Buchrezension: Die Ladenhüterin

Buchdetails

  • Titel: Die Ladenhüterin / Konbini ningen (コンビニ人間)
  • Autorin: Sayaka Murata (村田 沙耶香)Die-Ladenhüterin
  • Übersetzung: Ursula Gräfe
  • Erscheinungsjahr: 2018 (3. Auflage)
  • Verlag: Aufbau Verlag, Berlin
  • Umfang: 145 Seiten
  • ISBN: 978-3-351-03703-1
  • Preis: 18,00 €

 

Die Autorin
Sayaka Murata wurde 1979 in Inzai in der japanischen Präfektur Chiba geboren, in welcher sie ebenso aufwuchs und die Mittelschule besuchte. Später zog sie mit ihrer Familie nach Tokio, wo sie ihren Schulabschluss an der Kashiwa High School machte. An der Tamagawa Universität studierte sie dann Kunst- und Kulturwissenschaften.
Während ihres Studiums begann Murata mit der Veröffentlichung verschiedener Romane. Für ihren ersten Roman Jyunyū (Stillen) gewann sie 2003 den Gunzō-Nachwuchspreis. Es folgten weitere Auszeichnungen wie z.B. der Noma-Literaturpreis im Jahr 2009 oder der Mishima-Preis im Jahr 2013. Der internationale Durchbruch gelang ihr schließlich 2016 mit dem Roman Konbini ningen (Convenience Store Mensch(en)), welcher in Deutschland im Jahr 2018 unter dem Titel Die Ladenhüterin veröffentlicht wurde. Für ihre Geschichte über eine Konbini-Verkäuferin, die sich in Japan über 600.000 Mal verkaufte, erhielt sie 2016 den wichtigsten japanischen Literaturpreis, den Akutagawa-Preis. Inspirieren ließ sie sich dabei von ihrer eigenen Teilzeittätigkeit als Convenience Store Mitarbeiterin in Tokio, die sie neben ihrer Schriftstellerkarriere ausübt. Im Zuge dieses Erfolges wurde sie als eine der Women of the Year der japanischen Vogue ausgezeichnet.

Meine Motivation
Noch vor meiner expliziten Suche nach einem Buch für das Literaturforum bestand mein Interesse darin, eine auf der einen Seite unterhaltende, auf der anderen Seite aber auch gesellschaftlich relevante sowie zeitgemäße Geschichte über Japan zu lesen. Schon länger ist mir bekannt, dass es vor allem in Japan viele gesellschaftliche Phänomene gibt, für die sich die Japaner oft sogar ein eigenes Wort einfallen lassen (wie z.B. Karōshi, Inemuri, Hikikomori etc.). Um einen tieferen Einblick in diese Thematik zu gewinnen und genauer zu verstehen, wie Japaner speziell in Bezug auf Arbeit, Familie oder Konformität denken, war es mir besonders wichtig, ein Buch eines japanischen Autors zu wählen, der aus erster Hand über die allgemeine und gegenwärtige japanische Denkweise berichten kann. Nach kurzer Internetrecherche entdeckte ich dann schnell den Roman von Sayaka Murata, für den ich mich auch entschied. Der Klapptext des noch relativ neuen Buches sowie diverse Rezensionen und positive Pressemeinungen weckten mein Interesse für die in dem Buch beschriebene Konbini-Verkäuferin, die sich in ihren Mittdreißigern zunehmend mit der Wichtigkeit einer Festanstellung sowie der Familienplanung konfrontiert sieht. Um mir nun ein Bild von der dargestellten Denkweise zu machen sowie mir kritisch meine eigene Meinung über die Thematik bilden zu können, fing ich mit großer Neugier an, das Buch zu lesen.

Inhalt
In ihrem Roman erzählt Sayaka Murata die Geschichte der 36-jährigen Japanerin Keiko Furukura, die als Aushilfskraft in einem Convenience Store, einem sogenannten Konbini, arbeitet, der rund um die Uhr geöffnet hat. Dieser befindet sich in einer nicht näher bestimmten japanischen Stadt am Bahnhof Hiiro-chō. Vor ihrer Zeit als Ladenhilfe hatte Keiko große Schwierigkeiten, sich problemlos mit ihrem Verhalten in die Gesellschaft einzufügen. Denn schon immer galt sie als Außenseiterin, die mit den Gefühlen ihrer Mitmenschen kaum etwas anfangen kann. Mehrere Vorfälle in ihrer Kindheit machen deutlich, dass sie im Vergleich zu den anderen Kindern ein eher sonderbares Verhalten an den Tag legte, was ihre Eltern oft dazu veranlasste, sich zu fragen, wie man sie „heilen“ könne. Um mit ihrer Art nicht weiter unangenehm aufzufallen, fasste Keiko den Entschluss, für sich zu bleiben. Da sich jedoch weder in ihrer Schulzeit noch während ihres Studiums etwas änderte und sie keinen richtigen Anschluss an die Gesellschaft fand, lebte sie mit der Vorstellung, „unheilbar“ zu sein. Eines Tages aber stieß sie auf dem Rückweg von der Universität auf einen neu eröffneten Konbini, in dem sie kurzerhand den Job der Ladenhilfe antrat. Während ihrer Schulung wurden ihr ein „normaler Gesichtsausdruck“ und eine „normale Art zu sprechen“ beigebracht und Keiko hatte zum ersten Mal in ihrem Leben das Gefühl, als „normales Mitglied der Gesellschaft“ am „normalen Leben“ teilzuhaben.
Seitdem sind 18 Jahre vergangen. Keiko hat ihr Studium schon vor einigen Jahren abgeschlossen, arbeitet jedoch immer noch tagtäglich als Aushilfe im Konbini. Das Verhalten ihrer Kollegen sowie die Gepflogenheiten des Ladens hat sie sich regelrecht einverleibt und diesen zu ihrem Lebensinhalt erklärt. Da ihre Situation seit Jahren aber unverändert geblieben ist, werden ihr immer öfter unangenehme Fragen gestellt. Sowohl ihre Schwester als auch ihre Freundinnen, die fast alle schon geheiratet und Kinder bekommen haben, haken zunehmend nach, warum sie noch nicht verheiratet sei, ja noch nicht mal eine Liebesbeziehung hatte. Auch die Tatsache, dass sie keinen Vollzeitjob hat, stellt Keiko vor die Schwierigkeit, ihren Umstand immer wieder erklären zu müssen. Mehr und mehr wird sie sich bewusst darüber, dass ihre Gesellschaftsfähigkeit an ihrem Beruf sowie ihrem Beziehungsstatus gemessen wird. Sollte es in dieser Hinsicht zu keiner Besserung kommen, fürchtet sie sich davor, als Fremdkörper aufzufliegen und beseitigt zu werden.
Als dann aber der neue Mitarbeiter Shiraha eingestellt wird, gerät ihre Weltordnung mehr und mehr ins Wanken. Dieser verhält sich mit seiner Art genau gegenteilig zu Keiko. Er ist faul und lustlos, antwortet herablassend und hält sich nicht an die Regeln. Nachdem sich der Chef des Konbini sowie andere Mitarbeiter über ihn beschwert haben, wird Shiraha kurze Zeit später gefeuert und als Fremdkörper, der der Normalität im Wege steht, beseitigt. Eines Abends findet Keiko ihn dann in der Nähe des Konbini herumlungern. Sie begeben sich in ein Restaurant, in dem Shiraha seinen Unmut über die Welt äußert. Seiner Meinung nach würde sich die Gegenwart nicht von der Jōmon-Periode (eine Phase der japanischen Vorgeschichte zwischen 14 000 und 300 v. Chr.) unterscheiden. Der Stärkere gewinne, die Gleichheit zwischen Männern und Frauen sowie der Individualismus seien bloß Lügen, Außenseiter erkenne man nicht an, und Menschen, die zu keinem „Stamm“ gehören und keinen Nutzen bringen, werden belästigt, ungerecht behandelt und ausgestoßen. Die moderne Gesellschaft sei nichts weiter als eine Illusion. Dabei wolle Shiraha nur seine Ruhe vor denjenigen haben, die versuchen, ihm eine bestimmte Lebensweise vorzuschreiben. Um die Kritik an ihm verstummen zu lassen, möchte er heiraten und ein Internetgeschäft gründen. Da Keiko ein ähnliches Interesse verfolgt und eine Veränderung in ihrem Leben von Nöten ist, schlägt sie ihm unvermittelt vor, sie zu heiraten. Shiraha scheint von ihrer Idee zunächst nicht ganz angetan zu sein, entscheidet sich dann aber doch aufgrund dessen, dass er keine Bleibe und Probleme mit seiner Familie hat, dafür, bei ihr zu wohnen. Beide sind der Meinung, dass sie von diesem „Geschäft“, als welches sie diese Beziehung bezeichnen, profitieren werden. Nach und nach erzählt Keiko ihrer Schwester und ihren Freundinnen die Neuigkeit – ihre überschwängliche Freude darauf findet sie aber eher befremdlich und nicht nachvollziehbar.
Nachdem es einige Tage gut lief, rutscht Keiko auf der Arbeit heraus, dass sie neuerdings mit Shiraha zusammenlebt. Ihre Kollegen, denen Shiraha aufgrund seiner damaligen Anstellung bekannt ist, mischen sich unverhohlen in ihre Angelegenheit ein und tratschen während der Arbeitszeit über sie, wofür Keiko kein Verständnis hat. Als es dann zu weiteren Problemen mit Keikos Schwester und Shirahas Schwägerin kommt, die der Meinung sind, dass die beiden so nicht weiterleben können, scheint es beschlossen zu sein, dass Keiko nicht weiter als Ladenhilfe im Konbini arbeiten kann. In dem schmerzlichen Bewusstsein, dass das Geschäft im Konbini am nächsten Tag auch ohne sie reibungslos weiterlaufen wird, absolviert sie ihren letzten Arbeitstag. Ihre Kollegen, in deren Augen sie nun ein normaler Mensch geworden ist, wünschen ihr viel Glück für ihren neuen Lebensabschnitt. Während Shiraha sich auf die Suche nach einem neuen Job für Keiko macht, um selber davon zu profitieren, verliert sie ihren Tagesrhythmus sowie ihren Lebensinhalt und weiß nichts mehr mit sich anzufangen.
Etwa einen Monat nach ihrer Kündigung hat Keiko ein Vorstellungsgespräch für einen neuen Job. Auf dem Weg zu diesem machen sie und Shiraha einen Stopp in einem Konbini, um dort auf die Toilette zu gehen. Unmittelbar nach ihrem Eintritt hört Keiko dann plötzlich die „Stimme“ des Konbini. Sie weiß instinktiv, was der Laden braucht, und beginnt damit, fehlplatzierte Waren umzuräumen. Als Shiraha von der Toilette zurückkehrt und sie wütend aus dem Laden herauszieht, versucht er, ihr den Gedanken, wieder im Konbini anzufangen, auszureden. Doch Keiko ist sich nun vollends sicher, für den Job als Konbini-Angestellte geboren zu sein. Während sich Shiraha voller Zorn auf den Weg zum Bahnhof macht und sich sicher ist, dass sie dies noch bereuen wird, entschließt sich Keiko dazu, wieder in einem Konbini anzufangen und alles für ihren Job zu geben.

Kritische Würdigung und Fazit
Trotz der Kürze des Romans hat es Murata geschafft, mich mit ihrer Geschichte zu faszinieren. Der kurze und präzise Schreibstil, der alles ohne weitere Ausschmückungen nüchtern auf den Punkt bringt, ermöglicht einen leichten und schnellen Lesefluss, der den Leser bis zum Ende der Erzählung mitreißt. Der Roman hat mich durchaus unterhalten, auch wenn die in ihm vermittelte Atmosphäre von einer gewissen Gefühlskälte zeugt. Meiner Meinung nach ist dies jedoch der Thematik angemessen und zu großen Teilen auch der Protagonistin geschuldet.
Keikos Andersartigkeit kann schlichtweg darauf zurückgeführt werden, dass es ihr an Empathie – einer in Japan so wichtigen Eigenschaft zur Wahrung der Harmonie und sozialen Balance – fehlt. Das zeigte sich bereits in ihrer Kindheit und auch im Erwachsenenalter änderte sich in dieser Hinsicht nicht viel. Vielmehr basiert ihr Handeln auf Pragmatismus, wodurch sich viele komische Situationen und Gedanken ihrerseits ergeben, über die ich einerseits oft schmunzeln musste, die mich andererseits aber auch – zugegebenermaßen – fast schon verstörten. Nichtsdestotrotz kommt Keiko überaus sympathisch rüber, man fühlt aufgrund ihres Schicksals mit ihr mit und möchte erfahren, wie es für sie weitergeht.
Interessant fand ich den Ansatz, der gewählt wurde, als Keiko zunehmend den gesellschaftlichen Druck aus ihrer Umgebung spürte: um nicht weiter negativ aufzufallen, beugt sie sich – nicht ganz unkritisch – den gesellschaftlichen Normen und Konventionen und passt sich komplett und in jeder Hinsicht ihrem Umfeld an. Und genau in jener totalen Anpassung findet sie dann ihre Bestimmung. An vielen Stellen könnte der Roman hier überspitzt oder gar befremdlich wirken, da Keiko ihr ganzes Leben wirklich nur nach dem Konbini und ihrer dortigen Arbeit ausrichtet, jedoch bekommt man als Leser auch das Gefühl, dass sie genau dies am glücklichsten und zufriedensten macht. Umso mehr entsetzte es mich dann schon fast, als sich immer mehr Leute zwischen sie und ihr Glück im Konbini gestellt haben, sie unter Druck setzten und sich auf dreiste Weise das Recht herausnahmen, sich in ihr Leben einzumischen. Und das nur, weil sie als unverheiratete Frau nicht dem typischen Bild einer 30-jährigen Japanerin entspricht. Ob Keiko der Job im Konbini erfüllt, interessiert dabei niemanden. Auch wenn an dieser Stelle die japanische Denkweise gut zum Vorschein kommt, wäre hier meiner Meinung nach etwas mehr Menschlichkeit völlig angebracht gewesen.
Obwohl sich die Geschichte größtenteils nur im Konbini abspielt, lassen sich die in ihr behandelten Themen durchaus auf die gesamte japanische Gesellschaft übertragen. Dabei bestätigte Murata meine Vorstellungen über eine Gesellschaft, in der das bloße Funktionieren am Arbeitsplatz und die Konventionen des gesellschaftlichen Zusammenlebens alles andere dominieren. Somit bietet der Roman einen authentischen und interessanten, wenn auch traurigen und leicht verstörenden Einblick in eine für uns eher fremde Welt. Jedoch spiegelt sich hier meiner Meinung nach nicht nur die japanische Gesellschaft wider, sondern eine insgesamt moderne, kapitalistische und gefühlskalte Welt, in der jeder seinen definierten Platz einnimmt und die gesellschaftliche Ausgrenzung derjenigen erfolgt, die sich dem allgemeinen Muster nicht fügen wollen.

Abschließend kann ich sagen, dass der Autorin mit ihrem Roman eine klug und stellenweise sehr humorvoll erzählte, satirische Gesellschaftskritik gelungen ist, die die absurden Gesetzmäßigkeiten unseres Alltags gut zum Vorschein bringt und an unserem Selbstverständnis eines normalen Lebens rüttelt. Das Buch empfehle ich vor allem denjenigen weiter, die Interesse an der japanischen Kultur haben und gerne über Themen wie Individualität und Konformität, dem Anderssein oder gesellschaftlichen Funktionieren reflektieren, da der Roman hier viele Ansatzpunkte zur weiteren Diskussion bietet. Ein netter Nebeneffekt ist zudem der umfassende Einblick, den man in die Welt eines Konbini erhält. Für mich war dies besonders interessant und ich bin gespannt, ob ich die in dem Buch beschriebene Atmosphäre genauso empfinden werde, wenn ich meine Einkäufe in einem der für Japan so wichtigen Läden tätige.

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Buchrezension: Mein Korea-Tagebuch – Zwei verrückte Jahre in Seoul

Buchcover

Buchdetails

  • Titel: Mein Korea-Tagebuch – Zwei verrückte Jahre in Seoul
  • Autor: Baldur Zinnes
  • Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform
  • ISBN-Nummer: 978-1519211231
  • Erscheinungsjahr: 12. November 2015, 2. Auflage, Bad Dürkheim
  • Umfang: 214 Seiten
  • Preis: 16,99 €

Motivation

Mein Anspruch war es, ein Buch auszuwählen, bei dem ich etwas über die koreanische Kultur lerne, das mich auf mein Auslandssemester in Seoul vorbereitet. Gerne durfte dieses Buch auch einen historischen Bezug herstellen, um die heute in Korea gelebten Werte und Normen historisch zu begründen. So entschied ich mich zunächst für den Roman „Drifting House“ von Krys Lee – eine Zusammenstellung mehrerer Kurzgeschichten über die Lebensumstände verschiedener Koreaner nach dem zweiten Weltkrieg. Beim Lesen stellte ich jedoch schnell fest, dass sich die Erkenntnisse aus dem Lesen dieses fiktiven Romans sehr in Grenzen hielten. Für mich bestätigte sich die oft der koreanischen Literatur zugeschriebene düstere Atmosphäre und überspitzte, ja fast schon perverse Darstellung gesellschaftlicher Missstände. Übertragbarkeit auf meinen eigenen Aufenthalt in Südkorea? Wohl eher gering – will ich zumindest hoffen, denn ich hätte mich nicht für Korea entschieden, wenn ich mit Vergewaltigungen, Hungernöten und Entführungen rechnen würde.

Zu meiner Rettung scheint Amazon meinen Literaturgeschmack mittlerweile ganz gut zu kennen und schlug mir das Buch „Mein Korea-Tagebuch – Zwei verrückte Jahre in Seoul“ vor. Zunächst war ich skeptisch, ob ein Buch mit so einem Titel und einem ebenso schnöden Cover nicht bloß eine weitere in wenigen Tagen heruntergeschriebene Ansammlung von Rechtschreibfehlern und formalen Mängeln ist. Ein erster Blick in die Buchbeschreibung und Inhaltsvorschau ließ mich aufatmen. Der Autor ist offenbar ein eingefleischter Geschäftsmann und beherrscht nicht nur die deutsche Sprache, sondern schreibt auch mit einer guten Portion Humor über seine eigenen Erlebnisse bei einem zweijährigen Geschäftsaufenthalt in Seoul. Ziemlich genau das Buch, das ich jetzt gebrauchen kann – danke Amazon, nehme ich!

Über den Autor

Baldur Zinnes wurde 1969 geboren und ist gelernter Journalist. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er bei einem deutschen Großkonzern, den er in seinem Buch nicht namentlich erwähnt. Stattdessen verwendet er das Pseudonym DIE FIRMA. Als Zinnes 2010 für einen mehrmonatigen Projektaufenthalt nach Hongkong geschickt wird, entwickelt er erstmals eine Begeisterung für Asien. Er beginnt, Chinesisch zu lernen, erwirbt mehrere Sprachzertifikate und setzt sich mit der chinesischen Kultur auseinander.

Drei Jahre später erhält Zinnes von seinem Chef ein Angebot für eine Stelle als Leiter des Public-Relations-Teams der südkoreanischen Tochtergesellschaft. Zinnes zögert und denkt zwei Wochen nach, denn schließlich zieht es ihn eher zurück nach China. Zu allem Übel führte Nordkorea wenige Tage zuvor einen weiteren Atombombentest durch und löste damit ein Erdbeben der Stärke 5 aus. Die Situation in Korea ist angespannt und das Büro von DIE FIRMA Korea befindet sich in Seoul, nur 50 Kilometer südlich der Grenze zu Nordkorea. Dennoch entschließt sich Zinnes, die Teamleiter-Stelle anzunehmen und zieht im August 2013 mit seiner Familie für zwei Jahre nach Seoul.

Während seiner Zeit in Korea führt Zinnes ein Tagebuch, das er 2015 als „Mein Korea-Tagebuch“ veröffentlicht. Er unternimmt außerdem mehrere Stippvisiten nach Nordkorea und reist hunderte Kilometer durch das sozialistische Land. Seine Erfahrungen veröffentlicht er zeitgleich in „Mein Nordkorea Tagebuch“. Später arbeitet er für ein Jahr in der japanischen Niederlassung von DIE FIRMA in Tokio und veröffentlicht 2018 sein drittes Tagebuch mit dem Namen – Überraschung! – „Mein Japan-Tagebuch“.

Aufbau des Buches

Das Buch besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil, das Tagebuch, nimmt etwa drei Viertel des Buches ein. Der zweite Teil ist eine strukturierte Auflistung von Überlebenstipps für einen Aufenthalt in Korea. Wer den ersten Teil gelesen hat, wird hier nur wenig Neues erfahren, denn die aufgeführten Tipps nennt Zinnes bereits im Tagebuch an den Stellen, an denen er selbst darauf stößt. Für ein gezieltes Nachschlagen und die eigene Reisevorbereitung kann der zweite Teil zwar nützlich sein, für den Lesegenuss und ein paar Schmunzler empfehle ich jedoch dringend den ersten Teil, das Tagebuch.

Inhalt

Das Tagebuch folgt keinem bestimmten roten Faden und entwickelt auch keine bemerkenswerte Dramaturgie. Was sagt man also zu dem Inhalt eines solchen Buches? Der Wert besteht zweifelsohne in den vielen Informationshäppchen über die koreanische Kultur und den Aha-Momenten, die Zinnes an den Leser weitergibt. Insofern erschien es mir sinnvoll, diese Informationshäppchen zu sammeln und zu gruppieren. Im Folgenden werde ich meine Top 5 Learnings über die koreanische Kultur vorstellen.

Top 1: Höflichkeit & Hierarchien
Höflichkeit wird in Korea großgeschrieben und ist eng an gesellschaftliche Hierarchien geknüpft. Gegenüber älteren Personen oder Personen in höheren gesellschaftlichen Positionen muss man sich besonders respektvoll verhalten. In Deutschland oft ein schwieriges Thema: Sind wir jetzt beim Du oder beim Sie? Im Koreanischen gibt es mindestens vier verschiedene Höflichkeitsstufen und ich bin nicht sicher, ob ich nicht noch eine vergessen habe. Beim Kennenlernen stellen Koreaner gerne eine ganze Reihe von Fragen, um die andere Person in die passende Hierarchieebene einzusortieren und daraus die angebrachte sprachliche Ebene abzuleiten. Ganz beliebt ist auch die Frage nach dem Sternzeichen. Wieso? Direkt nach dem Alter zu fragen ist unhöflich, aber die chinesischen Sternzeichen gelten jeweils nur für ein Jahr und jedes ist nur alle zwölf Jahre an der Reihe. Aus dem Sternzeichen lässt sich also gut das Alter ableiten.

Auch meiden die Koreaner das Wort Nein, denn ein klares „Nein, will ich nicht“ wäre zu abweisend und bei einem „Nein, ich kann das nicht“ würde man schließlich sein Gesicht verlieren. Stattdessen gibt es mehrere Abstufungen von Ja und die Herausforderung ist, die Stufe richtig herauszuhören. Besonders im Berufsalltag kann das zu Problemen führen, wie Zinnes schildert: „Wenn wir in Deutschland etwas besprechen, dann bedeutet ein ‚ja’ auch wirklich: ‚Ja, ich bin einverstanden, machen wir so.’ Fertig. In Korea kann ein ‚Ja’ alles Mögliche bedeuten: ‚Ja’. ‚Vielleicht’. Und sehr oft: ‚Ja ich habe Deinen Vorschlag gehört und werde darüber nachdenken’. Unsereiner denkt ‚abgehakt’, aber für die Koreaner ist es nur eine unverbindliche Absichtsbekundung.“

Top 2: Flexibilität statt langfristiger Planung
Während man in Deutschland meistens lange im Voraus plant und verbindliche Zu- oder Absagen erwartet, um bloß keine bösen Überraschungen zu erleben, hat in Korea Flexibilität den höchsten Stellenwert. „Für Koreaner ist es wichtig, bis zum Schluss flexibel zu bleiben. Man plant maximal ein paar Wochen im Voraus und wirft dann gerne alles bis zur letzten Minute wieder und wieder um.“ Ein Grund dafür findet sich in der zuvor beschriebenen Höflichkeitskultur, denn „die Wertschätzung für das Gegenüber wird darin deutlich, Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, um es möglich zu machen.“ Bei Personen, die in der gesellschaftlichen Hierarchie höher stehen als man selbst, ist es besonders wichtig, Flexibilität zu zeigen. In Korea gibt es das Motto „Der Superstar kommt zuletzt“. Wichtige Personen kommen in aller Regel spät zu Terminen oder sagen kurzfristig ab.

Top 3: Arbeitseinstellung
Seit Juli 2018 gilt in Korea eine neue Höchstgrenze für die erlaubte Wochenarbeitszeit: 52 Stunden. Zuvor waren es 68 Stunden. Koreaner arbeiten viel. Sogar so viel, dass das deutsche Wort „Arbeit“ als Fremdwort Einzug in die koreanische Sprache erhalten hat. „Arbeit“ (아르바이트) bedeutet auf Koreanisch „Teilzeitarbeit“. Aber „Teilzeit wird als neumodischer Quatsch belächelt, als Drückebergerei.“

Im Durchschnitt nehmen Mitarbeiter bei DIE FIRMA Korea nur vier Tage Urlaub im Jahr, obwohl sie Anspruch auf 20 Tage hätten. Den Rest lassen sie sich auszahlen. Es gibt sogar Mitarbeiter, die niemals Urlaub nehmen – nicht einmal den Sommerurlaub, den man sich nicht auszahlen lassen kann. Es fallen Begründungen wie „Das Büro ist so schön klimatisiert … da ist es im Sommer viel angenehmer, als bei mir zu Hause.“ Stattdessen haben Urlaubstage in Korea noch einen anderen Zweck, denn „Krankschreibung durch einen Arzt gibt es hier nicht. Hier haben die Leute ihren Jahresurlaub zu nehmen, wenn sie krank sind. […] Logischerweise schleppen sich alle noch todkrank ins Büro, sofern sie noch laufen können.“

Top 4: Nachtleben & Trinkkultur
Privates und Berufliches sind in Korea eng miteinander verknüpft. Die Kollegen sind häufig auch die Freunde. Man geht nach der Arbeit gemeinsam etwas trinken und manchmal auch direkt nach dem Trinken wieder zurück an die Arbeit. Die Trinkkultur hat einen sehr hohen Stellenwert in Korea und der Alkoholkonsum ist hoch. Der durchschnittliche Koreaner trinkt in der Woche 13,7 Shots. „Die Koreaner glauben: Man kennt jemanden erst dann wirklich, wenn man mit ihm einen gehoben hat. Denn wer einen im Tee hat, der kann sich nicht verstellen und zeigt sein wahres Gesicht.“ Im koreanischen Nachtleben ist es üblich, drei Orte zu besuchen. Erst geht man gemeinsam essen („First Place“), dann trinken („Second Place“) und zum Schluss versackt man in einer Karaoke-Bar, dem „Norae Bang“ („Third Place“).

Top 5: Ehe
Die koreanische Ansicht des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau und der Ehe würde man in Deutschland wohl eher als altmodisch bezeichnen. Man lebt in aller Regel bei den Eltern, bis man heiratet. Dann hat der Mann für die Wohnung zu sorgen und die Frau steuert die Möbel bei. Vorher zusammen übernachten? Das gehört sich nicht. Schon gemischte Studenten-WGs sind ein Problem. In Seoul hat sich eine boomende Motel-Szene entwickelt. Wieso bloß?

Weiter schreibt Zinnes: „Dass jemand nicht heiratet und als Single leben möchte? Nahezu unvorstellbar. So langsam wird mir klar, dass jeder Koreaner über 30, der unverheiratet ist, in der Tat ein Problem hat. Und am Schlimmsten: Wer nicht verheiratet ist, der wird nicht für voll genommen. Der gilt als Halbstarker, aber nicht als erwachsen. Und die Eltern geben immer noch auf einen Acht.“ Aber zum Glück gibt es ja die Firma! Denn, wir erinnern uns, Privates und Berufliches sind in Korea eng miteinander verknüpft. Es kommt häufig vor, dass unverheiratete Kollegen, die auf die 30 zugehen, von anderen Kollegen miteinander verkuppelt werden. Beim Thema Beziehung fragen Mitarbeiter auch mal ihren Chef um Rat – der ist schließlich ein weiser Mann und muss es ja wissen.

Diskussion & Fazit

Zinnes nimmt den Leser mit auf eine Reise durch die koreanische Kultur und schildert auf humorvolle Art und Weise jedes Fettnäpfchen, in das er tritt. Während er mit einigen kulturellen Unterschieden sehr zu kämpfen hat, lernt er viele Aspekte der koreanischen Kultur zu schätzen, zum Beispiel die Hilfsbereitschaft der Koreaner und das starke Gemeinschaftsgefühl. Die Liste an Erkenntnissen und Aha-Momenten, die ich aus diesem Tagebuch ziehe, ist so lang, dass es mir schwer fiel ist, sie auf die oben genannten Punkte herunterzubrechen. Insofern hat sich mein Anspruch, etwas über die koreanische Kultur zu lernen, das mich auf mein Auslandssemester in Seoul vorbereitet, auf ganzer Linie erfüllt. Dennoch ist auch klar, dass man aus den Einzelsituationen, die Zinnes schildert, nicht ohne weiteres auf eine ganze Kultur abstrahieren kann. Wer Korea bereist, sollte jeder neuen Bekanntschaft offen und vorurteilsfrei begegnen. Was das eigene Verhalten angeht, lassen sich aus dem Tagebuch jedoch eine Vielzahl an Richtlinien destillieren, die einem das eine oder andere Fettnäpfchen ersparen dürften. Vielen Dank, Herr Zinnes, ich fühle mich gut vorbereitet und freue mich auf mein Auslandssemester in Korea!

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Buchrezension: Geschäftskultur Japan kompakt

Im Rahmen des “Asian Studies in Business and Economics” Programm der Universität Paderborn wird im Folgenden eine Buchrezension zum Buch „Geschäftskultur Japan kompakt“ von Gerd Schneider vorgestellt.

Allgemeines

buchbild

Titel: Geschäftskultur Japan kompakt: Wie Sie mit japanischen Geschäftspartnern, Kollegen und Mitarbeitern erfolgreich zusammenarbeiten (Geschäftskultur kompakt)

Autor: Gerd Schneider

Verlag: CONBOOK

Auflage: 2

Erscheinungsjahr: 1. September 2015

ISBN: 3943176339

Seitenanzahl: 120 Seiten

Über den Autor

Gerd Schneider ist ein internationaler Geschäftsmann, der seit Anbeginn des Studiums ein großes Interesse für den internationalen Handel empfand. Für Firmen war er über zwölf Jahre als Marketer, Vertriebler und Geschäftsführer in Asien tätig und ist ein Experte für Japan, China und Korea geworden. Seit der Gründung der Firma Accenta Asia im Jahre 2004, werden Fach- und Führungskräfte auf die internationale Zusammenarbeit speziell mit den Ländern Japan, China und Korea in Form von Trainings vorbereitet. Der Autor ist der Ansicht, dass die Potenziale zwischen Deutschland, Österreich, der Schweiz und Japan noch lange nicht ausgeschöpft seien, und das Verstehen und Respektieren anderer Kulturen essentiell für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ist. Das Ziel sei es dabei, nicht den „Japaner“ zufrieden zu stellen, sondern durch das Respektieren japanischer Kultur einen Nutzen für seine eigene Firma und Interessen zu ziehen.

Motivation

In einer Welt, in der Globalisierung kein Fremdwort mehr ist, wird es immer wichtiger auf internationale Zusammenarbeit zu setzen. Da Japan für Europa eine exotische Welt darstellt, jedoch längst nicht unbekannt, ist es von großer Wichtigkeit, das korrekte Benehmen zu erlernen im Umgang mit japanischen Geschäftspartnern. Da die Japaner jedoch andere Gepflogenheiten besitzen und man als Europäer sehr leicht in Fettnäpfchen treten kann, ist es das Mindeste, sich über diese zu informieren und zu Herzen zu nehmen, sollte man sich als Geschäftsmann im asiatischen Raum bewegen.

Gliederung

Das Buch ist in 10 Kapitel unterteilt, zusätzlich existiert eine Kurzvorstellung des Autors, ein Vorwort sowie Extra-Blätter zu interessanten Themen zum Nachdenken: „Geschäftsfrauen in Japan“, „Einfangen der Gegenperspektive“, „Als deutsche Führungskraft in Japan“ und „Knigge und Dresscodes“. Außerdem wurde das Buch mit einem Stichwortverzeichnis versehen. Am Ende des Buches kann man über Referenzen zu anderen bekannten und wichtigen Büchern nachlesen, sowie Unternehmenswerbung. Der Autor geht auf alle wichtigen Themen ein, die einem Geschäftsmann von Interesse sein sollten. Insbesondere geht er weniger auf Gesprächs- oder Praxisbeispiele ein, sondern gibt einen Überblick über all die Aspekte, die zu beachten sind für jede Situation, sodass einem ein Gesamtbild über die Punkte, die zu beachten sind, erscheint.

Inhalt

Das Buch beginnt mit einem Vorwort, indem der Autor die Unterschiede zwischen japanischen und westlichen Geschäftsmännern betont. Zusätzlich wird darauf verwiesen, dass eine Anpassung an japanische Sitten nicht zur Folge haben soll, „japanisch“ zu werden, sondern erfolgreiche und langfristige Geschäftsbeziehungen aufzubauen, denn Japanern sei es wichtig, starke und langfristige Geschäftsbeziehungen zu schaffen. Dadurch rücken westliche Ziele für eine Geschäftsbeziehung wie Effizienz und Qualität in den Hintergrund, jedoch achtet man auf zwischenmenschlicher Ebene, dass man gut „zusammenpasst“, bevor man Geschäfte miteinander macht.

Fortgesetzt wird das Buch mit Wissenswertem über die japanische Geschäftswelt, wo einige Key-Facts genannt werden. Wichtiger jedoch ist das folgende Kapitel, indem der Autor die Kontaktaufnahme und Geschäftsanbahnung erklärt. Dabei ist es wichtig, dass man zu Beginn Mittelsmänner einsetzt, um mit potenziellen Geschäftspartnern in Kontakt zu treten. Das Weglassen eines Mittelsmanns hat meistens ein Scheitern der Geschäftsanbahnung zur Folge. Von Anfang an sollte man voller Respekt auftreten, auch warnt der Autor davor, wie wichtig Visitenkarten in Japan sind, und dass man diese nicht vergessen darf.

Darauffolgend werden die Kommunikation und Wirkung behandelt. Der Autor beschreibt, dass die Art und Weise der Kommunikation das Wichtigste sei, und dass hierbei die meisten Unterschiede zwischen japanischen und westlichen Geschäftsleuten besteht. Wichtig sei, dass man sich komplett umzustellen hat von einer direkten, aggressiven Art auf eine passive, indirekte Art.

Im nächsten Kapitel spricht der Autor über Meetings & Präsentationen. Wichtig zu betrachten ist, dass es sehr förmlich zugeht. Zusätzlich sollten immer Entscheidungsträger auf japanischer Seite an den Meetings teilnehmen, wenn man Ergebnisse erzielen möchte. Eine hierarchische Sitzordnung spielt außerdem eine wichtige Rolle. Witze & Geschichten sollte man auf jeden Fall, nicht wie wir es in Deutschland gewohnt sind, weglassen.

Weiter geht es mit Verhandlungen, Entscheidungen und Verträgen. Sich vorher über den Geschäftspartner gründlich zu informieren ist ein Muss. Auch gehört Geduld und Ruhe dazu, um gute Ergebnisse zu erzielen. Mündliche Absprachen haben in Japan einen hohen Stellenwert, und sollten möglichst eingehalten werden. Auch hier ist es wichtig, nur mit wichtigen Personen des Unternehmens zu verhandeln, sonst war die Zeit umsonst.

Koordination und Zusammenarbeit wird im nächsten Kapitel behandelt. Japaner arbeiten mehr im Team und folgen stets den Anweisungen des Vorgesetzten, um eigene Fehler zu vermeiden. Man arbeitet oft an vielen Aufgaben gleichzeitig, sodass die Fertigstellung von Aufgaben oft gemeinsam, aber spät erfolgt. Im Gegensatz zu Deutschland herrscht in Japan eine Holschuld der Informationen. Probleme lassen sich oft auf der zwischenmenschlichen Ebene klären.

Darauffolgend wird Führung und Motivation besprochen. Japanische Vorgesetzte pflegen einen oft paternalistisch strengen und personenbezogenen Führungsstil, wobei deutsche Vorgesetzte oft auf der sachlichen Ebene bleiben. Um die Harmonie unter den Kollegen aufrechtzuerhalten, stimmt man sich immer mit allen Kollegen ab, was „Nemawashi“ genannt wird. Mitarbeiter in Japan sollten Werte wie Anpassungsfähigkeit, Disziplin, Gruppendenken und Geduld besitzen. Offenheit, Individualität, Eigeninitiative und Durchsetzungsvermögen sind nicht erwünscht, im Gegensatz zu Deutschland. Wichtig ist für führende Kräfte, dass sie sich klar machen, dass der westlich direkte Kommunikationsstil fatal in Japan ist, auch ist keine Eigeninitiative von Japanern zu erwarten. Die Japaner erwarten eher die Anweisungen von der Führungskraft.

Im Gegensatz zu Deutschland, ist das Thema Geschäftsessen & After Work viel wichtiger in Japan. Man sollte jede Gelegenheit nutzen, um gemeinsame Aktivitäten zu unternehmen, am besten nach der Arbeit, weil dort oft über Arbeit gesprochen wird und so die Geschäftsbeziehungen erst knospen. Gelassenheit und Spaß dürfen natürlich nicht fehlen. Man sollte Einladungen immer annehmen und Gegeneinladungen aussprechen.

Im letzten Teil des Buches werden wissenswerte Informationen sowie wichtige Adressen bereit gestellt für Geschäftsleute, die mit Japan in Kontakt treten werden/wollen.

Fazit

Der Autor gibt in knapp 120 Seiten einen kompakten Einblick in die Geschäftskultur Japan. Das Buch ist in mehrere Kapitel unterteilt, die bei dem ersten Kontakt starten und mit den abendlichen Unternehmungen enden. Es ist chronologisch aufgebaut und somit liest sich das Buch wie ein Guide für westliche Geschäftsleute. Trotz dessen ist jedes Kapitel auch in sich ein geschlossener Teil, somit kann man gerne auch Kapitel überspringen und die für sich wichtigen Abschnitte raussuchen und lesen. Das Buch ist sehr informativ und eignet sich perfekt für Leute, die bald nach Japan fliegen, um Geschäfte zu machen. Auch unabhängig von dem Geschäfts-Aspekt, bietet das Buch einen Einblick in gesellschaftliche Strukturen, die japanische Art, mit Leuten zu arbeiten und umzugehen, sowie die Erkenntnis, dass Menschen aus anderen Kulturen und Ländern nicht auf die Weise leben, wie es im Westen gewohnt ist, und man dies als „Ausländer“ auch akzeptieren und respektieren kann.

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Buchrezension: Wolkenläufer

BuchdetailsWOLKEN

Titel: Wolkenläufer

Autor: Angela Köckritz

Erscheinungsjahr: 2015

Seiten: 304

Verlag: Droemer HC

ISBN: 3426276549

Preis: 19,99€

 

Über die Autorin:
Angela Köckritz absolvierte das Studium der Politik, Sinologie und Kunstgeschichte in München und in Taiwan. Seit 2007 ist sie als Journalistin bei der ZEIT tätig. 2011 bekam sie die Möglichkeit, als Ostasien-Korrespondentin nach Peking zu fliegen und das Leben in China kennenzulernen. Als sie 2015 nach Deutschland zurückkehrte, wurde sie mit dem Preis „Merics China Media Award für herausragende und differenzierte China-Berichterstattung“ ausgezeichnet. Ihr erstes Buch „Wolkenläufer“ war so ein großer Erfolg, das es sogar ein Jahr später auf Chinesisch übersetzt wurde. Köckritz arbeitet heute noch als Redakteurin der ZEIT in der Abteilung für Politik.

 

Meine Motivation:
Bei der Wahl nach einem geeigneten Buch für meine Buchrezension war es mir wichtig, ein Buch zu finden, das keine reinen Fakten über China aufzählt, sondern aus erster Hand über das Leben dort berichtet. Über Amazon bin ich auf „Wolkenläufer“ von Angela Köckritz gestoßen. Die vielen positiven Rezensionen und der vielversprechende Klappentext überzeugten mich letztendlich, dieses Buch zu lesen. Ich erhoffe mir, ein besseres Verständnis über China, die Kultur und Geschichte zu verschaffen, bevor ich mein Auslandssemester in das für mich fremde Land antrete.

 

Aufbau des Buches:
Bei dem Buch von Angela Köckritz handelt es sich um ein literarisches Tagebuch, welches in zwölf Kapitel unterteilt ist. Jedes einzelne Kapitel beginnt mit einem Zitat von einem ausgewählten chinesischen Sprichwort, das Bezug auf die jeweiligen Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen in China nimmt. Die Kurzportraits über die Chinesen reichen vom „Wandersänger“ über „der Hochstapler“ “ bis zum „Die Bürgerrechtsanwältin“. Köckritz gibt des Weiteren auch wichtige Informationen über das Alltagsleben in China, berichtet über ihre eigenen Erfahrungen und Veränderungen im Land, welche sie im Laufe ihres Aufenthalts wahrgenommen hat. Die Autorin ermöglicht dem Leser einen ganz anderen Blick auf das Reich der Mitte und vergleicht diesen mit dem Leben in Deutschland, um den Leser hauptsächlich die Unterschiede zwischen den beiden Ländern besser zu verdeutlichen.

 

Inhalt:
Angela Köckritz bekommt die einmalige Gelegenheit, durch ihren langjährigen Aufenthalt in Peking individuelle Menschen und ihre besonderen Lebensweisen kennenzulernen. Sie begibt sich bewusst auf eine Reise durch das ganze Land, um herauszufinden, welche Träume, Wünsche und Perspektiven die Chinesen verfolgen. Die Menschen, die Köckritz auf ihrer Reise trifft, erzählen ihr von ihren Ängsten, Sehnsüchten und Leidenschaften. Egal ob der Wandersänger, der Hochstapler oder die Bürgerrechtsanwältin, sie alle haben ihr eine außergewöhnliche Geschichte zu erzählen.

Köckritz thematisiert den Generationsbruch zwischen den älteren und jüngeren Menschen in China. Während die Älteren in Armut aufwuchsen und das maoistische China, die Kulturrevolution und die internationale Isolation erlebten, wuchsen die Jüngeren in einem ganz anderen Zeitalter auf, welches durch die Einkindpolitik gekennzeichnet ist. Die Einzelkinder galten als das Augapfel der Familie, in die viel Energie und Geld investiert wurde, damit die ehrgeizigen Eltern sie mit Stolz präsentieren konnten. Das Problem zwischen der älteren und jüngeren Generation schildert Köckritz anhand ihrer Begegnung mit Zhang Yide in Nanchang, der Provinzhauptstadt von Jiangxi. Yide ist 28 Jahre alt und absolvierte ein Maschinenbaustudium, doch ist er dem Beruf des Ingenieurs nicht nachgegangen. Heute zieht er von Stadt zu Stadt und tritt als Sänger vor sehr kleinen Publika auf, um sein Geld zu verdienen. Nach jedem Auftritt kommt er nach Hause zu seinen Eltern und vermittelt ihnen den Eindruck als hätte er nie gekündigt, da er hat Angst hat, sie zu enttäuschen. Während seine Eltern viel mehr Wert auf Geld legen, strebt Yide eher nach Selbstverwirklichung. Sein Traum ist es einmal vor 50 Personen ein Konzert zu geben. Die Annahme der Chinesen von einer anderen Identität begründet die Autorin mit dem Wirtschaftsboom in China, der neue Chancen für die Menschen mit sich bringt. Auch der 59-jährige Zhao Xiyong – seine richtige Identität ist bis heute nicht bekannt – gibt sich als einen Beamten der Kommunistischen Partei aus, der er in Wirklichkeit gar nicht ist. Drei Jahre lang nimmt er den Ehrenplatz auf Banketten, hält Reden auf vielen wichtigen Veranstaltungen im Land und besichtigt Kindergärten und Tourismusprojekte. Seine Fantasierolle fliegt auf, als der Staatsrat bekannt gibt, dass er keinen Leiter des Forschungsbüros unter dem Namen Zhao Xiyong beschäftigt. Der Grund, dass seine falsche Identität lange Zeit nicht auffällt, liegt daran, dass die Menschen seinen hohen Rang in der Regierung nicht anzweifeln. Köckritz begründet dies mit dem System der Beamtenhörigkeit. Die Chinesen haben Angst sich kritisch über die Handlungen der Regierung zu äußern, da sie überwacht werden und folglich bestraft werden können.

Dass die Regierung auch einen sehr großen Einfluss auf die Identität der Menschen haben kann, schildert Köckritz durch ihr Treffen mit einer Bürgerrechtsanwältin. Ni Yulan ist Anwältin und vertritt die Rechte der Menschen, die aus ihren eigenen Häusern aufgrund von teuren Bauprojekten vertrieben wurden. Ihr Engagement wird ihr schließlich zum Verhängnis, denn sie wird mehrfach inhaftiert und selbst Opfer von Gewalt. Als sie einst den Fall eines Falun-Gong Anhängers übernehmen und seine Rechte verteidigen will, wird ihr sogar die Anwaltslizenz entzogen. Die Polizisten schlagen sie zusammen und Ärzten wird verboten, sie zu behandeln. Aufgrund vernachlässigter Behandlungen und Folgen ihrer Verletzungen sitzt Yulan heute in einem Rollstuhl. Sie wird sogar nach ihrer Freilassung von ihrem eigenen Haus vertrieben und lebt eine Zeit lang mit ihrer Familie auf der Straße, bis sie letztendlich eine kleine Mietwohnung finden. Die Autorin erinnert sich im Fall von Yulan an die Zeit, in der Xi Jinping im Jahre 2013 zum Staatspräsidenten der Volksrepublik China ernannt wurde. Menschen hatten Hoffnung in ihm, dass er politische Reformen in den Gang setzen würde, doch es hat sich nach einer kurzen Zeit herausgestellt, dass sie sich in ihm getäuscht hatten. Xi Jinping geht noch viel radikaler als seine Vorgänger vor, denn wegen ihm müssen unschuldige Anwälte wie Yulan, oder auch Journalisten, Dichter und Regisseure ins Gefängnis. Die Härte des Staatspräsidenten bekommt die Autorin ebenfalls zu spüren als die Polizei im Oktober 2014 ihre Assistentin Zhang Miao während einer Dichterlesung zur Unterstützung von Demonstrationen über die freien Wahlen in Hongkong inhaftieren. Ihr wird vorgeworfen, öffentlichen Ärger zu erregen. Erst neun Monate nach ihrer Verhaftung wird sie entlassen. Köckritz wird klar, dass China eine gefährliche Lage für ausländische Journalisten darstellen kann, und entscheidet sich deshalb nach vier Jahren Aufenthalt das Land zu verlassen und nach Deutschland zurückzukehren.

 
Fazit:
In ihrer Korrespondentenzeit erlebt Angela Köckritz positive als auch negative Erfahrungen, die sie in ihrem Buch detailliert aufs Papier bringt. Sie lernt viele verschiedene Chinesen kennen, die ihre ganz persönlichen und rührenden Geschichten erzählen. Durch die Erzählungen in der Ich-Perspektive der Autorin fühlte ich mich als ein Teil der Geschehnisse und bekam dadurch eine bessere Vorstellung dieser Begebenheiten. Einige Geschichten zauberten mir ein Lächeln ins Gesicht, manche wiederum machten mich traurig. Das Ende des Buches regte mich sogar zum Nachdenken an und mir wurde bewusst, dass man wie im Fall von Miao nicht überall seine Meinung frei äußern sollte. Umso mehr war ich erstaunt darüber, dass das Buch trotz der scharfen Kritik von Köckritz den China Media Award für herausragende und differenzierte China-Berichterstattung bekam, und auf Chinesisch übersetzt wurde. Das heißt, dass das Buch auch trotz Kritik an der Regierung sehr gut in China akzeptiert wurde.
Das Buch hat mir geholfen, viel allgemeines und kulturelles Wissen über das Land anzueignen. Ich kann „Wolkenläufer“ jedem ans Herz legen, der mehr über Chinas Geschichte und Politik erfahren möchte. Zudem kann man sich durch reichlich viele Informationen über die Gewohnheiten und Lebensweisen der Chinesen das Alltagsleben in China besser vorstellen.

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Buchrezension: In der Misosuppe

Über das Buch517T6R455WL._SX327_BO1,204,203,200_

Titel: In der Misosuppe
Autor: Ryū Muakami
Erscheinungsdatum: 1997, deutsche Ausgabe: 2006
Verlag: KiWi-Taschenbuch; Auflage: 3
Anzahl Seiten: 207
ISBN: 978-3462037333
Preis: 8,95 €

 

 

Buchrezension

Motivation

Ich habe das Buch von einer Bibliothekarin am LSI in Bochum empfohlen gekriegt. Ich wollte für meine Rezension ein Buch wählen, welches eine nicht alltäglich beschriebene Seite Japans behandelt. Reiseberichte, Nachrichten und ein Großteil der gängigen Literatur beschreiben ein Land häufig nur sehr einseitig.  Ich denke, dass das Auseinandersetzten mit (gesellschafts-) kritischer Literatur einen wichtigen Teil des Kennenlernens und Verstehens einer Kultur darstellen kann. Stellt man das Gelesene in Bezug zu den Zuständen in anderen Ländern, etwa Deutschland, so kann man verstehen, welche Ähnlichkeiten und Unähnlichkeiten hier zu der wahren Identität Japans vorliegen. Dies ermöglicht es dem Leser, tiefer in die Kultur einzutauchen und ein grundlegenderes Verständnis aufzubauen.

Über den Autor

Ryū Muakami ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur. Er wurde am 19. Februar 1952 in der japanischen Großstadt Sasebo geboren und ist dort aufgewachsen. In seiner Jugend gehörte er den Hippie- und Studentenbewegungen in Japan an. Er schloss sein zweites Studium in einem Skulpturprogramm ab. Heute ist er Chefredakteur des selbstgegründeten Online-Magazin „Japan Mail Media“, Fernsehmoderator und Verlagschef. Seine Romane thematisieren zumeist die menschliche Natur anhand von Themen wie Drogen, dem Surrealismus und Gewalt, insbesondere vor dem Hintergrund der dunklen Historie Japans. Dabei äußert er sich sehr häufig gesellschaftskritisch. International gilt er als einer der bekanntesten japanischen Autoren, insbesondere in der japanischen Prekariatsliteratur. Diese beschäftigt sich primär mit den zunehmend schlechteren Bedingungen der japanischen Arbeiterbevölkerung, Gewalt und den entsprechenden Subkulturen.

Akteure

In „In der Misosuppe“ kommen insgesamt nur drei Charaktere vor. Der Roman erzählt seine Geschichte aus Sicht des zwanzig Jahre alten Kenji, kurz vor dem Neujahr 1997. Er führt beruflich Touristen durch die Rotlichtviertel in Tokio. Sein großes Ziel ist es, mit seinem Ersparten und seiner Freundin eines Tages nach Amerika zu ziehen, um dort zu studieren. Frank ist einer seiner Kunden. Der Amerikaner behauptet von sich, auf einer Geschäftsreise nach Tokio gereist zu sein und nun die Tage des Jahreswechsels in der Global City feiern zu wollen. Im ersten Moment wirkt er lediglich wie ein sehr seltsamer Kunde, in dieser Welt nichts ungewöhnliches, mit der Zeit erscheint er jedoch zunehmend verdächtiger und sorgt am Ende für eine nicht unerwartete, in ihrer Art jedoch unvorhergesehenen Wendung. Kenjis Freundin Jun spielt lediglich eine Nebenrolle. Sie geht noch zur Schule und lebt bei ihren Eltern. Eigentlich wollten die beiden die Silvestertage gemeinsam verbringen, als Frank als scheinbar lukrativer Kunde erscheint, sagt Kenji ihr jedoch spontan ab. Sie tauschen sich zwar regelmäßig und primär über das Handy aus, Jun übernimmt jedoch bis kurz vor Ende keine aktive Rolle in der Handlung und bleibt eher im Hintergrund.

Geschichte

Frank bezahlt Kenji 3 Tage im Voraus einige Tausend Yen für eine abwechslungsreiche Führung durch das Erotikviertel Kabuki-cho. Er sei fasziniert von der Vielfalt, den bunten Neonlichtern und der überwältigenden Anzahl an jungen Frauen, erzählt er. Neutral, jedoch geschäftlich erklärt Kenji seinem freundlich wirkenden Kunden in der Lobby eines Hotels die Regeln des japanischen Nachtlebens. Offiziell ist Prostitution in Japan zwar verboten, nirgends sonst soll es jedoch so viele Möglichkeiten geben, um die unterschiedlichsten Phantasien zu erfüllen. Das Viertel Kabuki-cho ist eine befremdliche Welt zwischen Beton, kleinen Lokalen, sexuellem Exzess und dem Kontrast zwischen traditioneller Scheinheiligkeit und den wahren Problemen der japanischen Gesellschaft: Überarbeitung, Einsamkeit, Verharmlosung von Gewalt und gegenseitige Nichtachtung. Es ist ein hektischer Ort voller Plastik, gesichtslosen Menschen, heruntergekommenen Straßenzügen und jungen Männern, welche sich bemühen, ihre zumeist bezahlten Begleiterinnen zu beeindrucken. In diesem Mikrokosmos prostituieren sich auch minderjährige Schulmädchen. Sie wollen stets in der neusten und teuersten Mode gekleidet sein, gezwungen aus Ihren Umständen werden sie zumeist nicht. Dass Frauen und Mädchen in anderen Ländern für sich, ihre Familien und deren Überleben zu einem solchen Leben genötigt werden, scheint niemanden zu interessieren.

Frank behauptet, dass er nur auf das Eine aus sei. Nachdem er in einer Bar unerwartet eine absurd hohe Rechnung begleichen muss, schlägt die Stimmung jedoch plötzlich um. Kenji merkt, dass er es nicht mit einem gewöhnlichen Touristen zu tun hat. Seine unverhofften, meist kurzweiligen Anfälle sind beängstigend, seine Haut und Mimik wirken künstlich. So phantasiert er etwa laut und scheinbar wie selbstverständlich über Gewaltphantasien gegenüber Obdachlosen oder der augenscheinlichen Nutzlosigkeit von Kranken und Behinderten. Gleichzeitig verurteilt er die Oberflächlichkeit der Gesellschaft mit ihren Markenprodukten und festgelegten Werten. Kenji gerät zunehmend in Panik, denn seine Beobachtungen von Frank erinnern ihn immer mehr an einen gesuchten Serienmörder, welcher gerade sein Unwesen treibt. Immer wieder versucht er sich jedoch zu beruhigen, dass einfach seine Phantasie mit ihm durchgehen würde. Dabei fängt er an sein eigenes Leben zu reflektieren und entwickelt einen ganz neuen Blickwinkel auf seine Arbeitsumgebung. Die Sachen, die er täglich in den Rotlichtvierteln beobachtet und sonst nie wirklich hinterfragt hat, kommen ihm auf einmal sehr sonderbar vor und verstärken nur seine zunehmende Panik. Er fängt an, die Beobachtung der Perversion in der japanischen Gesellschaft aufzunehmen und zu verarbeiten. Die Erlebnisse verstärken sich immer weiter, bis Frank in einer Bar, augenscheinlich aus dem Nichts, aus einem Geschäftsmann mit psychopathischen Zügen zu einem buchstäblichen „armerican psycho“ mutiert, welcher die Gäste der Bar systematisch foltert, misshandelt und mit einer übertrieben detaillierten Beschreibung umbringt. Hier wirken die die Ausführungen eher einem Horror-Thriller als einem Roman. In drei Nächten, welche das Buch in drei Kapitel teilen, wandeln sich zusammenhangslose Vorfälle zu einem Verdacht, der Leser gewinnt dabei einen tiefen Blick in die Psyche von Kenji. Plötzlich kommt dieser auch mental mit einer Welt in Berührung, vor der er bis dahin immer Abstand gehalten hatte. Zuletzt ruft er sogar in einem panischen Moment seine Freundin zur Hilfe, obwohl er sie immer aus dieser Seite seines Lebens fern halten wollte.

Interpretation

Ryū Muakami ist für seine ausufernden Beschreibungen bekannt. Die Handlung spielt nach der Japan-Krise, dem Erdbeben von Kōbe 1995 und den Giftgasanschlägen in Tokio 1995. Diese Ereignisse werden zwar nicht während der Handlung aktiv angesprochen, hin und wieder jedoch durch Kommentare angedeutet. Die Leere, die in der materiell geprägten japanischen Gesellschaft in dieser Zeit geherrscht hat, wird im Roman sehr gut vermittelt. Auch die scheinbare Sehnsucht nach dem „American Dream“ mit seinen Markenklamotten, Baseballspielen und Fernsehsendungen scheint einen Kummer in der Japanischen Gesellschaft widerzuspiegeln. Der Titel, das gleichnamige und traditionelle Nationalgericht, passt auf einer Meta-Ebene sehr gut: die Misosuppe ist alltäglich, sie trifft einen Bestandteil des echten japanischen Wesens. Dass die Handlung dabei ein solches Bild vermittelt, ist daher schon fast beklemmend.

Fazit

Zum Ende des Romans ist bei mir eine gewisse Form der Unzufriedenheit verblieben. Mein Wunsch, ein Buch zu lesen, welches kritisch einige Seiten der japanischen Gesellschaft behandelt, wurde vollständig erfüllt. Dass in einem Land, welches zu den reichsten der Welt gehört, Stadtviertel mit solchen Zuständen existieren, ist beklemmend. Die Angst vor dem Tod durch Überarbeitung oder die Prostitution von Schulmädchen sind in den Beschreibungen Murakamis’ Probleme, welche man nicht erwartet und die zum Nachdenken anregen. Einige Schilderungen sind durch die lebendige Sprache fast deprimierend. Die Handlung selbst hingegen war absehbar und besonders am Schluss sehr kurz gehalten. Der Roman selber beschreibt eher in Form eines zügigen Handlungsverlaufes ohne tief gehende Erklärungen, was insbesondere am Ende der Geschichte dazu führt, dass man als Leser nicht verstehen kann, warum ein Charakter nun so handelt, wie er es tut. Da es sich ohnehin eher um leichte Lektüre als um eine Fortbildung handelt, ist dies nicht weiter schlimm. Mehr als einen Blick auf eine dunkle Seite der Japanischen Gesellschaft gewinnt man so jedoch nicht.

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Buchrezension: Couchsurfing in China – Durch die Wohnzimmer der neuen Supermacht

UnbenanntBuchrezension: Couchsurfing in China – Durch die Wohnzimmer der neuen Supermacht

 

Das Buch:

Titel:  Couchsurfing in China – Durch die Wohnzimmer der neuen Supermacht

Autor:  Stephan Orth

Verlag Piper
Erscheinungsdatum
Seitenanzahl249 Seiten,
ISBN: 978-3-89029-490-2
Preis16,00 €

Link zu Preview: http://www.stephan-orth.de/#

Der Autor

Stephan Orth wurde 1979 geboren. Er studierte Anglistik, Wirtschaftswissenschaften, Psychologie und Journalismus. Von 2008 bis 2016 arbeitete er als Redakteur im Reiseressort von SPIEGEL ONLINE, bevor er sich als Autor selbstständig machte. Für seine Reportagen wurde Orth mehrfach mit dem Columbus-Preis ausgezeichnet. Er ist Autor des Nr.1-Bestsellers »Sorry, wir haben die Landebahn verfehlt«. Weitere Werke sind beispielsweise »Opas Eisberg« sowie die SPIEGEL-Bestseller »Couchsurfing im Iran« und »Couchsurfing in Russland«, für das er mit dem ITB-BuchAward ausgezeichnet wurde.

 

Motivation

Seit meiner Nominierung für einen Platz in China, habe ich mich ein wenig mit dem Land beschäftigt. Ich wollte gerne etwas über China lesen, was zugleich informativ und lustig geschrieben ist. Hierbei bin ich auf das Buch »Couchsurfing in China – Durch die Wohnzimmer der neuen Supermacht« gestoßen. Von dem Autor Stephan Ort hatte ich bereits vorher gehört, da dieser bereits zwei weitere Reiseliteraturen verfasst hatte. Da ich die Inhaltsangabe sehr ansprechen fand, habe ich mich für das Buch entschieden.

 

Der Inhalt

Stephan Orth reiste drei Monate lang durch China um auf seiner Reise größtenteils bei Einheimischen zu wohnen, welche er auf einer Couchsurfing Seite fand. Ziel seiner Reise war es herauszufinden, wie die Chinesen wirklich ticken und was sie antreibt. Hierbei reiste er von Macau bis nach Dandong an der nordkoreanischen Grenze und dann von Shanghai bis in die Krisenprovinz Xinjiang. Auf seiner Reise quer durch das Reich der Mitte traf er auf grundverschiedene Menschen, die in komplett unterschiedlichen Welten zu leben zu schienen. Seine Übernachtungsmöglichkeiten buchte der Autor über eine Couchsurfing App und die chinesische Chat-App WeChat.

Auf seiner Reise hat Stephan Ort insgesamt 15.063 km zurückgelegt. Davon 6.277 km mit dem Flugzeug, 5.311 km mit dem Zug, 2.925 km mit dem Bus, 484 km mit dem Auto und 66 km mit dem Schiff. Er besuchte er einerseits Hightech-Metropolen, die mit totaler Überwachung experimentieren, und andererseits abgeschiedene Dörfer, in denen fürs Willkommensessen der Hund geschlachtet wird. Er wird als Gast einer Live-Fernsehshow zensiert und tritt fast einer verbotenen Sekte bei. Dabei wird immer deutlicher, wie sich das Leben hinter den Kulissen der neuen „Supermacht“ tatsächlich gestaltet, welche Träume und Ängste die Menschen bewegen.

In jedem Kapitel beschreibt der Autor die Stadt bzw. Provinz, in welcher er sich aufhält und wie seine Gastgeber und die Einheimischen sich verhalten und was er dort erlebt hat.

In Wenshi in der Provinz Guanxi beispielsweise wohnt sein Gastgeber noch bei den Eltern, welche dem Besuch zu Ehre erst einmal den Hund geschlachtet haben, da der Sohn ihnen erzählt hat Stephan Orth sei ein alter Bekannter, denn von Couchsurfing solle lieber nicht die Rede sein. Auf dem Weg zum Elternhaus stoppen Charley, der Gastgeber, und Stephan Ort an Charleys Schule. Dort wird Stephan direkt eingebunden und unterrichtet eine Stunde land Englisch.  Nach diesem Besuch fahren die beiden dann zu Charley, wo bereits das Ehrenessen auf die beiden wartet. Als Randinformation erfährt man hier, dass Hund nicht überall üblich ist, sondern nur in einigen Provinzen im Süden. Aus Höflichkeit isst Stephan den Eintopf und versucht dabei möglichst wenig Hund zu erwischen, doch die Mutter des Gastgebers ist unerbittlich und es wird immer mehr aufgetan.

Und so in etwas kann man sich die anderen Kapitel vorstellen, es ist immer eine Beschreibung des Gastgebers, seines Lebens, der Stadt und Hintergrundinformationen.

Fazit

Stephan Orth hat schon einige Länder bereist und auch in China war er schon, aber so noch nie so und noch nie so nah. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise hinter die Touristenkulisse, die China der Welt zeigt.
Unterhaltsam und mit Witz, aber auch kritisch und zum Nachdenken anregend, hat Stephan Orth uns mit auf seine Reise, die schon mal abseits der Wege stattfand, mitgenommen. Dabei besuchen wir mit ihm sowohl bekannte Orte wie Macau, Peking oder Shanghai, als auch eher unbekannte wie Shenzhen, Guangzhou oder Doudong. Seine Reise führt ihn einmal quer durchs Land, wo er auch die unterschiedlichsten Menschen kennen lernt. Ihre Traditionen, ihre Mentalität und ihre Gedanken zu ihrem Land.
Einem Land in dem Zensur eine große Rolle spielt, Individualität nur bis zu einem gewissen Maße erwünscht ist, Kameras allgegenwärtig sind und man auch als Fußgänger geblitzt werden kann.

Neben seinen eigenen Gedanken und den Ansichten seiner Gastgeber, geht Orth auch immer mal wieder auf die Hintergründe oder die Geschichte des Erlebten ein und vermittelt so einen guten Überblick über das (un)bekannte China. Es sind sogar Fotos seiner Reise mit im Buch integriert.
Mir hat das Buch inhaltlich als auch stilistisch sehr gefallen und kann es nur empfehlen.

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Buchrezension: Reißt die Knospen ab…

Das Buch:Buchcover

Titel: Reißt die Knospen ab…

Autor: Kenzaburō Ōe

Erscheinungsjahr: 2002; Originalausgabe aus 1958

Übersetzung aus dem Japanischen: Otto Putz

Verlag: Fischer Taschenbuchverlag

Preis: 8,00 €

ISBN-13: 978-3596505302

Meine Motivation:
Während meines Sprachkurses am Landes-Spracheninstitut in Bochum hat mir die dortige Bibliothekarin Vera Freedman den Schriftsteller Kenzaburō Ōe ans Herz gelegt. Er gehöre zu ihren liebsten japanischen Autoren und werde auch häufig von einem ihrer befreundeten Literaturwissenschaftlern empfohlen. Das Werk Reißt die Knospen ab… spiegele laut Freedman Ōes Beschäftigung mit der französischen Literatur, besonders mit Jean-Paul Sartre wider, und zeige gleichzeitig eine erschreckende Darstellung von Gewalt, die Japanern üblicherweise nicht zugeschrieben wird. Der Klappentext verweist bereits auf Parallelen zu William Goldings Roman Herr der Fliegen, welchen ich bereits zu Schulzeiten gelesen habe. Aufgrund dessen war ich gespannt, ein japanisches Werk über die Schaffung einer anarchischen Gesellschaft durch eine einsame Kindergruppe zu lesen und hier eventuelle Parallelen oder auch Differenzen zu erkennen.

Über den Autor:
Kenzaburō Ōe, geboren 1935 auf der Insel Shikoku, ist ein japanischer Schriftsteller. Er studierte Romanistik an der Universität Tokio und beschäftigte sich in diesem Zusammenhang verstärkt mit französischen Schriftstellern, besonders aber mit Jean-Paul Sartre, über den Ōe auch seine Abschlussarbeit verfasste. Ōe schrieb zahlreiche Essays, Geschichten und Romane, die stark von französischer sowie amerikanischer Literatur beeinflusst wurden. Sie behandeln politische, soziale aber auch philosophische Themen. Ōe zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern seiner Generation. Bereits mit 23 Jahren erhielt er für sein Werk Der Fang den in Japan hoch angesehenen Akutagawa-Preis. Es folgten viele weitere Auszeichnungen, im Jahr 1994 dann der Nobelpreis für Literatur für die Schaffung einer imaginären Welt, in der sich Leben und Mythos zu einem beunruhigenden Abbild der heutigen menschlichen Lage verdichten.

Gliederung und Inhalt:
Die Geschichte des Romans Reißt die Knospen ab… spielt in Japan während des zweiten Weltkriegs. Eine Gruppe heranwachsender Jungen, die in einer Erziehungsanstalt untergebracht sind, sollen aufgrund von drohenden Bombardierungen evakuiert werden. Die Kinder werden in ein entlegenes Bergdorf, das nur über eine Schlucht zu erreichen ist, gebracht. Dort werden sie wegen der Angst vor einer Seuche von den Dorfbewohnern ihrem Schicksal überlassen. Der einzige Fluchtweg über die benannte Schlucht wird dabei von den Dorfbewohnern versperrt, sodass die Jungen versuchen müssen, allein in dem verlassenen Dorf zu überleben. Nach anfänglicher Angst und Wut, beginnt die Gruppe von dem Dorf Besitz zu ergreifen. Sie plündern die Häuser und schaffen es, ihr Überleben zu organisieren. Diese Dynamik findet jedoch mit der plötzlichen Rückkehr der Dorfbewohner und ihrer erneuten Machtübernahme ein alsbaldiges Ende.

Der Roman beinhaltet zehn Kapitel, die sich inhaltlich in drei wesentliche Etappen der Geschichte unterteilen lassen: vor der Flucht der Dorfbewohner, das Überleben der Jungen im verlassenen Dorf und die Rückkehr der Bewohner. Die Geschichte wird aus der Sicht eines Ich-Erzählers beschrieben.

Vor der Flucht:
In den ersten drei Kapiteln lernt der Leser die Gruppe der straftätigen Jugendlichen kennen, die in der Besserungsanstalt untergebracht ist. Das Ende des Krieges naht und da die Bombenangriffe immer gravierender werden, entscheidet sich der Leiter der Anstalt, die verbliebenen Kinder, die nicht von ihren Eltern abgeholt wurden, zu evakuieren. Nachdem die Suche nach einem geeigneten Ort sich als schwierig herausstellt, werden die Jugendlichen letztendlich in einem abgelegenen Bergdorf, das sie mithilfe einer Lore über eine Schlucht erreichen, untergebracht. Auch der Ich-Erzähler und sein jüngerer Bruder, die Teil der Gruppe sind, werden auf diese Art evakuiert. Der Erzieher lässt die Jungen nach der Ankunft im Dorf zurück, um zur Erziehungsanstalt zurückzukehren und eine zweite Gruppe zu evakuieren. Die Dorfbewohner behandeln die Kinder mit mangelndem Respekt, sperren sie nachts in einen Holzverschlag ein, geben ihnen nur wenig Essen von schlechter Qualität und zwingen sie mit vorgehaltener Waffe zu niederen Arbeiten. Letztere umfassen vor allem das massenhafte Verscharren von Tieren, die an einer Seuche zugrunde gegangen sind. Als die Sterberate der Tiere schlagartig ansteigt und auch Menschen der seltsamen Krankheit erliegen, steigt die Angst vor dem Ausbruch einer Seuche, an der sich auch die Jugendlichen durch ihre Arbeit mit den Kadavern infiziert haben könnten. Aus diesem Grund flüchten die Dorfbewohner, riegeln den einzigen Fluchtweg über die Schlucht ab und suchen in einem benachbarten Ort Unterschlupf.

Alleine im Dorf:
Die Kindergruppe muss nun ganz ihrem Schicksal überlassen versuchen, ihr Überleben selbst zu organisieren. Die zu Beginn vorherrschende Wut den Dorfbewohnern gegenüber wandelt sich nach einigen Tagen in ein unbekanntes Gefühl von Freiheit. Nachdem das Leben der Jugendlichen monatelang von Erniedrigung und Gewalt geprägt war, spüren sie nun zum ersten Mal, die Chance auf Selbstbestimmung. Sie bilden eine solidarische Gemeinschaft, beziehen die verlassenen Häuser und versorgen sich mit Nahrung. Die Jugendlichen kümmern sich um ein von den Dorfbewohnern zurückgelassenes Mädchen und zeigen auch einem Koreaner, der ebenfalls im Dorf verblieben ist, und einem geflüchteten Deserteur gegenüber keinerlei Vorurteile. Die Jungen nehmen die drei Charaktere vorbehaltlos in ihre Gemeinschaft auf. Der Erzähler verliebt sich sogar in das Mädchen. Die erste von den Jungen begangene Jagd und ein anschließendes Fest stellen den Höhepunkt des anarchisch-paradiesischen Zustands im verlassenen Dorf dar. Die Jugendlichen zeigen die Menschlichkeit, die den Erwachsenen zu fehlen scheint und erleben während der Zeit im verlassenen Dorf vereinzelt glaubhaft glückliche Momente. Diese Harmonie endet jedoch jäh mit einem Streit, nach jenem der Bruder des Ich-Erzählers flieht. Zudem erkrankt das Mädchen schwer an der Seuche und stirbt schließlich. Der Erzähler fühlt sich von seinem Bruder und seiner ersten Liebe im Stich gelassen und stürzt nach den glücklichen Tagen in das Tal voller Trauer und Hilflosigkeit tiefer als jemals zuvor zurück.

Die Rückkehr der Bewohner:
Nach dem Tod des Mädchens kehren die Dorfbewohner zurück. Sie behandeln die Kinder wie Schwerverbrecher und wollen Gerechtigkeit dafür fordern, dass die Gruppe ihre Häuser geplündert und eines davon niedergebrannt hat. Einer der Jungen verrät den Dorfbewohnern aus Angst daraufhin jedoch, dass der Deserteur den Brand zu verschulden hat und gibt auch seinen Aufenthaltsort preis. Die Kinder werden genau wie vor der Flucht erneut eingesperrt. Sie können beobachten wie die Dorfbewohner den Soldaten, mit einem Speer durchstochen, durch das Dorf schleppen und der Militärpolizei ausliefern. Die Dorfbewohner erklären den Jungen im Folgenden, dass sie dem Erzieher nichts von den Plünderungen erzählen werden, solange die Kinder die Wahrheit über den Ausbruch der Seuche und die Flucht der Bewohner nicht verraten. Unter Anwendung von Gewalt durch die Dorfbewohner stimmen diesem Vorhaben schließlich alle Kinder zu. Nur der tief gekränkte Ich-Erzähler weigert sich, zu kooperieren und wird daraufhin aus dem Dorf vertrieben. Der Roman endet damit, dass der Jugendliche von den Dorfbewohnern per Lore über die Schlucht transportiert und dann in den Wald gejagt wird. Der Junge fühlt sich vollkommen hilflos und rennt immer weiter in die Dunkelheit.

Fazit:
Reißt die Knospen ab… ist ein sehr düsterer Roman, der teilweise nicht leicht zu lesen ist und das nicht aufgrund von komplexer Sprache, sondern aus dem Grund, dass die ekelerregenden Beschreibungen, die allgegenwärtige Grausamkeit und das Ausmaß von Gewalt den Jungen gegenüber wirklich schwer zu ertragen ist. Die Sprache ist schonungslos und spiegelt sehr realitätsnah die Zustände im Dorf, aber auch das Innerste des Ich-Erzählers wider. Durch die gewählte Perspektive fühlt man sich als Leser schnell der Gruppe zugehörig und das obwohl bis auf zwei Charaktere, keine der Personen beim Namen genannt wird und dadurch stets ein gewisser Grad an Anonymität bestehen bleibt. Das gezeichnete Bild der Erwachsenen ist schrecklich, aber die Jugendlichen geben dem Leser vereinzelt Hoffnung auf Menschlichkeit. Man merkt oft, dass die Jungen eigentlich vermeintlich normale Kinder sind, die auf der Suche nach Anerkennung und Liebe sind, die sie allerdings nicht von den Erwachsenen bekommen werden. Als Kritik möchte ich anbringen, dass der Handlungsort der Geschichte, Japan, teilweise nicht klar erkennbar war. Eine Gesellschaft, die vom Wahnsinn des Kriegs besessen ist und Menschen, die der Überlebenskampf vollkommen beherrscht und nicht mehr menschlich handeln lässt, hätten genauso gut in einem anderen Land während des Krieges auftreten können. Nur sehr vereinzelt findet man im Verlauf des Romans Verweise auf Japan.
In Anlehnung an Ōes Studienschwerpunkt in französischer Literatur, wird in diesem Roman wie in Sartres Huis Clos auch hier eine dystopische Gesellschaft abgebildet. Schnell konnte ich hier Parallelen zu dem Drama, das ich vor einigen Jahren gelesen habe, erkennen. Themen wie Unterdrückung, Gefangenschaft und menschliche Grausamkeit werden wieder aufgriffen und im Kontext der japanischen Gesellschaft zu Kriegszeiten aufgezeigt. Ebenso sind in Reißt die Knospen ab… wie bei Goldings Herr der Fliegen die Kinder die Hauptdarsteller einer Geschichte, die die angeborene Gewaltbereitschaft der Menschen thematisiert. In beiden Werken schafft eine einsame Kindergruppe es, gemeinsam ihr Überleben, das von Höhen und Tiefen geprägt ist, zu organisieren. Bei Ōes Roman allerdings geht die Gewalt von den Erwachsenen, nicht wie bei Golding von den Kindern, die typischerweise als Abbild von Unschuld gelten, selbst aus.
Insgesamt würde ich den Roman Reißt die Knospen ab… definitiv weiterempfehlen. Auch wenn man als Leser an einigen Stellen hartgesotten sein muss, ist Ōe in der Lage, die Spannung hochzuhalten. Der Schreibstil des Autors ist flüssig zu lesen und durch den Ich-Erzähler ist es sehr einfach, in die Geschichte einzutauchen. Der Roman schafft es, ein realitätsnahes Bild einer Kriegsgesellschaft zu zeichnen und man bekommt als Leser eine interessante Perspektive auf einen Teil der japanischen Geschichte.

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Buchrezension: Die Neuerfindung der Diktatur

Buchrezession: Die Neuerfindung der Diktatur

Das Buch

Titel: Die Neuerfindung der Diktatur

Autor: Kai Strittmatter

Erscheinungsjahr: Oktober 2018

Verlag: Piper Verlag GmbH, München

Umfang: 288 Seiten

ISBN: 978-3-492-05895-7

Preis: 22,00€

 

Der Autor
Kai Strittmatter, Jahrgang 1965, wuchs im Allgäu auf und
studierte von 1984 bis 1992 Sinologie in München, Xi’an (Volksrepublik China) und Taipei (Taiwan). Nach Abschluss der Deutschen Journalistenschule in München war er ab 1997 acht Jahre lang für die »Süddeutsche Zeitung« Korrespondent in Peking. Von 2005 bis 2012 berichtete er für die Süddeutsche Zeitung von Istanbul aus über die Türkei und Griechenland. Von 2012 bis 2018 war er wieder als Korrespondent in Peking tätig. Inzwischen ist er Skandinavien-Korrespondent für die Zeitung. Er gilt als einer der besten-China-Kenner Deutschlands. Neben dem Werk »Die Neuerfindung der Diktatur« veröffentlichte er Werke wie: »Gebrauchsanweisung für Istanbul (2010)«, »Gebrauchsanweisung für China (2008)«, » Vorsicht, Kopf einziehen!: Hongkonger Glücksritter (2005)«, » Atmen einstellen, bitte!: Pekinger Himmelsstürze (2001)«.

Meine Motivation
Auf der Suche nach einer geeigneten Literatur im Zuge des Literaturforums legte ich einige Anforderungen fest, um für mich einen wesentlichen Mehrwert generieren zu können. Thematisch suchte ich ein Sachbuch im Bereich Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft, es sollte sich dabei aber nicht um ein Buch handeln, dass sich nur oberflächlich mit verschiedenen Themenfeldern auseinander setzt und dabei nur generelle Fragen beantwortet. Ebenfalls sollte es sich um ein aktuelles Buch handeln, da ich bei meinen Recherchen feststellte, dass sich in den genannten Bereichen mehrfach wesentliche Veränderungen in den letzten Jahrzehnten vollzogen haben. Selbst Bücher von vor 4,5 Jahren wären durch den extremen Wandel in China heute schon in vielen Bereichen veraltet. So stieß ich auf das Buch »Die Neuerfindung der Diktatur« vom Oktober 2018, welches sich vor allem mit innenpolitischen Problematiken im Zuge eines neu erfundenen autoritären Staates und den Einfluss von künstlicher Intelligenz auf die Bevölkerung auseinandersetzt.
Durch die äußerst positiven Empfehlungen und Kritiken diverser Portale und den aktuellen Themen wie Big Data und KI konnten mich überzeugen, das Buch zu lesen.

Buchaufbau
Das Buch besteht aus 16 Kapiteln, die gedanklich in drei große Themenblöcke gegliedert sind, die einander im Aufbau des Buches manchmal allerdings auch gegenseitig durchdringen.
Der erste Themenblock befasst sich mit den klassischen Mechanismen der Diktatur: Wie die Diktatur das Verhältnis der Bürger zu Wahrheit und Wirklichkeit zerstört und dabei ihre eigene Sprache erfindet. Wie sie Terror und Repression einsetzt, warum ihr aber Propaganda und Gedankenkontrolle die liebsten Mittel sind und weshalb sie dazu die Bürger immer wieder zum kollektiven Vergessen zwingen müssen. Wie die kommunistische Partei darüber das Internet lieben lernt und damit einen ersten Vorgeschmack auf die Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts gibt.
Der zweite Themenblock beschreibt die Neuerfindung der Diktatur in China. Wo und wie sich die Partei einen Staat schafft, den es so noch nie gegeben hat. Es wird aufgezeigt wie mithilfe von Technologie der Wirtschaft einen Turboschub verpasst und gleichzeitig den Menschen damit bis in den letzten Winkel des Gehirns geschaut werden kann. Durch dieses Vorgehen wird aufgezeigt wie Chinas bei Big Data und künstliche Intelligenz die USA überholen möchte oder gar diese schon längst überholt hat. Wie die kommunistische Partei glaubt, durch die KI bald im Voraus annimmt zu wissen, wer Böses vorhat, auch wenn der Betroffene selbst es vielleicht noch gar nicht weiß. In diesem Themenblock wird auch auf das System der sozialen Vertrauenswürdigkeit der Partei eingegangen, welches die Menschen in Vertrauenswürdige und Vertrauensbrecher bereits jetzt in einzelnen Regionen und ab 2020 in ganz China einteilt und dafür sorgt, dass bald alle Menschen sich gemäß der Norm verhalten. Heute schon werden Vertrauensbrecher an den Pranger gestellt, indem sie z. B. den Zutritt für Schnellzüge oder Flugzeuge verlieren.
Der dritte Themenblock stellt sich mit der Frage auseinander, ob das System funktionieren kann, und wenn ja, welche Auswirkung das auf uns haben kann. Kai Strittmatter beschreibt wie Chinas KP zunehmend Einfluss auf die Welt nimmt und dabei von der Schwäche der westlichen Demokratien profitiert. Er erklärt, warum es am Ende mehr auf unsere Stärke ankommen wird als auf die Chinas.
Am Ende des kompletten Buches findet sich noch eine Danksagung und im Anschluss das Kapitel „Anmerkungen“ in dem er die Quellen der im Buch getroffenen Aussagen auflistet.

Inhalt
Die chinesische Gesellschaft durchläuft einen Umbauprozess, den sich die wenigsten im Westen vorstellen können. In kürzester Zeit konnte durch die neu erlangte wirtschaftliche Freiheit aus einfachen Dörfern Millionenstädte gestampft werden. Allerdings wurde mit der Wirtschaftsmacht auch die kommunistische Partei stark und nimmt die Bevölkerung in einen immer stärkeren politischen Würgegriff. In den entstandenen Millionenstädten kann die Partei nun mit neuster Technik jeden überall und jederzeit beobachten und beurteilen. Der Mensch soll zu einer gläsernen Hülle gemacht, ganz dem kommunistischen Gedanken zu einem besseren Menschen umerzogen und wenn nicht möglich bestraft werden. Dafür gibt die Partei, mit steigender Tendenz, mehr Geld für innere Sicherheit aus als für die Landesverteidigung. Strittmatter zeigt dabei immer wieder anhand von Beispielen auf, wie die Partei die Umerziehung bis ins kleinste Detail über Jahre hinweg geplant hat und umsetzt, ob von geheimen Botschaften in Filmen, Musik, natürlich auch für die Jugend als Rap, oder offensichtlich auf Plakate und Werbebanner im Fernseher und im Internet. Wer sich kritisch darüber äußert – egal wo – ob WeChat (chinesischer privater Messangerdienst vergleichbar mit WhatsApp) oder auf der Straße, wird verhafte und zu 99,9% verurteilt. Für eine bessere und umfassendere Umerziehung soll dann ab 2020 das Sozialkreditsystem oder wie es im chinesischen heißt „ System der sozialen Vertrauenswürdigkeit“ aus der Testphase in einzelnen Regionen auf ganz China ausgeweitet werden. Zur Gewährleistung der Überwachung sollen daher bis 2020 dann auch 2 Kameras pro Chinese für eine 24/7 Überwachung bereitstehen. Wie aus den Testregionen wie Rongcheng bekannt geworden ist können mithilfe der Überwachungen bereits minimale Fehlverhalten bewertet werden und dem eigenen Sozialkreditsystem abgezogen (Vertrauensbrecher) bzw. bei positiven Verhalten zugerechnet (Vertrauenswürdig) werden. Die Person selbst bekommt zum Beispiel, bei zu schnellem Fahren eine Handynachricht oder wird bei schwereren Vergehen auf einen der vielen Bildschirmen mit vollem Namen und Foto als Vertrauensbrecher an den Pranger gestellt. Bewertet wird aber auch das Shoppingverhalten oder gar das Produkt selbst was man ein- oder nicht einkauft. In den Testregionen geht es schon so weit, dass die Ehepartner anhand des Sozialkreditkontos ausgesucht werden, da eine schlechte Punktzahl nebenbei auch ein Einschreibungsverbot zukünftiger Kinder für Kitas, Schulen oder Universitäten bedeutet oder gar den eigenen Sozialkreditkontostand oder den es Umfeldes verschlechtert.
Strittmatter zeigt im weiteren Verlauf allerdings auch, dass, obwohl die meisten Chinesen die Überwachung sogar als beruhigend empfinden, dies gerade für außenstehende ein grauenvoller Zustand wäre. Grund für die chinesische Gesinnung ist die durch Gedankenkontrolle und Propaganda geprägte Erziehung der Bevölkerung durch das System, mit dem Fehlen der Möglichkeit einer freien Debatte oder gar dem freien Informationsfluss ohne Zensur. Der freie Geist der Bevölkerung wurde so gestutzt, dass die meisten gar nicht mehr wissen was mit ihnen passiert.
Unter den Chinesen, so hat aber auch Strittmatter beobachtet, gibt es eine zunehmende Verunsicherung und Unzufriedenheit wegen Armut und Korruption, die manchmal aufgrund der Hilflosigkeit in Mord oder Selbstmord endet und von der Partei dann zensiert wird. Laut Strittmatter hat das Ringen um Wachstum und Reichtum und das Rennen nach Profit gleichzeitig dazu geführt, dass tatsächlich fast alle ethischen Maßstäbe verloren gingen.

Fazit
Das Buch beginnt direkt mit einem starken Einstieg in aktuelle politische Gegebenheiten, kritisiert an der einen und anderen Stelle, versucht aber gleichzeitig den Leser für die Thematik zu sensibilisieren und das nichts alles als gegeben angesehen werden kann. Danach taucht man allerdings zügig in die Thematik ein und wird überwältigt von den Ausmaßen welche im China von Heute vorliegen. Dabei ist zu bedenken, dass China erst am Anfang des Ausbaus zu einem uneingeschränkten Kontrollstaates steht.
Kai Strittmatter hat mit » Die Neuerfindung der Diktatur« ein informatives, interessantes und zum Nachdenken anreizendes Buch geschaffen. Besonders durch die Aufzählung von Beispielen als auch die Hinzunahme von Zitaten aus Interviews mit chinesischen Gelehrten, Kritikern und Politikern wird einem eine sehr breite aber zugleich durch die Partei eingeengte Sichtweise gezeigt. Ich würde das Buch definitiv weiterempfehlen, da es gerade für Außenstehende einen ausgezeichneten Einblick in die chinesische Gesellschaft gewährt. Strittmatter hinterlässt mit dem Buch einen bleibenden Eindruck und zeigt unmissverständlich auf, weshalb die Bevölkerung gerade sich in Bezug auf politische Themen so zurückhaltend verhält.

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Buchrezension: Ein einfaches Leben

Buchrezension: Ein einfaches Leben

Das BuchDownload
Titel: Ein einfaches Leben
Autorin: Min Jin Lee
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
Erscheinungsjahr: 2018, Erstausgabe
Umfang: 552 Seiten, unterteilt in 3 Bücher (17, 20 & 21 Kapitel)
Preis: 24 €

Die Autorin
Name: Min Jin Lee
Geboren: 1968 in Seoul, Südkorea
Wohnorte: Boston, Tokio, Washington D. C., New Haven, New York, Seoul
Bildung: Studium der Geschichte am Yale College und Jura Studium an der Georgetown University
Beruf: Autorin, vorher Juristin
Weitere Werke: Free Food for Millionaires (2007), einige Kurzgeschichten

Meine Motivation
Bei der Suche nach einer geeigneten Literatur hatte ich mir vorab einige Kriterien an die Literatur gestellt. Es sollte ein Roman sein, welcher nicht als gesellschaftskritische Hauptthematik die klassische Geschichte der Trennung von Nord- und Südkorea thematisiert. Ferner sollte es für mich ein aktuell geschriebener Roman sein, welcher mir einen Einblick in die Denkweise von Koreanern geben kann. Bei meiner Recherche begegnete mir dann der Roman Ein einfaches Leben von Min Jin Lee, welcher die verschiedenen Lebensweisen und Schicksale von den koreanischen Einwanderern Sunja und ihren beiden Söhnen als Minderheit in Japan verdeutlichen soll. Beschrieben wurde das Buch als opulenter Familienepos über Loyalität und die Suche nach der eigenen Identität.
Durch diese Beschreibung, Empfehlungen und die guten Kritiken, die der Roman von diversen Institutionen bekommen hat, hat mich letzten Endes dazu bewogen, dass ich diesen Roman ausgewählt habe.

Buchaufbau
Das Buch gliedert sich in drei Bücher mit insgesamt 552 Seiten. Im ersten Buch Gohyang/Zuhause befinden sich die Charaktere in den Jahren 1910-1933, in dem zweiten Buch Mutterland befinden sich die Charaktere in den Jahren 1939-1962 und in dem dritten und letzten Buch Pachinko befinden sich die Charaktere in den Jahren 1962-1989. Eingeleitet wird jedes Buch, welches aus 17 – 21 Kapiteln besteht, aus Zitaten von Charles Dickens, Park Wan-Suh und Benedict Anderson, die von Zuhause, Korea und dem Begriff und der Bedeutung des Wortes Nation handeln und in die jeweilige Thematik des Buches einführen. Am Ende des kompletten Buches findet man, nach den Danksagungen, ein Glossar, welches die wesentlichen Ausdrücke und Begriffe, die auf Japanisch oder Koreanisch im Buch vorkommen, dann übersetzt beziehungsweise erklärt.

Inhalt
Buch I: Goyang/Zuhause (1910-1933)
In einem Fischerdorf bei Busan startet der Familienepos mit Hoonie, der mit einem Handicap geboren und dann mit Yangjin verheiratet wurde und zusammen mit ihr und seiner Tochter Sunja führte er ein Logierhaus. Nach seinem Tod lernte Sunja den älteren Fischgroßhändler Hansu Koh kennen und wird von diesem geschwängert. Da dieser bereits mit einer Japanerin verheiratet ist, hat sich Sunja von ihm abgewandt und heiratete den koreanischen geistlichen Logiergast Isak, der krankheitsbedingt für längere Zeit im Logierhaus verbringen musste und Sunja von ihrer Schande befreien wollte. Gemeinsam mit ihrem neuen Ehemann zog Sunja zu seinem Bruder Yoseb und seiner Frau Kyunghee nach Osaka, Japan und gebar dort ihren ersten, unehelichen Sohn Noa und zweiten, ehelichen Sohn Mozasu.

Buch II: Mutterland (1939-1962)
Nachdem der Geistliche Isak aufgrund von angeblichem Widerstand gegen den Staat festgenommen wurde, musste Sunja eine Möglichkeit, damit Sie ihre Familie ernähren kann. Sie entschied sich auf dem Markt mit der Unterstützung von Kyunghee, je nach Verfügbarkeit, diverse Köstlichkeiten wie Kimchi und Toffee zu verkaufen bis sie von Kim Changho, einem Restaurantbesitzer, überredet wird für seine Restaurants Kimchi zuzubereiten. Nach längerem Widerstand von Yoseb, stimmte dieser zu, dass die beiden Frauen Geld verdienen durften, da sein Einkommen als koreanischer Manager nicht mehr für die Versorgung der gesamten Familie ausreichte. Nach einigen Jahren wurde Isak dann aus der Haft zum Sterben nach Hause geschickt und kurz danach begegnete Sunja nach vielen Jahren dem Vater von Noa, Hansu Koh, wieder, der sie und ihre Familie in ein abgelegenes Dorf geschickt hat, damit diese den Krieg überleben konnten. Daraufhin wurde Sunja bewusst, dass Hansu Koh sie und ihre Familie durchgehend im Auge behalten und unterstützt hat und selbst ihre Mutter aus Korea nach Japan gebracht hat, sodass er sehr großen Einfluss im gesamten Land haben musste. Auf diese Weise suchte Hansu Koh, der sonst nur Töchter hat, Kontakt zu seinem Sohn und versorgte die Brüder mit Leckereien und Comics.
Nachdem der Krieg vorbei war, kehrte die Familie wieder nach Osaka zurück, wobei Hansu Koh sie immer wieder finanziell unterstützte und Sunjas Söhne Noa und Mozasu litten in der Schule unter Hänseleien, da bekannt ist, dass sie Koreaner sind, sodass kaum jemand Kontakt zu ihnen hatte. Im Gegensatz zu Noa, machte sich Mozasu keine großen Mühen, um nach der Schule noch anschließend die Aufnahmeprüfung der Universität zu bestehen. Er beschloss von der Schule abzugehen und schloss sich Goro an, der ihn in das zwielichtige Pachinko Geschäft einführte, wo er auch schnell aufstieg und Yumi, seine Ehefrau und Mutter seines Sohnes Solomon kennen.
Währenddessen lernte Noa viel und schaffte es auf die Waseda Universität in Tokio, die die Familie nicht selbst finanzieren konnte, woraufhin Hansu Koh einsprang und ihn bei seinem Studium der Amerikanistik unterstützte und im Gegenzug traf er sich mit ihm einmal im Monat bis Noa herausfand, dass er – ein Yakuza – sein Vater ist und Noa gab daraufhin sein Studium auf und hat sich von seiner Familie abgewendet.

Buch III: Pachinko (1962-1989)
In Nagano nahm Noa die Identität eines Japaners an und arbeite wie sein Bruder im Pachinko Gewerbe und heiratete Risa, eine Japanerin, mit der er vier Kinder bekam. Risas Familie verurteilte sie, dass sie mit einem Mann verheiratet war, der im Pachinko Gewerbe tätig war, sie hingegen verteidigte ihn daraufhin immer wieder, da sie nicht wusste, dass er Koreaner ist.
Mittlerweile lebte Mozasu als Abteilungsleiter in Yokohama mit seiner Familie, als er die Nachricht bekam, dass seine Frau bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, weswegen Hansu Koh wieder mit Sunja Kontakt aufgenommen hat, um sie bei der Suche nach Noa zu unterstützen und ihr zu erklären, dass er bald sterben würde. Einige Jahre später fand Hansu dann auch Noa in Nagano und fuhr mit Sunja zu ihm, die es nicht aushielt und direkt aus dem Auto auf ihn zulief und mit ihm über sein Leben sprach. Daraufhin beging Noa Selbstmord und seine japanische Familie erfuhr nie, dass er Koreaner war, da seine Familie den Kontakt mied.
Bald fand Mozasu, der durch das Pachinko Gewerbe sehr reich wurde, eine neue Freundin namens Etsuko, die selbst weitere Kinder hatte, die sie verstoßen hatten. Nur ihre Tochter Hana nahm Kontakt, da sie Hilfe bei einer Abtreibung brauchte. Bevor Hana die Stadt verließ, fing sie eine Liebesbeziehung mit Solomon an, der sich mit der gehobenen Klasse abgab und eine internationale Schule besuchte, was ihn schließlich für ein Studium nach Amerika führte. Dort lernte er die Koreanerin Phoebe kennen, die er mit nach Japan nahm und er fing bei einem englischen Unternehmen an zu arbeiten. Nachdem er immer wieder herzlich aufgenommen wurde, wurde er aber direkt nach einem Vorfall, in das sein Vater – der koreanische Pachinko Betreiber – scheinbar verwickelt war, gekündigt. Daraufhin trennte sich Solomon von Phoebe und er beschloss sich dem Pachinko Gewerbe seines Vaters anzuschließen, da er keine andere Wahl sah, die er als Koreaner in Japan hat.

Fazit/Diskussion
Der Roman startet mich der provokanten Aussage: „Die Geschichte hat uns im Stick gelassen, aber was macht das schon.“ (S. 13) Diese Aussage fasst im Großen und Ganzen das Buch zusammen und den Umgang mit den Problemen, die die Charaktere tagtäglich meistern müssen. Die Autorin versucht durch den Roman Aufklärungsarbeit über die Zainichi (Koreaner mit Dauerbleiberecht in Japan) zu leisten, die auch heutzutage oftmals mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Dabei ist dieses Phänomen auch auf andere Länder übertragbar und stellt für viele auch heute noch aufgrund der Frage nach der Identität ein großes Problem dar.
Insgesamt würde ich den Roman Ein einfaches Leben definitiv weiterempfehlen. Die einfache Sprache erschien mir anfangs sehr gewöhnungsbedürftig, vor allem aber auch die Einführung in die Gedankenwelt der vielen Nebencharaktere war anfangs schwierig, jedoch werden dadurch die gesellschaftskritischen Themen, die in dem Roman beleuchtet werden, wesentlich besser verdeutlicht und man bekommt einen Einblick in noch mehr relevante Themen wie Geldprobleme, Religion, Selbstmord, Bildung, das Rollenbild der Frau, Sexualität und Prostitution, das zwielichtige Pachinko-Gewerbe und die Yakuza.
Natürlich muss man das gesamte Werk immer noch als Fiktion betrachten, doch aufgrund der in den Danksagungen erklärten intensiven Recherche, sollten die beschriebenen Geschehnisse insgesamt die Situation realistisch darstellen, wodurch das Buch für mich persönlich relevant ist.

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Buchrezension: Die 101 wichtigsten Fragen China von Hans van Ess

Die 101 wichtigsten Fragen China
Details zum Buch:
Titel: Die 101 wichtigsten Fragen China
Autor: Hans van Ess
Erscheinungsdatum: 2008
Verlag: C.H.Beck OHG, München
Seiten: 160
ISBN: 978 3 406 56808 4
Preis: 9,95€

 

 

 

Motivation:
Während meines Aufenthaltes im Landesinstitut für Sprachen in Bochum kam ich aufgrund meiner chinesischen Wurzeln mehrfach in ein Gespräch über Hintergrundwissen über die Kultur, Geschichte und politische Themen über China. Obwohl ich bereits viele Male in China war, wurde mir durch diese Gespräche deutlich, wie wenig ich teilweise über das Land weiß. Um meine Kenntnisse über geschichtliches und politisches Hintergrundwissen zu vertiefen, wurde mir von einer Dozentin des LSI in Bochum das Buch „Die 101 wichtigsten Fragen“ von Hans van ESS empfohlen. Für mich persönlich war es spannend offene Fragen über das Heimatland meiner Eltern zu erfahren, aber auch die Sicht auf Themen und Fragestellungen aus einem nicht chinesischen Blickwinkel zu hören war sehr aufschlussreich.

Autor:
Der Autor des Buches heißt Hans van Ess. Dieser wurde 1962 nahe Frankfurt geboren. Er ist ein deutscher Sinologe und Mongolist. Der Schwerpunkt seiner Forschung liegt auf dem Konfuzianismus, die Geschichtsbeschreibung Chinas und außerdem die Zentralasienkunde.
1983 bis 1986 studierte Hans van Ess an der Universität in Hamburg Sinologie, Turkologie und Philosophie. 1986 bis 1988 nahm dieser ein Studium an der Fudan Universität in Shanghai auf. Ab dem Jahre 1992 war der Autor als Länderreferent in Hamburg beim Ostasiatischen Verein tätig, bis er 1995 Assistent am Sinologischen Seminar der Universität Heidelberg wurde.  Nach seiner Habilitation 1988 in Hamburg arbeitete Hans van Hass für den Lehrstuhl für Sinologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist der Autor zusätzlich Präsident der Max Weber Stiftung.

Zusammenfassung
Bei der vorliegenden Literatur „die 101 wichtigsten Fragen“ handelt es sich um ein Sachbuch. Wie aus dem Titel bereits deutlich wird, beantwortet das Buch Fragen bezüglich China. Wie alt ist China? Welches sind die größten Erfindungen? Welchen Zugang haben die Chinesen zum Internet? Wie funktioniert eine chinesische Tastatur? Ist das Land noch ein sozialistisches Land? Welche Rolle spielt der Sport in China etc.
Fragen wie diese und viele andere werden von Hans van Ess kurz aber verständlich beantwortet. Auf einige umfangreiche Fragen liefert der Autor einfache Antworten. Insgesamt liefert das Buch einen kurzen Einblick auf das Land China.

Aufbau des Buches
Die Literatur ist unterteilt in acht Kapitel. Das erste Kapitel, welches auch das umfangreichste ist, deckt 35 Fragen über die Geschichte ab. Das zweite Kapitel behandelt das Thema Politik, weiter geht es mit der Beantwortung von 15 Fragen im Bereich Wirtschaft, danach folgen Fragen bzw. Antworten zur Sprache & Schrift. Das fünfte Kapitel liefert Antworten im Bereich Religion & Philosophie. Weiter geht es mit Kultur, darauf folgt Gesellschaft. Im letzten Kapitel werden Fragen beantwortet zur Thematik Ernährung und Kleidung, Medizin und Sport.
Inhalt:
Im ersten Kapitel, in welchem geschichtliche Fragen im Fokus stehen beantwortet Hans van Ess zum Beispiel den Grund für den Bau der Chinesischen Mauer und Fragen warum Mao Zedong zugleich verabscheut wird, aber auch für Begeisterung sorgt und es immer wieder antijapanische Aktionen gibt.
Im zweiten Kapitel werden politische Fragen über Tibet und der Zugehörigkeit von Taiwan zu China beantwortet. Ob es bald eine Demokratie in China geben wird etc…
Im dritten Kapitel steht die Thematik Wirtschaft im Vordergrund. Der Leser erfährt etwas über Arbeitslosigkeit, wirtschaftlich arme und wirtschaftlich reiche Gebiete.
Auf die Frage in Kapitel 4 „Welche Dialekte hat China?“ antwortet van Ess, dass es eine Vielzahl von Dialekten gibt. „Phonologisch betrachtet sind diese Dialekte teileweise weiter voneinander entfernt als die Sprachen Spanisch und italienisch, sodass Spreche sich untereinander nicht verständigen können.“ Die größten acht Dialekte sind Mandarin, Wu, Min, Kantonesisch, Gan, Jin, Hakka, Xiang.
Die Frage nach den größten Erfindungen Chinas in Kapitel 6 beantwortet van Ess mit der Antwort: Papier welches damals aus Seide oder zusammengebundenen Bambusstäben bestand, der Druck, Schießpulver und der Kompass.
In Kapitel 7 geht es beispielsweise um die Frage, ob Chinesen abergläubisch sind. Nach van Ess haben Chinesen viele Rituale/ Bräuche die beispielsweise vor großen Unternehmungen wie Hochzeiten praktiziert werden aufgrund von Aberglauben. Des Weiteren gilt die Zahl 4 als unglückbringend die ausgesprochen klingt wie sterben. 四 Sì  und 死 Sǐ  Aufgrund dieser Ähnlichkeit in der Aussprache fehlt in China oftmals die vierte Etage in Hotels.
In Kapitel 8 lautet eine der Fragen, warum es nur wenige Milchprodukte in China gibt. Die Antwort lautet, dass Chinas Landwirtschaft zur Ackerbaukultur zählt, die Viehzucht war eher ein Luxus. Milch wurde/wird in meist in Form von Sojaextrakten zu sich genommen. Für Chinesen gilt Käse wird als verdorbene Milch. Joghurt hingegen hat in China einen hohen Verbreitungsgrad, westliche Unternehmen verkaufen Joghurt mit großem Erfolg. Der Fakt, dass Chinesen das Enzym fehlt Milchprodukte zu verdauen stimmt insofern, dass jeder Säugling auf der Welt dieses Enzym besitzt, durch das Erwachsen werden und das nicht mehr konsumieren von Milchprodukten geht dieses Enzym irgendwann verloren.
Fazit:
Um gut auf einen Aufenthalt in China vorbereitet zu sein, sowohl geschichtlich, politisch, wirtschaftlich, in Sprache und Schrift, über Religion und Philosophie, Kultur, Gesellschaft sowie über die Ernährung, Kleidung, Medizin und über das Thema Sport bietet das Buch eine grobe Grundlage. Kritisch zu betrachten sie allerdings das viele wirtschaftliche Fragen/Themengebiete veraltet sind. Der Stand des Buches ist 2008 dieser ist nicht mehr mit dem heutigen Stand Chinas vergleichbar. Im Jahre 2008 lag das BIP von China nach bei ca. 4,6Billionen US-Dollar. 2018 liegt dieser bei 13,4 Billionen US-Doller. Annahmen die der Autor zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung macht sind teilweise Hinfällig oder zu einfach dargestellt.

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