„Engagieren Sie sich, es ist auch Ihre Uni!“

Interview mit der neuen Uni-Präsidentin Prof. Dr. Birgitt Riegraf

Birgitt Riegraf, Professorin für Allgemeine Soziologie, wurde am 24. Januar zur neuen Präsidentin der Universität Paderborn gewählt. Wir haben für euch mit ihr über ihre Motivation für das Amt und ihre Pläne für die kommenden Jahre gesprochen und ihr Fragen gestellt, die Studierende aktuell beschäftigen.

Prof. Dr. Birgitt Riegraf,  Präsidentin der Universität Paderborn, Foto: td
Prof. Dr. Birgitt Riegraf,  Präsidentin der Universität Paderborn, Foto: td

universal: Sie waren bereits Vizepräsidentin für Lehre, Studium und Qualitätsmanagement und haben den Präsidenten Wilhelm Schäfer seit seiner Erkrankung vertreten. Was nehmen Sie aus dieser Zeit für Ihr Amt als Präsidentin mit?

Riegraf: Aus der Vertretungszeit nehme ich für das Amt mit, dass es eine sehr umfassende Aufgabe ist, die die ganze Frau fordert, dass es eine Aufgabe ist, die sehr viel Freude macht, die sehr viel Gestaltungswillen und Durchsetzungsfähigkeit braucht, dass es Spaß macht, die Universität sichtbar zu machen, die Forschung, die wir haben, zu bündeln und die Lehrprogramme weiterzuentwickeln.

universal: Aus welchen Beweggründen haben Sie sich überhaupt für das Amt beworben?

Riegraf: In der Zeit der Vertretung habe ich ja im Grunde zwei Ämter ausgeübt: Vizepräsidentin für Studium und Lehre und das Präsidentenamt. Ich konnte mich nicht vollständig auf das Amt der Präsidentin konzentrieren.
Das ist jetzt natürlich anders. Diese Aufgabe vollständig auszufüllen, das war schon ein Anreiz. Ich habe Ideen von der Universität, Ideen, wie sie weiterentwickelt werden kann. Ich habe gesehen, dass wir wirklich großartige Forschung machen und die zu bündeln, nach außen sichtbar zu machen, ist eine wundervolle Aufgabe, mit der ich glaube ich ganz gut umgehen kann.

universal: Was sind Ihre kurzfristigen und langfristigen Pläne für die kommenden Jahre als Präsidentin?

Riegraf: Kurzfristige Pläne sind sicher, unsere Forschung zu bündeln und interdisziplinär stärker aufzustellen, aber auch, unsere exzellente Grundlagenforschung stärker sichtbar
zu machen und zu vertiefen. In der Forschung Strukturen aufzubauen, die es ermöglichen, uns in sechs bis sieben Jahren auf die nächste Exzellenzinitiative erfolgreich zu bewerben. Wir führen jetzt Gespräche über die disziplinären Grenzen hinweg, um herauszufinden, wo sich Forschungsfragen zusammenfinden, was die gemeinsamen Forschungsideen sind. Meine Vorstellung ist, unsere Forschung unter das Label der Data Society zu stellen, weil die Fragen von großen Datenmengen, die Fragen, wie wir Daten bearbeiten, wie Daten unser Leben bestimmen, wie Daten erhoben werden, wie Daten unsere Kommunikation verändern, Fragen sind, die unsere Gesellschaft grundlegend verändern. Wir sind gerade in einem gesellschaftlichen Umbruch, der sehr tiefgehend ist. Wir beschäftigen uns an der Universität Paderborn in der Informatik, in den Kulturwissenschaften, in den Technik- und Naturwissenschaften, in der Mathematik, in der Physik und in den Wirtschaftswissenschaften genau mit solchen Fragen. Und das zu bündeln und auch aus einer interdisziplinären Perspektive anzugehen, das wäre so eine Idee für die Zukunft und für die Entwicklung der Universität Paderborn.

universal: Sie setzen sich eigentlich stark für Gleichstellung ein. Wie kommt es, dass Ihr Präsidium nicht geschlechterparitätisch besetzt ist?

Riegraf: Also erstmal haben wir mit der Vizepräsidentin Frau Probst an entscheidender Stelle eine Frau, mit mir als Präsidentin eine Frau, unsere Hochschulratsvorsitzende ist eine Frau und ich hätte mir auch gewünscht, dass wir das Präsidium geschlechterparitätisch zusammensetzen. Es hat sich so nicht ergeben. Es hat sich auch nicht ergeben, weil die vorherige Vizepräsidentin für Forschung, Frau Silberhorn, dabei ist, ein Forschungszentrum aufzubauen und aus dieser Belastung, die die Arbeit im Präsidium mit sich bringt, nicht mehr dabei ist. Ähnlich sieht das auch bei anderen aus. Ich hätte mir sehr gewünscht, wir hätten es paritätisch hinbekommen, die Situation  stellt sich jetzt anders dar. Ich schließe daraus, dass wir uns in Zukunft stärker dafür engagieren müssen, dass auf der Ebene der Professuren und der Gremien noch mehr Frauen vertreten sind und dann bei der Auswahl für solche Ämter die Ressourcen größer werden.

universal: Was zeichnet die Uni Paderborn Ihrer Meinung nach aus?

Riegraf: Die Universität Paderborn ist zunächst mal eine junge dynamische Universität. Wir haben uns sehr stark entwickelt in den letzten Jahren, sowohl was Studium und Lehre angeht, als  auch was Forschung und Transfer angeht. Das ist wirklich großartig, was die Universität da geleistet hat. Es ist eine Universität, die dadurch, dass es eine mittelgroße Campusuniversität ist, in der Sie sich als Studierende immer wieder begegnen, es Ihnen ermöglicht, soziale Strukturen aufzubauen. Und es ist eine Universität, in der exzellente Forschung betrieben wird und die Verbindung zwischen Forschung und Lehre sehr eng ist. Das heißt, auch in die Lehre fließen immer schon die neuesten Forschungsergebnisse ein. Das ist für eine mittelgroße Universität hier in Paderborn ganz hervorragend gelöst. Dadurch, dass es eine Campusuniversität ist, sind auch die Wege kurz. Wenn Sie als Studierende Schwierigkeiten haben, bemühen wir uns immer, das auf direktem Wege zu lösen und für Sie direkte Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner zu sein. Das ist bei großen Universitäten im städtischen Umfeld schwierig.

universal: Was raten Sie Studienanfängerinnen und -anfängern und Studierenden während ihrer Studienzeit an der Uni Paderborn? Was sollten diese unbedingt tun?

Riegraf: Sie sollten ernsthaft studieren (lacht). Aber sie haben in der Zeit des Studiums unglaublich viele Möglichkeiten, sich als Person weiterzuentwickeln. Einen Auslandsaufenthalt in ihrem Studium einzuplanen, das sollten alle Studierenden hier machen und wir haben Möglichkeiten, das auch finanziell so zu gestalten, dass es allen möglich ist. Wir haben Erasmus-Programme, wir haben andere Formen von Austauschprogrammen, wir haben das International Office, das Sie gegebenenfalls dabei unterstützt, in solche Programme rein zu kommen. Diese sind zum großen Teil so strukturiert, dass Sie Ihr Studium nicht verlängern, das heißt, wir schließen Abkommen, dass die Leistungen, die sie an einer anderen Universität erbringen, bei uns anerkannt werden. Nutzen Sie die Zeit, solche Programme wahrzunehmen, aber nutzen Sie auch die Zeit, sich für unsere Universität zu engagieren, beispielsweise im AStA. Außerdem haben wir ganz viele andere Initiativen an der Universität, die es Ihnen ermöglichen, sich einzubringen und das bedeutet auch immer, sich als Persönlichkeit weiterentwickeln zu können.  

universal: An der Uni gibt es viele Projektbereiche und Initiativen. Wie möchten Sie diese fördern und das Engagement beibehalten?

Riegraf: Wir haben uns jetzt kurz nach der Wahl mit den Studierendenvertretungen des Senats und des AStA zusammengesetzt, um genau zu gucken, was wir machen können, damit die Projektbereiche und Initiativen abgesichert sind. Wir haben über unterschiedliche Wege und Möglichkeiten nachgedacht. Ich denke früher oder später werden wir da jetzt eine ganze Reihe von Initiativen starten.

universal: Die Landesregierung diskutiert über Studiengebühren für internationale Studierende. Was ist Ihre Meinung dazu?

Riegraf: Wir unterstützen alle Strategien des Landes, die unsere Internationalisierungsstrategien nicht behindern. Alle Erfahrungen, die inzwischen aus Baden-Württemberg kommen, zeigen aber bei den Studiengebühren für ausländische Studierende in andere Richtungen. Die Anzahl der Studienbewerbungen hat abgenommen. Ich bin sehr skeptisch gegenüber der Einführung dieser Studiengebühren und die Landesregierung hat zugesagt, dass sie die nur einsetzten werden, wenn sie nicht dazu führen, dass weniger Studierende aus dem Ausland zu uns kommen und dass wir deshalb als Land Nordrhein-Westfalen erstmal die Erfahrung von Baden-Württemberg abwarten.

universal: Es geht um 1.500 Euro pro Semester, die ausländische Studierende zahlen sollen. Haben diese Studiengebühren nicht auch rassistische Züge?

Riegraf: In Baden-Württemberg wird es so gehandhabt, dass es sehr viele Ausnahmen gibt. Also ausgenommen sind Geflüchtete und Studierende aus den sogenannten Dritte-Welt-Ländern. Es werden ausgenommen Studierende, die aus bestimmten sozialen Kontexten kommen. Das ist zugleich ein Problem in der Umsetzung. Wenn sie alle diese Ausnahmen tatsächlich umsetzen wollen, muss es einen Prüfungsapparat geben, der prüft, unter welche Kategorien diese eingegangenen Bewerbungen fallen. Das ist ein riesiger bürokratischer Aufwand. Die Erfahrung aus Baden-Württemberg zeigt, dass dreißig Prozent dieser
Studiengebühren benötigt werden, den ganzen Apparat aufrecht zu erhalten. Ich wäre mit dem rassistischen Argument vorsichtig. Gegen die ursprüngliche Idee, die Studiengebühren eins zu eins an die Hochschulen weiterzureichen, sodass diese vor Ort Beratungs- und Unterstützungsgremien für Studierende aus nicht-europäischen Ländern einfügen können, ist zunächst nichts zu sagen. Wir haben die Erfahrung, dass diese im Studium länger brauchen. Wenn wir jetzt Unterstützungssysteme aufbauen können und die bezahlt werden von Studierenden, die dies können und es dann allen zu Gute kommt, dann könnten wir noch mal darüber reden. Aber die Erfahrung bisher zeigt, dass dieses Geld genau so nicht eingesetzt wird und ein großer Teil in einen bürokratischen Apparat geht.

universal: In der jüngsten Zeit gab es an der Uni mehrfach Vandalismus durch Gruppierungen wie die Identitäre Bewegung. Wie wurde damit umgegangen?

Riegraf: Ganz einfach: Anzeige gegen Unbekannt. Vandalismus geht nicht. Alle Formen von Sachbeschädigungen sind ein No-Go und da werden wir mit Anzeigen reagieren. Die Identitären werden vom Verfassungsschutz beobachtet und das hat an unserer Universität nichts zu suchen.

universal: Was fasziniert Sie am meisten an Ihrem Studiengang Soziologie?

Riegraf: Soziologie beschäftigt sich damit, wie Gesellschaft überhaupt funktioniert. Das sind ganz schlichte und einfache Fragen: Wie gelingt es einer Gesellschaft wie unserer, sich so zu organisieren, die Bürger morgens aus der Tür treten und der Müll zum Beispiel ‚über Nacht‘ weggebracht wurde? Das ist ja eine enorme Organisationsfrage  Und Gesellschaften lösen solche Fragen der gesellschaftlichen Organisation und des Zusammenhalts sehr unterschiedlich. Und wie Gesellschaften funktionieren, wie sie das lösen, wo es Unterschiede gibt, in der Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens, in der Form der Interaktion, in der Form der Kommunikation innerhalb von Gesellschaften, das finde ich unendlich faszinierend.

universal: Waren Sie eine gute Studentin?

Riefgraf: Was ist eine gute Studentin? Ich war eine sehr interessierte Studentin. In den ersten Semestern war aber ich keine gute Studentin. Das hatte damit zu tun, dass ich in Berlin studiert habe und mich sehr stark auch für die Entwicklung in der Stadt interessiert habe. Das hat sich dann im Laufe des Studiums sehr geändert und so ab der Hälfte war ich dann eine wirklich sehr gute Studentin, wenn Sie dies mit Noten messen wollen.

universal: Was ist Ihr Lieblingsbuch, was ist Ihr Lieblingsfilm?

Riegraf: Meine Lieblingsbücher sind im Moment „Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante und „Unter Leuten“ von Juli Zeh. Einen ganz schönen Film fand ich „Ziemlich beste Freunde“.

universal: Wo ist Ihr Lieblingsort an oder in der Uni?

Riegraf: Mein Lieblingsort in der Uni ist der Leseplatz in der Bibliothek, wo die Zeitungen ausgehängt sind.

universal: Welches Klischee gegenüber der Geschlechterforschung finden Sie selbst am lustigsten oder absurdesten?

Riegraf: Dass Geschlechterforscherinnen lila Latzhosen tragende Männerhasserinnen sind.

universal: Jodeln Sie oder kennen Sie die App?

Riegraf: Ich kenne sie, aber ich nutze sie nicht selbst.

Wird heute immer noch sehnlich vermisst – der Uni-WOK.Foto: td
Wird heute immer noch sehnlich vermisst – der Uni-WOK.Foto: td

universal: Der ehemalige Asiaimbiss/Dönergrill steht derzeit leer. Wie würden Sie die Fläche nutzen und was für einen Imbiss würden Sie sich privat wünschen?

Riegraf: Ich würde mir einen Saftladen wünschen, einen ordentlichen Saftladen mit lecker schmeckenden Säften und Bio-Obst. Oder einen
Bücherladen. Wenn es nichts zum
Essen sein darf, dann einen richtig gut sortierten Buchladen.

universal: Wie schätzen Sie die aktuelle Parkplatzsituation an der Uni ein?

Riegraf: Wir haben gegenwärtig 3.000 Parkplätze und sind jetzt im Zuge der weiteren Baumaßnahmen dabei zu überlegen, an welchen Stellen wir das Parkplatzangebot ausweiten können. Das heißt, unter Berücksichtigung, dass wir immer wieder darauf hinweisen, dass unsere öffentlichen Verkehrsmittel sehr gut ausgebaut sind – dass man vom Bahnhof hierher relativ schnell kommen kann – hoffen wir, dass wir bald ausreichend Parkplätze zur Verfügung stellen können, sodass Sie von allen Parkplätzen in wenigen Minuten die Gebäude der Universität Paderborn erreichen können.

universal: Was ist Ihre Einschätzung zum Stadtcampus? Was kann derzeit verbessert werden, was ist jetzt schon toll?

Riegraf: Ich finde es toll, dass die Universität in der Stadt so präsent ist. Der AStA organsiert das ganz hervorragend. Das ist eine wirklich wunderschöne Location über den Dächern von Paderborn, mit einer wunderbaren Terrasse.

universal: Wecher Buchstabe fehlt noch für ein Gebäude an der Uni?

Riegraf: (lacht) Z – haben wir schon Z? Ich glaube nicht. Dann Z.

universal: Was halten Sie von PAUL?

Riegraf: PAUL? PAUL entwickelt sich. PAUL wird erwachsen. Und wenn PAUL perfekt ist, nennen wir es PAULA (lacht).

universal: Von unserer Seite wären das die Fragen. Gibt es von Ihrer Seite noch etwas? Etwas, das Sie den Studierenden mit auf den Weg geben wollen?

Riegraf: Ein Appell an Sie: Nutzen Sie Ihr Studium. Eignen Sie sich die Uni an. Engagieren Sie sich! Es ist auch Ihre Universität. Es ist Ihr Studium und nutzen Sie die Zeit hier.

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