeiten übernehmen und sich täglich beweisen, um als gute Revolutionärin zu gelten. Mit 22 Jahren lernt sie einen Mann kennen und heiraten bald darauf. Doch die Ehe ist für sie die Hölle, da ihr Mann keine Zärtlichkeit oder dergleichen für sie übrig hat. Sie wird trotzdem schwanger und beschließt daraufhin sich scheiden zu lassen. Nach achten Jahren Ehe bekommt sie die Scheidung durch, muss aber auf alles verzichten. Sie zieht daraufhin mit ihrem Sohn von Familie zu Familie und bot ihre Dienste als Schneiderin an. 1991entschließt sie sich spontan in Japan zu arbeiten. Sie arbeitet als Tellerwäscherin und beobachtet gleichzeitig die japanischen Frauen, deren Aussehen und Stil. Kurzerhand beschließt sie in Peking eine kleine Nähstube zu eröffnen. Sie näht westliche Mode nach und schminkt ihre Kundinnen. Diese Arbeit macht sie sehr glücklich. Sie lernt einen kanadischen Geschäftsmann, der in China beruflich zu tun hat, kennen und verliebt sich in ihn. Obwohl er eine Familie in Kanada hat, treffen sich die beiden immer öfter und es entsteht eine Beziehung. Diese Beziehung hat leider keine Zukunft, da er sich nie direkt zu ihrer Beziehung bekennt.

Die 43-Jährige Xue Ya ließ ihr altes Leben in Shanghai zurück, da sie ihre Arbeit durch Verleumdung verlor und ihre erste Ehe scheiterte. Sie beschließt nach Hongkong zu ziehen. Doch sie muss sich beweisen und bekommt schließlich ein Arbeitsangebot einer Import-Export-Firma. Sie sparte sich ein kleines Vermögen an und investierte in eine Firma in China. Sie hat großen Erfolg und verdient immer mehr Geld. Sie arbeitet sehr hart und verbringt die Wochenenden mit ihrem Freund John, bei dem sie sich geborgen fühlt. Jedoch lernt sie einen Physikprofessor kennen und verliebt sich schlagartig. Sie gibt ihre ganze Karriere auf und zieht mit ihm nach Amerika, wo sie ein ruhiges und typisches Leben einer Hausfrau führt.

Die letzte Geschichte handelt von Xü Hui Lin. Als ihr Vater mit gerade erst 42 Jahren gestorben ist, muss ihre Familie schlimme Zeiten durchleben. Da ihre ältere Schwester stirbt, muss sie nach chinesischem Brauch mit gerade 15 Jahren ihren 30 jährigen Schwager heiraten, mit dem sie zwei Kinder bekommt. Im Jahre 1936 überfielen die Japaner China und die gesamte Familie muss fliehen. Auf der Flucht sterben alle ihre Kinder und weitere Mitglieder ihrer Familie. Bei einer Umschulung lernt sie ihren zweiten Mann kennen. Sie müssen jedoch getrennt leben, da sie Musik an einem anderen Ort studiert. Doch beide sind sehr glücklich in ihrer Ehe. Doch sie wird der Spionage beschuldigt, was 1956 endlich ein Ende hat. Daraufhin wird sie schwanger mit ihrer Tochter Xiao Hui und verspürt zum ersten Mal Muttergefühle. Als 1966 die Kulturrevolution ausbricht, geht ihr gesamtes Leben in die Brüche. Die Musikhochschule wird geschlossen und sie wird erneut der Spionage verdächtigt. Sie muss als Arbeiterin arbeiten, jedoch ist die den Aufgaben körperlich nicht gewachsen. Ihre Tochter kann sie nur noch nachts besuchen. 1978 wurden die Hochschulen wieder geöffnet und Xü Hui Lan kann endlich wieder an der Musikhochschule arbeiten. Während ihrer letzten Berufsjahre wird ihr der Professorentitel zuerkannt und findet Erwähnung als eine der bekanntesten Musikerinnen ihres Landes.

Sprache und Stil
Die Lebensgeschichten werden aus der Perspektive der sieben chinesischen Frauen wiedergegeben, dadurch kann sich der Leser gut in die Situation und in die jeweilige Atmosphäre hinein versetzen. Man könnte meinen, dass die Frauen ihre Geschichten einem persönlich erzählen und ihre innersten Gedanken und Gefühle mit einem teilen. Dadurch vermitteln die Erzählungen einen tiefen Einblick in ihr Leben, Gedanken und Sichtweisen. Zudem werden die Geschichten durch einfühlsame Porträts der Frauen ergänzt, die die Autorin Xiao Hui aufgenommen hat. Zum besseren Verständnis werden im Anhang Hintergrundinformationen, chinesische Sprichwörter oder spezielle Begriffe erklärt.

Abschließende Bewertung und Fazit
Das Buch „ Töchter des halben Himmels- Sieben Frauen aus China“ von Xiao Hui Wang/Monika Endres-Stamm ist ein wirklich empfehlenswertes Buch. Meine Erwartung war etwas über die chinesische Kultur, die Menschen und das Land zu erfahren. Obwohl das Buch zu empfehlen ist, würde ich trotzdem weitere Literatur heranziehen. Man erhält ein unglaublich persönliches Bild von den sieben Lebensgeschichten. Die Schicksale der Frauen werden eindrucksvoll beschrieben und ich war oft tief berührt. Man gewinnt einen persönlichen Einblick in das Leben, die Geschichte und die Sichtweisen der chinesischen Frauen. Trotz allem dem darf man nicht vergessen, dass diese Lebensgeschichten keine Allgemeingültigkeit haben und auch sehr subjektiv sind. Sie geben einen ersten Einblick in die chinesische Kultur und Geschichte und geben nur die weibliche Sicht wieder. Für ein vollständiges und objektiveres Bild würde ich weitere Literatur heranziehen.

Zusammenfassend würde ich jedem das Buch „Töchter des halben Himmels- Sieben Frauen aus China“ empfehlen, da es ein äußerst spannendes und eindringlich geschriebenes Buch ist. Mich hat jedes einzelne Schicksal tief beeindruckt.

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