Buchrezension: Reißt die Knospen ab…

Das Buch:Buchcover

Titel: Reißt die Knospen ab…

Autor: Kenzaburō Ōe

Erscheinungsjahr: 2002; Originalausgabe aus 1958

Übersetzung aus dem Japanischen: Otto Putz

Verlag: Fischer Taschenbuchverlag

Preis: 8,00 €

ISBN-13: 978-3596505302

Meine Motivation:
Während meines Sprachkurses am Landes-Spracheninstitut in Bochum hat mir die dortige Bibliothekarin Vera Freedman den Schriftsteller Kenzaburō Ōe ans Herz gelegt. Er gehöre zu ihren liebsten japanischen Autoren und werde auch häufig von einem ihrer befreundeten Literaturwissenschaftlern empfohlen. Das Werk Reißt die Knospen ab… spiegele laut Freedman Ōes Beschäftigung mit der französischen Literatur, besonders mit Jean-Paul Sartre wider, und zeige gleichzeitig eine erschreckende Darstellung von Gewalt, die Japanern üblicherweise nicht zugeschrieben wird. Der Klappentext verweist bereits auf Parallelen zu William Goldings Roman Herr der Fliegen, welchen ich bereits zu Schulzeiten gelesen habe. Aufgrund dessen war ich gespannt, ein japanisches Werk über die Schaffung einer anarchischen Gesellschaft durch eine einsame Kindergruppe zu lesen und hier eventuelle Parallelen oder auch Differenzen zu erkennen.

Über den Autor:
Kenzaburō Ōe, geboren 1935 auf der Insel Shikoku, ist ein japanischer Schriftsteller. Er studierte Romanistik an der Universität Tokio und beschäftigte sich in diesem Zusammenhang verstärkt mit französischen Schriftstellern, besonders aber mit Jean-Paul Sartre, über den Ōe auch seine Abschlussarbeit verfasste. Ōe schrieb zahlreiche Essays, Geschichten und Romane, die stark von französischer sowie amerikanischer Literatur beeinflusst wurden. Sie behandeln politische, soziale aber auch philosophische Themen. Ōe zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern seiner Generation. Bereits mit 23 Jahren erhielt er für sein Werk Der Fang den in Japan hoch angesehenen Akutagawa-Preis. Es folgten viele weitere Auszeichnungen, im Jahr 1994 dann der Nobelpreis für Literatur für die Schaffung einer imaginären Welt, in der sich Leben und Mythos zu einem beunruhigenden Abbild der heutigen menschlichen Lage verdichten.

Gliederung und Inhalt:
Die Geschichte des Romans Reißt die Knospen ab… spielt in Japan während des zweiten Weltkriegs. Eine Gruppe heranwachsender Jungen, die in einer Erziehungsanstalt untergebracht sind, sollen aufgrund von drohenden Bombardierungen evakuiert werden. Die Kinder werden in ein entlegenes Bergdorf, das nur über eine Schlucht zu erreichen ist, gebracht. Dort werden sie wegen der Angst vor einer Seuche von den Dorfbewohnern ihrem Schicksal überlassen. Der einzige Fluchtweg über die benannte Schlucht wird dabei von den Dorfbewohnern versperrt, sodass die Jungen versuchen müssen, allein in dem verlassenen Dorf zu überleben. Nach anfänglicher Angst und Wut, beginnt die Gruppe von dem Dorf Besitz zu ergreifen. Sie plündern die Häuser und schaffen es, ihr Überleben zu organisieren. Diese Dynamik findet jedoch mit der plötzlichen Rückkehr der Dorfbewohner und ihrer erneuten Machtübernahme ein alsbaldiges Ende.

Der Roman beinhaltet zehn Kapitel, die sich inhaltlich in drei wesentliche Etappen der Geschichte unterteilen lassen: vor der Flucht der Dorfbewohner, das Überleben der Jungen im verlassenen Dorf und die Rückkehr der Bewohner. Die Geschichte wird aus der Sicht eines Ich-Erzählers beschrieben.

Vor der Flucht:
In den ersten drei Kapiteln lernt der Leser die Gruppe der straftätigen Jugendlichen kennen, die in der Besserungsanstalt untergebracht ist. Das Ende des Krieges naht und da die Bombenangriffe immer gravierender werden, entscheidet sich der Leiter der Anstalt, die verbliebenen Kinder, die nicht von ihren Eltern abgeholt wurden, zu evakuieren. Nachdem die Suche nach einem geeigneten Ort sich als schwierig herausstellt, werden die Jugendlichen letztendlich in einem abgelegenen Bergdorf, das sie mithilfe einer Lore über eine Schlucht erreichen, untergebracht. Auch der Ich-Erzähler und sein jüngerer Bruder, die Teil der Gruppe sind, werden auf diese Art evakuiert. Der Erzieher lässt die Jungen nach der Ankunft im Dorf zurück, um zur Erziehungsanstalt zurückzukehren und eine zweite Gruppe zu evakuieren. Die Dorfbewohner behandeln die Kinder mit mangelndem Respekt, sperren sie nachts in einen Holzverschlag ein, geben ihnen nur wenig Essen von schlechter Qualität und zwingen sie mit vorgehaltener Waffe zu niederen Arbeiten. Letztere umfassen vor allem das massenhafte Verscharren von Tieren, die an einer Seuche zugrunde gegangen sind. Als die Sterberate der Tiere schlagartig ansteigt und auch Menschen der seltsamen Krankheit erliegen, steigt die Angst vor dem Ausbruch einer Seuche, an der sich auch die Jugendlichen durch ihre Arbeit mit den Kadavern infiziert haben könnten. Aus diesem Grund flüchten die Dorfbewohner, riegeln den einzigen Fluchtweg über die Schlucht ab und suchen in einem benachbarten Ort Unterschlupf.

Alleine im Dorf:
Die Kindergruppe muss nun ganz ihrem Schicksal überlassen versuchen, ihr Überleben selbst zu organisieren. Die zu Beginn vorherrschende Wut den Dorfbewohnern gegenüber wandelt sich nach einigen Tagen in ein unbekanntes Gefühl von Freiheit. Nachdem das Leben der Jugendlichen monatelang von Erniedrigung und Gewalt geprägt war, spüren sie nun zum ersten Mal, die Chance auf Selbstbestimmung. Sie bilden eine solidarische Gemeinschaft, beziehen die verlassenen Häuser und versorgen sich mit Nahrung. Die Jugendlichen kümmern sich um ein von den Dorfbewohnern zurückgelassenes Mädchen und zeigen auch einem Koreaner, der ebenfalls im Dorf verblieben ist, und einem geflüchteten Deserteur gegenüber keinerlei Vorurteile. Die Jungen nehmen die drei Charaktere vorbehaltlos in ihre Gemeinschaft auf. Der Erzähler verliebt sich sogar in das Mädchen. Die erste von den Jungen begangene Jagd und ein anschließendes Fest stellen den Höhepunkt des anarchisch-paradiesischen Zustands im verlassenen Dorf dar. Die Jugendlichen zeigen die Menschlichkeit, die den Erwachsenen zu fehlen scheint und erleben während der Zeit im verlassenen Dorf vereinzelt glaubhaft glückliche Momente. Diese Harmonie endet jedoch jäh mit einem Streit, nach jenem der Bruder des Ich-Erzählers flieht. Zudem erkrankt das Mädchen schwer an der Seuche und stirbt schließlich. Der Erzähler fühlt sich von seinem Bruder und seiner ersten Liebe im Stich gelassen und stürzt nach den glücklichen Tagen in das Tal voller Trauer und Hilflosigkeit tiefer als jemals zuvor zurück.

Die Rückkehr der Bewohner:
Nach dem Tod des Mädchens kehren die Dorfbewohner zurück. Sie behandeln die Kinder wie Schwerverbrecher und wollen Gerechtigkeit dafür fordern, dass die Gruppe ihre Häuser geplündert und eines davon niedergebrannt hat. Einer der Jungen verrät den Dorfbewohnern aus Angst daraufhin jedoch, dass der Deserteur den Brand zu verschulden hat und gibt auch seinen Aufenthaltsort preis. Die Kinder werden genau wie vor der Flucht erneut eingesperrt. Sie können beobachten wie die Dorfbewohner den Soldaten, mit einem Speer durchstochen, durch das Dorf schleppen und der Militärpolizei ausliefern. Die Dorfbewohner erklären den Jungen im Folgenden, dass sie dem Erzieher nichts von den Plünderungen erzählen werden, solange die Kinder die Wahrheit über den Ausbruch der Seuche und die Flucht der Bewohner nicht verraten. Unter Anwendung von Gewalt durch die Dorfbewohner stimmen diesem Vorhaben schließlich alle Kinder zu. Nur der tief gekränkte Ich-Erzähler weigert sich, zu kooperieren und wird daraufhin aus dem Dorf vertrieben. Der Roman endet damit, dass der Jugendliche von den Dorfbewohnern per Lore über die Schlucht transportiert und dann in den Wald gejagt wird. Der Junge fühlt sich vollkommen hilflos und rennt immer weiter in die Dunkelheit.

Fazit:
Reißt die Knospen ab… ist ein sehr düsterer Roman, der teilweise nicht leicht zu lesen ist und das nicht aufgrund von komplexer Sprache, sondern aus dem Grund, dass die ekelerregenden Beschreibungen, die allgegenwärtige Grausamkeit und das Ausmaß von Gewalt den Jungen gegenüber wirklich schwer zu ertragen ist. Die Sprache ist schonungslos und spiegelt sehr realitätsnah die Zustände im Dorf, aber auch das Innerste des Ich-Erzählers wider. Durch die gewählte Perspektive fühlt man sich als Leser schnell der Gruppe zugehörig und das obwohl bis auf zwei Charaktere, keine der Personen beim Namen genannt wird und dadurch stets ein gewisser Grad an Anonymität bestehen bleibt. Das gezeichnete Bild der Erwachsenen ist schrecklich, aber die Jugendlichen geben dem Leser vereinzelt Hoffnung auf Menschlichkeit. Man merkt oft, dass die Jungen eigentlich vermeintlich normale Kinder sind, die auf der Suche nach Anerkennung und Liebe sind, die sie allerdings nicht von den Erwachsenen bekommen werden. Als Kritik möchte ich anbringen, dass der Handlungsort der Geschichte, Japan, teilweise nicht klar erkennbar war. Eine Gesellschaft, die vom Wahnsinn des Kriegs besessen ist und Menschen, die der Überlebenskampf vollkommen beherrscht und nicht mehr menschlich handeln lässt, hätten genauso gut in einem anderen Land während des Krieges auftreten können. Nur sehr vereinzelt findet man im Verlauf des Romans Verweise auf Japan.
In Anlehnung an Ōes Studienschwerpunkt in französischer Literatur, wird in diesem Roman wie in Sartres Huis Clos auch hier eine dystopische Gesellschaft abgebildet. Schnell konnte ich hier Parallelen zu dem Drama, das ich vor einigen Jahren gelesen habe, erkennen. Themen wie Unterdrückung, Gefangenschaft und menschliche Grausamkeit werden wieder aufgriffen und im Kontext der japanischen Gesellschaft zu Kriegszeiten aufgezeigt. Ebenso sind in Reißt die Knospen ab… wie bei Goldings Herr der Fliegen die Kinder die Hauptdarsteller einer Geschichte, die die angeborene Gewaltbereitschaft der Menschen thematisiert. In beiden Werken schafft eine einsame Kindergruppe es, gemeinsam ihr Überleben, das von Höhen und Tiefen geprägt ist, zu organisieren. Bei Ōes Roman allerdings geht die Gewalt von den Erwachsenen, nicht wie bei Golding von den Kindern, die typischerweise als Abbild von Unschuld gelten, selbst aus.
Insgesamt würde ich den Roman Reißt die Knospen ab… definitiv weiterempfehlen. Auch wenn man als Leser an einigen Stellen hartgesotten sein muss, ist Ōe in der Lage, die Spannung hochzuhalten. Der Schreibstil des Autors ist flüssig zu lesen und durch den Ich-Erzähler ist es sehr einfach, in die Geschichte einzutauchen. Der Roman schafft es, ein realitätsnahes Bild einer Kriegsgesellschaft zu zeichnen und man bekommt als Leser eine interessante Perspektive auf einen Teil der japanischen Geschichte.

This entry was posted in German, Japan, Literature review. Bookmark the permalink.

Leave a Reply