Buchrezension: Die Chinesen – Psychogramm einer Weltmacht

CoverAllgemeine Informationen:

  • Titel: Die Chinesen – Psychogramm einer Weltmacht
  • Autoren: Stefan Baron, Guangyan Yin-Baron
  • Verlag: Econ
  • ISBN: 978-3430202411
  • Erscheinungsjahr: 9. Februar 2018, 7. Auflage
  • Umfang: 448 Seiten
  • Preis: 25 €

 

Über die Autoren:
Stefan Baron, Jahrgang 1948, war für 16 Jahre Chefredakteur der WirtschaftsWoche. Er ist preisgekrönter Journalist und Volkswirt, der bereits am Kieler Institut für Weltwirtschaft und beim Spiegel arbeitete. Im Jahr 2007, kurz vor der Finanzkrise, ging er aktiv in die Wirtschaft und wurde 2012 Kommunikationschef der Deutschen Bank.
Seine Ehefrau Guangyan Yin-Baron, geboren 1967, studierte in China Kommunikation und Journalismus und arbeitete bei der “Kanton-Zeitung”, einer der größten Zeitungen des Landes. Sie kam 1993 nach Deutschland, um Ökonomie in Witten-Herdecke zu studieren. Sie lebt seither in Deutschland und ist als Beraterin für Unternehmen beider Länder tätig.

Meine Motivation:
Einerseits versprach die wirtschaftliche und wissenschaftlich fundierte Ausrichtung des Buches einen für mich passenden und repräsentativen Einblick in Charakteristika, Handlungsmuster und Intentionen des chinesischen Volkes zu gewinnen. Andererseits handelte es sich nicht um ein reines Fachbuch oder gar wissenschaftliche Literatur, was guter Lesbarkeit und leichterem Verständnis zu Gute kommen sollte. Diese Erwartungen wurden gestützt durch zahlreiche positive Statements und Auszeichnungen, wie beispielsweise:

  • “Ein spannendes und außerordentlich lehrreiches Buch.” – Sigmar Gabriel; ehemaliger Außenminister
  • “Differenziert und faktenreich” – Bundeszentrale für politische Bildung
  • Auf der Bestenliste “Sachbücher des Monats Mai 2018” von Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, WDR 5, Österreich 1 und Telepolis
  • Auszeichnung als Wirtschaftsbuch des Jahres

Entsprechend erhoffte ich ein hochaktuelles und tiefgehendes Porträt jenes Volkes, welches mich bald für ein halbes Jahr umgeben wird und welches – wie kein anderes – unsere zukünftige Welt prägen dürfte.

Gliederung und Inhalt:
Nach der Einführung, welche beispielsweise die Schreibweise chinesischer Namen, aber auch das Problem der “chinesischen Herausforderung” behandelt, untergliedert sich das Buch in drei Teile mit mehreren Unterpunkten, in denen insb. der Einfluss der konfuzianischen Geisteshaltung auf gesellschaftliche Entwicklungen in China aufgezeigt wird.
Teil I behandelt die Psychologie des Volkes in Hinblick auf Vielfalt und kollektives (Unter-) Bewusstsein; das westliche China-Bild im Wandel der Zeiten zwischen Faszination, Furcht und Verachtung; Geistes- und kulturgeschichtliche Grundlagen von Konfuzius und Laotse bis Mao und Deng. In Teil II geht es um Erziehung und Sozialisation bezüglich Familie, Hierarchie, Bildung; um Chinas praktisches, ganzheitliches und dialektisches Denken und Wahrnehmen; die vieldeutige, indirekte und distanzierte Sprache und Kommunikation; Moral und Gesellschaft mit Themen wie Nächstenliebe, der Bedeutung von Netzwerken oder Gesichtswahrung („Mianzi“); die Stellung sowie das sachliche, nüchterne und partnerschaftliche Verhältnis von Mann und Frau; sowie Lebenseinstellung und Temperament, welche als vital, gewieft, gleichmütig beschrieben werden. Teil III bildet den Abschluss mit Fokus auf Wirtschaft und Arbeitswelt, insb. Paternalismus, Merkantilismus und Modernisierung; Staat und Herrschaft zwischen Meta-Konfuzianismus und Sino-Marxismus sowie China und der Welt in Hinblick auf Frieden, Stärke und Multipolarität.
Die meisten Wirtschaftsvertreter sehen China vor allem als sehr bedeutsamen Wirtschaftsfaktor. Das „Reich der Mitte“ fungiert einerseits als riesiger Absatz- und Beschaffungsmarkt, steht andererseits inzwischen als ernstzunehmender Wettbewerber dar. Die Orientierung an volkswirtschaftlichen Kenngrößen reicht nach Meinung der beiden Autoren nicht aus, um die Entwicklungen rund um den enormen Aufstieg Chinas zu erfassen, welcher letztlich die bisherige, von den USA dominierte Weltordnung, neu justiert. Es gelte auch Geisteshaltung, Kultur und Geschichte der Chinesen zu verstehen. Das vorliegende Psychogramm der Chinesen – genauer der Han-Chinesen, da China ein Vielvölkerstaat mit erheblichen ethnischen Konfliktfeldern ist – möchte dies skizzieren.
Die Autoren betonen die starke Prägung der chinesischen Denkweise durch Konfuzius. “Zentrales Ziel der konfuzianischen Lehre ist es, das Zusammenleben so zu regeln, dass die Menschen in Harmonie miteinander und mit der Natur leben können.” Dorthin führe der “Weg der Mitte”. Maß und Mitte bedeuten in diesem Zusammenhang, extreme Handlungen oder Meinungen zu unterlassen, nicht einen alleinigen Wahrheitsanspruch zu erheben und bei Konflikten mit Verständnis für die andere Seite zu reagieren. In Anbetracht des Verhaltens der chinesischen Staatsgewalt ggü. Andersdenkenden klingt letzteres jedoch zu euphemistisch.

Fazit:
Über China und die Chinesen bestehen im Westen gemeinhin zahlreiche Vorurteile. Nicht verwunderlich, denn kaum eine andere Kulturnation als die chinesische wirkt zur europäischen Kultur fremder. Stefan Baron und Guangyan Yin-Baron wollen als Autorenpaar mit naiven Klischees aufräumen und dazu bewegen, eigene Sichtweisen zu hinterfragen. Man lernt über den Stellenwert des Konfuzianismus in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht, erlangt Verständnis vom chinesischen Bestreben nach mehr Macht und dem aggressiven Verhalten der Trump-Administration, welche den Status quo US-amerikanischer Vorherrschaft zu verlieren droht. Beispielsweise ist das historisch einmalig ambitionierte Projekt der “Neuen Seidenstraße” mit eurasischem Verlauf insbesondere im Interesse Chinas und soll dessen wirtschaftliche Position und geopolitische Relevanz nachhaltig weiter verbessern. Laut den Autoren liegt die größte Bedrohung für den Frieden allerdings nicht im chinesischen Nationalismus oder der Aufrüstungspolitik, sondern geht von einer Fehleinschätzung dieser Absichten aufgrund unzureichenden Verständnisses aus. Jedoch wird betont: “Verstehen bedeutet nicht gutheißen.” Die Autoren sind keineswegs unkritische Unterstützer des autoritären Staatskapitalismus Chinas, sondern befürworten eine multipolare Weltordnung.
Wie der Untertitel „Psychogramm einer Weltmacht“ verspricht, erhält man detaillierte, fundierte Einblicke in historische, kulturelle, geisteswissenschaftliche sowie sozio-psychologische Aspekte des „Reichs der Mitte“, wodurch das Buch eine ideale Vorbereitung auf mein Auslandssemester darstellt. Natürlich kommt dieses nicht ohne diverse Verallgemeinerungen aus, was den Autoren jedoch durchaus bewusst ist und mit der nötigen Vorsicht betont wird. Das Werk ist trotz seines gehobenen Anspruchs gut verständlich, was es erleichtert, kulturelle Prägungen sowie die Kontinuität des politischen Denkens von Konfuzius über Mao bis heute nachzuvollziehen. Hinsichtlich sensibler Themen wie Menschenrechten oder der Minderheitenproblematik hätte ich jedoch eine kritischere Positionierung gewünscht. Allerdings wurde dies scheinbar bewusst ausgeklammert, um nicht in politische Statements zu verfallen.

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