Buchrezension: Und über mir das MEER 

  1. Buchdetails
    Titel: Und über mir das MEERUnd über mir das MEER
    Originaltitel: White Chrysanthemum
    Autorin: Mary Lynn Bracht
    Übersetzung aus dem Englischen: Elke Link
    Erscheinungsjahr: 2018
    Seiten: 384
    Verlag: Limes Verlag
    ISBN: 978-3-8090-2681-5
    Preis: 20,00€

Motivation
Auf der Suche nach einem passenden Buch für die Buchrezension habe ich mich auf koreanische Romane konzentriert, da ich gerne solche Bücher lese. Ich suchte eine fiktionale Geschichte, die aber auf wahren Begebenheiten beruht und dessen Thema mir nicht bekannt war, um mein Wissen über Südkorea erweitern zu können. Da die Inhaltsangabe direkt historische und kulturelle Aspekte aufgegriffen und so mein Interesse geweckt hat, habe ich mich für diesen Roman entschieden.

Über die Autorin
Mary Lynn Bracht ist eine amerikanische Autorin mit koreanischen Wurzeln. Sie lebt in London und hat dort an der Universität Kreatives Schreiben studiert. Ihre Kindheit verbrachte sie in einer großen Gemeinde voller Frauen, die in Südkorea während der Nachkriegszeit aufgewachsen sind. „Und über mir das MEER“ ist ihr erster Roman. Die Inspiration für dieses Buch bekam sie 2002 während eines Besuches in dem Dorf, in dem ihre Mutter großgeworden ist. Auf ihrer Reise erfuhr sie von heimischen Geschichten und hörte das erste Mal von den „Trostfrauen“, weiblichen Kriegsgefangenen in japanischen Bordellen.

Aufbau des Buches
Das Buch ist in zwei sich abwechselnden zeitlichen Abfolgen geschrieben, die zwischen zwei Frauen aufgeteilt sind. Zum einen wird das Leben von Hana in den 1940er Jahren wiedergeben. Zum anderen wird Emis Leben im Jahr 2011 darstellt. Das Buch wechselt während des Romans abwechselnd zwischen den Perspektiven der beiden Frauen. Ein Kapitel wird aus der Perspektive von YoonHui, Emis Tochter, erzählt. Zusätzlich enthält der Roman eine Karte Asiens von 1942, weitere Lesungen und einen Ausschnitt mit wichtigen historischen Daten.

Inhalt
Der Roman handelt von zwei koreanischen Schwestern namens Hana und Emi, die durch den Zweiten Weltkrieg voneinander getrennt wurden. Die Schwestern sind haenyeo, Taucherinnen und gehören einer großen weiblichen Gemeinschaft an. Im Alter von 16 Jahren wird Hana von einem japanischen Soldaten entführt. Der Roman konzentriert sich auf die Erfahrungen von Trostfrauen und wie der Krieg verschiedene Hierarchien von Individuen aus verschiedenen Perspektiven beeinflusst hat.
Die Geschichte beginnt mit den beiden Schwestern am Strand der Insel Jeju. Hana ist gemeinsam mit ihrer Mutter im Meer und sie tauchen nach Muscheln, während Emi am Ufer auf sie wartet. Als sich ein japanischer Soldat dem Strand nähert, schwimmt Hana zügig auf Emi zu, um sie vor dem Mann zu verstecken. Der Soldat namens Korporal Morimoto unterhält sich mit Hana ohne, dass er Emi entdeckt. Schließlich nimmt er Hana mit und ihre Schwester wird zurückgelassen. Der Roman teilt sich dann zwischen den beiden Frauen, als Hana eine Trostfrau wird und Emi sechzig Jahre später nach ihrer Schwester sucht.

Hanas Perspektive (1940er Jahre):
Hana wird von Korporal Morimoto zu einer Polizeistation gebracht, wo sie die Lüge erzählt, dass ihre Familie tot sei, damit sie sie nicht finden können. Sie wird zusammen mit anderen Mädchen in einen Lastwagen gesetzt. Während der Fahrt wird Hana von der Gruppe getrennt und zu einer Fähre mit anderen Mädchen gebracht. Auf der Überfahrt zu einem unbekannten Ort vergewaltigt Morimoto sie. Vom Schiff aus geht es für die jungen Frauen in einen Zug, in dem sie die Nachricht erfahren, dass sie in die Mandschurei gefahren und dort in ein Bordell gebracht werden.
Am nächsten Morgen erhalten die einheimischen Soldaten von der Ankunft einer neuen Trostfrau und besuchen Hana. Auch Korporal Morimoto besucht sie jede Nacht während seines Dienstes und vergewaltigt sie. Er schmiedet für sie gemeinsame Pläne und organisiert ihr die Flut aus dem Bordell. Hana nutzt diese und versucht dem Korporal zu entkommen, jedoch holt er sie ein und sagt ihr, dass er sie in die Mongolei bringt.
In der Mongolei wird sie bei einer kleinen Familie untergebracht. Korporal Morimoto hingegen verlässt sie für eine gewisse Zeit und Hana beginnt mongolische Begriffe und die Menschen, bei denen sie wohnt, kennen zu lernen. Als Morimoto wiederkehrt, versucht sie auf einem Pony zu fliehen. Der Mann holt sie schließlich ein, jedoch werden die beiden von sowjetischen Soldaten festgenommen. Die Soldaten töten Korporal Morimoto und lassen Hana an die mongolische Familie frei. Diese bringt sie zurück an den Ort, an dem sie leben. Der Roman endet aus Hanas Sicht mit dem Schwimmen im Uvs See.

Emis Perspektive (2011):
Emi beginnt ihren Tauchgang als haenyeo mit JinHee, einer Taucherfreundin. Emi spricht von einem Traum, den sie oft hat, wo sie auf einer Klippe steht und die Stimme eines Mädchens hört, das nach ihr ruft, was vertraut, aber seltsam ist. Sie ist 77 Jahre alt und spricht oft davon, dass das Tauchen ein Geschenk ist, das ihre Mutter ihr beigebracht hat. Emi spricht darüber, dass sie ihre Kinder nicht oft besucht, weil sie eine distanzierte Beziehung zu ihnen hat. Sie nimmt ein Taxi und dann ein Flugzeug nach Seoul, um ihre Familie zu besuchen.
JinHee überzeugte Emi, zur Eröffnungsfeier des Jeju Peace Park zu gehen, der an den Jeju-Aufstand von 1948 erinnert. Der Jeju-Aufstand von 1948 führte zum Massaker an über zwanzigtausend Inselbewohnern. Sie erinnert sich, wie ihr Familienhaus verbrannt wurde, als sie vierzehn Jahre alt war. Als sie an der Veranstaltung teilnimmt, bemerkt sie, dass alle die gleichen Blumen trugen, weiße Chrysanthemen, die ein Symbol der Trauer sind.
In Seoul ist Emi bei der tausendsten Mittwochsdemonstration, die seit 1992 stattfindet. Sie erinnert sich an die Zeit bevor der Koreakrieg begonnen hatte, wie 1948 ihr Vater von einem Polizisten vor ihr und ihrer Mutter die Kehle aufgeschlitzt bekam. Sie und ihre Mutter flohen, wurden jedoch von Polizisten entdeckt und diese brachten sie zu einer Polizeistation. Einer der Polizisten, HyunMo, zwang Emi, ihn zu heiraten. Als Emi im Moment der Demonstration zurück ist, trifft sie eine Gruppe älterer Frauen und fragt, ob sie eine Hana gekannt haben. Sie antworten, indem sie sagen, dass sie nach Blumen benannt wurden, aber nicht die richtigen Namen des anderen kannten. Die Demonstration geht weiter, und es gibt eine Statue des Friedens, von der Emi weiß, dass sie von Hana ist. Emi erzählt ihren Kindern, dass sie kein Einzelkind war und dass sie es ihnen aus Scham nicht gesagt hat. Sie verrät, dass ihre Schwester Hana sich selbst geopfert hat, um sie zu retten.
Hyoung, Emis Sohn, fragt sie, warum sie ihren Vater gehasst hat. Sie offenbart ihren Kindern, dass sie nicht aus Liebe geheiratet haben, sondern wegen des Krieges. Sie war mit sechzehn Jahren schwanger und hatte Angst, Mutter zu werden. Nachdem sie erfahren hatte, dass HyunMo ihre Mutter töten ließ, sagte sie ihrem Sohn, dass er das Einzige sei, was sie davon abhielt, sich selbst zu töten. Ihr Sohn wurde in dem Jahr geboren, in dem der Koreakrieg begann. Emi besucht die Statue wieder mit ihren Kindern. Sie sagt, dass es ihre Schwester Hana sei. Sie erzählt YoonHui, dass sie stolz darauf war, dass sie die Universität besucht hat, und dass sie stolz auf ihren Sohn war. Emi ist endlich zufrieden, da sie denkt, dass sie Hana endlich gefunden hat.

YoonHuis Perspektive (2012):
YoonHui liegt im Meer und möchte tauchen, um sich daran zu erinnern, wie es ist, eine haenyeo, wie ihre Mutter zu sein. YoonHui besuchte die Statue, nachdem ihre Mutter gestorben war. Ihr Neffe wies darauf hin, dass jemand Blumen hinterlassen hatte, es waren weiße Chrysanthemen. Ihre Freundin fand den Künstler, der die Statue geschaffen hat, und sie teilten ein Schwarz-Weiß-Foto, das die Statue inspirierte. Sie stammt von der Tochter einer Frau, die während des Zweiten Weltkriegs von russischen Soldaten gefangen genommen wurde und sie dem Museum für sexuelle Sklaverei geschenkt hatte. Es hatte das Etikett von haenyeo girl, mit dem Datum 1993. YoonHui verabschiedet sich von der Statue mit den Worten „Tante Hana“.

Fazit
“Und über mir das Meer” ist eine fiktionale Geschichte, die auf historischen Fakten beruht und deshalb für mich besonders schockierend ist. Ich habe vor diesem Buch gar nichts über die so genannten ,,Trostfrauen“ gewusst und finde es daher gut, dass die Autorin hier das oft verdrängte und fast vergessene Thema aufgreift. Es ist schrecklich, was damals mit den koreanischen Mädchen passiert ist, wobei mich Hana während des Lesens beeindruckt hat. Sie ist eine starke junge Frau, die sich selbst opfert, damit ihrer Schwester ein schlimmes Schicksal erspart bleibt. Während ihrer Zeit im Bordell nimmt sie nicht alles einfach so hin, sondern wehrt sich erst und lässt sich nie ganz unterkriegen. Durch die neutrale Schreibweise wird man als Leser immer auf Distanz gehalten, wobei ich denke, dass nur so die Geschichte überhaupt lesbar und erträglich bleibt. Meiner Meinung nach ist es gut, dass die Autorin sich hier ausführlich mit dem verdrängten Thema auseinandergesetzt hat und dadurch den Frauen, die bis heute unter der Vergangenheit leiden, eine Stimme gibt. ,,Und über mir das Meer” ist für mich ein sehr beeindruckender, aber auch bewegender Roman, welcher mich ein Stück besser auf meine Zeit in Südkorea vorbereitet hat. Gerne empfehle ich dieses Buch weiter.

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