Vollständiges Interview: Ein Interview mit Grossstadtgeflüster

(ck/tb)

Auf der Bühne 2 traten um 20Uhr Grossstadtgeflüster auf und begeisterten das Publikum mit schrillen Outfits und einer tollen Live-Perfomance. Vorher durften wir uns mit Jen (Gesang), Raphael (Keyboard) und Chriz (Schagzeug) über ihre Musik und ihre Bandgeschichte unterhalten.

universal:: Wart ihr schon mal in Paderborn?
Chriz:: Das haben wir uns vorhin auch gefragt. Um ehrlich zu sein (lacht) wissen wir es nicht. Sagt ihr uns das.
Raphael:: Also wir vermuten, dass wir hier nicht waren, weil wir glauben nicht das wir so verstrahlt sind, dass keiner von uns dreien ne Erinnerung hat.

universal:: Was sind eure ersten Eindrücke von der Stadt oder vom Festival oder habt ihr noch nicht viel sehen können?
Jen:: Wir sind ungefähr seit 2 Minuten hier.
Chriz:: Also wir können euch jetzt den Weg von der Autobahnabfahrt bis hier hin beschreiben.

universal:: Ihr kennt euch ja jetzt schon relativ lange. Wie habt ihr euch kennen gelernt?
Chriz:: Oh Raphi und ich wir haben uns 2001 kennen gelernt in Hamburg bei so nem Kontaktstudiengang für Popular Musik.
Raphael:: Da hab ich ihn als sehr guten Drummer in Erinnerung gehabt und hab zwei Jahre später Jen kennen gelernt. Wir haben zusammen die Band Grossstadtgeflüster gegründet und als wir einen Drummer gebraucht haben, hab ich dann Chriz angerufen und gefragt ob er Bock hat mit der alten Röhre noch mal rum zufahren.

universal:: Wie seid ihr auf den Namen Grossstadtgeflüster gekommen?
Raphael:: Es gab damals nen Text von Jen, wo es das Wort Grossstadtgeflüster drin gab. Kannst du dich auch noch erinnern? (an Jen)
Jen:: Ja, erste Platte.
Raphael:: Es ist tatsächlich der Aufhänger vom ersten Album- „Grossstadtgeflüster“ der Song. Und es gab diesen Text bevor es den Bandnamen gab und als wir nen Bandnamen gebraucht haben- fanden wir, dass das Wort, weil es viel Interpretationsfreiraum lässt und es irgendwie ne große Bandbreite im Wort so ausstrahlt, fanden wir das nen guten Namen, weil wir noch nicht genau wussten worauf wir hinaus wollen. Das wissen wir eigentlich immer noch nicht so genau.

universal:: Habt ihr vorher noch was anderes gemacht? Eine Ausbildung zum Beispiel oder studiert?
Jen:: Du meinst was anständiges gelernt? (lacht) Wir haben alle mal angefangen zu studieren, aber nicht vorher, weil wir alle schon sehr, sehr lange Musik machen. Also wir haben erst Musik gemacht, dann studiert und dann haben wir auch wieder aufgehört zu studieren.

universal:: Was habt ihr studiert?
Chriz:: Also ich habe mal ne Zeit lang Musik und Biologie auf Studienrat studiert. Ich glaube das ist gut für alle Menschen. (lachen)
Raphael:: Bei mir war es Musik und Theologie.
Jen:: Bei mir war es Kommunikationsdesign. Also wir waren zumindest alle eingeschrieben.
Chriz:: Das war schon ernst gemeint.
Raphael:: Im Theologiestudium war ich bei einer einzigen Vorlesung.
Jen:: Geil. Ich hab nen abgeschlossenes Grundstudium auf jeden Fall.
Chriz:: (an Raphael) Dann hast du gedacht „Oh Gott“ und bist nie wieder hin gegangen?
Raphael:: Ich hab sechs Jahre gerne das Semesterticket genutzt.

universal:: Wie würdet ihr eure Musik beschreiben?
Raphael:: Wir hören öfter mal laut und anstrengend. Inzwischen nehmen wir das als Kompliment.
Jen:: Ich find ja bunt und fröhlich beinhaltet gegebenenfalls auch mal laut und anstrengend.

universal:: Was hört ihr selber für eine Musik?
Jen:: Alles. Also in unserer Freizeit - wenn alle alles.
Chriz:: Ja. Das ist in der Tat sehr bunt gemischt. Ich glaub wir sind alle sehr breit musikalisch irgendwie interessiert. Also das hört man ja auch an der Musik, dass wir nicht irgendwie in einer Schublade so sehr fest hängen. Das ist eher so kreuz und quer durcheinander.
Jen:: Das ist halt eine Frage der Stimmung. Zum ersten Date würde jetzt keinen schwedischen Death Metal hören oder so und wenn ich clubben gehe, sind so Jazz Ballets dann irgendwie auch nicht so richtig. Je nachdem was gebraucht wird. So all you can eat. Rapheal: Wenn man alleine das Festival heute nimmt, da sind jetzt mindestens fünf Bands auf Anhieb, die mir jetzt einfallen, die ich alle gerade total geil finde, die aber überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Also jetzt spielt gerade Claire drüben, was ne total super Band ist, finde ich.
Jen:: Dann kommen gleich noch Abby. Auch geil.

universal:: Also hört ihr euch gleich noch ein bisschen die Bands an?
Jen:: Ja, soweit wie es geht. Wir haben uns alle untereinander ja auch schon ein paar mal gehört.

universal:: Wer schreibt bei euch die Texte? (Raphael und Chriz zeigen auf Jen)
Raphael:: Größtenteils.
Jen:: Ja Größtenteils genau. Am Ende ist es ja sowieso immer so, dass irgendjemand mit irgendeiner Idee in den Raum kommt, sei es eine Komposition, nen Lied oder Textansatz. Dann wird die in der Regel immer so ein bisschen von demjenigen ausgearbeitet und dann sitzen alle an einem Tisch und mach dann den fertigen Song in Anführungsstrichen. Raphael textet zum Beispiel auch ganz viel.
Raphael:: Ich mach meistens so die lustigen Sachen, die nicht wirklich Niveau haben.
Jen:: Das heißt meine Sachen sind weder lustig, aber dafür niveauvoll?! (lachen) Nein also Schwerpunkt-Texter-mäßig bin ich das tatsächlich.

universal:: Woher nehmt ihr eure Ideen?
Jen:: Die kommen zu mir. (lacht) Es ist tatsächlich so, dass dann wenn man es am dollsten will oder ich, man kenn ich ja nicht, ich kann ja nur von mir sprechen, immer dann wenn ich es am dollsten will, klappt es auch nicht. Deswegen habe ich mir in den letzten Jahren angewöhnt zu warten, dass die Ideen zu mir kommen. Das kann jederzeit und überall sein. Ich hatte vorher immer einen Notizblock, so mit Stift und Zettel und jetzt tipp ich auf meinem Handy das direkt ein oder nehm das auf.

universal:: Habt ihr euch selber musikalische Ziele gesetzt? Was wollt ihr noch erreichen?
Jen:: Wir freuen uns, wenn wir das, was wir jetzt machen, noch ein Weilchen weiter machen dürfen. Da wären wir auf jeden Fall sehr happy mit. Und im besten Fall noch ne fünfte Platte machen.
Raphael:: Wir haben nun auch schon zehn Jahre als Band aufm Buckel und jeder persönlich noch ein paar Jahre länger und also eine der Lehren, an die wir inzwischen alle glauben, ist das Erwartungen überhaupt nicht glücklich machen. Und selbst wenn sie kommen, kommen sie nicht auf eine Art und Weise, die einen wirklich ausfüllt und wenn dann nur ganz kurz und dann geht’s wieder weiter mit der nächsten Erwartung. Und eigentlich kann das nur scheitern das Projekt Erwartungen.

universal:: Spielt ihr lieber auf Festivals oder gebt ihr lieber Konzerte?
Jen:: Oh...
Chriz:: Das ist ne gute Frage... Also ich auf jeden Fall beides. Ich glaube, wenn eins von beidem wegfallen würde, würde ich mich total ärgern. Also es ist jedes Mal so, wenn man die Festival- Saison durch hat, freut man sich auf die Clubs und wenn die Clubs fertig sind, denkt man sich boah jetzt wieder Festivals. universal: Am 07.06. 2013 erscheint euer neues Album. Würdet ihr sagen, dass es sich von euren bisherigen unterscheidet?
Chriz:: Ja, es ist das vierte. (lacht)

universal:: Also ist es von der Musik her ähnlich zu den letzten?
Jen:: Das ist selber immer schwer zu sagen, ich glaube schon. Es ist die Folge der letzten drei Alben.
Raphael:: Ohne das man es geplant hat, fallen einem dann Sachen auf. Uns ist aufgefallen, dass wir quasi viel mehr hymnische Melodien dabei haben als bei den letzten Alben. Das ist irgendwie so passiert. Weißt du? Würdet ihr das auch so sagen? (an die anderen beiden gerichtet)
Chriz:: Ja nee, es ist ja, wir machen keine Konzept Alben. Insofern, wir lassen es einfach laufen. Und sind dann ganz oft selbst überrascht, was dabei raus kommt. Aber ich glaube echt, dass jedes Album ein recht stringentes Folgealbum von dem davor geworden ist, glaube ich. Weil wir eben nicht sagen, nächste Platte wird jetzt ein Blockflöten Album, außer das fünfte wahrscheinlich.
Jen:: Ey, wenns nach mir ginge, wären wir auf der Baustelle schon viel, viel weiter. (lacht) Aber gut, ist in Ordnung.

universal:: Wie seid ihr auf den Albumtitel „Oh, ein Reh!“ gekommen?
Jen:: Wer will?
Raphael:: Ich! Also ist ne wahre Geschichte: Wir hatten lange keinen Albumtitel, obwohl wir schon sehr weit waren mit dem Album und ich hab im Bus irgendwann gesagt: „Leute wir müssen jetzt langsam ernst machen auf der Baustelle und das nächste was irgendjemand von uns sagt, ist der Albumtitel.“ Und das hab ich mit ner Strenge gesagt, die alle erschüttert hat. Und alle haben geschwiegen für zehn Minuten und der erste, der es vergessen hat war Tim, unser Mischer. Wir waren gerade im Wald unterwegs und er hat aus dem Fenster geguckt und ein Reh gesehen und gesagt: „Oh, ein Reh!“. Und das war Schicksal.

universal:: Welches Lied charakterisiert am besten euer Album? Was ist euer persönlicher Favorit?
Jen:: Das ist jedes Mal wieder schwer. Auch diese Single-Frage, weil ich persönlich finde, wir sind keine Single-Band. Dadurch das irgendwie alles da ist, also geschwindigkeitsmäßig, dollheitsmäßig und was auch immer, kann man es nicht sagen. Wir müssen uns leider immer wieder für ein oder zwei Nummern entscheiden, die man rausbringt, aber ich glaube die gibts nicht.
Chriz:: Wenn du dir vorstellst, du sitzt vor nem Teller bunter Knete und du sollst dich entscheiden, welche Farbe besonders für diesen Teller spricht, dann ist das echt schwierig, wenn alle Farben gleichermaßen passen.

universal:: Das wäre quasi auch die letzte Frage gewesen, warum ihr euch für die Single „Konfetti und yeah“ entschieden habt. (Alle lachen)

universal:: Haben bei euch alle gleichermaßen das Sagen oder gibt es einen der letztlich bestimmt?
Raphael:: Ich.
Chriz:: Meine Mutter.
Raphael:: Nee alle drei gleich und anders würde das auch gar nicht in so einer kleinen Gruppe klappen.
Jen:: das ist auf jeden Fall so ne absolute Demokratie, auch beim Songs schreiben. Und am Ende des Tages, wenn man entscheidet, was wie auf die Platte kommt und wo man weiter dran arbeitet, ist es auf jeden Fall so, dass alle ihre Hand erheben müssen und wenn sich irgendeiner mit irgendwas nicht wohl fühlt oder irgendwas nicht geil findet, dann wird das auch nicht gemacht. Das macht’s auch manchmal ein bisschen kompliziert, weil’s ein bisschen länger dauert, aber so ist das.
Chriz:: Bei drei Leuten ist das noch total händelbar.

universal:: Also versteht man sich nach zehn Jahren immer noch gut?
Jen:: Es geht, aber wir müssen ja, wir haben ja sonst nix gelernt! (lachen)

universal:: Geht man sich also nicht auf die Nerven, wenn man immer zusammen unterwegs ist?
Chriz:: Ich glaube wir sind echt total krasse Hippies.
Jen:: Jaja, ich glaube auch.
Chriz:: Das ist manchmal schon fast ein bisschen ekelig. (lachen)

universal:: Möchtet ihr noch etwas sagen zu eurem neuen Album?
Raphael:: Ja, hört euch das an!
Jen:: Auf jeden Fall! Anhören!

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