Buchrezension: Das Schicksal der Drachentöchter

Titel: Das Schicksal der DrachentöchterCover
Autor: William Andrews
Erscheinungsjahr: April 2018, Originalausgabe 2016
Verlag: Tinte & Feder
Seitenanzahl: 413 Seiten
ISBN: 978-2919800025
Preis: 9,99 €

Motivation
Da ich mich schon seit längerer Zeit für Korea interessiere, habe ich mich häufig mit dem Land und auch dessen Geschichte beschäftigt. Daher habe ich für die Rezension nach einem Buch gesucht, in dem ich etwas mehr über Koreas Geschichte lernen kann. Ich stieß bei meiner Suche auf ,,Das Schicksal der Drachentöchter“ und die guten Rezensionen brachten mich dazu, einen näheren Blick auf das Buch zu werfen. Obwohl ich wusste, dass es während des zweiten Weltkriegs Trostfrauen gegeben hat, konnte ich mir nicht sehr viel über die wirklichen Umstände und wie heute mit diesem schrecklichen Teil der Geschichte umgegangen wird, vorstellen. Nachdem ich den Klappentext gelesen habe, wollte ich herausfinden, was es wirklich damit auf sich hatte und ob der Titel, der für mich anfangs nur wenig mit der Geschichte im Buch zu tun hatte, später Sinn ergeben würde.

Über den Autor
Der amerikanische Autor William Andrews arbeitete über dreißig Jahre lang als Marketingleiter für verschiedene Konzerne und gründete später seine eigene Werbeagentur. Nachts und an Wochenenden schrieb er fiktive Geschichten. Sein dritter Roman ,,Das Schicksal der Drachentöchter“ wurde durch seine in Korea geborene Adoptivtochter inspiriert. Durch sie hat Andrews eine starke Verbindung zu Korea und ist fasziniert von dem Land. Seit Andrews in Rente gegangen ist, widmet er sich dem Schreiben komplett, sodass 2018 ein weiterer Teil der Geschichte um Anna Carlson veröffentlicht wurde.

Gliederung und Inhalt
Der Roman umfasst 49 Kapitel und gibt am Ende noch einige Informationen zu der heutigen Lage von ehemaligen Trostfrauen und wie Korea und Japan dieses Thema aufarbeiten beziehungsweise zu den Akten legen möchten. Außerdem findet sich im letzten Teil des Buches ein kleines Interview mit Andrews, in dem er erklärt, dass es sich um eine fiktive Geschichte handelt, die allerdings auf wahren Ereignissen beruht.
Im Roman, der einen Einblick in die Geschichte Koreas zulässt, gibt es zwei Hauptfiguren, die jeweils im Wechsel aus der Ich-Perspektive erzählen. Diese Wechsel sind gut zu erkennen, da jeweils sowohl das Jahr als auch der Ort, an dem die Geschichte nun spielt, angegeben werden.

Die Geschichte beginnt mit der amerikanischen Studentin Anna Carlson, die nach dem Tod ihrer Adoptivmutter nach Seoul in Korea reist, um ihre leibliche Mutter zu finden. Dort angekommen, muss sie feststellen, dass diese bereits bei ihrer Geburt verstorben ist. Anna trifft allerdings auf ihre Großmutter Jae-hee, die ihr von ihrem Leben erzählen möchte und dabei mit den schrecklichen Erlebnissen während des zweiten Weltkriegs beginnt.

Das Leiden als Trostfrau
Jae-hee ist erst 14 Jahre alt, als sie und ihre zwei Jahre ältere Schwester Soo-hee einen Befehl der japanischen Armee bekommen, in dem geschrieben steht, dass sie in einer Stiefelfabrik arbeiten sollen, um dort Japan zu dienen. Dort angekommen, müssen die Mädchen feststellen, dass die besagte Stiefelfabrik nicht existiert und es eine Falle war, um sie in eine Troststation zu locken. Dort werden die jungen Koreanerinnen tagtäglich von mehreren Dutzenden japanischen Soldaten vergewaltigt. Gehorchen sie nicht, werden sie brutal ausgepeitscht oder erschossen. Viele ihrer Freundinnen, die auch gezwungen werden, dort zu leben, nehmen sich in ihrer Verzweiflung selbst das Leben oder sterben durch gefährliche Abtreibungen, die lediglich mit einem Draht durchgeführt werden. Nach zwei Jahren voll von Qualen, Schmerzen und dem Gefühl, den Verstand zu verlieren, verlieren die Japaner den Krieg und versuchen, die Troststation dem Boden gleich zu machen und alle Beweise zu vernichten. So kann Jae-hee aus einem Versteck nur dabei zusehen, wie alle Baracken niedergebrannt werden und ihre Freundinnen und Leidensgenossinnen nach und nach erschossen werden. Sie selbst kann nur durch einen Moment der Gnade eines Schützen überleben und wird daraufhin von russischen Soldaten als vermeintlich einzige Überlebende gefunden.

Nordkorea und der Versuch, zu vergessen
Nach der Befreiung aus der Troststation kehrt Jae-hee nach einer langen Reise zu Fuß zu ihrem Elternhaus zurück und stellt fest, dass niemand mehr dort ist. Sie erfährt, dass ihre Eltern verstorben sind und sie somit keine Familie mehr hat. Sie macht sich auf den Weg nach Pjöngjang, um dort als Übersetzerin zu arbeiten. Dort trifft sie den Kommunisten Jin-mo, der später der Vater ihrer Tochter werden soll. Obwohl es zunächst nach einer Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea aussieht, zeigen sich nach einiger Zeit viele Konflikte und so werden beide Länder endgültig geteilt. Befürworter für ein gemeinsames Korea, so wie Jin-mo, werden getötet und so steht Jae-hee mit einem ungeborenen Baby in einer Ideologie da, mit der sie sich schon lange nicht mehr identifizieren kann. Als Glück im Unglück hinterlässt Jin-mo ihr vor seinem Tod etwas Geld und beschreibt einen Weg, wie Jae-hee nach Südkorea fliehen kann. Sie verliert keine Zeit und macht sich schon am nächsten Tag mit nichts außer den Kleidern an ihrem Körper, Jin-mos Geld und dem Baby im Bauch auf den Weg. Nach einer gefährlichen Reise mitten in der Nacht wird sie von Soldaten im offenen Feld aufgegriffen – sie ist in der Republik Südkorea angekommen.

Überleben in Südkorea
Die mittlerweile 25-jährige Jae-hee muss nach ihrer Flucht nach Südkorea nun auch ihre 3-jährige Tochter Soo-bo versorgen, was ihr nicht gelingt. Sie sieht sich gezwungen, einen Job an der Bar eines Bordells in einer US-Militärbasis anzunehmen. Wieder befindet sie sich in einer Umgebung, die sie die Zeit als Trostfrau nicht vergessen lässt. Glücklicherweise lernt Jae-hee in der Bar General Crawford kennen, der ihr nach einem Jahr im Camp genug Geld gibt, um nach Seoul zu gehen und dort Arbeit zu finden. Dieses Unterfangen ist in einem Ort, der von Arbeitslosigkeit nach dem Krieg geprägt ist, allerdings sehr schwierig und so müssen Jae-hee und Soo-bo lange in Armut leben, bis sich das Blatt endlich für sie wendet.
Zehn Jahre später, im Jahr 1964, hat Jae-hee endlich einen tollen Job gefunden, kann ihrer Tochter Bildung ermöglichen und bekommt sogar einen Heiratsantrag von einem Arbeitskollegen. Als dieser jedoch erfährt, was Jae-hee in jungen Jahren durchstehen musste, bezeichnet er sie als unehrenhaft. Er sorgt dafür, dass sie ihren Job verliert und somit beginnt das Leiden in Armut von Neuem.
Einige Jahre später versucht Jae-hee verzweifelt, ihre Geschichte zu erzählen, doch den Koreanern scheint ein ehrenhaftes Land zu sein wichtiger als das Wohl von tausenden Frauen. Als Soo-bo schwanger wird, wird die Lage der beiden immer komplizierter. Jae-hee widerfährt ein erneuter Schicksalsschlag, als ihre Tochter bei der Geburt ihrer Enkelin Ja-young stirbt. Jae-hee gibt das Baby zur Adoption frei und findet das Kind Jahre später als Anna Carlson wieder. Anna hört sich die Geschichte ihrer Großmutter an und erfährt auch, dass Jae-hees Schwester Soo-hee noch am Leben ist. Daher organisiert Anna mit sehr viel Bemühen und mehreren Zehntausend Dollar ein Treffen zwischen den Schwestern, die all die Jahre von der Grenze zwischen Nord- und Südkorea getrennt waren.

Fazit
Andrews hat mit seinem Roman bei mir genau den Nerv getroffen, den er beim Schreiben vermutlich im Visier hatte. Die Geschichte von Jae-hee, die zwar fiktiv ist, aber auf wahren Begebenheiten beruht, lässt mich erschüttert zurück. Der Schock, der nach dem Lesen bleibt, beschränkt sich hierbei nicht nur auf die schrecklichen Ereignisse in den Troststationen, in denen Tausende Koreanerinnen während des zweiten Weltkriegs jahrelang auf brutalste Weise gequält und missbraucht wurden, sondern auch über die Weise, wie bis heute mit diesen Tatsachen umgegangen wird. Vor allem Japan scheint dieses Thema am liebsten unter den Teppich kehren zu wollen, was vermuten lässt, dass die Frauen sich teilweise bis heute noch selbst für das verantwortlich fühlen, was ihnen widerfahren ist. ,,Das einzige Ehrenwerte wäre gewesen, Nein zu sagen und den Tod zu wählen! (…) Du hast mich entehrt.“ (S. 340f). Laut Williams hat Japan nach jahrelangen Protesten zugestimmt, sich zu entschuldigen, allerdings wurde nie zugegeben, dass die Frauen zu all den Taten gezwungen wurden. Genauso wenig muss in den Geschichtsbüchern in japanischen Schulen darüber berichtet werden. Dies ist eine Tatsache, die mich sehr nachdenklich und verärgert zurücklässt.
Nichtsdestotrotz kann ich den Roman weiterempfehlen. Auch wenn einige Passagen sehr schwierig zu lesen sind und teilweise die Tränen in die Augen treiben, ist das Buch trotzdem oder gerade deswegen sehr fesselnd und nur schwer aus der Hand zu legen. Ich finde es wichtig, sein Geschichtswissen nicht nur auf das eigene Heimatland zu beschränken und dieser Roman hat mir geholfen, mein Wissen mithilfe einer packenden Geschichte zu erweitern. Andrews trifft es mit seiner Beschreibung auf der Rückseite des Buches auf den Punkt, es ist ,,die dramatische Geschichte einer starken Frau, ihren Mut und die Macht der Vergebung.“

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