Buchrezension “Die Kultur Japans – Tradition und Moderne”

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Buchdetails

Das wissenschaftliche Sachbuch „Die Kultur Japans – Tradition und Moderne“, verfasst von Florian Coulmas, erschien zum ersten Mal in 2003 im C.H. Beck Verlag. Diese Buchrezension behandelt die dritte Auflage aus dem Jahr 2014. Das Werk ist in deutscher Sprache verfasst, beinhaltet 334 Seiten und ist aktuell für 16,95 € erhältlich.

Motivation

Einer der Hauptgründe für meine Entscheidung für dieses Buch war das Ziel einen möglichst umfangreichen Einblick in die Kultur Japans zu gewinnen, diese in Ansätzen zu verstehen als auch die Hintergründe zu erfahren, wieso manches in Japan so ist, wie es ist. Zudem haben mich die vielen äußerst positiven Buchrezensionen in meiner Wahl bestärkt. Eine unter ihnen aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bezeichnet diese Arbeit als ein „Standardwerk“. Des Weiteren finde ich die wissenschaftliche Fundierung des Buches ausgesprochen umfassend und gerade für meine Ziele relevant. Der ausschlaggebende Punkt für meine Entscheidung, mich mit diesem wissenschaftlichen Werk auseinanderzusetzen, war die Erfahrung und fachliche Kompetenz des Autors, welche auch durch den Meyer-Struckmann-Preis 2016 bestätigt wurde.

Autor

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Florian Coulmas wurde 1949 in Hamburg geboren und schloss 1974 seinen Magister in Linguistik und Soziologie in Berlin ab. Nach seiner Habilitation im Bereich der Linguistik 1980, forschte er in unterschiedlichen Einrichtungen wie dem „The National Language Research Institute“ und der Universität Chuo (beides in Tokio), bis er 1999 die Professur für Japanologie an der Universität Duisburg-Essen übernahm und heute noch als Senior-Professor dort ansässig ist. In den Jahren 2004 bis 2014 wurde er zum Direktor des Deutschen Institut für Japanstudien in Tokio ernannt, wo er sich u.a. mit den Herausforderungen des demographischen Wandels als auch dem „Glücklich sein“ der Japaner beschäftigte. Um seine wissenschaftliche Arbeit hinsichtlich der japanischen Kultur zu ehren, verlieh man ihm im November 2016 den Meyer-Struckmann-Preis für geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung, welcher für Ostasienwissenschaften ausgeschrieben war.

Inhalt

Der Inhalt des Buches ist in vier thematische Teile gegliedert:

  1. Verhalten und soziale Beziehungen
  2. Werte und Überzeugungen
  3. Institutionen (Kultur und Struktur)
  4. Materielle Kultur

Diesen Teilen sind jeweils drei bis sieben Kapitel zugeordnet, welche sich mit bestimmten Aspekten und Gebräuchen des in dem Teil beschriebenen Themas befassen.

Im ersten Teil, „Verhalten und sozialen Beziehungen“, geht Florian Coulmas näher auf die Übergangsriten, die Verwandtschaft, ebenso wie die Etikette und die Gaben ein. Das Kapitel der Übergangsriten beschreibt die Rituale, welche Japaner bspw. bei der Geburt, einer Hochzeit oder dem Tod pflegen. Die Ahnenverehrung spielt eine besondere Rolle, da man schon mit dem ersten Schrei (ubugoe) des Kindes direkt nach der Geburt davon ausgeht, dass ein Geist der Ahnen in den Körper des Säuglings eingegangen ist. Die darauffolgenden Riten sind dazu bestimmt, den Geist des Ahnen stärker an den Körper des Babys zu binden. Innerhalb des Kapitels zur Verwandtschaft zeigt Florian Coulmas die typischen Familienstrukturen der Japaner auf und die Bezeichnungen der Verwandten untereinander. Ein Unterschied zu den westlichen Gesellschaften ist u.a. die Stellung der Familie als das elementarste Glied in der japanischen Gesellschaft, wogegen im Westen eher das Individuum als die kleinste Einheit innerhalb einer Gesellschaft auftritt. Aus diesem Grund ist die Adoption eine wichtige Option zur Weiterführung des Haushalts, bzw. der Familie, bei Fehlen eines männlichen Erben. Meistens wird in solchen Fällen der Ehemann der ältesten Tochter adoptiert, der dann zu der Familie der Tochter zieht, um in Zukunft den Haushaltsvorstand zu übernehmen. Das Kapitel der Etikette befasst sich mit bewährten Verfahren im Umgang miteinander, ihrem historischen Hintergrund und der sprachlichen Etikette. Neben der angemessenen Verbeugung zur Begrüßung geht Florian Coulmas in diesem Kapitel auch auf das etikettenbewusste Verhalten (rashisa) ein und erläutert es anhand von zivilem Bogenschießen. Dort geht es nämlich nicht in erster Linie darum, wer am besten trifft, sondern eher um die Tätigkeit an sich – die damit verbundene Selbstdisziplin, innere Einstellung und Etikette. Das letzte Kapitel in diesem Teil widmet sich den Gaben und den Anlässen für diese. Zu der Vielzahl an Anlässen, zu denen das Schenken üblich ist, gehören bspw. die Phasen des Jahreszyklus: Neujahr, Mitte des Jahres als auch das Jahresende. Hinzu kommen Anlässe, die nicht an den Jahreszyklus gebunden sind, wie zum Beispiel eine Geburt, Schuleintritt und -abschluss, Krankheit, Unfall oder ein Umzug. Durch das Schenken bemühen Japaner sich um Herstellung und Pflege der Beziehung zu dem Beschenkten.

Der zweite Teil befasst sich mit den „Werten und Überzeugungen“, die weitgehend von den Religionen und Nicht-Religionen, nach welchen die Japaner leben, abgeleitet wurden. Er umfasst die Kapitel „Der Shintoismus: Japans älteste Religion“, „Der Buddhismus“, „Der Konfuzianismus“ und „Christentum und neue Religionen“. Der Shintoismus wurde und wird auf verschiedene Arten praktiziert. Die Arten unterteilen sich in den Kaiserhaus-, Folklore-, Sekten- und Schrein-Shinto. Dabei ist der Schrein-Shinto der, der für Japaner am wichtigsten und am meisten verbreitet ist. In diesem werden die verschiedenen kami in der Vielzahl an Schreinen verehrt, welche über das ganze Land verteilt sind. Als kami bezeichnen die Japaner die in den Schreinen lebenden Geister. Gegenüber dem eher „lebensbejahenden und fröhlichen Grundton“ des Shintoismus beinhaltet der Buddhismus die Grundthese „Leben ist Leiden“ und zielt auf die „Befreiung des diesseitigen Lebens“. Jedoch gelang es den Japanern beide Religionen auszuleben, ohne gegenseitige Verdrängung. Eher das Gegenteil trat ein, denn sie beeinflussten sich gegenseitig und ließen die Koexistenz zu. Diese „Symbiose“ der beiden Religionen wird als shinbutsu shugo bezeichnet. Die Koexistenz zeigt sich besonders im Bau der Shinto-Torii und den buddhistischen Pagoden, welche überwiegend direkt nebeneinander gebaut wurden. Der Konfuzianismus, welcher auch nach Florian Coulmas keine Religion darstellt, bereichert die Werte- und Überzeugungsbildung hinsichtlich der „sozialen Ordnung und des Friedens“. Er stützt sich auf die moralischen Verpflichtungen zwischen bestimmten Rollen (bspw. Vater – Sohn oder Freund – Freund), wovon sich die folgenden sieben Tugenden ableiten lassen: Menschlichkeit, Rechtlichkeit, Wohlwollen, Anstand und Sitte, Klugheit, Zuverlässigkeit. Diese implizieren wiederum Loyalität, Pietät und Höflichkeit als „soziale Pflichten“, wonach Menschen sich richten sollten, um in einer ordentlichen Gesellschaft leben zu können. Im modernen Japan steht er eher für „Konservatismus“. Im Jahre 1549 missionierten der Portugiese Francisco de Javier und zwei Jesuiten das Christentum in Japan. Aufgrund der monotheistischen Ausrichtung des Christentums führte diese zu Störungen der Verhältnisse zwischen dem Staat und den Religionen als auch zwischen den Religionen selbst. Die Störungen waren so weitreichend, dass das Ausleben des Christentums in 1614 verboten wurde. Die kakure kirishitan, versteckte Christen, lebten den Glauben jedoch weiter im Untergrund bis zur Aufhebung des Verbotes Mitte des 19. Jahrhunderts aus. Doch wurden sie von der christlichen Kirche nicht anerkannt, da sie sich zu weit von dem christlichen Dogma entfernt hatten. 1946 wurde die bedingungslose Religionsfreiheit in die neue Verfassung Japans aufgenommen.

Im dritten Teil „Institutionen (Kultur und Struktur)“ behandelt Florian Coulmas den Jahreszyklus und geht näher auf die Schulen und Firmen ein. Die Einführung des westlichen Zeitsystems, des gregorianischen Kalenders, begann in Japan im Jahre 1873. Aufgrund der Umstellung von der vorangegangenen Zeitrechnung, welche sich nach dem aktuellen Kaiser (Tenno) und nach dem Mond- und der Sonnenstellung richtete, auf das gregorianische System, die den Japanern verständlicherweise schwergefallen ist, behielt man so viele Feiertage (bspw. 1.1., 3.3.) aus dem alten Zeitsystem bei wie möglich. Die Institution der Schule basiert u.a. auf der Annahme, dass es „keine natürlichen Anlagen“ gibt, also „einem nichts in die Wiege gelegt wird“. Vielmehr kommt es auf die „durch Formung und Streben kultivierten Fähigkeiten und Verhaltensweisen“ an. Eine weitere Grundüberzeugung der Schule ist der Gedanke, der aus dem Konfuzianismus stammt, dass „niemand sich aus eigener Kraft alles erforderliche Wissen aneignen […] kann“. Aus diesem Grund wird der Lehrer als besonderes Vorbild angesehen. Dieser vermittelt die moralischen (konfuzianischen) Werte: Loyalität, Pietät, Höflichkeit durch die Abschrift konfuzianischer Texte. Die Beziehung zwischen dem Lehrer und dem Schüler, auch kizuna „Bindung“ genannt, geht über das in westlichen Schulen praktizierte Lehrer-Schüler-Verhältnis hinaus. Bspw. ist es für Japaner üblich, die Grundschullehrerin im erwachsenen Alter weiter mit sensei, also Lehrerin anzusprechen. Diese Bindung wird auch im Studium fortgeführt, wo der Professor sich dem Schüler gegenüber verpflichtet fühlt, ihm soweit wie möglich zu helfen, indem er den Schüler u.a. bei den ersten Schritten ins Berufsleben unterstützt. Deshalb ist es auch nicht ungewöhnlich, dass die Schüler/Studenten in privaten Belangen den Professor um Rat fragen oder gar bitten Trauzeuge zu werden. Diese Art Beziehung, einer familiären Beziehung nicht unähnlich, ist auch in Firmen anzutreffen. Zum Beispiel gab es im November 1997 einen Vorfall, in dem der Vorstandsvorsitzende die Anmeldung seines Unternehmens zum Konkurs unter Tränen bei einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit mitteilte. Des Weiteren zeigt der Prozess der Entscheidungsfindung innerhalb eines Unternehmen, wie Japaner ihr Unternehmen verstehen. Der Prozess besteht aus zwei Schritten. Im ersten, dem nemawashi, werden wiederholt Gespräche zwischen allen Beteiligten geführt, um das Problem von allen Seiten zu betrachten. Hierbei steht die Pflege der Beziehungen besonders im Vordergrund, da nicht nur die Sinnhaftigkeit der Entscheidung wichtig ist, sondern vor allem das Mittragen dieser Entscheidung von allen Beteiligten. Der zweite Schritt, ringisho, dient dazu, alle direkt und indirekt betroffenen Mitarbeiter über die Entscheidung zu informieren. Dabei wird die Umlaufmappe mit der Entscheidung von den unteren Ebenen der Organisation in die oberen durchgereicht. Auf diesem Weg ist des den Mitarbeitern noch möglich evtl. übersehen Aspekte anzumerken, die für die Entscheidung von Bedeutung sein könnten.

Materielle Kultur“ heißt der vierte Teil der Arbeit und umfasst die Kapitel „Der beschriebene Körper“, „Kleidung und Mode“, „Behausung und Architektur“, „Geschmack“ und „Die Künste“. Der beschriebene Körper steht für den Umgang der Japaner mit ihrem Körper und wie sie ihn zum „Ort der Darstellung“ verwenden, worin der Autor die „Verschmelzung des biologischen und sozialen Erbes, Natur und Kultur“, sieht. Wie schon durch die Übergangsriten des ersten Bades und des ersten Haarschnitts direkt nach der Geburt, zeigt sich, wie wichtig der Körper in der japanischen Kultur ist. Dazu gehören bspw. die Verzierungen des Körpers durch Tätowierungen. Jedoch gibt es drei unterschiedliche Arten: Tätowierungen im Zeichen der Schande, der Differenz und der Kultur. Ebenso viel Wert wird auf die Haartracht in der japanischen Kultur gelegt, insb. da man anhand bestimmter Frisuren das Alter, den Stand als auch die Profession erkennen kann. An dem weiteren Übergangsritual direkt nach der Geburt, das Ritual der ersten Kleidung, lässt sich erkennen, dass Kleidung und Mode in der japanischen Kultur ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. In erster Linie ist die Kleidung Schutz für den Körper. Ferner wurde im Verlauf der japanischen Geschichte anhand der Kleidung, insb. die Fabre derer, der Rang des Trägers ersichtlich. Dies ist in der Moderne nicht mehr der Fall. Generell wird heutzutage in Japan zwischen yofuku (westliche Kleidung) und wafuku (japanische Kleidung) unterschieden, wobei mittlerweile die westliche Kleidung zur Alltagskleidung geworden ist und die japanischen Kleider, wie der Kimono, nur noch zu besonderen Anlässen getragen werden, um die japanischen Tradition zu wahren. Woran die japanische materielle Kultur besonders zu erkennen ist, sind die Behausungen der Japaner. Besonders erkennbar ist das sehr dominante Dach dieser. Dieses schützt die größtenteils aus Holz bestehenden Häuser vor den Wetterschwankungen und dem damit einhergehenden Wechsel zwischen Feuchtigkeit und Trockenheit. Ein weiteres Merkmal ist der erhöhte Fußboden, der meistens mit gleich großen Bambusmatten, tatami, ausgelegt ist. Jedoch wird auch im Bereich der Architektur, wie auch bei der Kleidung, zwischen der westlichen, yofu, und der japanischen, wafu, Architektur unterschieden. Ebenso wird auch beim Geschmack, bzw. den Gerichten zwischen westlichen, yoshoku, und dem japanischen, washoku, unterschieden. Jedoch hatte die chinesische Esskultur einen so großen Einfluss auf die japanische Esskultur, dass sich eine dritte Kategorie, nämlich die der chinesischen Gerichte, chuka ryori, gebildet hat. Als Beispiele für die japanischen Künste, greift Florian Coulmas die Bereiche der Töpferei, Kalligraphie und Gärten raus und erläutert, dass Personen in Japan, die sich mit diesen Tätigkeiten befassen, als Künstler betrachtet werden.

Fazit

Das Buch entspricht meinen Erwartungen voll und ganz. Es ermöglichte mir, einen guten und umfassenden Eindruck über die Kultur Japans zu erhalten, was mir auf meiner Reise durch Japan an der einen oder anderen Stelle sicherlich wieder in Erinnerung gerufen wird und ich die verschiedenen Situationen somit bewusster wahrnehmen und einschätzen kann. Ich kann der vorangegangenen Buchrezensionen nur zustimmen, die behauptet, bei dieser wissenschaftlichen Arbeit handle es sich um ein „Standardwerk“. Florian Coulmas gelingt es, durch detaillierte Beschreibungen der einzelnen kulturellen Aspekte in Japan, die Kultur Japans für die zugänglich zu machen, die sich in der japanischen Kultur nicht sonderlich auskennen. Es enthält eine Vielzahl an Informationen zu den einzelnen Besonderheiten der Japaner und ihrer Kultur – sinnvoll strukturiert und aufbereitet. Es sollte jedoch jedem Interessenten bewusst sein, dass es sich bei diesem Sachbuch nicht um eine leichte Bettlektüre handelt, sondern um einen nichtsdestotrotz gut lesbaren wissenschaftlichen Text. Jedem, der sich etwas mehr mit Japan und der dort herrschenden Kultur beschäftigen möchte, kann ich dieses Buch wärmstens empfehlen.

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Buchrezension “Die Tempelglocken von Shanghai” von Hong Li Yuan

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Titel: Die Tempelglocken von Shanghai
Autor: Hong Li Yuan
Genre: Historischer Roman
Erscheinungsjahr: 2002 (Erstauflage), 2011 (Nachdruck, 3. Ausgabe)
Seitenzahl: 472
Verlag: VVB Laufersweiler Verlag
ISBN: 978-3-8359-1106-2
Preis: 12,80€

Motivation

Bei der Recherche nach einem geeigneten Buch über China für das Literaturforum war es mir wichtig einen authentischen Eindruck vom Land und dessen Kultur zu erhalten. Somit entschied ich mich bewusst für ein Werk eines Autors, der im Reich der Mitte geboren wurde. Darüber hinaus reizen mich historische Romane sehr, weil diese mir als Leserin der Gegenwart die Möglichkeit geben, mich in den Protagonisten des Buches hineinzuversetzen und so in die Vergangenheit einzutauchen. Im letzten Semester wurden mir in einem Seminar bei einem chinesischen Gastprofessor die Auswirkungen der Kulturrevolution auf das chinesische Bildungswesen vor Augen geführt. Aufgrund der Tatsache, dass die Kulturrevolution ihre Spuren bis heute in der chinesischen Gesellschaft hinterlassen hat, war mein Interesse hoch, meine Kenntnisse über diese Zeit zu erweitern. Ein zusätzlicher Anreiz für das von mir ausgewählte Buch war der Titel, weil dieser den Handlungsort Shanghai beinhaltet, die Stadt, in der ich mein Auslandssemester absolvieren werde.

Der Autor

Hong Li Yuan wurde 1957 in Shanghai geboren. Neben chinesischer und europäischer Literatur studierte er traditionelle Heilkunst. 1992 verließ er China, um in Deutschland seine eigene Tai-Chi-Chuan- und Qi-Gong-Schule in Stuttgart zu gründen. Seinem Erstlingswerk „Die Tempelglocken von Shanghai” folgte die Fortsetzung „Der Meister aus Shanghai”. In seiner Tätigkeit als Autor hat er neben diesen beiden Romanen zwei Lehrbücher zu den Techniken des Tai Chi Chuan und Qi Gong veröffentlicht. In seiner Heimat Shanghai ist der Großmeister als Vorstandsmitglied in der Tai-Chi- und Qi-Gong-Gesellschaft aktiv.

Buchinhalt

Das Buch ist in 21 Kapitel untergliedert. Der Protagonist Da Lee wird 1957 in Shanghai als Kind hoher Beamten geboren. Da Lees Mutter ist Parteisekretärin bei der Kommunistischen Partei Chinas und sein Vater arbeitet als Offizier bei der Armee, sodass beide kaum Zeit für ihren Sohn haben. Da Lees Erziehung übernimmt deshalb überwiegend seine Oma. Seit seiner Geburt leidet Da Lee an einer schweren Krankheit, die sich darin äußert, dass er langsamer wächst als andere Kinder in seinem Alter, er sich regelmäßig nach dem Essen übergeben muss und seine Haare weiß anstatt schwarz sind.

In China hat es einen hohen Stellenwert ältere Menschen mit Respekt zu behandeln, indem man ihnen als jüngere Person beispielsweise hilft, ihre Einkäufe über die Straße zu tragen. Eines Tages helfen Da Lee und sein Grundschulfreund Qiang einem Mönch beim Transport seiner Einkäufe über die Straße. Der Mönch erkennt den Schweregrad von Da Lees Krankheit und bringt die beiden daraufhin in den Jade Buddha Tempel zu Meister Yun. Meister Yun gelingt es, Da Lee mithilfe von Qi Gong, einer Form von Energiearbeit, von seiner Krankheit zu heilen. Von nun an übernimmt Meister Yun in Da Lees Leben eine prägende Rolle. Einerseits weiht er Da Lee in die Heilkunst des Qi Gong ein, andererseits sorgt er sich um Da Lee wie um seinen eigenen Sohn.

1966 bricht in China die Kulturrevolution unter dem Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Chinas, Mao Tse Tung, aus. Mao nutzt die Strategie des Klassenkampfes nach seinem Vorbild Karl Marx, um möglichst viel Macht zu erlangen. In dieser Zeit kommt es zur Schließung vieler Schulen und Universitäten, sodass sich die jungen Menschen komplett dem Klassenkampf widmen können. Personen, durch die Mao seine Macht gefährdet sieht, werden als Antirevolutionäre, sogenannte Revisionisten, angeklagt und anschließend meist verhaftet. Die Beschuldigungen der Angeklagten übernimmt hauptsächlich die Rote Garde, eine Gruppierung von Schülern und Studenten, die sich für den Machterhalt Maos mit brutaler Gewalt einsetzen. Auch Da Lees Mutter wird verhaftet. Kurze Zeit später stirbt Da Lees Oma, sodass Da Lee im Alter von zehn Jahren alleine wohnt und für sich selbst sorgen muss. Da Lees Vater ist als Marinesoldat nur selten zu Hause. Meister Yun holt Da Lee zu sich in den Jade Buddha Tempel, um sich um ihn zu kümmern. Der Vorsitzende Mao erkennt jedoch auch in der Religion eine Gefahrenquelle für seine Macht, sodass er die Mönche im Jade Buddha Tempel ebenfalls als Antirevolutionäre verdächtigt. Die Mönche geben sich bei der Anklage im Tempel als Revolutionäre aus, indem sie zuvor alle Wände mit Losungen beklebten, rote Armbinden tragen, die religiöse Kleidung ablegten, Mao Bibeln bei sich tragen und alle Buddhafiguren überklebten. Diese Strategie führt zur Erhaltung des Tempels.

Die Mehrheit der Schulabgänger und Hochschulabsolventen wird von Mao zum Arbeiten aufs Land verbannt, um von den Bauern auf den Feldern zu lernen. Kinder aus Beamtenfamilien dürfen in den Militärdienst eintreten, um dem Land zu dienen. Meister Yun wird als Antirevolutionär nach Nordchina in die Provinz Xinjiang verbannt. Da Lee folgt seinem Meister als Soldat nach Xinjiang, in der Hoffnung diesen wiederzufinden. Dort lernt Da Lee Oigulie kennen, ein kasachisches Mädchen, seine erste Liebe. Leider heiratet Oigulie kurze Zeit später einen von Da Lees Armeekollegen. Da Lee gelingt es Meister Yun wiederzufinden, allerdings wird Da Lee nach Shanghai versetzt und muss deshalb erneut von seinem Meister Abschied nehmen.

Nach seiner Rückkehr in Shanghai arbeitet Da Lee als einfacher Arbeiter in einer Fabrik, mit dem Ziel studieren zu dürfen. In seiner Freizeit lernt er Tai Chi, eine Heilkunst, durch die er seine Energie noch stärker werden lassen kann. Darüber hinaus gibt Da Lee eigene Qi Gong Kurse.

Mit dem Tod des Vorsitzenden Mao 1976 endet die Kulturrevolution. Seitdem wird der Hochschulzugang durch eine nationale Hochschulaufnahmeprüfung geregelt und nicht mehr durch persönliche Beziehungen. Da Lee besteht diese Prüfung und erhält einen Studienplatz an einer Hochschule in Peking.

Nach seinem Diplomabschluss kehrt Da Lee nach Shanghai zurück. Neben einer Anstellung in einer Firma bildet Da Lee Schüler in Qi Gong und Tai Chi aus. Das Buch endet mit dem Tod von Meister Yun, dem engsten Vertrauten von Da Lee.

Fazit

Hong Li Yuan beschreibt durch den Protagonisten Da Lee in einem lebendigen, emotionalen und leicht verständlichen Schreibstil die Zeit der Kulturrevolution, die von heftigen politischen Machtkämpfen und revolutionären Strömungen geprägt war. Die gesamte Bevölkerung musste den Ideen ihres Vorsitzenden Mao folgen. Dieser nutzte jegliche radikale Mittel um Macht an sich zu reißen, wodurch viele Menschen zu Unrecht als Antirevolutionäre beschuldigt und so Familien auseinandergerissen wurden.

Besonders positiv hervorzuheben ist die Einbindung von Charakteren unterschiedlicher Generationen, wodurch ich als Leserin verschiedene Perspektiven zur damaligen politischen Lage erhalten habe. Da Lees Eltern war es wichtig, den Ideen Maos zu folgen. Da Lee selbst hingegen trotzte den gesellschaftlichen Zwängen ab und an, indem er sich zum Beispiel für seine Mitmenschen einsetzte und kein Mitglied der Kommunistischen Partei wurde, was seine Eltern traurig stimmte. Zudem gab mir die Varietät an Charakteren die Chance, Informationen diverser Lebenswelten zu bekommen – den Schulalltag, das Armeeleben, den Buddhismus, das Berufsleben und das Studentenleben.

Zudem spielte sich das Wirken des Protagonisten an mehreren Standorten ab, sodass ich durch die Detailgenauigkeit des Autors eine Vorstellung von unterschiedlichen Gebieten Chinas erhielt – Shanghai, Nordchina und Peking.

Der Autor scheint eine Vorliebe fürs Essen zu haben, da er insbesondere seine Restaurantbesuche über den gesamten Verlauf des Buches sehr detailliert beschreibt. Somit lernte ich, wie man traditionelle Gerichte wie Bao Ze, Wan-Tan oder Mandarinfisch zubereitet.

Kritisch anzumerken ist, dass die Energiearbeit als Wundermittel die Lösung etlicher Probleme darstellt. Insbesondere wird durch die Energiearbeit die Heilung vieler Krankheiten ermöglicht, unter anderem die des Protagonisten selbst.

Zusammenfassend liefert das Buch viele Informationen zur Kulturrevolution, chinesischen Küche, Traditionen und Heilkünsten, wodurch ich mein Wissen über China definitiv erweitern konnte.

Ich kann das Buch jedem empfehlen, der mehr über das Leben in China zur Zeit der Kulturrevolution erfahren möchte. Aufgrund der detailgetreuen Beschreibung der Heilkünste Qi Gong und Tai Chi kann ich das Buch auch jedem ans Herz legen, der eine Möglichkeit sucht stärker zu sich selbst zu finden.

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Buchrezension “Your Republic is Calling You” von Kim Young-ha

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Titel: Your Republic Is Calling You
Autor: Kim Young-ha
Erscheinungsjahr: 2010
Verlag: Mariner Books, Boston
Umfang: 336 Seiten
ISBN: 978-0151015450
Sprache: Englisch
Preis: 14,99€


Motivation
Grundsätzlich gilt für mich, dass ein Buch mich in den Bann ziehen muss, damit ich es auch bis zum Ende mit voller Aufmerksamkeit verfolgen kann. Um eine ordentliche Rezension bieten zu können, habe ich mich daher für einen Roman und nicht für eine Biographie oder ein korea-spezifisches Sachbuch entschieden.

Ich habe bewusst einen koreanischen Autor ausgewählt, damit im Buch angesprochene Eindrücke und Begebenheiten auch authentisch an mich herangetragen werden. Im speziellen Fall von „Your Republic is Calling You“ erweckte auch das Format einer Echtzeit-Erzählung über 24 Stunden meine Aufmerksamkeit. Zusätzlich versprach der darin thematisierte Konflikt zwischen Norden und Süden eine politische Auseinandersetzung mit der Ländertrennung, die normalerweise von Koreanern (zumindest in Gegenwart von unbekannten Ausländern) vermieden wird. Besonders im Hinblick auf aktuelle Spannungen erhoffe ich mir dadurch Einblicke in die koreanische Sichtweise.


Der Autor
Kim Young-ha ist ein am 11. November 1968 in Hwacheon, Kangwon-Do nahe der nördlichen Grenze geborener Schriftsteller aus Südkorea. Sein Vater war ein Offizier des südkoreanischen Militärs, was ihn schon in frühem Alter von Ort zu Ort zog. Im Alter von 10 Jahren erlitt er eine Vergiftung durch Kohlenstoffmonoxid, was bis heute Erinnerungsverluste zur Folge hat.

An der Yonsei Universität studierte er später Betriebswirtschaftslehre, widmete sich währenddessen aber hauptsächlich koreanischer traditioneller Musik als seinem eigentlichen Studium.

Seine erste Veröffentlichung erfolgte im Jahr 1995 in der Zeitschrift Kyegan mit dem Werk „Betrachtung über dem Spiegel“. In den folgenden Jahren wurde er mit mehreren Literaturpreisen für sein Debüt-Werk ausgezeichnet. Weitere Preise folgten für später erschienene Werke, bis er 2008 seine Stelle als Dozent an der Korean National University kündigte, um sich voll dem Schreiben zu widmen. Heute lebt er in New York, schreibt nach wie vor Bücher und hat sogar die Verfilmung für das Kino zweier seiner Werke erwirkt.


Inhalt
Der hauptsächliche Protagonist, Kim Ki-yong, lebt seit 20 Jahren in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul und arbeitet dort als Importeur für ausländische Filme. Die zwei weiteren Sichtweisen des Romans erzählen die Erlebnisse seiner Frau Kim Ma-ri und seiner Tochter Kim Hyon-Mi. Was die beiden Frauen über Ki-yong jedoch nicht wissen, ist ein streng gehütetes Geheimnis: die erste Hälfte seines Lebens verbrachte Ki-yong in der Hauptstadt des nördlichen Bruders, Pjöngjang. Im sogenannten Liaison Office 130 wurde er zusammen mit drei weiteren Nordkoreanern von seinem Mentor zu einem Spion ausgebildet.

Die Handlung des Romans setzt morgens um 7 Uhr ein und führt den Leser in jedem Kapitel durch eine weitere Stunde des schicksalhaften Tages. Ki-yong, Ma-ri and Hyon-mi beginnen den Morgen wie scheinbar jeden anderen, doch nachdem sich die Wege der drei nach dem Frühstück trennen, erlebt ein jeder von ihnen einen lebensverändernden Tag.

Erst ein mysteriöser Anruf, dann eine kryptische Email mit japanischen Haikus. Ki-yong ist sich nach der Entschlüsselung der Botschaft sicher: Das Liaison Office 130 hat Order 4 ausgesprochen – die sofortige Rückkehr nach Hause. Doch Ki-yong hat sich mit seinem beschaulichen Leben im Süden angefreundet und die erfundene Spionage-Persona hat sich inzwischen in sein reales Ich verwandelt, während sein früheres Ich längst vergessen wurde. Dazu kommt, dass er über 10 Jahre keine Kommunikation mehr von Pjöngjang erhalten hat. In ihm entbrennt der moralische Konflikt. Glaubt er noch immer an die Revolution aus dem Norden, an das „sozialistische Paradies“ seiner Kindheit? An die Ideale, die ihn einst in den Süden befohlen? Geht er „nach Hause“?

Seine Frau Ma-ri kämpft in der Zwischenzeit mit ihrem eigenen Konflikt. Gelangweilt vom ereignislosen Leben als Familienmutter und dem geheimniskrämerischen Ehemann an ihrer Seite hat sie sich einen halb so alten Liebhaber gesucht, der sie stetig an ihre Grenzen treibt und von ihr Handlungen fordert, die sie vielleicht gar nicht durchführen möchte.

Die Tochter des Haushalts, Hyon-mi, hat ihre eigene Tragödie zu erzählen. Während sie auf den ersten Blick wie unnötiges Drama von jugendlichen wirkt, greift Kim Young-ha auch in ihrer Erzählung das allumfassende Thema der Entscheidungen wieder auf und erläutert an ihrem Schmachten für ihren Schwarm wie selbst kleine Entscheidungen großen Einfluss auf einen haben können.

Es handelt sich bei ‚Your Republic is Calling You‘ nicht um einen typischen Thriller oder eine Actiongeschichte alá James Bond. Die einzelnen Kapitel und Erzählabschnitte sind von vielfältigen Rückblenden geschmückt, die das Leben im Norden und Süden beschreiben, vergleichen und hervorheben, die tragische Momente erklären und die von Liebe, Familie und dem Leben berichten. Die ganze Geschichte handelt schließlich weniger von dem Doppelleben und der Spionage, sondern davon, wie das Leben Wendungen nehmen kann, die keiner antizipiert.

Fazit
„Your Republic is Calling You“ bietet einen guten Einblick in den Alltag der Südkoreaner und umschreibt selbst die simple Frage nach einer Zigarette in gewissenhaftem Detail. Der Autor setzt sich zudem gesondert mit der Thematik Norden und Süden auseinander, wie schon in meiner Motivation erhofft. Positiv überrascht hat mich hier ganz klar, dass er nicht davor zurückschreckt, auch dem Norden positive Attribute zuzuordnen. Die Entwicklung von Vergangenheit zur Moderne wird über Rückblenden beleuchtet, die grundsätzliche Thematik der „Entscheidungen“ wird Schritt für Schritt über die einzelnen Erzählungen aufgeschlüsselt und findet ihren Höhepunkt in Ki-yongs Entscheidung sein Leben zurück zu lassen oder seine Vergangenheit aufzugeben.

Negativ muss ich hervorheben, dass die Übersetzung dem Inhalt des Buches definitiv keinen Gefallen tut. Abgehackte Sätze, die obendrein noch im ungewohnten Tempus Präsens aneinandergereiht sind, stören den Lesefluss ungemein und erlauben leider nicht, die teils doch recht spannenden Rückblenden und Erzählstränge vollends zu genießen. Allgemein sorgt die Form und der Satzbau des Romans dafür, dass einzelne Abschnitte miteinander verschwimmen und es unnötig schwer wird, die Handlung nun in die Vergangenheit oder Gegenwart einzuordnen.

Mir fehlte außerdem ein stärkerer Blick auf das moralische Dilemma der Hauptperson Ki-yong. Zwar wurde seine Entwicklung vom fanatischen Sozialisten aus dem Norden zum freiheitsliebenden Kapitalisten aus dem Süden angerissen, hätte meiner Meinung nach aber noch viel stärker in den Fokus gerückt werden können. Kim Young-ha wird im asiatischen Raum als „koreanischer Murakami“ gehandelt, was sich durchaus an Erzähltechniken, Thematiken und Szenen ableiten lässt. Ich finde es persönlich aber unnötig unnatürliche Sexszenen und Surrealismus in eine Geschichte zu zwängen, nur damit sie einem gewissen Genre zugeordnet werden kann.

Abschließender Kommentar
Grundsätzlich würde ich „Your Republic is Calling You“ leider keine Leseempfehlung aussprechen. Die schwache Übersetzung, die unnötigen Szenen mit „R rating“ und der fehlende Fokus auf den moralischen Konflikt des Protagonisten erzeugen dafür leider zu viele Schwachstellen, die eine ansonsten interessante und informative Geschichte leider nicht mehr auflösen kann. Trotzdem bewerte ich das Buch noch mit der Note ‚gut‘, denn einem Korea-Interessierten kann man es durchaus empfehlen.

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Buchrezension “Der Tod des Teemeisters” von Yasushi Inoue

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Autor: Yasushi Inoue

Originaltitel: Honkakubo ibun

Veröffentlicht: 2008

Verlag: Surkamp Verlag

Genre: Historischer Roman

Seitenzahl: 168

ISBN: 978-3-518-46025-2

Autor:
Yasushi Inoue ist ein japanischer Schriftsteller. Er wurde 1907 in Hokkaido geboren und starb im Alter von 84 Jahren in Tokio.  In Kyushu studierte er Kunst und Geschichte und war lange als Journalist tätig, bevor er 1950 mit dem Buch „Der Stierkampf“ seinen Durchbruch als Schriftsteller feierte. Yasushi Inoue ist im deutschsprachigem Raum der meistgelesene japanische Autor. Seine Werke wurden mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet und die Frankfurter Allgemeine Zeitung ernannte ihn einst zu einem der großen Vergessenen in der Geschichte der Nobelpreisträger.

Motivation:
Das feudale Japan hat eine große Anziehungskraft auf mich. Die kriegerischen Zeiten mit Ehre und Traditionen der Samurai, geprägt mit harmonischen Ritualen und philosophischen Denkweisen für Ästhetik bilden zusammen eine einzigartige Kultur. Dieser historische Roman über ein reales Manuskript eines Zeitzeugen schien mir etwas ganz Besonderes zu sein. Der Klappentext des Romans ist dazu sehr reißerisch und konnte sofort meine Neugier wecken, doch ich musste mich auf eine Überraschung gefasst machen

Buchinhalt:
„Der Tod des Teemeisters“ ist ein historischer Roman von Yasushi Inoue und ist 1981 in Japan unter dem Originaltitel „Nachgelassene Schriften des Priesters Honkaku“ erschienen. Im Jahr 2008 wurde im Suhrkamp Verlag dieses Werk erstmals ins Deutsche übertragen und veröffentlicht. Inoue führt den Leser in diesem Roman in die Zeit der Samurai und der Einigung Japans im 16. Jahrhundert, in der sich das Land durch Kämpfe zwischen rivalisierenden Daimyo in einem ständigen Kriegszustand befand. Zugleich ist diese Epoche für ihre Spiritualität und Harmonie bekannt, denn durch den Weg des Zen-Buddhismus entstanden zu dieser Zeit viele rituelle Disziplinen und Künste, wie die Teezeremonie, Kalligraphie oder Zengärten. Dieser meditative Lebensstil war weit verbreitet und hatte einen großen Einfluss auf alle Schichten der japanischen Bevölkerung. Darunter fiel auch der Hauptprotagonist und die historische Person Mönch Honkakubo. Aus seinen Jahrhunderte alten Aufzeichnung gestaltete Yasushi Inoue ein fiktives Tagebuch und rekonstruiert die Geschichte von Honkakubos und seinem Meister, der berühmte Meister der Teezeremonie, Sen no Rikyu. Als Begründer der Teezeremonie, diente Sen no Riyku dem unberechenbaren Herrscher Toyotomi Hideyoshi als Vertrauter und übernahm die Rolle eines Unterhändlers. Honkakubo, der als Schüler ständig an seiner Seite war, kam so zu der Gelegenheit alle großen Persönlichkeiten dieser Epoche kennen zu lernen, welche dadurch ebenfalls ihren Platz in seiner Chronologie fanden. Die Handlungen des historischen Romans drehen sich hauptsächlich um die Tragödie des unnatürlichen Todes von Teemeister Sen no Rikyu. Mönch Honkakubo, welcher sich nach dem Ableben seines Meister in die Einsiedelei zurückgezogen hat, trifft nach sechs Jahren zufällig auf einen alten Bekannten. Dieser alte Bekannte, selbst Teemeister und Freund von Rykiu, lädt Honkakubo in sein Teehaus ein und sogleich verfallen sie den Erinnerungen Rykius Todes, welche Honkakubo versucht hat jeher zu verdrängen. Seit diesem Erlebnis kehrt Honkakubo, mit der Zeit aus Einsiedelei zurück und trifft nach und nach auf weitere alte Bekannte aus der damaligen Zeit. Zentral ist hierbei die Aufklärung der Umstände des unnatürlichen Todes des Teemeisters Rykiu. Rykiu wird von seinem damaligen Lehnsherren Shogun Toyotomi Hideyoshi nach geheimnisvollen Ursachen aus der Hauptstadt verbannt, doch ganz im Gegensatz aller Erwartungen wird Rykui nach seiner Verbannung nicht begnadigt, sondern der Seppuko (Freitod durch das Schwert) befohlen. Viele Gerüchte drehen sich seither um das Dahinscheiden seines Meisters und während Honkakobu nach den Gründen seines Todes forscht, trifft Honkakubo weitere historische Persönlichkeiten aus Rykius Lebzeiten. Seine Erlebnisse verfasst er über 30 Jahre in seinem Manuskript und die bereits sehr alt gewordenen Zeugen, welche die Wahrheit vielleicht wissen könnten scheiden mit der Zeit dahin. Dennoch gibt Honkakubo die Hoffnung nicht auf, das Geheimnis doch noch lüften zu können.

Interpretation & kritische Würdigung:
Einen deutlich zentralen Stellenwert in diesem Roman erhält die Tradition der japanischen Teezeremonie.  Inoue konstruiert die Geschichte des Honkakubo in einem fast kreisenden Erzählprosa, indem Honkakubo regelmäßig Teezeremonien mit den auftretenden Charakteren des Romans abhält. Dabei bedient sich Inoue einer Sprache, welche so karg und unvermittelt ist, dass sie einer Meditation gleichkommen kann, falls der Leser sich darauf einlässt. Yasushi Inoue schafft es mit ästhetischer Echtheit, ohne reißerische und spannungsaufbauender Stilmittel den Leser am Lesen zu halten. Mit einer „Suki“ ästhetischen Sensibilität (gepflegte künstlerische Begeisterung von Zen-Mönchen) erhält sein Erzählstil eine Strenge und Schlichtheit, die als Stilmittel im Einklang mit der tatsächlichen Zenkultur im Einklang zu stehen scheint. „Es war um die Stunde des Widders, als ich in seinem Teezimmer Platz nahm, und ich blieb, bis die Pflanzen im Garten schon mit der Dunkelheit verschmolzen (…) Seit damals hat sich nichts verändert: die Kalligraphie des Prinzen Son-En-Po an der Wand, die Tenmoku-Teeschale aus Ise, das unablässige knisternde und zischende Kohlebecken, das an das Säuseln von Kiefern im Wind erinnert“. In diesem historischen Roman wird der Suki-Lebensstil hervorragend verkörpert, wie durch die unzähligen Teegerätschaften, welche alle personifiziert werden, charakterähnliche Namen erhalten und so zu wertvollen Reliquien werden. Für einen Leser, ohne Vorwissen mag es deswegen unvorstellbar wirken, wie das einfache Teetrinken eine so große Aufmerksamkeit bekommt, so dass es in der japanischen Kultur einen fast größeren Stellenwert als das kirchliche Abendmahl erhält. Durch diese kulturelle Verfremdung wird der Roman zu etwas ganz Besonderem. Der Leser taucht mit der Hilfe von Honkakubos Erzählung und Rykius Lehren in die Teekultur ein, doch die tieferen Gründe der Teezeremonie bleiben dem Leser bis zuletzt verwehrt.
Die Handlung des Romans bleibt schlüssig und nachvollziehbar. Das scheint der Tatsache geschuldet, dass dieser Roman auf den realen Begebenheiten von Honkakubos Vermächtnis basieren. Der Erzählprosa eines Tagebuchs bleibt bis zum Schluss erhalten. Zwar enthält es zeitliche Lücken, aber diese stammen vermutlich von der Nichtigkeit anderer Geschehnisse. Im Schlusswort erwähnt Inoues ebenfalls, dass er das originale Manuskript ein wenig veränderte, historische Erläuterung eingeführt hat und Wiederholungen strich. Dennoch vermisst man für einen historischen Roman bestimmte Informationen für eine notwendige historische Einordnung.  Es fehlen Aufklärungen zu bedeutenden Schlachten und Informationen zu politischen Geschehnissen oder Schicksalen wichtiger Charaktere, so dass dem Leser die Chronologie der Erzählung oder Erinnerungen nicht immer sofort klar wird. An wenigen Stellen ist es außerdem schwer, die Wirklichkeit von der Fiktion (während Honkakubos Träumen oder Fieberphantasien) zu trennen. Die Handlung wird dennoch schlüssig erzählt und schafft eine meditative Hülle, welche zu einem spirituell abschließenden Ende führt. Jedoch existiert ein wirklicher Kritikpunkt, welcher allerdings dem Suhrkamp-Verlag selbst anzurechnen ist. Die sinnverändernde Titeländerung von „Nachgelassene Schriften des Priesters Honkaku“ in „Der Tod des Teemeisters“ ist mehr als unglücklich. Es suggeriert dem Leser fälschlicherweise einen historischen Krimi lesen zu dürfen und schafft zu Beginn des Buches einen falschen Eindruck. Wenn der Leser allerdings diese Hürde meistert und es schafft, das Buch fortan in seiner wahren ästhetischen Natur zu Ende zu lesen, dem offenbart das Buch einen greifbaren esoterischen Zugang zur japanische Kultur. Eine Kultur mit Gartenkunst, Architektur, Keramik und Teezeremonien. Vielleicht bietet es sogar die Möglichkeit ein Verständnis für die Strenge und die Lebensweise der Japaner zu entwickeln.

Fazit:
Der historische Roman „Tod eines Teemeisters“ ist ein fast kunstvolles Buch, doch leider ist dieser Roman nicht uneingeschränkt zu empfehlen. Zum einen sorgt die nicht gelungene Wahl des deutschen Titels für einige Verwirrung, indem der Leser fälschlicherweise auf den Klimax eines typischen Krimis hofft. Wer auf Grund des deutschen Klappentextes auf einen Krimi mit spannenden Intrigen und Konflikten á la George R. R. Martin im Zeitalter der Samurai hofft, wird leider enttäuscht. Wenn man jedoch die wahre Natur dieses Buches entdeckt und sich auf eine ästhetische Reise in das feudale Japan einlässt, ist dieses Buch ein wunderbar andersartiger Roman. Vielmehr wird der Roman gerade diejenigen ansprechen, die Gefallen an Ästhetik und Spiritualität finden. Speziell für Leser mit einem Fable für die Japanische Kultur ist dieses Buch eine absolute Empfehlung. Eine besondere tiefe erhält dieser Roman durch die Tatsache, dass dieser Roman nicht auf Fiktionen, sondern auf dem wahren Manuskript des Mönches Honkakubo basiert und versetzt den Leser somit in eine wahrhaftige Stimmung. Während dieses Buch den Leser in eine fast meditative Stimmung versetzt kann, erfüllt es den Leser trotzdem mit einer ständigen Spannung, nämlich dem Gefühl, dass das Geheimnis um den Tod Rykius unmittelbar vor der Auflösung steht. Für mich ist das Buch einen Kauf wert, weil ich selbst dadurch einen Zugang zu der japanischen Lebensweise erhielt und ein Verständnis davon bekam, warum diese Lebensweise durch absolute Strenge, Traditionen und einer Sensibilität für Ästhetik durchzogen ist. Nach diesem Roman scheint das kaum mehr verwunderlich, wenn Menschen in der Geschichte Japans durch den bloßen Gesichtsverlust zu einem Selbstmord verurteilt wurden, welcher selbst eine höchst kunstvolle und ehrenhafte Zeremonie darstellt.

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Buchrezension “ZEHN” von Franka Potente

Buchdetailszehn cover2
Titel: ZEHN
Autorin: Franka Potente
Erscheinungsjahr: 2010
Verlag: Piper Verlag GmbH, München
Umfang: 165 Seiten
ISBN: 978-3-492-05423-2
Sprache: Deutsch
Preis: 8,99€


Motivation

Bei meiner Recherche nach einem passenden Buch für das Literaturforum war ich sehr überrascht darüber auf den Namen Franka Potente zu treffen. Die gebürtige Deutsche war mir als Schauspielerin, nicht aber als Buchautorin bekannt. Umso spannender fand ich es ein Buch über Japan zu lesen, das aus der deutschen Sichtweise geschrieben ist. Ein Beobachter, der den gemeinsamen kulturellen Hintergrund mit mir teilt und über kulturelle Unterschiede und Erlebnisse aus Japan berichtet.

Darüber hinaus hat mich das Buchcover direkt angesprochen, da sich schon hier der Japan-Fokus zeigt. Der abgedruckte Titel ZEHN wird nämlich doppelt angegeben: einmal in lateinischer Schrift wie auch im Hintergrund als rotes Kreuz, dem Kanji- Schriftzeichen für die Zahl „Zehn“. Auch die Farbgebung erinnert stark an die japanische Nationalflagge. Wo bereits so viel Japan drauf ist, muss auch viel Japan drinstecken – erhoffte ich mir bei der Wahl des Buches.


Die Autorin

Franka Potente wurde am 22. Juli 1974 in Dülmen, bei Münster (Nordrhein-Westfalen), geboren und ist eine bekannte deutsche Schauspielerin und Schriftstellerin. Momentan lebt sie in den USA. Mit ihrer Titelrolle in Tom Tykwers “Lola rennt” wurde Potente 1998 zum Star und auch international berühmt. Ihre erste Japanreise machte Potente 2005, als sie wegen Dreharbeiten für einen Dokumentarfilm über „Underground Art“ nach Tokio reiste. Seither besucht sie Japan regelmäßig. Laut eigenen Angaben ist Potente von der ihr fremde Kultur, dem Kontrast zwischen Tradition und Moderne sowie von der japanischen Mentalität fasziniert. Ihre bisherigen Eindrücke aus Japan veröffentlichte sie in ihrem dritten Buch ZEHN als Erzählband.


Inhalt

Bei dem Buch ZEHN handelt es sich um eine Sammlung von Kurzgeschichten, die alle in Japan spielen und die Einblicke in das japanische Alltagsleben geben. ZEHN heißt es, weil es zehn Geschichten enthält.

Die Protagonisten der einzelnen Handlungen sind ganz normale Durchschnittsjapaner, die sich in den unterschiedlichsten Lebensabschnitten und Lebenslagen befinden und mit diversen Problemen und Herausforderungen zu kämpfen haben. Es geht um die kleinen und großen Dinge, die das alltägliche Leben beschäftigen und um Schicksalsschläge, die emotional bewältigt werden müssen.
Franka Potente gewährt dabei sensible Blicke in die japanische Kultur, in ihre Riten und Traditionen, verpackt in kleine Familien- und Liebesgeschichten. Diese sind mal leidenschaftlich, mal heiter bis hin zu humorvoll, mal melancholisch, aber meist leise.
Um die Vielfältigkeit des Buches aufzuzeigen, werden im Folgenden einige Erzählungen kurz umrissen:

So erzählt sie unter anderem in der Kurzgeschichte „Viele Götter“ vom Aberglauben über die besondere Kraft, die sich in einem Reiskorn verbirgt. Kurz bevor er sich auf den Weg zu seinem Vorstellungsgespräch macht, vermisst ein junger Japaner das letzte Reiskorn seiner Mahlzeit. Er gerät deswegen in Panik, da nun die vielen Götter, die in diesem einzelnen Reiskorn wohnen, ihm an seinem wichtigen Tag nicht beistehen können.

Eine weitere Geschichte mit dem Titel „Kyôiku-Mama“ handelt vom Leistungsdruck der japanischen Gesellschaft, dem sich nicht einmal ein ungeborenes Kind entziehen kann, sowie vom Wunsch nach einem Stammhalter der Familie. Bereits vor der Geburt finden bei Marikos Baby pränatale Intellligenzförderungsmaßnahmen zur Optimierung der kognitiven Fähigkeiten wie auch die Planung des zukünftigen Bildungsverlaufs statt.

Die Geschichte „Welcome Home, Master!“ zeigt wiederum ein ganz anderes Bild Japans, die einer erotischen Welt abseits der Traditionen. In einem der vielen Vergnügungsvierteln Tokios arbeitet eine junge Frau tagsüber in einem Maid Café und nachts in einem Striplokal bis sie eines Tages ihrem Traumprinzen begegnet.

Daneben werden auch Begegnungen mit der westlichen Kultur thematisiert.  „Das schwedische Haar“ gibt ein völlig anderes Verständnis von Nähe und Intimität der Japaner preis. Ebenso zeigt es die Wichtigkeit einer klaren „Ordnung“ im Leben und in der Arbeit eines jeden Japaners.

Oder die traurige Erzählung „Tamago“, die vom Ableben des Herrn Masamori erzählt, der für sich das Phänomen des einsamen Alterstodes (kodoku-shi) wählt.


Fazit und Kritik

Franka Potente hat hier ein Buch mit zehn schlichten und zugleich einfühlsamen Kurzgeschichten verfasst, das die private Seite Japans zeigt. Es ist kein Buch, das Japan von außen betrachtet, sondern das Einblicke in das Allerheiligste, nämlich in die Privatsphäre von Japanern, gewährt. Im selben Zuge nimmt sich die Autorin komplett aus den Erzählungen heraus.

Jede Geschichte hat ihre eigenen kulturellen Aspekte zu bieten. In wenigen Seiten wechseln sich Romanzen, Verzweiflungsakte, Glaubensgespräche und einigen Klischees über Japan ab, was dazu führt, dass man als Leser das Buch nicht weglegen möchte. Dabei legt die Autorin sehr viel Wert auf das kulturelle Verständnis. Vor allem dem westeuropäischen Publikum versucht sie das fremde Land und den fremden Kulturraum näher zu bringen.

Franka Potente ist sehr genau, wenn sie von Japan erzählt und über Japan schreibt. Dies stellt auch ein Kritikpunkt dar. Für meinen Geschmack ist sie zu genau in ihrer Beschreibung. Anstatt den Zauber, den Japan auf sie auszuüben scheint, einfach wirken zu lassen, lässt sie nichts unerklärt und versucht möglichst viel Wissen über das Land zu transportieren. Dies ist wahrscheinlich auch der Tatsache geschuldet, dass sie keine Japanerin ist. Dennoch überzeugt das Buch durch den einfach gehaltenen Schreibstil und den kurzen Sätzen, die angenehm zu lesen und prägnant sind.

Ich sehe das Buch als eine gute Vorbereitung für mein bevorstehendes Auslandssemester in Japan an. Während des Lesens konnte man sich gut in die Geschehnisse hineinversetzen und Informationen über den japanischen Alltag gewinnen. Für mich hat es Potente geschafft ein eindringliches und informatives Bild dieser fremden Kultur zu vermitteln, der ich bald in Japan selbst begegnen werde.

Leseempfehlung?
Ich kann das Buch ZEHN von Franka Potente jedem empfehlen, der Kurzgeschichten mag. Wer darüber hinaus noch etwas über die japanische Kultur, die japanische Denk- und Lebensweise erfahren möchte, wird definitiv auf seine Kosten kommen. Zwar ist es hier und da etwas klischeehaft und sehr detailreich beschrieben, aber deshalb umso gehaltvoller für alle Japan-Interessierte.

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Buchrezension: “Business with the Japanese” von Mehmet Emin Özkan

Buchdetails:

51TkbfP3MrLAutorin : Iris Kuhnert

Erscheinungsjahr: 2004

Taschenbuch: 125 Seiten

Verlag: GABAL; Auflage: 1., Aufl. (Oktober 2004)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3897494612

ISBN-13: 978-3897494619

Preis: 5,79 €

Motivation:
Bei der Auswahl eines geeigneten Buches mit Japan Bezug, war es zunächst ein langes hin und her zwischen klassischen Romanen und Sachbüchern, die einen kulturellen Bezug haben. Als die Studenten, die letztes Jahr in Japan waren, berichteten, wie schwer es war Beziehungen zu Japanern vor Ort aufzubauen, entschied ich mich für dieses Buch, auf welches ich während des Kurses am LSI aufmerksam wurde.
„Business with the Japanese“ fokussiert sich insbesondere auf die Kommunikation mit japanischen Geschäftsleuten und versucht dem Leser die kulturell geprägte Japanische Denkweise näher beizubringen. Es soll einen detaillierten Einblick in die japanische Geschäftswelt geben und als „Guideline“ für deutsche Unternehmer, die an Geschäften mit japanischen Unternehmen interessiert sind, dienen. Zwar spezifiziert sich die Autorin auf Projekte mit Japanischen Unternehmen, jedoch denke ich, dass man vielen Verhaltensmustern auch im japanischen Alltag begegnen wird.

So erhoffte ich mir passend zu meinen Wirtschaftswissenschaftlichen Background, Tipps für meine zukünftige berufliche Laufbahn zu bekommen und mit Hinblick auf mein Auslandssemester, kulturelle Verhaltensmuster der Japaner näher kennen zu lernen.

Autor:
Autorin Iris Kuhnert, derzeit tätig als Consulting Associate für „The Ken Blanchard Company“, führte schon seit 1995 Workshops für Führungskompetenz, Teams, internationale Geschäftsfähigkeiten und interkulturelle Kompetenz durch. Ihr Hauptberufsfeld liegt im Bereich des Trainings der Managementebene, insbesondere von Unternehmen, die Kooperationen mit japanischen Unternehmen vorantreiben.
Ihre berufliche Laufbahn startete sie im Bereich Marketing, Vertrieb und Kommunikation bei einer führenden japanischen Kosmetikmarke. Diesem folgte eine Tätigkeit als Executive Manager, bei der sie Geschäftssysteme zwischen den Vereinigten Staaten, Japan und Europa aufeinander abstimmte. Anschließend war sie als selbständige Beraterin tätig, in der sie Unternehmen im Mittelstand verhalf, Geschäfte im asiatischen Raum zu vervielfachen.

Ergänzend zu ihrer beruflichen Erfahrung besitzt Iris Kuhnert einen Master-Abschluss in internationalem Management und Japanisch und einen Master-Abschluss in Organisationsentwicklung und Bildung. Zugleich spricht sie fließend Japanisch. Ihr fachliches Wissen kombiniert mit ihrer interkulturellen Handlungskompetenz macht sie zu einer „Japan-Spezialisten“, die in vielen internationalen Beratungsprojekten tätig ist.

Inhalt:

Das Buch gliedert sich insgesamt in 7 Kapitel. Dabei dienen die ersten beiden Kapitel als Einführung in das Buch. Kapitel 3-6 fokussieren sich auf besondere japanische Verhaltensmuster, die im Detail beispielhaft erläutert werden. Das letzte Kapitel hingegen dient als Ergänzung mit 10 zusammengefassten Verhaltenstipps, die sich auf den Geschäftsalltag in Japan beziehen.

Kapitel 1 Business with the Japanese:

Das erste Kapitel fasst zunächst die Motivation der Autorin zusammen und gibt Auskunft darüber, warum ein Buch über dieses Thema wichtig für deutsche Unternehmen ist, was das Buch kann und was nicht, und für wen das Buch geeignet ist. Die Autorin hebt hervor, dass viele Unternehmen sich nicht bewusst sind, dass kulturelle Unterschiede einen Einfluss auf den Erfolg eines Projektes haben können, sodass sie sich nur auf Zahlen und Fakten fokussieren. Ein Bewusstsein über die kulturellen Unterschiede sei unabdingbar, um Bedürfnisse des Gegenüber zu verstehen.

Kapitel 2 Grundsätzliches vornweg

Das 2.Kapitel dient als wissenschaftliche Grundlage und erläutert das 3-Stufen Modell nach Benett, das die Autorin als Basis für eine erfolgreiche interkulturelle Handlungskompetenz sieht. Der erste Schritt besteht darin sich der eigenen Kultur bewusst zu werden und Unterschiede zu anderen Kulturen aufzuarbeiten. Anschließend soll man die Gründe und Einflussfaktoren gewisser Verhaltensmuster beider Kulturen hinterfragen. Auf Basis dieser Stufen soll man nun das erworbene kulturelle Verständnis auch in der Praxis anwenden.
Zudem festigt Sie vier kritische Fragen, die das Buch versuchen soll zu beantworten. Gemeinsames Ziel dieser Fragen ist es, die eigenen Gedanken und Absichten so zu formulieren, sodass sie von Japanern verstanden werden.

Kapitel 3 Business Made in Japan

Dieses Kapitel fokussiert sich auf eine Fallstudie aus der Praxis, der den Verlauf von der Anbahnung eines Geschäftes bis zu dessen Abschluss erläutert. Dabei geht die Autoren auf die einzelnen Phasen des Geschäftes ein und stellt hierbei die verschiedenen Ziele der Deutschen und Japanischen Unternehmen hervor. Auf der einen Seite streben deutsche Delegationen ein Gespräch mit geschäftlichen Inhalt an, auf der Anderen Seite fokussiert sich das japanische Unternehmen auf die persönliche Beziehung beider Seiten. So kommt es vor, dass deutsche Geschäftsleute während des Verhandlungsprozesses zu ungeduldig agieren, da sie Verhaltensmuster der Japaner falsch interpretieren.

Kapitel 4 Gruppenorientierung in Japan

Das 4.Kapitel behandelt Themen wie „Uchi und Soto“ , das Vertrauen und die Hierarchie in japanischen Unternehmen. „Uchi und Soto” beschreibt das Phänomen, dass für Japaner viele geschäftliche Themen zum inneren Bereich gehören und mit Außenstehenden nicht besprochen werden. So kann dieses Verhalten als Zurückhaltung von deutscher Seite aus interpretiert werden. Weiterhin wird die Bedeutung des gegenseitigen Vertrauens aus japansicher Sicht und die vertikale Gesellschaftsstruktur „Tate Shakai” näher dargestellt. Diese Hierarchie spielt eine wichtige Rolle und wird als Garant für Harmonie gesehen. So wird es z.B. nicht gerne gesehen, dass jüngere Mitarbeiter Eigeninitiative ergreifen und Ideen von sich aus vorantreiben. Das Reden und Handeln passend zur Stufe in der Hierarchie wird “Mibun” genannt.

Kapitel 5 Kommunikation

In diesem Kapitel wird zunächst das Prinzip des „Honne und Tatemae“ erläutert und die damit verbundene japanische Verhaltensweise. „Honne” bezeichnet das echte Empfinden und Denken der Japaner, wobei „Tatemae” das beschreibt, was in der Öffentlichkeit gesagt werden sollte. Dadurch kann es passieren, dass Japaner negative Dinge nicht direkt aussprechen, um einer unangenehmen Situation zu entgehen. Weiterhin geht die Autorin auf den Punkt des Gesichtsverlusts in Japan ein. Hierbei gibt sie viele Tipps für jeweils verschiedene Situationen, in denen solch ein Gesichtsverlust vermieden werden kann. Am Ende des Kapitels beschreibt die Autorin verschiedene Konfliktsituationen mit Japanern und gibt entsprechende Lösungsvorschläge, die die gemeinsame Harmonie nicht verletzen.

Kapitel 6 Managementstil

Dieses Kapitel konzentriert sich auf das japanische Managementsystem. Anfangs wird der typisch japanische Führungsstil und die Beziehung eines Vorgesetzten zu seinen Angestellten dargestellt (Konzept des „Amae“). Basierend auf diesem Konzept kann es passieren, dass Mitarbeiter mit einer nicht ausreichenden Leistung, trotzdem geduldet werden, da eine “Kinder-Mutter/Vater” Beziehung zwischen Vorgesetzten und Mitarbeiter herrscht. Durch diese familiäre Beziehung werden leistungsorientierte Entlassungen selten durchgeführt.
Weiterhin geht die Autorin auf die Wichtigkeit eines großen Netzwerks für japanische Studenten und Geschäftsleute ein (Jinmyaku). Ein anderer großer Unterschied wird hinsichtlich der Entscheidungsfindung in japanischen Unternehmen deutlich. Das „Ringi System“ beschreibt hierbei die Entscheidungsfindung, die nicht auf Basis einer Person, sondern eines gemeinsamen Konsensus getroffen wird.

Kapitel 7 Der kleine Japan-Knigge

Das letzte Kapitel ist eine kleine Ergänzung, die 10 Verhaltenstipps zusammenfasst.
Dabei werden Themen wie „Pünktlichkeit bei Besprechung“ bis hin zu allgemeineren Themen wie „Alkoholkonsum“ oder „Karaoke“ abgehandelt und ergänzt von persönlichen Tipps der Autorin. Auch hier wird deutlich, dass Japanische Geschäftsleute das Abendprogramm zum informellen Austausch nutzen. Interessant für Leser hierbei ist, dass eine Weigerung Alkohol zu trinken, so gedeutet wird, dass man sich nicht öffnen und seinen Charakter nicht zeigen will.

Fazit

Anfangs war ich sehr skeptisch und habe aufgrund der relativ geringen Seitenzahl befürchtet, dass Themen sehr oberflächlich abgehandelt werden. Zugleich befürchtete ich, dass das Buch sich zu sehr auf die japanische Geschäftswelt fokussiert, sodass Verhaltensmuster, die eventuell den japanischen Alltag betreffen, ausgelassen werden.
Im Ganzen kann ich festhalten, dass sich das Buch sowohl für Geschäftsleute als auch für zukünftige Auslandsstudierende eignet. Viele Denkweisen und Verhaltensmuster der Japaner sind kulturell geprägt und können auch auf alltägliche Situationen projiziert werden. So ist das Buch eine gute Vorbereitung für das Semester in Japan und hilft einem die japanische Denkweise besser zu verstehen, was den Kontakt zu ortsansässigen Studenten vereinfachen kann.
Der Großteil des Buches besteht aus Beispielen und persönlichen Tipps der Autorin, die das Buch leicht lesbar machen. Zudem geben diese Beispiele einen Einblick in die japanische Geschäftsstruktur.
Einziger Kritikpunkt ist der etwas „dünne“ rote Faden des Buches. Die Kapitel bauen nicht wirklich aufeinander auf, sodass man als Leser schnell den Überblick verliert.

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Buchrezension “Himmelsbegräbnis – Die Geschichte einer großen Liebe” von Florian Ikemeyer

Buchdetails:

Buchcover

Autor: Xinran Xue (Xīnrán Xuē 薛欣然)

Übersetzung: Aus dem Englischen von Sigrid Langhaeuser

Titel: Himmelsbegräbnis – Die Geschichte einer großen Liebe

Erscheinungsjahr: 2004 (Originalausgabe), 2005 (Deutsche Übersetzung)

Verlag: Knaur TB, München

Genre: Roman

Seitenanzahl: 176

ISBN: 978-3-426-77878-4

Preis: 8,99€ (Taschenbuch)

Autor:

Xinran Xue (Xīnrán Xuē 薛欣然), 1958 in Beijing (Peking) geboren, ist eine chinesische Journalistin und Schriftstellerin. Nach ihrer Ausbildung arbeitete die junge, aufstrebende Xinran als Radiojournalistin in Nanjing und moderierte von 1989 bis 1997 die in ganz China und in weiten Teilen von Asiens äußerst beliebte Rundfunksendung „Qin Feng Ye Hua“ – „Worte im Abendwind“. In dieser Sendung konnten die Zuhörer – vor allem chinesische Frauen – die Chance nutzen, zu Wort zu kommen und über ihr persönliches Leben berichten. Xinran versuchte, das Vertrauen der Frauen zu gewinnen, indem sie anhand ihrer eigenen Erfahrungen Hilfe und Ratschläge für sie anbot, um die Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens meistern zu können.

Nach ihrer Tätigkeit als Radiojournalistin in den 1980er und 1990er Jahren, emigrierte Xinran Xue 1997 nach Großbritannien und  lebt seitdem zusammen mit ihrem Mann und ihrem Sohn in London. Dort entstand auf der Basis ihrer Rundfunksendungen ihr erstes Buch „Verborgene Stimmen. Chinesische Frauen erzählen ihr Schicksal“, welches in 27 verschiedene Sprachen übersetzt wurde und international ein großer Erfolg war. Es folgten bis heute die ebenfalls erfolgreichen Romane “Himmelsbegräbnis – Die Geschichte einer wahren Liebe” und “Die namenlosen Töchter” sowie drei weitere Veröffentlichungen.

Inzwischen arbeitet Xinran regelmäßig für „The Guardian“ und setzt sich für Frauen und Waisenkinder ein. Somit gründete sie unter anderem die Wohltätigkeitsorganisation “The Mothers’ Bridge of Love”. Hierbei handelt es sich um eine Organisation, die sich um chinesische Kinder – vor allem im Zuge der chinesischen Ein-Kind-Politik verstoßene Mädchen – kümmert, die von westlichen Pflegeeltern adoptiert wurden.

Motivation:

Während meiner bisherigen Vorbereitungen für den Auslandsaufenthalt in Beijing legte ich mir unter anderem einen Reiseführer für China zu, um mich genauer mit potenziellen Zielorten auseinander setzen zu können. Der Abschnitt über die Region Tibet, dessen Hochland sich auf eine durchschnittliche Höhe von 4500 Metern erstreckt und auch als “Dach der Welt” bezeichnet wird, weckte meine Neugierde und veranlasste mich dazu, mehr über diesen Ort in Zentralasien in Erkenntnis bringen zu wollen. Auf mehreren Seiten wurden die überwältigenden Hochlandpanoramen, die riesigen Klosteranlagen sowie die bewundernswerte buddhistische Kultur, die nach mehreren Jahrzehnten der Unterdrückung Chinas immer noch lebendig geblieben ist, beschrieben.

Ich hatte zwar nebenbei einige politische Spannungen der letzten Jahren mitbekommen und wusste auch, dass die Reisebestimmungen für Ausländer hier weitaus strenger sind als im Rest des Landes. Nichtsdestotrotz wollte ich mehr über die Vergangenheit des Autonomen Gebiets Tibet (AGT) erfahren und verstehen, wie es zu den immer noch anhaltenden Konflikten zwischen Tibetern und Chinesen kommen konnte. Zudem schien es mir angemessen, mich nicht nur in einem Sachbuch darüber zu informieren, da meiner Meinung nach persönliche Erfahrungen und Erlebnisse von Menschen einen stärkeren Ausdruck verleihen.

Aus diesem Grund habe ich mich bei meiner Suche nach einem geeigneten Buch größtenteils auf historische, chinesische Romane konzentriert und bin sehr schnell auf die Autorin Xinran Xue und ihrem äußerst positiv bewerteten Roman “Himmelsbegräbnis – Die Geschichte einer großen Liebe” aufmerksam geworden. Durch verschiedene Leserrezensionen erfuhr ich, dass dieser Roman nicht nur eine geheimnisvolle und sehr bewegende Liebesgeschichte thematisiert, sondern auch einen guten Einblick in die tiefe Vergangenheit Chinas mit all den kulturellen Unterschieden und Mißverständnissen sowie der kriegerischen Besatzung Tibets durch die Volksrepublik China liefert. Aufgrund der außergewöhnlichen Verknüpfung dieser beiden Aspekte in einem spannenden Roman entschied ich mich für das Buch.

Inhalt:

Das Buch ist insgesamt in neun Kapitel unterteilt. Im Vorwort erklärt Xinran zunächst, wie einer ihrer aufmerksamen Hörer sie im Jahr 1994 aus Suzhou mitteilt, dass er auf der Straße eine merkwürdige Frau kennengelernt hat, die gerade erst aus Tibet zurückgekehrt ist. Sie beschließt daraufhin, die Frau namens Shu Wen zu treffen und hört sich ihre Lebens- und Liebesgeschichte an. Sehr bewegt von dem Schicksal der Frau wurde Xinran schnell klar, dass sie soeben einer der außergewöhnlichsten Frauen begegnet war, die sie ihn ihrem Leben wohl treffen würde und sie beschloss, ihre Geschichte noch vielen anderen Menschen mitzuteilen. Die Autorin bereut jedoch zutiefst, Shu Wen nach nur einem Treffen nie wieder gesehen zu haben um genauere Details von ihrer Geschichte zu erfahren. Aus diesem Grund schrieb sie dieses Buch mit dem tiefen inneren Wunsch, eines Tages die vollständige Wahrheit über ihr berührendes Schicksal in Erfahrung zu bringen.

(1) Shu Wen:

Im Jahr 1949 lernte die junge Studentin Shu Wen ihren Kommilitonen Kejun an der Universität kennen, weil sie für ihr Studium zur Ärztin zufälligerweise an einem Sezierkurs teilnehmen muss, in dem dieser als Laborassistent tätig ist. Die beiden verlieben sich ineinander und heiraten schließlich im Jahr 1958, als sie das Studium beendet haben und fertig ausgebildete Ärzte sind. Doch drei Wochen nach ihrer gemeinsamen Heirat wird Kejun durch die chinesische Armee dazu verpflichtet, diese ins benachbarte Tibet zu begleiten, um sie im Rahmen der chinesischen Okkupation als Arzt beizustehen. Nicht einmal 100 Tage nach ihrer Eheschließung erhält Shu Wen auf einmal die erschreckende Nachricht, dass ihr Mann in Tibet gestorben ist. Spezifische Informationen bezüglich seiner Todesursache oder dem Ort der Bestattung gehen aus der Nachricht jedoch nicht hervor.

(2) Ich kann ihn nicht alleine in Tibet lassen:

Voller Frustration und in dem Glauben, dass man ihr aufgrund der knappen Schilderung von Kejuns Tod wichtige Informationen verheimlicht hat und er eventuell sogar noch leben könnte, beschließt sie sich selbst als Ärztin in der Armee einschreiben zu lassen und macht sich auf den Weg in das fremde unbekannte Tibet in der Hoffnung irgendwann ihren Mann wiederzufinden. Obwohl die eigene Familie sowie Militäroffiziere ihr versuchen, den Gedanken auszutreiben, steigt sie kurze Zeit später mit unterschiedlichen Erinnerungsstücken an ihre Familie in Suzhou in einen Bus zum nächsten Stützpunkt des Militärs wo sie auf den Offizier Wang Liang traf. Nach einem kurzen Gespräch mit ihm erhält sie unter anderem ein kleines Büchlein mit militärischen Informationen von ihm sowie ein Tagebuch mit einem Kugelschreiber, in der sie ihre Erlebnisse festhalten soll. Wen hatte nicht einmal eine Stunde in Wang Liangs Gesellschaft verbracht, aber seine weisen Worte und Ratschläge sollten sie ihr ganzes Leben lang begleiten. In einem riesigen Konvoi aus mehreren Dutzend Armeelastwagen macht sie sich mit annähernd 1000 Mann auf der berühmten Sichuan-Tibet-Straße auf den Weg. Eines Tages entdecken die Männer in der Ferne eine kaum wieder zu erkennende Gestalt.

(3) Zhuoma:

Es stellt sich heraus, dass es sich hierbei um die Tibeterin Zhuoma handelt. Als diese wieder zu Kräften gekommen ist, berichtet sie Shu Wen und dem Kompaniechef von ihrem erstaunlichen Schicksal. Denn das Buch ist nicht nur eine Geschichte von Shu Wen, sondern auch von Zhuoma, einer tibetischen Landadligen, die sich in ihren Diener Tiananmen verliebt und daraufhin ihre Familie und ihren Besitz verliert. In einer kalten, stürmischen Nacht hörte sie ihn plötzlich schreien, verlor ihn aus den Augen und stürzte bei der Suche nach ihm in eine felsige Schlucht. Kurze Zeit später wurde sie von Wen und den Soldaten gefunden. Einige Tage später trifft der Konvoi auf eine tibetische Truppe, die sie aufgrund der grausamen Handlungen der chinesischen Volksbefreiungsarmee allesamt umbringen will. Letztendlich können der Kompaniechef und Zhuoma einen Deal aushandeln, bei dem die chinesischen Truppen zurückkehren, einige die Tibeter jedoch als Geiseln begleiten sollen – darunter auch Zhuoma und Wen. Als sie sich auf die Reise mit den Tibetern machen, werden sie eines Tages von einer chinesischen Armee angegriffen und von der Truppe getrennt. Auf ihrer Flucht stürzt ihr Pferd einen hohen Abhang herunter.

(4) Eine tibetische Familie:

Alles in allem spielt sich die Reise von Wen in einem Zeitraum von etwa 30 Jahren ab. Viele Jahre, die geprägt sind von Entbehrungen und Einsamkeit und in denen die Chinesin die eigentliche Seele Tibets kennen lernt, immer wieder neue Hoffnung schöpft und sich sowohl innerlich als auch äußerlich enorm verändert. Der Leser erfährt in dem Roman einiges über das Alltagsleben der Tibeter, da Wen und Zhuoma im Verlauf der Handlung von einer Nomadenfamilie aufgenommen werden. In der Zeit, die sie bei der Familie verbringt, staunt die Frau jedes mal aufs Neue über die ruhige Gelassenheit, Selbstverständlichkeit und auch Selbstlosigkeit der tibetischen Menschen, deren Charakterzüge stark von ihren Vorstellungen abweichen. Häufig werden die spirituellen Sitten und Gebräuche sowie die Unterschiede der einzelnen tibetischen Völker untereinander aufgezeigt. Wen erlebt dabei nicht nur die Freuden, sondern auch das Leid in der Nomadenfamilie und ihr Weltbild wird gehörig auf den Kopf gestellt. Die Männer erledigen beispielsweise die Näharbeiten und die tibetischen Frauen dürfen durchaus mit mehr als einem Mann gleichzeitig verheiratet sein.

(5) Verschollen in Qinghai:

Eines Tages wird Zhuoma von einer Gruppe von Männern auf Pferden entführt und für Shu Wen beginnt die dunkelste und härteste Zeit ihres Lebens. Mit den Jahren verliert sie den Überblick über die Zeit und jeder Ort an dem sie sich aufhält scheint für sie gleich. Nach weiteren verstrichenen Jahren passen sich ihr Körper und ihre Seele immer stärker der tibetischen Lebensweise an und sie lernt sogar Grundzüge ihrer Sprache. Irgendwann beschließt Ge’er, der Anführer der Nomadenfamilie, sich zusammen mit seiner Tochter Pad und Wen auf die Suche nach Zhuoma und Kejun zu begeben und die drei verlassen den Stamm. Auf ihrem Weg lernen sie während eines Aufenthalts in einer anderen tibetischen Familie den jungen Mann Zawang kennen, mit dem sie zum Kloster Wendugongba reiten wo er seinen ältere Bruder besuchen möchte.

(6) Die dreizehn heiligen Berge:

Dort angekommen hört sich Shu Wen in dem Kloster nach Zhuoma und Kejun um und plötzlich erklärt ihr ein fremder Mann, dass er auf der Suche nach einer Frau namens Zhuoma ist, die er damals in einem schweren Sturm verloren habe. Es stellt sich heraus, dass dieser Mann der Diener und Geliebte von Zhuoma, also Tiananmen ist. Die Gruppe trennt sich daraufhin erneut: Ge’er will seine Tochter Pad und ihren Geliebten Zawang, die auf ihrem langen Weg ins Kloster inzwischen geheiratet haben, bei einer nahe liegenden Nomadenfamilie unterbringen. Zhuoma und Tiananmen hingegen begeben sich in Richtung der dreizehn heiligen Berge, da die Tibeter laut einem Gerücht wohl das, was sie verloren haben, immer auf den heiligen Bergen wieder finden. Hier würden sich nämlich unzählige Pyramiden von sogenannten Mani-Steinen befinden, in die das Mani-Mantra, Teile von buddhistischen Texten sowie Nachrichten von Reisenden eingraviert sind, die über Tausende von Jahren erhalten bleiben. Auf einem Stein steht plötzlich die Nachricht “Zhuoma sucht nach Tiananmen. Sie erwartet ihn auf dem nächsten Berg in der Nähe der Hütte des Steinschneiders.”. Dort angekommen treffen die beiden tatsächlich Zhuoma und ein langersehntes Wiedersehen findet endlich statt.

(7) Der alte Eremit Qiangba:

Wiedervereint reiten Wen, Zhuoma und Tiananmen gen Süden zum Zhaling-See und hören dort vom den alten Eremiten Qiangba, der angeblich eine mysteriöse Geschichte kennen soll, in der vor vielen Jahren ein chinesischer Arzt eine sogenannte Vogelbestattung (Himmelsbegräbnis) erhalten haben soll und dass dadurch die Kämpfe zwischen den Tibetern und den Chinesen beendet wurden. Dies ist ein Bestattungsritual, bei dem der tote Leichnahm nicht begraben oder verbrannt, sondern unter freiem Himmel gänzlich von Geiern aufgefressen wird. Im Tibet gelten die Geier als heilige Tiere und diese Art der Bestattung als eine heilige Zeremonie. Die Tibeter glauben nämlich, dass die Toten auf diese Weise in den heiligen Kreislauf der übermächtigen Natur zurückkehren, wenn sie den Vögeln als Mahlzeit dienen. Nachdem die drei den Eremiten gefunden haben, überreicht dieser ihnen ein beschriftetes Bündel, weil es an eine chinesische Frau aus Suzhou namens Shu Wen gerichtet ist.

(8) Die Vogelbestattung – ein Himmelsbegräbnis:

Mithilfe dieses Bündels erzählt der Eremit Qiangba Wen die Geschichte vom Tod ihres Mannes Kejun. Dieser stieß damals mit seinen Soldaten auf eine riesige Vogelbegrabungsstätte, bei der eine ganze Schar von Geiern fressend auf einem riesigen Haufen blutüberströmter Leichen saß. Einer der Totgeglaubten war jedoch noch am Leben. Kejun wurde von seinem Verantwortungsgefühl gepackt und erschoss einen der Raubvögel, sodass alle anderen Geier in der Luft verschwanden und die vielen Tibeter Kejun verärgert anstarrten, da dieser ihr Bestattungsritual somit unterbrochen und verletzt hatte. Aus lauter Angst vor der Rache der tibetischen Truppen sah Kejun seinen Selbstmord und somit die eigene Opfergabe als einzigen Lösungsweg, dass wieder Frieden einkehren könnte. Nach einer Rede über die Gleichheit aller Chinesen und Tibeter und der Bitte an diese, ihn nach dem Selbstmord mit dem Messer zu zerstückeln und selbst an die Geier zu verfüttern erhob er die Waffe und schoss sich eine Kugel in den Kopf. Das tibetische Volk zollte dieser Aktion größten Respekt und im Anschluss daran gab es in dieser Region keine Kämpfe mehr zwischen Tibetern und Chinesen.

(9) Der Weg nach Hause:

Nach der Enthüllung des Todes ihres Mannes beschließen Shu Wen, Zhuoma und Tiananmen sich noch einmal auf den Weg nach Beijing zu machen. Zhuoma will nach all der Zeit zurück in die Stadt, in der sie damals als Kind bereits für einige Jahre gelebt hat und Wen hat das Bedürfnis, ihre Familie endlich wiederzusehen. Sie reiten nach Lhasa und erhalten dort nach mehreren Absprachen die Genehmigung , mit einem Flugzeug in die mittlerweile moderne Hauptstadt zu fliegen. Dort angekommen fährt Wen weiter nach Suzhou um ihre Familie endlich wieder gegenüber stehen zu können. Als sie jedoch vor ihrem alten Elternhaus steht, muss sie mit Entsetzen feststellen, dass die Wohngegend bereits mehrere Male abgerissen, wieder neu errichtet wurde und ihre Heimatstadt sowie das gesamte Land China sich in einem enormen Wandlungsprozess befindet. Ihre Eltern und ihre Schwester haben ihr keine Spur hinterlassen. Was mit ihnen passiert ist und ob sie erneut die Kraft schöpfen kann, sich in ihrem hohen Alter ein zweites Mal auf eine lange Suche zu begeben, bleibt am Ende der Geschichte offen. Aber Eins ist klar – Die lebenslange Suche nach ihrem Geliebten Kejun hatte nach all den Jahren ein Ende genommen und kein anderer Chinese hatte jemals einen so großen positiven Einfluss auf die Beziehung der Chinesen zu den Tibetern ausgeübt wie er.

Fazit:

Abschließend kann ich voller Zuversicht sagen, dass ich das Buch uneingeschränkt weiterempfehlen würde. Die gelungenen Eigenschaften des Buches müssen in dieser Hinsicht jedoch auf zwei unterschiedlichen Ebenen betrachtet werden. Auf der einen Seite versucht die Autorin und ehemalige Radiomoderatorin Xinran die wundervolle und einzigartige Liebes- bzw. Lebensgeschichte ihrer Hörerin Shu Wen nachzuerzählen. Ihr Roman ist neben den zahlreichen erstaunlichen Eindrücken, die Wen auf ihrer 30-jährigen Reise quer durch Tibet erlebt, von einer unübersehbaren und immerwährenden Traurigkeit geprägt. Obwohl das Buch lediglich aus 176 Seiten besteht, gelingt es der Autorin geschickt, gewisse Szenarien detailliert zu erläutern wie beispielsweise die religiösen Rituale der Tibeter oder die Gefühle von Wen und an anderen Stellen im Buch enorme Zeitsprünge innerhalb weniger Seiten durchzuführen. Der Roman schildert sehr stark die Emotionen und Gefühle der Chinesin über mehrere Jahre hinweg, die auf ihrer unermüdlichen Suche nach ihrer nie in Vergessenheit geratenen großen Liebe zu keinem Zeitpunkt im Buch die grenzenlose Hoffnung an ihren Mann verliert. Xinran hat die emotionale Geschichte von Shu Wen mit großem Einfühlungsvermögen nachempfunden und greift immer wieder verschiedene Aspekte wie den Glauben und die Sehnsucht an die eine wahre Liebe sowie die völlige Hingabe und Opferbereitschaft für die Mitmenschen auf.

Auf der anderen Seite steckt jedoch noch viel mehr als eine spannende und traurige Liebesgeschichte hinter dem Roman. Die Autorin Xinran gibt in ihren Büchern stets einen Einblick in verschiedenste Aspekte des Lebens in China – so auch in diesem Buch. Vor dem Hintergrund der angespannten Lage zwischen Tibet und China wird die Entwicklung des heutzutage immer noch währenden Konflikts der beiden Gebiete zwischen den 1950er und 1980er beschrieben. Auf ihrer abenteuerlichen Reise durch die Region Tibet lernt Shu Wen die größtenteils hilfsbereiten Menschen dort sehr genau kennen und dem Leser wird andauernd das harte tibetische Alltagsleben mit seinen Gebräuchen vor Augen geführt. Immer und immer wieder veranschaulicht Xinran den damaligen politischen Hintergrund und die Beziehungen der Tibeter und Chinesen zueinander. Überwiegend aus chinesischer Sicht erläutert die Autorin die zu dem Zeitpunkt vorherrschende enorme Kluft zwischen Tibet und China, die von den kulturellen Unterschieden und Missverständnissen sowie der ständig andauernden kriegerischen Besatzung Tibets durch die Chinesen – vor allem im Jahr 1959 durch die Volksbefreiungsarmee – geprägt ist. Da das Buch eine Zeitspanne von über 30 Jahren umfasst, wird zudem die Entwicklung der einzelnen Länder an sich und der Verlauf ihrer Beziehung zueinander aufgegriffen. Als Shu Wen am Ende in ihre Heimat zurückkehrt, hat sich das moderne China so stark verändert, dass sie es selbst nicht mehr wiedererkennt.


Geschichtlicher Hintergrund:

Im Jahr 1910 marschierte China in Tibet ein und stürzte die Regierung. Die daraus entstandene Revolution in Tibet sorgte für den Fall der Qing-Dynastie im Jahr 1911. Ab diesem Ereignis begann für Tibet eine Phase der faktischen Unabhängigkeit, die bis 1950 andauerte. Zu langfristigen Kriegspausen und einer Abnahme der Aufstände kam es in diesen Jahrzehnten jedoch nicht, sodass der Kampf um Tibet fortlaufend weiter ging und kein Frieden in Sicht war. Im Anschluss an die Machtübernahme der Kommunistischen Partei und der Gründung der Volksrepublik China unter Führung von Mao Zedong im Oktober 1949 wurde der Anspruch auf Tibet jedoch erneut geweckt. In der Folge fiel das wiedererstarkte kommunistische China erneut in Tibet ein mit der Begründung, es wolle die mehr als eine Million Tibeter aus der feudalen Knechtschaft befreien und zurück in den Schoß des Vaterlandes führen. Nach diversen Verhandlungen mit China unterschrieben Repräsentanten der tibetischen Regierung am 23. Mai 1951 in Peking unter enormen politischen Druck sogar das sogenannte 17-Punkte-Abkommen. In diesem Abkommen wurde die Eingliederung Tibets in die Volksrepublik China festgelegt, Tibet hingegen wurden verschiedene Rechte wie die freie Religionsausübung zugesichert.

In den darauffolgenden Jahren kam es jedoch immer wieder zu zunehmenden Unruhen. Die Lage spitzte sich letztendlich im Jahr 1959 in einem regelrechten Aufstand zu, bei der die chinesische Volksbefreiungsarmee (VBA) ca. 87000 Tibeter niederschlug. Der Dalai Lama floh im Anschluss daran aus Tibet heraus nach Indien und gründete dort mit anderen Tibetern eine Exilregierung. Im Jahr 1965 wurde Tibet offiziell der Status einer Autonomen Region der Volksrepublik China eingeräumt. Heutzutage hat sich der Dalai Lama, der Chinas Migrationspolitik als “kulturellen Völkermord” bezeichnet, damit abgefunden, eher Autonomie als Unabhängigkeit anzustreben und im Jahr 1989 für seinen unermüdlichen Einsatz für eine gewaltfreie Lösung des Problems obendrein den Friedensnobelpreis erhalten.

In der Gegenwart herrschen immer noch große Missverständnisse zwischen den Chinesen und den Tibetern. Auf der einen Seite meinen die Chinesen, dass Tibet bis zum Jahr 1950 ein von extremer Armut und feudaler Ausbeutung geprägtes Land war und erst durch ihre Hilfe eine bessere Lebenssituation erhielten, z.B. durch neue Schulen, Krankenhäuser, Flughäfen oder steigendem Einkommen. Auf der anderen Seite hingegen können viele Tibeter den Chinesen nicht die blutige Massenermordung verzeihen sowie die Tatsache, dass diese sie in den 1950er und 1960er durch zahlreiche Kloster- und Schreinvernichtungen in ihrer Religion einschränkten. Außerdem sind die Chinesen ununterbrochen mit einem großen Militärangebot präsent und die Tibeter sind der Meinung, dass diese ihr Land wirtschaftlich ausbeuten und fühlen sich somit zu Menschen zweiter Klasse degradiert.

Heute ist die Lage in der Region Tibet weiterhin extrem angespannt. In den Jahren 1987 und 1989 kam es in Lhasa wieder einmal zu starken Aufständen und der damit verbundenen Ausrufung von Ausnahmezuständen. Weitere Unruhen im Jahr 2008 führten zu Straßenschlachten und die Proteste weiteten sich auf weitere tibetische Gebiete wie Gansu, Sichuan und Qinghai aus. Die wachsende Verzweiflung vieler Tibeter führte zu einer Welle von Selbstverbrennungsaktionen im Jahr 2012. Die chinesische Polizei- und Militärpräsenz in Tibet heutzutage ist enorm, sodass die Bevölkerung unter ständiger Kontrolle steht und stark unterdrückt wird. Mit chinesischer Zuwanderung und ständiger aggressiver Modernisierung versucht die chinesische Regierung, die religiösen und politischen Bestrebungen der Tibeter in den Hintergrund zu stellen und den Fokus auf die wirtschaftlichen Fortschritte zu legen. Diese Strategie war bislang in anderen Teilen Chinas teilweise erfolgreich, ob es jedoch auch in Tibet funktionieren wird, muss weiterhin abgewartet werden. Insgesamt sind bisher mehr als 1 Million Tibeter dem Freiheitskampf zum Opfer gefallen und es ist immer noch kein Ende des Konfliktes in erreichbarer Ferne.


 

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Book review: Please Look After Mom

General informationPlease look after mom

Author: Kyung-sook Shin
Publisher: Vintage
Year of publication: 2012
ISBN: 978-0307948977
Pages: 288
Price: 12,47 €

 

Author

Shin Kyung-Sook is a famous South Korean writer from the 386 Generation[1]. She was born in 1963, as the fourth of six children in a small village in North Jeolla Province in southern South Korea. At the age of sixteen years she moved to Seoul to her older brother, where she worked during the day and attended night school.

Her first Novel Winter’s Fable was published in 1985 after her graduation from Seoul Institute of the Arts as a creative writing major. She won several literary prizes, including the Man Asian Literary Prize for her biggest success the million-copy bestseller Please Look after Mom. It was the first time that a South Korean and a woman has won the Man Asian Literary Prize.

Motivation

My decision for reading Please Look after Mom was based on two criteria. The first was, that I wanted to read a book that was actually read by Koreans. I believe that getting an insight into a society of a foreign country can be achieved by reading books and articles about the society or by reading books and articles that are actually read by the society. There is a reason behind the choice of their readings and it indicates the atmosphere of a society. Please Look after Mom has sold more than 2 Million copies in Korea and has been adapted to a stage play and a musical, which I considered to be a sign of resonance between the story and the society.

The second reason for choosing Please Look after Mom was its focus on family matters. I was curious about the status of family in South Korea and was hoping to learn about everyday life and the interactions between members of an ordinary Korean family.

Background

The novel takes up several issues of current Korean society. The family of the “mother”, So-nyo is exemplary for families in South Korea these days. The author depicts several contrasts of concepts in contemporary Korea, such as the clash of the big city life in Seoul versus the provincial life in a small village, high education versus illiteracy, young generation versus old generation, persistence versus permanent changes, bond and attachment (정) among family members versus individualism that creates distance especially among family members and last but not least the traditional picture of a Korean mom versus successful business women.

Important Characters

So-nyo (the mother): Is described as hard-working, self-sacrificing and responsible person, who spent her whole life taking care of her family.

Chi-hon: Is So-nyo’s eldest daughter. She is a successful novelist and her life shows the biggest contrast to her mother’s life.

Hyong-chol: Is the oldest son of the mother and her favorite child. He didn’t fulfill mom’s expectations and is in constant fear to be a disappointment to her.

Father: Husband of So-nyo, who is described as an irresponsible and selfish man. He drinks, has no (good) job, has affairs and leaves the mom alone with her children if he is in the mood for it.

Sister: the youngest daughter So-nyo who is a mother of three children. She sees her mom as a person with needs and buys her an expensive mink coat when So-nyo asks her for one.

Content

The novel opens one week after So-nyo’s disappearance. The first part is written in the voice of her elder daughter Chi-hon, who is describing pieces of memories from her childhood while searching for her missing Mom. Chi-hon, a well doing novelist who is unmarried and without children, is the child that seems to be the most desperate about finding their mom. The following dialogue from the book is a good reflection of the roles of Chi-hon and So-nyo:

You never thought of Mom as separate from the kitchen. Mom was the kitchen and the kitchen was Mom. You never wondered, Did Mom like being in the kitchen? (p. 60)

 “Mom, do you like being in the kitchen?” When you asked this once, your mom didn’t understand what you meant.”

“Did you like being in the kitchen? Did you like to cook?” Mom’s eyes held yours for a moment.

“I don’t like or dislike the kitchen. I cooked because I had to. I had to stay in the kitchen so you could all eat and go to school. How could you only do what you like? There are thinks you have to do whether you like it or not.” (p. 65)

The second part is written out of the perspective of Hyong-chol the oldest son of the family and the favorite child of So-nyo. He embodies all of the mothers hope that education can get one out of the dependencies of poverty. So-nyo is ashamed that she is not capable of reading and writing, and she tries to hide her illiteracy. He is the first member of the family moving to Seoul in order to study at a college:

“And a few month later, he learned that here was a night law college in Seoul and decided to apply for it. He realized that he needed his high-school graduation certificate. If he sent a letter asking for a copy and waited for it to come by mail from the countryside, it would arrive after the application was due. So he wrote a letter to his father, requesting that he go to the bus terminal with a copy of the certificate and ask someone coming to Seoul to take it for him. […] In the middle of the night, as he was wondering what he could do about the application, which was due the next day, someone banged on the door of the office, where he was living at the time. […] His mom was standing behind the young man, shivering in the cold” (p. 83)

The next part is written in the voice of the father of the family and the husband of mom. He is the one letting go of mom at Seoul Station, where she was seen last by him. While the reader can at least partly sympathise with the children of So-nyo, the flashbacks of the father show a thoughtless and unloving father and husband. He was no help but needed help, he didn’t solve troubles but was the trouble and So-nyo stayed a faithful wife and loving mother nevertheless.

“You walked in front of your wife your entire life. Sometimes you would turn a corner without even looking back. When your wife called you from far behind, you would grumble at her, asking her why she was walking so slowly. And so fifty years passed. When you waited for her, she stopped next to you, her cheeks reddened, saying with a smile, “I still wish you’d go a little slower.” You assumed that was how you would live out the rest of your days. But since that day in Seoul Station when you left on the subway train, that day when she was only a few steps behind you, your wife still hasn’t come to you.” (p. 161)

The last part of the novel is written out of the perspective of So-nyo herself. In this part of the book, the youngest daughter of the family is described in more detail. She is a highly-educated woman living in Seoul and a mother of three children. The younger daughter is the one coming closest to what the traditional Korean mother is like and still, So-nyo is disapproving the motherhood of her youngest daughter as she fears for the good chances that her own daughter has to sacrifice as a mother herself. In the end the mother apologizes for her disapproving reaction to her daughter’s motherhood in the following way:

“Please forgive me for the face I made when you came back to Seoul with the third baby in your arms. The day you looked at me with shock on your face, blurting out “Mom!” has been weighing on my heart. Why was it? Was it because you didn’t plan to have a third baby? Or was it because you were embarrassed to tell me that you had a third baby, when your older sister wasn’t even married yet? For whatever reason, you hid the fact that you’d a third baby in the faraway land, instead suffering through morning sickness all by yourself, and only when you were about to give birth you tell us that you were having a baby. I didn’t do anything to help when you had the baby, but when you came back, I said to you, ”What were you thinking? You were thinking, three babies?” (p. 205)

It ends with a declaration of love to her fourth child “Rest a bit. Don’t be sad for me. I was happy so many days of my life because I had you.” (p. 216)

Conclusion

Please look After Mom is an exceptional novel, that encourages the reader, to reflect what the reasons of happiness and struggles in life really are. It shows that today’s society of Korea fights with a lack of appreciation for each other due to individual lifestyle, which is shown in the relationships between the mother and her husband and children. The tragedy of the situation is obviously evoked by the realization of So-nyo’s family that there is no chance of telling their wife and mother, that they value her and that they know that she lived her life as a good wife and mother. For me the author is challenging her readers and today’s society to hold motherhood in high esteem and give it the value it deserves. I would recommend Please Look After Mom to everyone who is interested in a thoughtful and heartwarming novel. Eventually everyone who reads this book will ask the same question: “What about me, am I ‘Looking After Mom’?”

[1] This was the first generation of South Koreans to grow up free from the poverty that had marked South Korea in the recent past. The broad political mood of the generation was far more left-leaning than that of their parents, or their eventual children.

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Buchrezension “Die Kunst des Krieges” von Marian Köhler

Buchdetails

Autor:                                 Sun Tsu
Erscheinungsjahr:           500 v. Chr.
Verlag:                               Nikol; Auflage: Nachdruck. (Januar 2008)
Originaltitel:                     孫子兵法 / Sūnzǐ bīngfǎ
Genre:                                Historisches Sachbuch
Seitenanzahl:                    160
ISBN:                                 978-3-93-787287-2
Preis:                                  4,95€

Buchcover

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Motivation

Auf der Suche nach einem geeigneten Buch war es mir wichtig, dass dieses einerseits eine sehr gute Bewertung und dementsprechend auch für viele Menschen als prägendes Werk verstanden wird und andererseits auch heute noch eine praktische Relevant besitzt. Mit “Die Kunst des Krieges” von Sun Tsu habe ich einen Klassiker der Militär und Strategie Literatur gefunden, welches vor etwa 2500 geschrieben wurde. Trotz seines Alters ist es mühelos auch auf unsere heutige Zeit projizierbar und seine Relevant geht deutlich über seine ursprünglichen Entstehungshintergrund, der Kriegsführung, hinaus. Da ich selbst an Wirtschaft und Management im Unternehmen interessiert bin, habe ich mich für dieses Werk entschieden.

Autor

Der Autor Wu Sunzi lebte etwa 500 Jahre vor Christus und stammte aus dem Staat Qi. Nachdem er dieses Buch mit seinen 13 Kapiteln schrieb und großes Aufsehen erregte, wurde er von dem damaligen König Helus zu sich gerufen. Wu konnte mit seinen Fähigkeiten und seiner Erfahrung überzeugen und wurde mit sofortiger Wirkung zum General ernannt. Insgesamt 20 Jahre stand er im Dienst des Königs und verlor keine einzige Schlacht in seinem Namen. Nach dieser Periode starb Wu Sunzi und somit endete auch die erfolgreiche Ära der Armeen Chinas.

“Die Kunst des Krieges” wurde erstmals 1782 ins französische übersetzt und soll sogar Napoleon Bonaparte geholfen haben seine Schlachten taktisch auszurichten.

Inhalt

Das Buch gliedert sich in insgesamt 13 Kapitel. Angefangen mit der Planung (1), bis hin zum Einsatz von Spionen (13) werden taktische Schachzüge jeglicher Art erläutert und Verhaltensmuster des Gegners analysiert.

(1) Planung

Nach Sunzi besteht die Kunst des Krieges in der Berücksichtigung von 5 Faktoren: Dem Gesetz der Moral, welches Völlige Loyalität zum Herrscher fordert. Dem Himmel, also der Berücksichtigung von äußeren Einflüssen wie Tag/Nacht oder der Jahreszeit. Des Weiteren der Erde, welche das Terrain beschreibt. Außerdem der Befehlshaber der für Weisheit, Mut und Strenge steht. Letztendlich wird die Methode der Disziplin genannt, unter welcher die Gliederung der Armee und die militärischen Ausgaben verstanden werden kann.

Wer nach diesen 5 Faktoren handelt wird laut Sunzi siegreich sein, wer sie missachtet wird scheitern. Aber auch wenn diese Passagen ursprünglich für die erfolgreiche Kriegsführung geschrieben wurden, lassen sie sich mühelos auf das erfolgreiche Management in Unternehmen anwenden. Beispielsweise ist die Rede davon, viele Berechnungen vor dem Kampf anzustellen um somit alle möglichen Ausgänge hervorzusehen und sich anpassen zu können. Ähnlich würde man vor einer Verhandlung (Bewerbungsgespräche, Deals) auch mögliche Fragen oder Argumente durchspielen um optimal vorbereitet zu sein.

(2) Kriegsführung

Die Quintessenz dieses Kapitels ist es in einer Schlacht nicht nur auf die eigenen Vorräte zurück zu greifen, sondern darüber hinaus die Vorräte des Gegners zu plündern. Dies Verschafft den Truppen einen enormen Vorteil, da diese gestärkt und der Gegner gleichermaßen geschwächt werden kann. Außerdem sollen diejenigen belohnt werden, die schnell und zuerst handeln und somit ein Ansporn für rasches Handeln geschaffen werden.

Ähnlich trägt es sich auch in der Wirtschaft zu, speziell wenn man beispielsweise die Verteilung von Marktanteilen betrachtet. Hier wird es immer vorteilhafter sein nicht nur seinen eigenen Marktanteil zu vergrößern, sondern dem Gegner (hier Mitbewerber) auf einem gesättigten Markt auch Anteile abzunehmen.

(3) Das Schwert in der Scheide

Sunzi predigt in seinem Werk, dass der Krieg dazu dient Frieden zu bringen. Dementsprechend wird in diesem Kapitel die Möglichkeiten beschrieben den Feind ohne Widerstand besiegen zu können. Dies ist nur möglich indem man dem Feind immer einen Schritt voraus ist. Außerdem ist es taktisch Wertvoll die Gefangenen zu desertieren zu bewegen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt dieses Kapitels ist Sunzis Definition von Anpassungsfähigkeit. So sagt er das jede Art von Mensch einen bestimmten Nutzen hat. “Der weise Mann” ist ambitioniert und darauf bedacht Verdienste zu erwerben. “Der tapfere Mann” hingegen wird seinen Mut im Kampf zu Beweis stellen. “Der habgierige Mann” sucht seinen Vorteil und deckt somit potenzielle Chancen auf und “Der dumme Mann” hat keine Angst vor Verlust oder dem Tod.

Wieder einmal findet sich eine Parallele zum erfolgreichen Management, denn jeder Mitarbeiter hat einen Nutzen für das Unternehmen – die Aufgabe besteht darin, die richtige Aufgaben zu finden.

(4) Taktik

In diesem kurzen Abschnitt widmet der Autor sich der Taktik. Jeder bevorstehenden Schlacht muss eine Taktik vorhergehen, damit diese erfolgreich ausgeht.

Adaptiert man dieses Kapitel auf die aktuelle Zeit wird klar, dass ohne eine entsprechende Vorbereitung keine Konfrontation bzw. Verhandlung gewonnen werden kann.

(5) Energie

Unter Energie versteht Sunzi die Schaffung unendlicher Methoden durch Kombination aus einem Pool endlicher Manöver. Sunzi sagt, dass aus nur fünf Grundfarben eine Vielzahl von Schattierungen erzeugt werden kann und bezieht dies auch auf die Kriegsführung.

Im Management  ist es deshalb essenziell aus einer kleinen Auswahl von Alternativen in Kombination viele Möglichkeiten zu schaffen und somit Auswege aus schwierigen Situationen zu finden.

(6) Schwache und starke Punkte

Das Wissen über die Stärken und Schwächen des Gegners können über Sieg und Niederlage entscheiden. Der Autor erwähnt verschiedene Möglichkeiten um mit diesem Wissen den Feind zu dominieren und seine Schwächen als eigene Stärke zu verwenden.

Ähnlich verhält es sich  selbstverständlich auch in der Modernen. Wer hier seine Taktik auf sein Gegenüber abstimmt, wird erfolgreich sein.

(7) Manöver / (8) Taktische Varianten / (9) Armee auf dem Marsch / (10) Terrain /
(11) Die neun Situationen / (12) Angriff durch Feuer

Diese sechs Kapitel möchte ich als “technische Kriegsführung” zusammenfassen, da dort sehr detailliert auf die eigentliche Ausführung eines Kampfes eingegangen wird. In dem erwähnten Mittelteil des Buches findet sich sein Jahrtausende alter Ursprung wieder. Viele der hier genannten Taktiken mögen aus heutiger Sicht verhaltet wirken.

Diesbezüglich lässt sich nur weniges aus diesen Kapiteln nutzen, um einen Mehrwert in unserer heutigen Zeit zu erhalten. Allerdings finden sich im Kapitel 9  wertvolle Tipps zum Thema Mitarbeiterführung und Motivation wieder.

(13) Der Einsatz mit Spionen

Dieses letzte Kapitel widmet sich dem Einsatz von Spionen und weitergehend der Informationsbeschaffung. Sunzi hat diesem Kapitel eine ganz besondere Relevanz zugeschrieben, indem er der Informationsbeschaffung höhste Priorität einräumt. Nachdem die Arten von Spionen klassifiziert wurden wird erklärt, dass die Ausgaben für diese notwendig sind und hier nicht gespart werden darf. Des Weiteren können feindliche Spione dazu genutzt werden durch das Vertrauen welches sie beim Feind genießen sensible Informationen zu beschaffen.

Und auch heutzutage sind Informationen der Schlüssel zum Sieg. Können diese beschafft werden, ist es ein leichtes Gespräche in die gewünschte Richtung zu lenken und seinem Gegenüber einen Schritt voraus zu sein.

Fazit:

Das Buch “Die Kunst des Krieges” ist meiner Meinung nach uneingeschränkt zu empfehlen, sei es für die Kriegsführung, im Management oder als Lektüre für Studenten. Die Tatsache, dass es in Russland als Pflichtlektüre in der Politik und im Militär verwendet wird zeigt seine aktuelle Relevanz. Sunzi hat es geschafft vor 2500 Jahren ein Buch zu schreiben, welches zeitlos und auf jegliche Art der Kriegsführung anwendbar ist. Somit gibt es einen guten Einblick in die Militärkultur Chinas. Allerdings versteht es Sunzi in einem neutralen Stil zu schreiben und seine Erkenntnissen können somit leicht auf viele berufliche bzw. private Situation bezogen werden. Im weitesten Sinne ist alles im Leben ein Kampf, solange es Gewinner und Verlierer gibt. Somit können die 13 Kapitel auf ein erfolgreiches Bewerbungsgespräch, das Führen von Mitarbeitern, die Verhandlung mit Lieferanten oder auch die Eroberung eines potenziellen Partners angewandt werden.

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Buchrezension “China-Ein Länderporträt” von Marcus Hernig

China-Ein Länderporträt 

Buchdetails:

Autor: Marcus Hernig

Titel: China – Ein Länderporträt

Erscheinungsjahr: Juli 2016 (4. Auflage)

Verlag: Christoph Links Verlag, Berlin

Sprache: Deutsch

Genre: Sachbuch

Seitenanzahl: 213 Seiten

ISBN: 978-3-86153-93 -3

Preis: 18,00€

Der Autor

Der Autor Marcus Hernig, geboren im Jahr 1968, ist Autor von Sachbüchern und Romanen die hauptsächlich chinesisch – deutsche Beziehungen thematisieren. Er studierte Sinologie, Germanistik und Geschichte in Bochum, Deutschland und in Nanjing, China. Seit 1998 lebt er in Shanghai. Hernig ist tätig in chinesisch-deutscher Kultur- und Bildungsarbeit. Derzeit arbeitet er als Lektor des DAAD, und als Beauftragter des deutschen Generalkonsulats in Shanghai für Bildungszusammenarbeit und übt Gastprofessuren an der Tongji Universität in Shanghai und an der Zhejiang Universität in Hangzhou aus.

Motivation 

Im Rahmen dieses Projektes hatte ich das erste Mal die Gelegenheit ein Buch zu lesen das ausschließlich China thematisiert. Als erste Leseerfahrung über China habe ich deshalb ein eher sachliches Buch bevorzugt. Das Buch China – Ein Länderporträt erschien mir als ein Muss für meine Leseerfahrung, da es alle Themen von Gesellschaft bis Kultur, Geschichte, Politik, Demographie und Entwicklung beinhaltet. Ich war deshalb sehr interessiert mein bisher eher geringes China Wissen mit dieser Lektüre zu erweitern. Was mich zudem sehr motiviert hat dieses Buch zu lesen war das Profil des Autors. Dieser lebt selbst seit langem in Shanghai, in der Stadt die ich mit meinem ASBE Austausch auch besuchen werde, und arbeitet und forscht an dem chinesisch- deutschen Miteinander. Deshalb erhoffte ich mir mit diesem Buch nicht nur mein faktisches Wissen zu erweitern, sondern auch von den Erfahrungen des Autors zu profitieren.

Inhalt

Das Buch gliedert sich in acht unterschiedliche Kapitel. Diese decken Themen aus verschiedenen gesellschaftlichen, kulturellen, historischen, und politischen Bereichen ab.

Der Einstieg erfolgt mit dem Thema Ausländer – „Laowai“. Der Autor beschreibt, dass die Zahl der Ausländer in China immer weiter ansteigt. Im Zuge der Globalisierung zieht es immer mehr Menschen aus dem Westen nach China. Mit laowai bezeichnet man in China die Ausländer aus Europa oder Amerika. Diese sind wohlhabend und genießen ein hohes Ansehen von Seiten der Chinesen. Der Autor bemerkt, dass ein laowai in China immer ein laowai bleibt. Dies zeigt er an dem Beispiel von Eva Siao, geboren als Eva Sandberg in Deutschland, die 50 Jahre in China gelebt und gearbeitet hat, einen Chinesischen Mann geheiratet hat, trotz allem immer noch das Gefühl im Alltag bekommt, dass sie eine Ausländerin ist.

Im nächsten Kapitel spricht der Autor über Inländer, den „Baixing“. In diesem Kapitel liest man grundlegendes über die Chinesische Gesellschaft. Als erstes beschreibt Hernig die größte chinesische ethnische Gruppe, die Han Chinesen. Diese stellen 96% der Bevölkerung Chinas dar. Sie sind die älteste Chinesische ethnische Gruppe die man als Chinesische Ureinwohner versteht. Sie besetzen wichtige Führungspositionen in Wirtschaft, Politik und Bildung. Neben dieser ethnischen Mehrheit gibt es 56 weitere ethnische Minderheiten. Einige Beispiele sind die Mongolen, Uighuren oder Taiwanesen. Die Beziehungen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen sind durch Spannungen geprägt. Gründe sind Religion, Sprache oder Vorurteile zum Beispiel.

Am Beispiel von Guanxi erläutert der Autor das in China zwischenmenschliche Beziehungen durch verschiedene Philosophien geprägt sind. Guanxi, das gegenseitige Geben und Nehmen, beruht auf der Philosophie des Konfuzianismus. Neben dem Konfuzianismus gibt es unter anderem den Taoismus, der von vielen Chinesen wie eine Religion verstanden und ausgelebt wird. Konfuzianismus und Taoismus können in Harmonie zueinander ausgelebt werden.

Das dritte Kapitel des Buches beschreibt geschichtlich und politisch bedeutsame Ereignisse. Der Autor beginnt mit archaischen Königreichen, Dynastien und chinesischer Mythologie, und beendet das Kapitel mit den bedeutsamsten Revolutionen der Politikgeschichte.

Das nächste Kapitel heißt „Jiaoyu bisai – Bildung als Wettbewerb“. Wie die Kapitelüberschrift verrät, liest man in diesem Teil des Buches heraus, in was für einem starken Wettbewerb die Chinesen sich in ihrem Alltag befinden. Chinas Bevölkerung wächst. 2004 erreichte das Land die 1,3 Milliarden Einwohner Schwelle. Eine wachsende Bevölkerung bedeutet auch wachsender Wettbewerb. Chinesen werden von klein auf mit Wettbewerbsdruck erzogen. Im jungen Alter beginnt es in der Schule mit Rankings oder Wettbewerben, in denen jeder versucht die bestmögliche Leistung zu erlangen. Das Leben der Chinesen besteht aus Prüfungen. Bildung ist trotz allem ein Privileg und ein Kostenfaktor zugleich.

„Caishen – Der Geldgott“ lautet die Überschrift des fünften Teils des Buches. Hier beschreibt der Autor den Glauben der Chinesen an einen Geldgott. Wenn dieser das Geld gibt, dann sollte man es sparen und sinnvoll verwenden. Hernig erwähnt das Chinesen Weltmeister im Sparen seien. Auffallend ist, dass die ältere Generation mehr zum Geld sparen geneigt ist, dass aber die jüngere Generation immer mehr ihr Geld ausgibt speziell für Bildung, Immobilien, Autos, Reisen und Essen.

Essen ist das Schlagwort für die nächste Thematik die das Buch beinhaltet. Ausgaben für Essen in China steigen. Dies liegt einerseits an der Gewohnheit der Chinesen das Essen nicht nur eine Bedürfnisdeckung ist, sondern eine Aktivität an der die Chinesen großen Gefallen finden. Aber auch an steigenden Ansprüchen und Preisen. Bemerkenswert ist das Chinesen scharfes essen sehr bevorzugen und das die Küche nicht nur Nahrungsmittel liefert, sondern auch Medizin. Krankheiten bekämpft man üblicherweise am effektivsten mit chinesischen Hausmitteln aus der Küche.

In den beiden letzten Kapiteln des Buches spricht der Autor von der Reise Freudigkeit der Chinesen, von Chinesischen Festen, Traditionen, und von der Urbanisierung.

Chinesen sind Reiseweltmeister. Doch auch immer mehr nicht Chinesen zieht es in das Land der Mitte.

In China herrschen starke Unterschiede zwischen der Stadt und dem Land. Ländliche Regionen sind traditioneller geprägt. Es wird mehr Wert auf Gebräuche, Rituale und Festlichkeiten gelegt.

Ein sehr wichtiges chinesisches Fest ist das Neujahrsfest, auch bekannt als Frühlingsfest. Dieses wird in sehr großem, festlichem Ausmaß gefeiert. Signifikant sind Feuerwerke und das Neujahrsessen. Der Autor nennt ein interessantes Beispiel zu einem Neujahrsbrauch. Es ist üblich, dass zum Neujahrsfest Maultaschen (chinesisch: jaozi) gegessen werden. Wer beim Essen ein jaozi mit einer Erdnuss erwischt, der würde vom Geldgott besucht, so der Brauch.

Andere Festtage, die es so in Europa nicht gibt sind das Totenfest am 4. April oder zum Beispiel das Sommeranfangsfest am 5.Mai.

Der Autor schließt die Thematik ab indem er auf die Urbanisierung eingeht und Chinas starkes Wachstum erneut betont. Seit 2011 leben erstmals mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Chinas Wirtschaft und auch die Gesellschaft wächst und erlebt einen Wandel von Traditionellem zur Moderne.

Fazit

Das Buch China-Ein Länderporträt von Marcus Hernig ist eine gute Wahl, wenn man interessiert an chinesischer Kultur, Geschichte und Entwicklung ist. Es ist keinesfalls ein Reiseführer, auch wenn man bei dem ersten Blick den Anschein bekommt es sein ein sachlicher China-Reisebegleiter. Es ist vielmehr ein Bericht von Erfahrungen die der Autor selbst gemacht hat, oder die er übermittelt bekommen hat. Der Autor schreibt aus seiner subjektiven Perspektive, versucht aber dennoch das geschriebene objektiv zu erläutern.

Für Verwirrung sorgten einige Stellen in denen er Klischees wie zum Beispiel „Chinesen sind gelb“ als eine anerkannte Beschreibung der chinesischen Hautfarbe darlegt.

Das Buch ist in einer bildlichen Sprache geschrieben, die geschilderten Ereignisse kann man sich somit gut vorstellen. Der Autor schreibt über viele verschiedene Themenbereiche, an einigen Stellen springt er leider zu stark zwischen den verschiedenen Themen sodass es für einen unerfahrenen Leser schwierig ist teilweise den Zusammenhängen zu folgen.  Die Themen werden an einigen Stellen sehr ausführlich bis in das kleinste Detail erläutert, was ich als sehr positiv empfunden habe um mein China Wissen zu erweitern. Die Informationsquantität des Buches ist sehr hoch.

Zusammenfassend liefert das Buch von Hernig einen guten Überblick über das traditionelle, wie auch das Moderne China. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Tradition und Moderne, Stadt und Land, Dorf und Metropole, Inländer und Ausländer werden ausführlich und lebendig gegenübergestellt und erweitern die Chinahorizonte des Lesers.

Als Einstiegslektüre in das Thema China, so wie ich dieses Buch genutzt habe, kann ich es auf jeden Fall weiterempfehlen.

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