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Interview: „Hör‘ auf mit dem schlechten Gewissen!“

(ahs / td)

Mit seinen knackig-kurzen Infovideos auf Facebook und Youtube wurde Moritz Neumeier zu einem der bekanntesten Gesichter für das Medienprojekt FUNK. Vor seinem Auftritt im Stadtcampus, organisiert durch das Wohlsein, haben wir uns kurz mit ihm über Stand-Up, Youtube und Politik unterhalten. Das komplette Interview findet ihr online unter: www.upb.de/universal

Moritz Neumeier lebt für die Stand-Up  Bühne. Und natürlich für seine Kinder. Foto: Daniel Dittus
Moritz Neumeier lebt für die Stand-Up  Bühne. Und natürlich für seine Kinder. Foto: Daniel Dittus

universal: Hallo Moritz, vielen Dank für die Zusage! Viele Leute kennen dich von Auftritten, YouTube oder aus dem Radio. Wie würdest du jemandem, den du in einer Bar kennenlernst, beschreiben, was du beruflich machst?

Moritz: Ich würde nie in eine Bar gehen, ich will niemanden kennenlernen. (Lacht) Wenn ich mich beschreiben soll, sag ich immer, ich mach Stand-Up. Mein Ding ist eigentlich Stand-Up. Alles andere wächst so drum rum. Radio mach ich, weil´s Spaß macht und die Videos waren ursprünglich dafür da, dass mehr Leute in die Shows kommen. Aber am liebsten steh ich auf der Bühne und mach meinen Shit. [...]

universal: Dein neues Programm „Lustig.“ hat gestern in Hamburg Premiere gefeiert. Wie war dein Eindruck?

Moritz: Voll. Also der Laden… Es war doof organisiert, es waren zu viele Leute da. Hundert Leute konnten nichts mehr sehen, mussten stehen. Aber die Show an sich lief ganz gut, dafür, dass es zum ersten Mal war. Ich brauch immer so mindestens zehn Shows bis ich denke ‚So ist das gut, so kann ich das machen‘. Und so hab ich die Ruhe, um das von außen zu betrachten. Aber die ersten zehn Shows bin ich nur in so ‘nem Tunnel von: ‚Warum lachen die so wenig, lachen die nicht genug, (dramatisch) Liebt ihr mich denn nicht?‘ Dafür war´s okay gestern. Das war die größte Show, die ich jemals gemacht habe.

universal: In deinen vergangenen Programmen war deine Familie immer ein wichtiger Punkt für Geschichten und Pointen. Dabei brichst du gerne mit dem Klischee der „idealen Erziehung“, und zeigst auch die schwierigen Seiten und Gedanken, die man als Elternteil haben kann. Wirst du oft darauf angesprochen?

Moritz: Ja, im positiven Sinne. Du wirst oft angesprochen von Eltern. Mein Zielpublikum erfüllt eigentlich genau mein Leben: Meistens Leute in meinem Alter, die auch zwei Kinder haben. Du merkst dann und das sagen die auch oft, die haben jetzt ‘nen Babysitter, die gehen einmal im Monat weg und das ist dann der Abend (der Show). Die haben das Gefühl von ‚Gut, dass du darüber gesprochen hast!‘ Diese Ehrlichkeit funktioniert sehr gut. […]

universal: Zitat von deiner Website: „Moritz Neumeier ist einer der besten Stand-Up Comedians Deutschlands. Zugegeben: die Konkurrenz ist nicht so groß.“ Gibt es für dich noch deutsche Vorbilder, an denen du dich misst?

Moritz: (lacht) Ja, das ist ein Affront an die komplette Szene. (lacht) Nee. Hatte ich aber auch nie. Als ich und meine Freunde angefangen haben mit Stand-Up, gabs den in Deutschland nicht so, wie ich Stand-Up verstehe. Jetzt gibt’s das, aber an denen mess’ ich mich nicht. […]

universal: Auf N-JOY und Radio Fritz machst du zusammen mit deinem Kollegen Till Reiners die Sendung „Talk ohne Gast“. Magst du uns kurz den Entstehungsprozess erzählen?

Moritz: (Till und ich) hatten die Idee. Wir hatten eine Live-Show, da haben wir uns sehr viel unterhalten. Unser Agent meinte irgendwann: ,was ihr da macht auf der Bühne, ist eigentlich ein Podcast, wir müssen mal ‘nen Podcast machen‘. […] Mir macht das Spaß, aber ich kümmere mich da recht wenig drum, ehrlich gesagt. Ich bereite mich vor, wir machen unsere Sendung, aber es hat sich auch so eingebürgert, dass wenn es irgendeine Kritik gibt, dann schreiben alle an Till (lacht). […]

universal: Wie erwähnt, spielst du mit Till zusammen das Bühnenprogramm „Schund und Asche“. Wie habt ihr euch kennengelernt?

Moritz: Wir haben Poetry Slam zusammen gemacht. Da auf den Touren haben wir schon gemerkt, wir haben uns irgendwie verstanden. Irgendwann haben wir gesagt, lass mal eine Show in Hamburg machen. Das haben wir dann gemacht. Die war dann drei Mal scheiße und wurde dann immer besser. Es ist egal, was wir machen, es ist ja komplett improvisiert. Irgendwie sind wir zusammen auf der Bühne so gut eingespielt. Wir ergänzen uns so gut, dass wir ohne Absprache ‘ne gute Show hinlegen. Das klappt aus irgendeinem Grund immer, deswegen machen wir das. Till ist meine Bühnenliebe des Lebens, bisher. Es ist einfach, mit ihm was zu machen.

universal: Ihr habt mittlerweile einige Rubriken, darunter auch „die spannenden Abenteuer der Bagaluten-Bande“, welche fiktiv in einer Stadt wie Kassel angesetzt sind.

Moritz: Wir schreiben gerade die ersten Folgen, die werden produziert. Wir sind ein bisschen faul, wir wollten das eher machen, habens aber nicht geschafft. N-JOY hat angeboten: ‚Okay, pass auf, ihr produziert eine Fünf-Minuten Folge, wir nehmen das als Hörspiel auf.‘ (euphorisch) Mega Geil!

universal: Im Radio hast du Till, auf der Bühne hast du ein anwesendes Publikum. Inwiefern unterscheidet sich für dich die Arbeit für YouTube, wo du statt direkter Reaktionen Kommentare bekommst?

Moritz: Du hast null Resonanz. Du weißt schon, wenn ich jetzt das sage, gibts einen Shitstorm. Wenn ich das schreibe, werden viele schreiben ‚Gut, dass du das sagst‘. Es ist völlig surreal, du redest in eine Kamera, die in deinem Garten steht und weißt, das gucken sich jetzt auf Facebook, weiß nicht, zwischen 50.000 und 1,5 Millionen Menschen an (lacht).

universal: … und die Möglichkeit, das Video auch zu schneiden.

Moritz: Nee, das nicht. Ich schneide meine Videos nie. Außer zwei Mal, das war da einfach dumm. Ich hab die Möglichkeit, auf der Bühne meine Sachen zu erklären. Es gibt Sachen, die erzähle ich auf der Bühne, die würde ich nie in so ‘nem Video erzählen. Das Video ist drei Minuten lang, da sag ich ‘ne Sache und Leute machen etwas aus meiner Aussage. Auf der Bühne kann ich was sagen und habe dann noch anderthalb Stunden Zeit zu erklären, ‚Okay, pass auf, das meinte ich so‘. Deswegen gibts da krasse Unterschiede inhaltlich.

universal: Letzte Woche gab es hier am Stadtcampus eine Diskussionsrunde zum Thema „Hate Speech“. Wie gehst du mit Hatern und Trollen um? Tipps?

Moritz: […] Hatespeech hat sich für mein Empfinden ziemlich radikalisiert. Früher gabs Leute, die haben ein bisschen Hetze betrieben und Sachen gesagt, wo ich denke: ‚Ist doch egal‘. Mittlerweile ist es so, dass ich irgendetwas sage und daraufhin dutzende Morddrohungen bekomme. Ich muss das da nicht stehen lassen. Darüber diskutieren wir gerade intern, wie viel ich löschen darf und wie viel nicht (lacht).

universal: Das Jahr 2018 war stark geprägt von politischem Protest, sei es der Hambacher Forst oder Chemnitz. Denkst du, dass 2019 ähnlich protestreich bleibt?

Moritz: (Überlegt) Ich glaube, es wird noch radikaler werden. Ich weiß nicht, ob mehr Menschen auf die Straße gehen, aber ich glaube, es wird um einiges mehr Ausschreitungen geben. Nachdem die Leute die Gelbwesten gesehen haben. Ich glaub, wir sind nicht so weit davon entfernt. Ich war überrascht, dass es nach Chemnitz, Köthen, Dortmund vorbei war. [...]

universal: Was würdest du deinem Ich von vor zehn Jahren für einen Tipp geben, wenn du die Chance hättest?

Moritz: Hör’ auf mit dem schlechten Gewissen. Ich hatte immer wegen allem ein schlechtes Gewissen. (jammert) ‚Ohh, ich mach zu wenig, ich genieß das nicht genug, ich krieg den Arsch nicht hoch, ich hätte mehr schreiben sollen, oh Gott, ich hab zu wenig Geld‘. Hör auf, dir Sorgen zu machen. Das kannst du machen, wenn du Kinder hast.

universal: Vielen Dank für das Interview!