Buchrezension – Wilde Schafsjagd von Haruki Murakami

Allgemeine Informationen:413f6sK2yBL._SX314_BO1,204,203,200_

Titel: Wilde Schafsjagd

Originaltitel: 羊をめぐる冒険 (hitsuji o meguru bōken)

Autor: Haruki Murakami

Erscheinungsjahr: 1982
Deutschland: 1991

Seitenzahl:  299

Verlag: DuMont; 1. Aufl. 2005

ISBN: 3-8321-7899-6

Rezension: Sebastian M. (Vorstellung am 23.05.2016)

ACHTUNG: In der Rezension werden Teile der Geschichte erläutert, die einem eventuell die Spannung beim späteren lesen nehmen!

Motivation: Für das Literaturforum war mir nicht direkt bewusst, was für ein Buch ich lesen möchte und wie ich dieses am geeignetsten aussuche. Nach einer kleinen Recherche, habe ich viel Gutes über den Autor Haruki Murakami und über seinen besonderen Schreibstil gelesen. Dies hat mich neugierig gemacht, da alle bisherigen Rezensionen vom ASBE Literaturforum über Bücher von Haruki Murakami sehr positiv ausfielen. Das Buch „Wilde Schafsjagd“ wurde bis jetzt im Literaturforum nicht rezensiert, deshalb habe ich bewusst dieses Buch ausgewählt.

Zum Autor: Haruki Murakami wurde 1949 als Sohn eines buddhistischen Priesters in Kyoto geboren. Seine Mutter war die Tochter eines Kaufmanns aus Osaka. Seine Kindheit verbrachte Haruki Murakami in Kobe, einer Hafenstadt mit deutlich westlichen Einflüssen durch stationierte amerikanische Soldaten. Seine Eltern unterrichteten japanische Literatur in Kobe und führten ihren Sohn schon früh an die Literatur heran. In dieser Stadt entwickelte sich seine Vorliebe insbesondere für westliche Literatur. 1968 beginnt Murakami sein Studium der Theaterwissenschaften an der sehr renommierten Waseda Universität. Dort lernte er auch seine Frau Yoko kennen, die er nach dem Studium 1971 heiratete. Parallel zum Studium arbeitete er in einem Plattenladen, indem seine große Vorliebe zur westlichen Musik entsteht. Dieser Leidenschaft zur Musik treu geblieben, leitet Murakami von 1974 bis 1982 seine eigene Jazz-Bar „Peter-Cat“ in Tokio. Laut eigenen Aussagen, begann Murakami 1978 mit dem Schreiben. 1979 und 1980 erschienen seine ersten beiden Romane und ab 1982 konzentrierte er sich gezielt auf das Schreiben. Von 1991 bis 1995 lebte Murakami in den USA und arbeitete dort zuerst als Gastdozent und später als Professor bis er 1995 wieder zurück nach Japan ging, um sich nun völlig der Literatur zu widmen. Haruki Murakami hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem 2014 den Welt Literaturpreis und 2015 wurde er vom Time Magazine in die Liste der einflussreichsten Persönlichkeiten gewählt.

Als Autor finde ich Haruki Murakami besonders interessant aufgrund seiner einzigartigen und fesselnden Beschreibungen, die einen regelrecht in das Geschehen ziehen. Außerdem benutzt er eine sehr bildliche Sprache, die das Lesen sehr unterhaltsam macht. Sein Buch „Wilde Schafsjagd“ zählt zu seinen früheren Werken und ist schon 1982 in Japan erschienen. „Wilde Schafsjagd“ ist der erste Roman, der in deutscher Sprache 1991 auch in Deutschland veröffentlicht wird und zwar direkt aus dem japanischem übersetzt. Es spielt in einem modernen Japan, welches für mein bevorstehendes Auslandssemester besonders interessant ist, um einen Eindruck einer Innendarstellung eines japanischen Autors über Japan zu bekommen. Das Buch ist weder ein gesellschaftskritischer oder gar politikkritischer Roman, sondern Murakami lässt seine Hauptfigur gegen eine undurchsichtige und übermächtige Kraft antreten.

Inhalt:

Zu Beginn der Handlung wird der namenlose Protagonist vorgestellt und sein durchschnittliches Leben wird erläutert. Er ist 29, frisch von seiner Ehefrau geschieden und lebt in einem kleinen Apartment zusammen mit seiner Katze in Tokio. Er hört gerne Rockmusik, raucht, trinkt gerne Bier und hat eine Schwäche für besondere Frauen. Zusammen mit einem alten Freund führt er eine kleine Werbeagentur. Wir erfahren einige Anekdoten aus dem bisherigen Leben des Erzählers und irgendwann bekommt er einen merkwürdigen Brief von einem alten Freund namens „Ratte“. In dem Brief bittet ihn der Freund ein Foto von einer Schafsherde in einer seiner Werbeanzeigen zu verwenden. Kurz nach der Veröffentlichung, taucht ein Geschäftsmann bei ihm in der Firma auf, der ihn auffordert diese Anzeige sofort aus dem Programm zu nehmen, da auf der Abbildung ein besonderes Schaf zu sehen ist. Das unscheinbare Foto birgt ein Geheimnis: Es zeigt das Schaf mit dem Stern auf dem Rücken. Sein Auftraggeber, ein mächtiger und einflussreicher Mann aus dem Untergrund, liegt im Sterben und nur dieses bestimmte Schaf kann ihn retten. Der Geschäftsmann verlangt, dass der Erzähler sich auf die Suche nach diesem Schaf macht und er wird reichlich belohnt werden, wenn er innerhalb eines Monats erfolgreich ist. Sollte er scheitern, wird der Geschäftsmann dafür sorgen, dass sein Leben und seine Firma zerstört werden und er nicht mehr in der Gesellschaft Fuß fasst. Zusammen mit seiner neuen Freundin (mit besonders schönen Ohren) macht sich der Erzähler auf die Suche, quer durch Japan, nach dem Schaf.
Die Schafsjagd bringt ihn auf die Spur seines verschwunden Freundes „Ratte“ und führt ihn in die Einsamkeit der Berge von Hokkaido. Aber je näher er dem Schaf kommt, desto weiter scheint er sich von der Wirklichkeit zu entfernen. Schließlich findet er die verlassene Gegend, wo das Foto aufgenommen wurde und auch die Verbindung zu seinem alten Freund „Ratte“. Dennoch fällt es ihm schwer, rechtzeitig alle Puzzlestücke zusammenzusetzen und das Buch endet mit einem großen Knall.

Fazit und interkulturelle Aspekte:

Murakami nimmt den Leser mit auf die Schafsjagd, die teilweise schon eher an einen Roadmovie erinnert und lässt durch die Ich-Erzählperspektive den Leser das Leben des jungen Mannes direkt miterleben. Dadurch, dass Murakami keiner Person in seinem Buch einen Namen gibt (außer der Katze des Erzählers) wirken die Personen schnell austauschbar, auch das unspektakuläre und durchschnittliche Leben des Erzählers unterstreichen diesen Charakter. „Wahrscheinlich, weil ich Namen nicht mag. Ich bin ich, du bist du, wir sind wir, sie sind sie; das reicht doch, oder?“ (Seite 153) Sobald sich der Erzähler auf die Suche nach dem Schaf begibt, verläuft die Handlung chronologisch, wird aber nie langweilig. Das Buch hält immer neue Puzzlestücke für den Leser bereit und es mag sich kein vollständiges Bild ergeben. Nur an einer einzigen Stelle benutzt Murakami eine Abbildung, um dem Leser einen Eindruck davon zu geben, wie die Gestalt des Schafmannes aussieht. Es liest sich wie eine untypische Detektivgeschichte, die von unrealistischen Stilelementen durchmischt wird.

Es ist faszinierend wie Haruki Murakami in dem Roman eben mehr als nur von einer Schafsjagd erzählt. Es finden sich viele kulturelle Aspekte besonders im Umgang der Akteure mit dem Tod, aber auch im Umgang mit der Liebe wieder, die Murakami in all seinen Romanen benutzt.

Für mich ist „Wilde Schafsjagd“ ein absolut lesenswerter Roman, indem Murakami geschickt mit dem Leser spielt und selbst am Schluss nicht alles eindeutig aufgedeckt wird.

Leseempfehlung?
Für mich ist der Roman „Wilde Schafsjagd“ von Haruki Murakami definitiv lesenswert, wenn auch das Ende Geschmackssache ist. Vor allem wirft das Werk viele Fragen auf, über die sich nicht nur gut nachdenken, sondern auch hervorragend diskutieren und philosophieren lässt.

Posted in German, Japan, Literature review | 1 Comment

Buchrezension: Tokyo Vice von Jake Adelstein

25014355N

 

 

 

 

 

 

Buchdaten:
Titel: Tokyo Vice
Autor: Jake Adelstein
Verlag: Corsair
Erscheinungsjahr: 2010 (G.B)
Umfang: 390 Seiten
ISBN: 978-1849014649
Preis: 10,90€

 
Motivation:
Für die Buchvorstellung habe ich ein Buch gesucht, das sich mit der Thematik Yakuza auseinandersetzt. Dieses Thema fand ich interessant, weil Japan einerseits eines der sichersten Länder auf der Welt ist, was die Kriminalität betrifft, und andererseits existiert dort trotzdem diese berühmt berüchtigte kriminelle Organisation. Außerdem gibt es in der Pop-Kultur oft dieses romantisierte Bild eines Yakuzas, der loyal gegenüber seiner Gruppe ist, Traditionen pflegt und Zivilisten vor anderen Kriminellen bewahrt. Deswegen hat mich auch das Buch „Tokyo Vice“ angesprochen, in dem wahre Geschichten und Erlebnisse eines Reporters in der kriminellen Welt von Japan erzählt werden. Ein weiterer Punkt, den ich außergewöhnlich fand, war, dass der Autor kein Japaner ist. Dadurch hatte ich mir auch paar interessante Eindrücke eines Nicht-Japaners in der japanischen Kultur und Arbeitswelt (vielleicht auch ein paar lustige Fettnäpfen, in die der Autor treten könnte) erhofft.

Autor:
Der Autor, Jake Adelstein, ist am 28. März 1969 geboren und ist in den Vereinigten Staaten von Amerika in der Stadt Columbia des Bundesstaates Missouri aufgewachsen. Im Jahr 1988 ist er dann mit 19 Jahren als Austauschstudent nach Japan gekommen. Er studierte japanische Literatur an der Sophia Universität (jap. 上智大学, Jochi Daigaku) in Chiyoda, Tokio. Er lebte währenddessen in einem Soto Zen Buddhismus Tempel in Tokio für 3 Jahre. Im Jahr 1993 wurde Jake Adelstein dann als erster Nicht-Japaner als Polizeireporter bei der Zeitung Yomiuri Shinbun eingestellt. Yomiuri Shinbun ist die auflagenstärksten Zeitungen in Japan und sogar der Welt und ist Teil des größten Medienkonglomerats in Japan, der Yomiuri Group. Bei der Yomiuri Shinbun arbeitete er 12 Jahre bis zum Jahr 2005. Er und seine Familie wurden von Tadamasa Goto (後藤 忠政), dem Anführer einer Teilgruppe des größten Yakuza Syndikats Yamaguchi-gumi,  bedroht, weswegen er erstmal wieder in die Vereinigten Staaten zurückkehrte. Von 2006 bis 2007 arbeitete er als Chefermittler bei einer von der U.S. Regierung finanzierten Studie über den Menschenhandel in Japan. Im Jahr 2008 veröffentlichte er dann ein Exposé in der Washington Post über die Yakuza und Tadamasa Goto. (http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2008/05/09/AR2008050902544.html)
Anschließend veröffentlichte er eine Art Autobiographie und Enthüllungsroman über sein Leben als Reporter in Japan: „Tokyo Vice“. Jake Adelstein arbeitete außerdem temporär als Leiter der PR-Abteilung des Projekts „Lighthouse: Center for Human Trafficking Victims“ (ehemals „Polaris Projekt Japan“), das gegen Menschenhandel und die sexuelle Ausbeutung von Frauen kämpft. Er führt auch einen Blog über die Gesellschaft, Kriminalität und Yakuza in Japan (http://www.japansubculture.com/)

 
Inhalt:
Die Geschichte beginnt damit, dass Jake Adelstein einem Mitglied der Goto-gumi gegenübersitzt. Die Goto-gumi ist eine Teilgruppe der Yamaguchi-gumi, welche die größte Gruppe der japanischen Mafia, auch Yakuza genannt, ist. Die Forderung dieses Yakuzas lautet: „Either erase the story, or we’ll erase you. And maybe your family. But we’ll do them first, so you learn your lesson before you die“.
Danach gibt es einen Zeitsprung in die Vergangenheit. Der amerikanisch-jüdische Autor und Protagonist des Buches, Jake Adelstein, ist Student an der Sophia Universität und verdient sein Geld damit Englisch zu unterrichten und gelegentlich wohlhabenden japanischen Hausfrauen schwedische Massagen zu geben. Dann entscheidet er sich dazu, sich bei der japanischen Zeitung Yomiuri Shinbun zu bewerben. Um bei dieser Zeitung eingestellt zu werden, muss er aber zuerst diverse Einstellungstests und Interviews überstehen. Trotz aller Strapazen schafft er es aber der erste ausländische  Polizeireporter bei der Yomiuri Shinbun zu werden.
Anschließend wird das Leben von Jake als Journalist beschrieben. Dieser landet hierbei zuerst in dem Stadtbezirk Urawa von Saitama, ein Ort, der so langweilig ist, dass er sein eigenes Adjektiv („dasei“) dafür hervorgebracht hat. Dort muss er lästige Aufgaben erledigen, wie über lokale Sportergebnisse oder Wettervorhersagen schreiben, und lernen als Gaijin (Ausländer) ernstgenommen zu werden. Um überhaupt einen Scoop landen zu können, braucht er Kontakte. Also muss sich Jake für exklusive Informationen bei der lokalen Polizei einschmeicheln, indem er Donuts und Eintrittskarten für die Yomiuri Giants verschenkt und die Polizisten zu Hause besucht mit Zigaretten, Alkohol und Eis für die Kinder. Somit erlernt Jake das Handwerk eines Journalisten und Enthüllungsreporters in Japan.
Im weiteren Verlauf des Buches kommt Jake in Kontakt mit Serienmörder, wie den „Saitama Dog Lover“, wird in das Rotlichtviertel Kabukicho versetzt, arbeitet einen Abend als Host und lernt die Sexindustrie in Japan kennen, und trifft auf diverse Yakuzas, die dubiose Kreditgeschäfte machen und in den Menschenhandel in Japan verstrickt sind. Schlussendlich stößt er auf die Story, dass Tadamasa Goto, der Anführer einer besonders gewalttätigen Gruppe der Yakuza, einen Deal mit dem FBI gemacht hat, um in die USA einreisen zu können und es dadurch möglich war ein Lebertransplantat an der Universität von Kalifornien, Los Angeles (UCLA) zu bekommen. Er wird nun gezwungen diesen Artikel nicht zu veröffentlichen und kehrt in die USA zurück, was jedoch nicht das Ende dieser Geschichte ist.

 
Fazit:
Insgesamt würde ich dieses Buch auf jeden Fall als Lesenswert bezeichnen und weiterempfehlen. Jedoch darf man sich nicht von dem Klappentext und dem ersten Kapitel des Buches nicht täuschen lassen. Im ersten Kapitel wird Jake von einem Yakuza bedroht seinen Artikel  über einen Yakuza-Boss nicht zu veröffentlichen. Dies macht den Eindruck, dass sich das Buch hauptsächlich um Yakuzas und diese Geschichte dreht. Dabei geht es eher um die Erfahrungen des Autors als Polizeireporter in Japan und damit um seine Erfahrungen mit der Unterwelt Japans (wobei Yakuzas oftmals involviert sind). Erst im letzten Drittel des Buches tritt die Geschichte des ersten Kapitels wieder in den Fokus. Nichtsdestotrotz ist das Buch sehr interessant und bietet einen guten Einblick in die Kriminalität von Japan und auf den modernen Yakuza.
Außerdem sind die kulturellen Einblicke des Autors sehr informativ. Der Autor berichtet vom richtigen „meishi“-Austausch (Visitenkartenaustausch), dass man keinen schwarzen Anzug zum Vorstellungsgespräch tragen sollte, weil diese zur Beerdigung getragen werden und der „bonenkai“ (Vergiss-das-Jahr-Party) in japanischen Unternehmen. Sehr interessant fand ich z.B. auch das Kapitel in dem Jake für einen Abend in einem Host-Club arbeitet und diese typisch japanischen Etablissements näher beleuchtet oder das Kapitel, in dem beschrieben wird, dass viele junge Japaner „manual ningen“ (Menschen, die nur Instruktionen/ einer Anleitung folgen) sind und deswegen die Bestsellerliste Japans zu einem gewissen Zeitpunkt nur aus Anleitungen bestand (wozu auch eine Anleitung zum Selbstmord gehörte).
Allerdings habe ich auch Kritik an der Schreibweise des Autors. Oftmals werden Charaktere ziemlich lange und mühselig beschrieben, welche dann nach ein paar Seiten nie wieder auftauchen. Außerdem verliert sich der Autor manchmal in seinen Erzählungen. Es wird gerade eine besonders spannende Geschichte berichtet, aber dann fängt der Autor mit einer Geschichte in der Geschichte an, die auch mal über mehrere Seiten gehen kann, was oftmals sehr nervig ist.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass man das Buch lesen sollte, wenn man sich für die kriminelle Seite Japans gepaart mit kulturellen Eindrücken interessiert.

Posted in German, Japan, Literature review | 1 Comment

Beruflich in China – eine Rezension von Thomas Große Honebrink

41k5BOUmx0L._SX298_BO1,204,203,200_

Für das ASBE-Literaturforum im Sommersemester 2016 musste ich nicht lange überlegen, welches Buch ich gerne vorstellen würde. Das Sachbuch Beruflich in China von Alexander Thomas ist Teil einer Reihe und unter anderem auch für Japan und Südkorea erhältlich. Grundsätzlich geht es um Handlungskompetenz im Ausland und in diesem Fall eben um kompetentes Handeln von in China beruflich tätigen deutschen Managern. Die Basis bildet eine mehrjährige Forschung, welche durch die Volkswagen-Stiftung finanziell unterstützt wurde. Die Entscheidung für dieses Buch fiel auch unter dem Gesichtspunkt, dass es über die vom ASBE-Programm gebotenen Angebote hinausgeht und sich dadurch als ergänzende Vorbereitung sehr gut eignet. Daher sei vorweg genommen, dass ich persönlich diese Buch absolut empfehlen kann, nicht zuletzt da es sehr anschaulich und gut geschrieben ist.

Die deutschen Manager wurden zu ihren Beobachtungen und Erfahrung im Umgang mit ihren chinesischen Kollegen befragt. Danach wurden die Ergebnisse analysiert und auf deren Grundlage ein interkulturelles Training konzipiert. Unter anderem wurde ein Modelltraining durchgeführt und deren Wirksamkeit evaluiert. Es zeigte sich, dass die eingesetzten Trainings durch die Teilnehmenden positiv bewertet wurden. Aufgrund des Lernerfolges konnten viele kritische Situationen beziehungsweise Interaktionen besser bewältigt werden, da das Verhalten der Chinesen besser verstanden wurde und dadurch kulturadäquat damit umgegangen werden konnte. Dabei wird allerdings ausdrücklich betont, dass dieses Buch als Selbstlernmaterial zu verstehen ist und lediglich eine gute Basis für interkulturell kompetentes Verhalten darstellt. Der Leser sollte also nicht erwarten, dass er durch das lesen alle denkbaren Konfliktsituationen bewältigen kann. Das Buch eignet sich jedoch hervorragend, um einen Überblick zu gewinnen. Es kann zum Beispiel neben weiteren landeskundlichen Seminaren oder allgemeinen Vorbereitungsveranstaltungen als Ergänzung herangezogen werden und damit zur direkten Vorbereitung auf einen anstehenden Auslandsaufenthalt oder als Begleitlektüre genutzt werden.

Nicht einzig und allein durch die Bevölkerungszahl bildet der chinesische Markt ein enormes Potential für eine zukünftige wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen deutschen und chinesischen Unternehmen. Dabei ist zu beachten, dass der Entwicklungsstand in China noch nicht mit dem deutschen verglichen werden kann aber die Chinesen in den letzten Jahren deutliche Fortschritte und Erfolge zu vermelden hatten. Allerdings bestehen weiterhin Schwierigkeiten, wie zum Beispiel die räumliche Distanz oder die höchst unterschiedliche Sprache. Darüber hinaus gilt es zu bedenken, dass Kultur ein sehr komplexes Gebilde ist und weit über Sprache, Essen, Architektur, Kunst und natürlich viele weite Dinge hinausgeht. Kultur ist ein spezifisches System in dem es bestimmte Werte, Normen und Regeln gibt, die durch die Mitglieder wie selbstverständlich befolgt werden und eine Verletzung dieser womöglich sanktioniert wird. Kultur entsteht auch nicht über Nacht, sondern unterliegt einem fortlaufenden Entwicklungsprozess. So ist beispielsweise China bei weitem nicht mehr das kommunistische Land, welches sich vom Westen abschottet und von der Partei mit harter Hand regiert. Vielmehr öffnet sich das Land immer weiter und versucht durch den Aufbau wirtschaftlicher Beziehungen auch die kapitalistischen Bedürfnisse zu befriedigen. Allerdings benötigt ein solcher Prozess Zeit, um sich in die bestehenden kulturellen Strukturen einzugliedern. Kultur beeinflusst das Denken, Fühlen und Handeln seiner Mitglieder, wodurch sich Unwissende teilweise unangemessen oder kontraproduktiv verhalten.

Auf den ersten Seiten des Buches werden die Zielsetzung und die theoretischen Hintergründe beschrieben. Danach wird der Aufbau und Ablauf des Trainings erläutert, sowie abschließende Hinweise gegeben. Die zunächst recht allgemeine Einführung bildet einen ersten Einblick in die Thematik, bevor dann die insgesamt sieben Themenbereiche Hierarchie, Strategie & Taktik, Gesicht wahren, soziale Harmonie, das Guanxi-System, Bürokratie und Regelrelativismus behandelt werden. Am Ende des jeweiligen Kapitels wird die kulturelle Verankerung aufgezeigt. Abgerundet wird das Buch mit interkulturellen Bemerkungen zum Thema Humor, einer kurzen Zusammenfassung, sowie Literaturempfehlungen. Die Autoren beschreiben ihr Werk mit „Handlungswirksamkeit zentraler Kulturstandards in der Interaktion zwischen Deutschen und Chinesen”. Anhand der gewählten Themenbereiche lässt sich bereits erahnen, auf welchen Ebenen im Vergleich zu Deutschland deutliche Unterschiede mit konfliktpotenzial bestehen. Als kurze Beispiele sollen hier die Bereiche Hierarchie und das Guanxi-System dienen.

Die hierarchische Struktur in China lebt auf den ersten Blick von der absoluten Unterwürfigkeit der weiter unten stehenden Personen. Schaut man jedoch genauer hin, steckt weit mehr dahinter. Während in Deutschland ein Individuum in der Regel bestrebt ist, seine hierarchische Position zu verbessern und mitunter gegenüber höhergestellten Personen Neid besteht. Die Chinesen hingegen verstehen sich eher als ein Teil eines kollektivistischen Gefüges, welches nur funktionieren kann, wenn die Weisungen von Vorgesetzten befolgt werden. Dadurch entsteht jedoch bei uns gelegentlich der Eindruck, die Chinesen seien unselbständig es mangelt ihnen an Kreativität.

Das Guanxi-System in China beruht auf einem weit verzweigten Beziehungsgeflecht, welches am ehesten mit dem in Deutschland bekannten Vitamin B oder der stark negativ konnotierten Vetternwirtschaft zu vergleichen wäre. Wenn ich jemanden kenne, der einen Job organisieren kann und ich ihn darum bitte, dann bekomme ich diesen Job auch. Ein Chinese würde daher mit großem Unverständnis reagieren oder womöglich sogar den Kontakt vollständig abbrechen, selbst wenn sie ihm verdeutlichen würden, dass es nach dem deutschen Verständnis eine korrupte und strafbare Handlung darstellt, jemandem einzustellen, nur weil man ihn persönlich kennt. Die Bedeutung von Beziehungen ist also in Deutschland, frei nach dem Motto jeder ist sich selbst der nächste, eine ganz andere als in China.

Die als Grundlage dienenden Befragungen der deutschen Managern geben authentische Einblicke in das zusammenarbeiten und zusammenleben mit Chinesen. Die sieben Themenbereiche werden dem Leser mit insgesamt 20 Beispielen nähergebracht. Dabei ist anzumerken, dass nicht jedes Thema gleich viele Beispiele enthält und im Laufe der Jahre auch einige Beispiele ausgetauscht wurden, weil sie zum Beispiel nicht mehr zeitgemäß waren und um der sich schrittweise verändernden Kultur gerecht zu werden.

Besonders positiv ist hervorzuheben, dass der Aufbau des Buches dazu führt, dass der Leser stets angeregt wird, sich intensiv mit dem Lerngegenstand auseinanderzusetzen. Nach einer kurzen Beschreibung der Situation werden vier alternative Erklärungsansätze präsentiert, die teilweise auch bewusst unrealistisch gestaltet sind. Die Teilnehmer des Trainings beziehungsweise in diesem Fall die Leser des Buches werden dazu aufgefordert eine Einschätzung abzugeben, für wie realistisch sie die jeweilige Alternative halten und auf einer Skala zwischen sehr zutreffend und nicht zutreffend einzuordnen. In einem weiteren Schritt werden dann schriftliche Begründungen verlangt, warum eine solche Einschätzung getroffen wurde, um sich abschließend gedanklich mit einer geeigneten Lösungsstrategie auseinanderzusetzen. Ganz bewusst sollen an dieser Stelle keine konkreten Beispiele gegeben werden, um einem potenziellen Leser den Spaß nicht zu verderben.

Auffällig ist, dass die gewählten Beispiele sich ausschließlich auf Konfliktsituationen beziehungsweise einen ungünstigen Ausgang der beschriebenen Ausgangssituation beziehen. Dadurch soll nicht etwa suggeriert werden, dass in China ständig Konflikte zu erwarten sind, sondern vielmehr dafür sensibilisiert werden, wie entscheidend es sein kann, den Gegenüber zu verstehen und sein Verhalten richtig deuten zu können. Oft unterscheiden sich auch die Methoden und Lösungsansätze der Chinesen erheblich von unseren und nur wer in der Lage ist, sie besser zu verstehen, kann auch Erfolg haben.

Wie bereits zu Beginn erwähnt, handelt es sich um ein außerordentlich lesenswertes Buch für jeden, der einen Auslandsaufenthalt in China plant. Die Thematik ist zwar auf eine berufliche Tätigkeit ausgelegt, jedoch trägt sie auf eine sehr interessante Art und Weise dazu bei, sich mit der chinesischen Kultur näher auseinanderzusetzen und mögliche Unterschiede zu unserer festzustellen. Außerdem bieten die in den Ausgangssituationen erwähnten deutschen Manager die Gelegenheit, sich emotional in sie hineinzuversetzen und der Aufbau des Trainings vermittelt einem beinahe das Gefühl, selbst in dieser schwierigen Situation zu stecken. Daher ist es sehr anregend und motivierend, die Kapitel Schritt für Schritt durchzuarbeiten. Nach einer Weile bekommt man zudem ein besseres Gefühl dafür, welche Antwortalternative die zutreffende sein könnte oder welche Aspekte noch zu berücksichtigen sind. Dadurch wird auch die Lesemotivation angeregt, da man den Lernzuwachs förmlich spüren kann. Abschließend sei zudem erwähnt, dass auch noch genügend Spielraum übrig bleibt für eine weitere vertiefende Auseinandersetzung mit der chinesischen Kultur und keineswegs der Eindruck entsteht, nun bereits alles zu wissen. Vielmehr entsteht der Eindruck eine ganze Menge gelernt zu haben und dies als hervorragende Basis für eine weitere interkulturelle Vorbereitung nutzen kann, sodass Vorfreude auf den anstehenden Auslandsaufenthalt entsteht.

Posted in Generals | Comments Off on Beruflich in China – eine Rezension von Thomas Große Honebrink

Nothing to envy. Real lives in North Korea

Author:                          Barbara Demick
Publisher:                     Granta PublicationsNovel
Year of publication:    2014
ISBN:                             978 1 84708 141 4
Pages:                            319
Price:                             £ 9.99

 

 

 

 

Author

Barbara Demick is an American political journalist. In the years from 1993 to 1997 she was correspondent for the Philadelphia Inquirer in Eastern Europe. Along with photographer John Costello, she produced a series of articles for which she won the George Polk Award and the Robert F. Kennedy Journalism Award for international reporting.  These articles were the basis for her book “Logavina Street: Life and Death in a Sarajevo Neighborhood”, which was published in 1996. Beginning in 2001 she was a foreign correspondent for the Los Angeles Times and reported from the Middle East and South Korea.
Demick lived in Seoul before she moved to Bejing in 2007, where she is currently located. During a timeframe of seven years, she wrote a series of articles that focused on former residents of Chongjin, interviewing a large number of refugees in China and South Korea. These articles are the foundation for her book “Nothing to Envy. Real Lives in North Korea” which was first published by Spiegel & Grau/Random House in December 2009 and was awarded by the Dine Award for Human Rights Reporting.

Motivation

Nowadays the ongoing discussions about North Korea and its leader Kim Jong-un draws our attention to the world’s most closed-off country in the world. Especially ongoing threats about nuclear weapons and threat of war by North Korea is universally known. Having talked to Korean people it was surprising for me that they see Germany as ideal, as our country was once separated into east and west and was reunited  in 1990. Moreover, Korean people seem to be very emotional about their country being separate. Due to the fact that I will spend my semester abroad in Seoul, it was my motivation to know about the history of the country Korea and especially the half which appears to be enormously secretive towards the rest of the world. The book „Nothing to Envy. Real lives in North Korea“ (2014) is based on real stories of six Koreans and their lives in the northern Korean Peninsula. Barbara Demick has used interviews of refugees who have lived in North Korea and do now live in South Korea or China. Reading this book, I aim to learn about North Korea, the most world’s most closed-off country.

Background

On-site research in North Korea is difficult in general and especially for authors trying to find out the truth about the northern, communist Peninsula of Korea. Barbara Demick’s only chance to get information about this part of the country was to interview refugees. Seven years, she had numerous interviews with refugees who fled to China or southern Korea. The life stories in this novel take place in the town Chongjin, which is the third biggest town in North Korea. The city lies on the east coast of North Korea on the Japanese Sea and is almost entirely closed for foreigners. Demick complements the reports and descriptions with historical background and information, which makes it easier for the reader to understand the overall context.

Content

The novel follows the lives of six characters, who could not be more different except for one similarity, the escape from North Korea.

Mrs. Song behaves accordingly and shows her sincerity towards the North Korean regime. She is married to Chang-bo with who she has three daughters and a son. Her life is characterized by a full day working time. She takes care of the household as well as the children and works six days a week in a clothing factory. Additionally, Mrs. Song participates in the ideological training and implies that she often has short nights and does not get enough sleep. Her life becomes complicated when her children start acting contrary to the requirements of society. Especially, her eldest daughter Oak-hee is a very strong-willed person and questions the whole North Korean system. She gets married to a man who has an alcohol addiction and who becomes very aggressive and violent towards her. In the end, Oak-hee leaves her husband and her children behind and flees to South Korea. After Mrs. Song has lost most of her family members due to malnutrition her doubts in the North Korean system begin. In the end it is her rebellious eldest daughter who makes her go to South Korea.
Mi-ran is the daughter of a former South Korean soldier and daughter of a North Korean mother. Her father lived in war captivity before he received the North Korean citizenship. Due to her father’s prehistory the family lives under difficult conditions being domiciled in the lower class of society. Therefore, the children do not have the same prospects as other children and they are denied further school education as well as social advancement.
Jun-sang was born into a family where both parents are ethnical Koreans, born in Japan. As a result of a certain prosperity they have a better life than a lot of other North Koreans, but are also treated with scepticism by the regime due to the fact that they are in contact with their relatives in Japan.
The young Jun-Sang falls in love with the low positioned Mi-ran. It is Jun-sang’s dream to be promoted to the labour party, which induces that they will never be able to show their love for each other in publicity. His love to Mi-ran due to her family status would damage his future plans and his chance of social advancement. They are aware of the circumstances from the beginning, but nevertheless start meeting each other secretly and continue for years. Meeting each other unnoticed is simplified due to the fact that electricity was a scarce resource in North Korea and the darkness extends them cover from the imniban, who could betray their love to the regime.
Mir-an dreams of marriage and knows that her secret love goes along with the fact that she will never be Jun-sangs wife. She realizes the hopeless situation and starts making plans about leaving North Korea, her fatherland and thus, Jun-sang. At this time, she does not know that Jun-sang illegally finds out about the real catastrophic state of North Korea, the corrupt regime and the dishonest leader. Thereupon, he thinks about leaving the country and even about asking Mi-ran to go to China with him, but by the time he makes up his mind, Mi-ran and her family have already left the country forever.
Dr. Kim is the daughter of a simple worker with a low status in North Korea, but beside everything gets the chance to become a pediatrician. She feels like she is in the regimes debts for having been able to study and thus is a very hard working and compliant citizen. When the famine causes many deaths she tangles with her boss and starts questioning the whole system. The last words of her dying father are the contact details of their relatives in China. Years after her father’s death, Dr. Kim decides to leave North Korea and find her distant relatives.
Hyuck and his elder brother are raised by their father after the mother died when Hyuck was three years old. His father remarries and the stepmother favours to feed her own child, which she brings into marriage. The brothers do not have an alternative if they want to survive but become criminals as begging and stealing is their only option. Hyuck loses his father and his brother and leaves the country over a very complicated escape route.

Conclusion

The story follows the lives of six people and their extended families before the famine, their upbringing, up until the decision that they would leave the country. Barbara Demick makes it possible for us to get an insight to the totalitarian state North Korea. Everything that has happened under the leadership of the three dictators Kim Il-sung, Kim Jong-il as well as Kim Jong-un is more or less a secret. No foreign correspondents are allowed into the country, foreign visitors are accompanied and visitors are shown a life which can, as far as we know nowadays, not be true. Barbara Demick has given a face and a voice to suffering North Koreans who went from repression, to famine, to government lies and propaganda into life in South Korea or China. This book is all encompassing and incredibly versatile.
Again and again I had to put the the novel “Nothing to envy. Real lives in North Korea” aside and think about what I had just read. Moreover, knowing that all these stories are real horrifies me and the annual figures let me lose my breath, as the latest date she writes about is the year of 2014. Especially, Demick’s precise reproduction and complements of these life stories with historical background is an admirable work. She manages to outline the turning points when the protagonists lose their belief in the regime and start making plans to leave their country. Having read the book, I do now understand the obstacles North Koreans face when leaving their country. The author describes these challenges in detail and makes the reader understand how difficult it was for them when they arrived in China or South Korea. Most of them want to go back home as they are overstrained with their freedom, the technology and the behavior of people in the modern world. The refugees are more than decades behind of the development in South Korea.
In my opinion, the point of view from the South Koreans that Barbara Demick describes is very interesting. Although, they all long for a reunited Korea and dream of a reunification, they are not sure how to handle the masses that would enter from the North. A lot of economists are engaged in preparing for this situation and try to figure out what could be the best method to handle this situation. If there will be a reunion one day and all the information will be released for public, it is going to be interesting what exactly happened in North Korea, because today nobody knows exactly and there is much speculation. This bestseller should definitely be read.

Posted in English, Generals, Literature review, South Korea | Comments Off on Nothing to envy. Real lives in North Korea

Das neue China – von den Opiumkriegen bis heute –

Titel: Das neue China von den Opiumkriegen bis heute

Autor: Helwig Schmidt-GlintzerCover

ISBN-10: 3406662927

Verlag: C.H.Beck; Auflage: 6 (12. Februar 2014)

Motivation

Ich habe mich für dieses Buch entschieden, da ich persönlich leider nicht sonderlich Vertraut mit der reichhaltigen Geschichte Chinas bin. Um nicht zu viele Informationen auf einmal verarbeiten zu müssen, erschien mir dieses Buch als besonders geeignet, da es ausschließlich von den letzten 150 Jahren der chinesischen Geschichte erzählt. Generell halte ich es für äußerst sinnvoll sich mit der Geschichte eines Landes auseinanderzusetzen, wenn man vor hat dort einige Zeit zu leben, denn es hilft dabei Land und Leute besser zu verstehen. Der Grund für bestimmte Verhaltensmuster verschiedener Völkergruppen liegt häufig in ihrer Geschichte, somit erhoffe ich mir die Chinesen besser einschätzen zu können, wenn mir bewusst ist, was dieses Volk in den letzten 150 Jahren alles erlebt hat.

Autor

Helwig Schmidt-Glintzer war von 1993 bis 2015 Professor für Ostasiatische Literatur und Kulturwissenschaft an der Georg-August Universität Göttingen. Er studierte Sinologie, Philosophie, Ethnologie, Soziologie und Politikwissenschaften und hielt sich schon während seines Studiums des öfteren in China auf. Als Autor veröffentlichte er zahlreiche Werke, die sich nicht nur mit der Geschichte Chinas beschäftigen, sondern auch viel mit Ihrer Literatur und Ideologie. Der Autor erschien mir deshalb als geeignet, da ich mir erhofft habe die Geschichte Chinas nicht nur aus der Sicht eines Historikers erzählt zu bekommen, sondern von jemandem, der über den Tellerrand hinausschaut und auch etwas über die Reaktionen der Bevölkerung zu erzählen hat.

Inhalt

Das Buch ist in sechs Kapitel und mehrere Abschnitte unterteilt. Es beginnt mit dem ersten Opiumkrieg und dem Ende des Kaiserreichs (1839-1911) im gesamten Buch wird besonders deutlich, unter wie vielen kriegerischen Auseinandersetzungen die chinesische Bevölkerung in den letzten 200 Jahren leiden musste.

China war in dieser Zeit insgesamt fünf Bürgerkriegen und fünf Angriffskriegen ausgesetzt. Besonders die Bürgerkriege hatten verheerende Auswirkungen auf das Chinesische Volk. Nach Schätzungen sind von 1900-1949 19 Millionen chinesische Zivilisten durch politische Verfolgung, 9 Millionen durch Krieg und Revolution und 15 Millionen an den Folgen von Hungersnöten und Naturkatastrophen zugrunde gegangen. Zwischen 1947 und 1987 soll es über 35 Millionen Opfer der kommunistischen Verfolgung und zudem 27 Millionen Hungertote allein während der von Mao Zedong mit der Politik des „Großen Sprungs nach vorn“ verursachten Hungerkatastrophen der Jahre 1959 bis 1961 gegeben haben. Im ersten Abschnitt des Buches wird besonders die Niederlage im ersten chinesisch-japanischem Krieg im April 1895 hervorgehoben die für die Bevölkerung eine Schmach war, da Japan bis dorthin als untergeordneter Teil der chinesisch kulturellen Einflusssphäre betrachtet worden war. Japans Ansehen in der Welt wuchs durch den vernichtenden Sieg während Chinas Schwächen und insbesondere die Ineffizienz der Politik offenbart wurden. Zusätzlich wird am Beispiel des Opiumkrieges deutlich gemacht, wie sehr China anderen Mächten, in diesem Fall den Engländern ausgesetzt war. Ebenso wird klar, dass sich China als Vielvölkerstaat versteht und der Gedanke einer gemeinsamen Nation noch relativ jung ist und

Der Zweite Abschnitt trägt den Titel „Politische Wirren und die Suche nach einem Neuanfang“ und beschreibt die Zeit von 1912 bis 1927. Es wird auf die nationale Volkspartei Chinas (GMD) eingegangen, die 1912 zum ersten Mal eine chinesische Republik ausruft. 1921 wird die bis heute regierende Kommunistische Partei Chinas gegründet, schon am Gründungsprozess ist ihr späterer Anführer Mao Zedong maßgeblich beteiligt. Um dem japanischem Expansionsdrang Einhalt zu gebieten, schlossen sich beide Parteien zunächst zu einem Bündnis zusammen, welches allerdings 1927 aufgrund verschiedener Interessenskonflikten aufgehoben wird und im Blutbad von Shanghai im April 1927 sein grausames Ende findet.

Der dritte Abschnitt beschreibt im Wesentlichen wie es zum immer größeren Bruch zwischen Republikanern und Kommunisten gekommen ist. Zwischendurch werden auch immer wieder die ausländischen Einflüsse beispielsweise durch die Russen genauer erläutert. Vom Juli 1937 bis zum August 1945 kam es zu einem erneuten Krieg mit den Japanern, welche sich in China so grausam verhielten, dass innerhalb der Chinesischen Bevölkerung ein durchaus nachvollziehbarer Hass gegenüber Ihnen aufkeimte. Der gemeinsame Feind Japan trug dazu bei, dass sich ein gewisser Nationalitätsgedanke im Volk bildete und war somit einer der Gründe, warum kurz danach 1949 die Volksrepublik China gegründet werden konnte. Dieser im vierten Abschnitt des Buches beschriebene Staatsgründung geht ein langer Bürgerkrieg von 1927-1945 voraus bei der es schließlich den Kommunisten gelang die durch die Amerikaner unterstützen GMD Partei zu besiegen. Somit ging eine lange Periode politischer Ungewissheit, territorialen Kämpfen und ständig wechselnden Regierungen zu Ende und China wurde zum ersten Mal einigermaßen stabil. Im weiteren Verlauf des Buches wird auf die bereits angesprochene Kampagne Maos „Großer Sprung nach vorn“ eingegangen, die dazu beitragen sollte den Rückstand zu den westlichen Industrienationen endgültig aufzuholen. Ursprünglich sollte die Kampagne von 1958 bis 1963 laufen, sie scheiterte allerdings schon 1961 im Wesentlichen durch wirtschaftliche Fehlentscheidungen wie die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und endete in der größten Hungerkatastrophe der Menschheitsgeschichte bei der zwischen 15-45 Millionen Menschen verhungerten. Hinzu kamen in dieser Zeit auch noch zahlreiche schwere Überschwemmungen und Dürren.
Einer der letzten im Buch angesprochenen Aspekte ist die chinesische Kulturrevolution von 1966-1976 die zunächst auf Anklang innerhalb der Chinesischen Bevölkerung stieß und dazu gedacht war den Staat von Missständen zu befreien. Insgesamt kann man sich die Kulturrevolution als eine Aneinanderreihung vieler verschiedener politischer Kampagnen vorstellen. Sie wurde von Mao dazu benutzt seine politische Führungsebene auszutauschen und somit auf die innerparteilichen Spannungen zu reagieren.

Abschließend wird im Buch noch auf Macao Hongkong und Taiwan eingegangen, sowie auf die zunehmende Urbanisierung und der damit verbundenen Landflucht.

Rezension

Ich muss leider sagen, dass ich von dem Buch etwas enttäuscht bin. Für jemanden wie mich, der zuvor nicht besonders viel über die Chinesische Geschichte wusste war das Buch sehr schwierig und mühselig zu lesen. Dies liegt zum einen daran, dass der Autor zuweilen zwischen verschiedenen Zeitpunkten hin und her springt und nicht alles chronologisch erzählt. Zum anderen wird meiner Meinung nach vom Leser einiges an Vorwissen verlangt um das Buch flüssig lesen und verstehen zu können. So musste ich während ich das Buch las immer wieder das Internet zur Hilfe nehmen um alle Abläufe richtig verstehen zu können. Und selbst jetzt bin ich mir nicht über alles im Klaren, was eventuell aber nicht nur am Autor liegen könnte, sondern auch an der sehr turbulenten Gesichte Chinas. Ein weiterer Kritikpunkt ist der Fokus auf Persönlichkeiten, so werden teilweise ganze Kriege in 1-2 Sätzen beschrieben und im Gegenzug einige Personen über 2 Seiten. Nichtsdestotrotz ist das Buch eine gute wenn auch sehr knappe Zusammenfassung der Geschehnisse in China der letzten 150 Jahre und für jemanden, der sich mit China gut auskennt und nochmal alles zusammengefasst haben möchte durchaus empfehlenswert.

 

Martin Fenkl 6702498

Posted in Generals | Comments Off on Das neue China – von den Opiumkriegen bis heute –

Buchrezension – “In der Misosuppe” von Ryū Murakami

Cover 1                Cover 2

Buchdaten:

Titel: In der Misosuppe (Originaltitel: イン ザ・ミソスープ- In za Misosūpu)
Autor: Ryū Murakami (村上 龍) (Übers.: Ursula Gräfe)
Verlag: Kiepenheuer & Witsch (2. Auflage: 2007)
Erscheinungsjahr: 1997 (jap.) / 2003 (engl.)
Umfang: 208 Seiten
ISBN: 978-3462037333
Preis: 8,95 €

Motivation

Bei der Suche nach einem für die Rezension geeigneten Literaturwerk, war ich zunächst auf die Thematik Samurai, welche mich schon immer faszinierte, fokussiert. Dies sollte sich jedoch nach einer Bibliotheksführung am Landesspracheinstitut in Bochum ändern. Die dort tätige Bibliothekarin stellte verschiedene japanische Werke aus den unterschiedlichsten Bereichen vor, wobei sie zu ‚In der Misosuppe‘ anmerkte, dass sie es auf der Hälfte weg gelegt habe, da die Ereignisse des Romans ihr wortgemäß zu ‚schaurig‘ gewesen seien. Im Zusammenhang mit dem doch eher harmlos erscheinenden Cover erweckte diese Aussage mein Interesse und strahlte einen gewissen Reiz aus, sodass ich noch einmal das persönliche Gespräch mit ihr suchte, in welchem ich erfuhr, dass der Autor Ryū Murakami ein durchaus renommierter japanischer Autor sei, der sich hauptsächlich auf das Verfassen gesellschaftskritischer Romane spezialisiert hat.

Die expliziten Darstellungen sexueller Gewalt seien gerade in diesem Bereich der japanischen Literatur keine Seltenheit und verschaffen einen Einblick in das geheime Leben der japanischen Großstädte sowie die verborgenen gesellschaftlichen Wünsche und Ängste ihrer Bewohner. Nach weiterer Nachforschung in der Bibliothek und dem Durchstöbern verschiedenster Literatur blieb mir schlussendlich die Entscheidung zwischen ‚In der Misosuppe‘ und diverser Romane zum Thema Samurai. Auch wenn Letztere aus historischer Sicht ein hohes Kulturgut Japans darstellen, habe ich mich im Hinblick auf einen bevorstehenden Aufenthalt für ein gegenwärtigeres, mir bis dato unbekanntes Thema entschieden. So machte ich mich voller Neugier daran, in das moderne Japan des Verborgenen und Verbotenen einzutauchen.

Der Autor

Ryūnosuke Murakami (村上 龍之介) wurde am 19. Februar 1952 in Sasebo (佐世保), in der Präfektur Nagasaki (長崎) geboren. Seine Schullaufbahn absolvierte er ebenfalls in seiner Heimatstadt Sasebo. Schon während seiner Jugend übte er die verschiedensten Aktivitäten aus, von Schlagzeugspielen bis hin zu Rugby. Die ersten Erfahrungen im Verfassen eigener Texte machte er in der Schulzeitungs-Redaktion seiner damaligen Highschool, die er im Jahre 1970 erfolgreich abschloss. Murakami pflegte während dieser Zeit Kontakte zur Hippie-Szene, die in schon früh zu gesellschaftskritischem Denken hinführte, was sich nicht zuletzt darin äußerste, dass er mit Gleichgesinnten an Protesten teilnahm, die zum Teil auch kleinere rechtliche Konsequenzen für ihn hatten. Seine Schulzeit scheint prägend für ihn gewesen zu sein, da er sich auch im weiteren Verlauf seines Lebens den verschiedensten Aktivitäten widmete, welche immer wieder mehr oder weniger deutlich Kritik an gesellschaftlichen Missständen durchscheinen ließen.

Nach der Schule führte ihn sein Weg 1972 über die Gendaishichosha School of Art in die Musashino Art University. Dort verfasste er seinen ersten Kurzroman ‚Blaue Linien auf transparenter Haut. Tokio unterm Strich‘, welcher die Themen sexuelle Freizügigkeit und Drogenmissbrauch zum Gegenstand hat. Das Werk erregte 1976 japanweite Aufmerksamkeit und gewann verschiedene Preise u. A. den Gunzo Newcomer Award. Weitere preisgekrönte Bestseller Murakamis sind die Romane ‚Coin Locker Babies‘ (1980) und ‚Piercing‘ (1994), welche auf surreale Weise düstere Themen wie Adoption, Zerstörung und Sadomasochismus gespickt mit Horrorelementen behandeln. Sein Tätigkeitsbereich weitete sich schnell auf das Schreiben von Drehbüchern aus. Der Film ‚Tokio Dekadenz‘ (1992) bei dem er als Regisseur fungierte machten ihn erstmals in der westlichen Welt bekannt. Seit Anfang der 90er fördert er nebenbei kubanische Musiker in Japan und betreibt ein eigenes Plattenlabel. Mitte der 2000er moderierte er eine Talk Show im japanischen Fernsehen und hat seitdem diverse andere Medienprojekte und -firmen betrieben. Insgesamt lässt sich Murakami als sehr vielseitiger Künstler bezeichnen, der seiner Gesellschaftskritik in seinen Werken oft auf drastische Weise Ausdruck verleiht, dabei jedoch gleichzeitig auf elegante Art den Nerv der Bevölkerung zu treffen scheint wie sein großer Erfolg verdeutlicht.

Zum Inhalt

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der junge Kenji der sein Geld als Fremdenführer im Rotlichtviertel Tokios verdient. Das Straßenbild des sogenannten Kabuki-cho ist von dubiosen Massagesalons, Striplokalen und Spielhallen geprägt, eine Welt die für Ausländer vollkommen fremd ist und einen mysteriösen Reiz ausstrahlt. Der Großteil seiner Klientel sind allein reisende Amerikaner die besondere sexuelle Erlebnisse in den etlichen Bars, Love-Hotels und Live-Shows des Bezirks Shinjuku suchen. Als er den äußerst undurchsichtigen Frank als seinen Kunden akzeptiert, beginnen für Kenji drei Nächte in denen er sich auf eine emotionale Achterbahnfahrt begibt. Entsprechend ist ‚In der Misosuppe‘ in drei Teile unterteilt die alle ihren ganz eigenen Spannungsbogen aufbauen. Zunächst glaub Kenji er sei paranoid, als er seinen neuen Kunden aufgrund verschiedener Auffälligkeiten mit zwei extrem brutalen Morden in Verbindung bringt, allerdings untermauern seltsame Beobachtungen an Franks Person und Verhalten seine Verdächtigungen zunehmend. Dabei ist Frank in seiner Art keineswegs unfreundlich, sondern Kenji häufig sogar ein freundlicher Gesprächspartner auf Augenhöhe. Besonders interessant scheint hier das Bild eines westlichen Ausländers in der Wahrnehmung eines Japaners, was für den Protagonisten immer wieder eine große Rolle in Bezug auf das Verhalten spielt. Es sind die kurz aufblitzenden Emotionen im Gesicht seines Kunden in Momenten, in denen seine Wünsche zurückgewiesen werden, die ihm das Blut in den Adern gefrieren lassen.

Die Folge davon ist neben einer subtilen und surrealen Angst auch, dass Kenji beginnt sich über sein eigenes Leben und die Gesellschaft in den japanischen Großstädten Gedanken zu machen. Was ist zum Beispiel der Grund dafür, dass sich junge Mädchen in einem wirtschaftlich wohl situierten Land wie Japan der Prostitution hingeben? Ist die Beziehung zu seiner Freundin, die den ganzen Roman lang den einzigen Kontakt zur Welt außerhalb des Rotlichtviertels darstellt, ebenfalls durch eine gestörte Psyche belastet? Fragen dieser Art bestimmen Kenjis inneren Monolog während er mit seinem Kunden durch die verschiedenen Etablissements zieht und zum ersten Mal bewusst Zeuge wird, wie die Einsamkeit der Menschen sie in den Abgrund der Lust und Gewalt zieht. Was Kenji zunächst als unnötige Gewalt erscheint nimmt gegen Ende des Romans durch das Eintauchen in Franks verdrehte Psyche kontinuierlich Gestalt an und lässt ihn sowie den Leser alles bis dahin Geschehene hinterfragen und es in einem neuen Licht erscheinen.

Fazit

Insgesamt ist ‚In der Misosuppe‘ ein empfehlenswerter Roman, bei dem der Autor es dreimal schafft, durch die dichte Atmosphäre die sein Schreibstil erschafft, kontinuierlich Spannung aufzubauen und somit drei bedeutende Spannungshöhepunkte zu erreichen, welche allerdings auf unerwartet unterschiedliche Weise aufgelöst werden. Das Buch aufgrund eines Gewaltausbruchs in Verbindung mit einer eher abseitigen Sexualität abzubrechen scheint besonders für sensiblere Leser naheliegend, wird dem Roman aber in seiner Gesamtheit bei Weitem nicht gerecht. Gerade für Leser die durch das erste Auftauchen einer solchen Szenerie geschockt sind, ist es empfehlenswert das Buch durchzulesen, da sich ihre Empfindungen während des Lesens mit denen des Protagonisten bewegen werden und sie die emotionale Entwicklung Kenjis über den Roman hinweg besser nachvollziehen können. Sicher bleibt der ein oder andere Vorfall den Kenji miterlebt langfristig im Gedächtnis des Lesers hängen, verblasst aber schnell zwischen all den interessanten kulturellen Eindrücken, die vermehrt gegen Ende des Werks immer wieder auf wunderbare Art vom Autor Berücksichtigung finden und die Atmosphäre etwas auflockern. Ein Beispiel hierfür ist die eindrückliche Schilderung des typisch japanischen Neujahrsbrauchs, bei dem die Glocken der Tempel um Mitternacht 108 Mal geläutet werden. Andersherum werden Leser enttäuscht werden, die ausschließlich an Gewaltdarstellungen interessiert sind, da diese nur sehr dosiert eingesetzt werden um gesellschaftliche Missstände sinnbildlich zu verkörpern, was vom Leser zudem die Fähigkeit abverlangt, die Botschaften zwischen den Zeilen erkennen und Metaphern interpretieren zu können. Viele Fragen die über das Buch hinweg aufkommen und wesentlich zur Spannung beitragen bleiben leider unbeantwortet, was mir weniger gefallen hat. Allerdings lassen diese viel Spielraum für eigene Gedanken und Interpretationen.

‚In der Misosuppe‘ gehört zwar nicht zu den allerbesten Büchern die ich je gelesen habe, bewegt sich aber im oberen Bereich, was in etwa auch den allgemeinen Ansichten auf diversen Plattformen wie etwa Amazon entspricht. Das Leseerlebnis an sich und der Verlauf der Geschichte waren für mich bis dato einzigartig und sind daher schlecht mit anderen Werken zu vergleichen. Es lohnt sich jedoch definitiv, diesem Werk von Ryu Murakami eine Chance zu geben, eine Tatsache die auch die Bibliothekarin des LSI im Nachhinein von mir erfahren musste.

Posted in German, Japan, Literature review | Comments Off on Buchrezension – “In der Misosuppe” von Ryū Murakami

Buchrezension: Schwarze Magnolie – wie ich aus Nordkorea entkam – Ein Bericht aus der Hölle

Schwarze Magnolie von Hyeonseo Lee

Schwarze Magnolie von Hyeonseo Lee

Das Buch

Titel: Schwarze Magnolie – Wie ich aus Nordkorea entkam – Ein Bericht aus der Hölle

Im Original: The Girl with seven Names – A North Korean Defector’s Story

ISBN: 978-3-453-20075-3

Erstausgabe: 2015

Verlag: Wilhelm Heyne Verlag München

Art: Autobiografie


Motivation

Aufmerksam wurde ich auf dieses Buch durch einen Artikel in einer Zeitschrift. Schon immer, aber besonders durch die Teilnahme am ASBE-Programm mit dem Zielland Korea, interessiere ich mich sehr für die Geschichte des geteilten Landes. Durch die weite Entfernung und fehlende Behandlung der Thematik in der Schule, war mir über die Lage dort vergleichsweise wenig bekannt. Zusätzlich fiel die Lektüre des Buchs in die Zeit im LSI und so war es interessant einige Worte zu nachzuvollziehen und auf den Bildern zu lesen. Durch diese zeitliche Begleitung assoziiere ich die gesamte Teilnahme am Sprachkurs und den sonstigen ASBE Terminen mit diesem Buch. Durch Aussagen der koreanischen LSI Sprachlehrerin sowie Aussagen einer südkoreanischen Freundin von mir wurde mein Interesse auf den Aspekt der Identifikation mit dem Land gelenkt und so wurde das Buch meine Wahl für diese Buchrezension.

Die Autorin

 Hyeanseo Lee ist 1981 in Nordkorea geboren und hauptsächlich in der Grenzstadt Hyesan aufgewachsen. Mit fast 18 Jahren überquerte sie den Grenzfluss Yalu nach China für einen Ausflug zu ihren Verwandten. Auf Grund von politischen Umständen konnte sie jedoch nicht wie geplant nach wenigen Tagen zurückkehren und war von dann an auf der Flucht. Zwei Jahre konnte sie bei ihren Verwandten unter einem falschen Namen unterkommen, verließ die Familie jedoch und lebte 10 weitere Jahre unter einem weiteren Namen illegal in China. 2008 flog sie Übersee mit einem Zwischenstopp in Incheon, Südkorea, wo sie sich als Nordkoreanerin zu erkennen gab und Asyl gestattet bekam sowie die südkoreanische Staatsbürgerschaft. Später verhalf sie auch ihrer Mutter und ihrem Bruder zur Flucht und zu einer Aufenthaltsgenehmigung in Südkorea. 2011 lernte sie Englisch um die große Bildungslücke zu den anderen südkoreanischen Frauen in ihrem Alter aufzuschließen. Unter besonderer Auflage wurde sie an der Hanguk Universität in Seoul für den Studiengang “Foreign Studies – China” angenommen und studiert dort seitdem. Zusätzlich arbeitet sie als Journalistin für die Universität.

Über die Jahre nach ihrer Flucht wurde sie zur Botschafterin der Nordkoreanischen Flüchtlinge und setzt sich vermehrt gegen Menschenrechtsverletzungen ein. 2013 sprach sie beim Ted Talk in Kalifornien von ihren Erlebnissen. Besonders durch das Buch “The Girl with the seven Names“, welches erstmals 2015 in England erschien und bis heute in 25 Ländern in verschiedenen Sprachen veröffentlicht wurde, erhielt sie internationale Aufmerksamkeit. Seit der Publikation tritt sie vermehrt bei Podiums Diskussionen und weiteren politischen Veranstaltungen in verschiedenen Ländern zu diesem Thema auf um die Wahrheit über das Leben in Nordkorea zu verbreiten, die Welt aufzuklären und ihrer Bevölkerung die Problematik ins Bewusstsein zu rufen.

Inhalt

Auf insgesamt 412 Seiten erzählt die Autorin von ihrem Leben in Nordkorea und besonders von ihrer Flucht von dort. Das Buch beginnt in der Kindheit von Hyeanseo Lee. Nordkorea ist für sie das schönste und reichste Land der Welt. In anderen Ländern, so glaubt sie, müssen die Menschen Hunger leiden. In Nordkorea sorgt ihr Führer Kim Jong-il für das Wohl seines Volks. Hyeanseo wächst sehr behütet auf mit ihrem jüngeren Bruder sowie ihrer Mutter und ihrem Stiefvater. Die Familie lebt in der Grenzstadt Hyesan, die nur durch einen Fluss von China getrennt ist. Dass ihr Vater nicht ihr leiblicher Vater ist erfährt sie später von ihrer Großmutter von denen sie jedoch immer zu spüren bekommen hat, dass ihr Bruder und leibliches Kind beider Elternteile willkommener ist. Die Familie hat einen hohen Sonbun, welcher die Stellung in der Gesellschaft und so auch die Ressourcenverfügung angibt. Dieser kommt besonders durch den Job des Vaters beim Militär. Außerdem ist die Familie, wie viele in den Grenzstädten, wohlhabend, da, besonders die Mutter, viel Geld mit Schmuggel und Handel am Fluss verdient. Das System ist sehr korrupt und so können mit Bestechungen und Schmiergeldern die illegalen Geschäfte vertuscht werden. Auch die vielen freundschaftlichen Kontakte zu Geschäftsleuten aber auch Grenzposten, ermöglichen es der Familie eine Senkung des Sonbuns zu verhindern und kleinere Vergehen aus den Akten verschwinden zu lassen. Durch den Job des Vaters beim Militär zieht die Familie öfter um und Hyeonseo sieht viel von ihrem Land. Die meiste Zeit ihrer Kindheit verbringt sie allerdings in Hyesan.

In der großen Dürre und Hungersnot in den 1990er Jahren, bekommt sie erstmals Elend in ihrem Land mit. Durch die vielen Reisen und Umzüge durchs Land bemerkt sie, dass nicht alle Städte gleich stark oder überhaupt von der Not betroffen sind. Im Alter von sieben Jahren ist sie zum ersten Mal bei einer Hinrichtung anwesend. Als später ihr Vater an der Folge von Misshandlungen durch das Kommando der militärischen Sicherheit stirbt zieht die Familie wieder nach Hyesan wo sie vermehrt beobachtet wird. Durch ihre guten Kontakte, kann die Mutter einen Verlust des Sonbuns abwehren.

Kurz vor ihrem 18. Geburtstag, mit dem sie nicht nur in die Gesellschaft aufgenommen wird, sondern auch an der Universität ein Studium aufnehmen kann, wagt sie sich mit der Unterstützung befreundeter Grenzposten in einer Nacht im Dezember über den Grenzfluss nach China. Der Ausflug sollte ein Abenteuer werden, bevor sie voll strafmündig wird. In China sind die Geschäftspartner ihrer Mutter ihre erste Anlaufstelle. Mit Hilfe dieser gelangt sie zu Verwandten in Shenyang. Sie genießt den Aufenthalt bei ihrer Familie und die Freiheiten, die der Besuch in China mit sich bringt. Nach wenigen Wochen erreicht sie ein Anruf der Mutter, indem ihr mitgeteilt wird, dass es eine Volkszählung in Nordkorea gab und die Familie gezwungen war sie vermisst zu melden um die Flucht zu vertuschen. Hyeonseo kann nicht mehr nach Nordkorea zurück.

Die Verwandten erfinden eine neue Identität für sie und führen sie in ihr soziales Umfeld ein. 1999 soll Hyeonseo verheiratet werden, um dem Problem der Illegalität entgegen zu wirken. Obwohl sie zunächst zustimmt, bricht sie später die Verlobung und verlässt die Familie. Unter einem neuen Namen sucht sie einen Job in einem anderen Stadtteil. Als sie von einer Arbeitskollegin bei der Polizei angeschwärzt und verhört wird kann sie die Beamten nur mit ihren Chinesisch Kenntnissen und etwas Glück davon überzeugen, dass sie Chinesin ist. Um nicht aufzufallen zieht sie neben das Polizeipräsidium und trifft sich später sogar mit einem Kommissar. Nach einem Umzug innerhalb Chinas lernt sie einen Südkoreaner kennen und verliebt sich. In einem vertrauten Gespräch vertraut sie ihm ihr Geheimnis an.

Alleine fliegt sie nach Incheon in Südkorea, wo sie sich am Flughafen als Nordkoreanerin zu erkennen gibt. Ein langer Identifikations- und Integrationsprozess beginnen an dessen Ende sie eine Wohnung und Startkapital für ihr freies Leben mit südkoreanischer Staatsbürgerschaft bekommt. Die Integration fällt ihr schwer, auch wenn sie über ihren Partner viele Kontakte knüpfen kann. In seinem sozialen Umfeld fühlt sie sich jedoch nie richtig wohl. Als die Sehnsucht nach ihrer Familie zu groß wird, plant sie mit ihrem Bruder die Flucht der Mutter. Sie reist erneut nach China um sie zu holen. Bei der Flucht treten allerdings Komplikationen auf und so ist auch ihr Bruder gezwungen Nordkorea dauerhaft zu verlassen. Über einen Schleuser treten alle die Reise nach Südkorea an. An der Grenze nach Laos werden die Flüchtigen schließlich verhaftet. Mit all ihren Ersparnissen so wie der Hilfe eines Fremden, kann sie ihre Familie befreien und ihnen den Weg nach Seoul ermöglichen. So wie viele nordkoreanische Flüchtlinge fällt es Hyeonseos Bruder schwer in Südkorea Fuß zu fassen. Die Bildungslücken sind sehr groß und er verarbeitet den Statusabfall nur schlecht. Auch der Mutter fällt eine Integration schwer und sie plant mehrfach zurückzukehren. Am Ende bleiben beide. Hyeonseo trennt sich von ihrem Freund und lernt einen Amerikaner kennen.

Fazit

Das Buch “Schwarze Magnolie” hat interessante und schockierende Einblicke in das Leben in Nordkorea gegeben. An vielen Stellen sind Parallelen zu der deutschen Geschichte besonders in Bezug auf den Führerkult des dritten Reichs und die Methoden und Vorgehensweisen der Stasi in der DDR zu erkennen. Dementsprechend, haben mich einige Erzählungen der Autorin wenig schockiert, was meiner Vermutung nach, von der hohen Aufklärung kommt, welche wir in Deutschland erhalten. Auf der anderen Seite musste ich mir oft vor Augen rufen, dass diese Geschichte nicht im frühen 20. Jahrhundert, sondern erst in den vergangenen Jahren geschah. Ein für mich zentraler Aspekt war beim Lesen auch die Schwierigkeiten, die die Familie auf der Flucht in den verschiedenen Ländern hatte. Für mich nicht vorstellbare Hürden, die aber auch gerade aus gegebenem Anlass durch die aktuelle Flüchtlingskrise an Bedeutung gewinnen.

Die Lektüre hat mich neugierig gemacht wie die Koreaner selbst ihr Land wahrnehmen. Während es offiziell und wohl auch für die meisten Ausländer zwei unabhängige Länder sind, halten vor allem Südkoreaner sehr an der Zusammengehörigkeit fest. Für sie sind beide Länder eins. Ein Fakt, der mich sehr überrascht, angesichts der Rivalität und Machtkämpfe, die zwischen den Ländern schon viele Jahre herrschen.

Das Lesen war für mich ein unvergleichliches Erlebnis. Während die Erzählungen aus der Kindheit über viele Seiten etwas langwierig zu lesen sind, wird es ab der Flucht sehr aufregend. Sowohl als spannende Unterhaltung aber auch besonders als Aufklärung über die Situation in Nordkorea kann ich dieses Buch sehr empfehlen.

Posted in Literature review, South Korea | 1 Comment

Protected: Video Podcast: Intercultural Job Application

This content is password protected. To view it please enter your password below:

Posted in English, Group podcast, Japan, Video podcast | Comments Off on Protected: Video Podcast: Intercultural Job Application

Protected: German & Chinese eating culture

This content is password protected. To view it please enter your password below:

Posted in China, Group podcast, Video podcast | Comments Off on Protected: German & Chinese eating culture

Protected: Group 4 Cultural differences between China and Germany

This content is password protected. To view it please enter your password below:

Posted in China, Group podcast, Video podcast | Comments Off on Protected: Group 4 Cultural differences between China and Germany