Buchrezension: In der Misosuppe

Über das Buch517T6R455WL._SX327_BO1,204,203,200_

Titel: In der Misosuppe
Autor: Ryū Muakami
Erscheinungsdatum: 1997, deutsche Ausgabe: 2006
Verlag: KiWi-Taschenbuch; Auflage: 3
Anzahl Seiten: 207
ISBN: 978-3462037333
Preis: 8,95 €

 

 

Buchrezension

Motivation

Ich habe das Buch von einer Bibliothekarin am LSI in Bochum empfohlen gekriegt. Ich wollte für meine Rezension ein Buch wählen, welches eine nicht alltäglich beschriebene Seite Japans behandelt. Reiseberichte, Nachrichten und ein Großteil der gängigen Literatur beschreiben ein Land häufig nur sehr einseitig.  Ich denke, dass das Auseinandersetzten mit (gesellschafts-) kritischer Literatur einen wichtigen Teil des Kennenlernens und Verstehens einer Kultur darstellen kann. Stellt man das Gelesene in Bezug zu den Zuständen in anderen Ländern, etwa Deutschland, so kann man verstehen, welche Ähnlichkeiten und Unähnlichkeiten hier zu der wahren Identität Japans vorliegen. Dies ermöglicht es dem Leser, tiefer in die Kultur einzutauchen und ein grundlegenderes Verständnis aufzubauen.

Über den Autor

Ryū Muakami ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur. Er wurde am 19. Februar 1952 in der japanischen Großstadt Sasebo geboren und ist dort aufgewachsen. In seiner Jugend gehörte er den Hippie- und Studentenbewegungen in Japan an. Er schloss sein zweites Studium in einem Skulpturprogramm ab. Heute ist er Chefredakteur des selbstgegründeten Online-Magazin „Japan Mail Media“, Fernsehmoderator und Verlagschef. Seine Romane thematisieren zumeist die menschliche Natur anhand von Themen wie Drogen, dem Surrealismus und Gewalt, insbesondere vor dem Hintergrund der dunklen Historie Japans. Dabei äußert er sich sehr häufig gesellschaftskritisch. International gilt er als einer der bekanntesten japanischen Autoren, insbesondere in der japanischen Prekariatsliteratur. Diese beschäftigt sich primär mit den zunehmend schlechteren Bedingungen der japanischen Arbeiterbevölkerung, Gewalt und den entsprechenden Subkulturen.

Akteure

In „In der Misosuppe“ kommen insgesamt nur drei Charaktere vor. Der Roman erzählt seine Geschichte aus Sicht des zwanzig Jahre alten Kenji, kurz vor dem Neujahr 1997. Er führt beruflich Touristen durch die Rotlichtviertel in Tokio. Sein großes Ziel ist es, mit seinem Ersparten und seiner Freundin eines Tages nach Amerika zu ziehen, um dort zu studieren. Frank ist einer seiner Kunden. Der Amerikaner behauptet von sich, auf einer Geschäftsreise nach Tokio gereist zu sein und nun die Tage des Jahreswechsels in der Global City feiern zu wollen. Im ersten Moment wirkt er lediglich wie ein sehr seltsamer Kunde, in dieser Welt nichts ungewöhnliches, mit der Zeit erscheint er jedoch zunehmend verdächtiger und sorgt am Ende für eine nicht unerwartete, in ihrer Art jedoch unvorhergesehenen Wendung. Kenjis Freundin Jun spielt lediglich eine Nebenrolle. Sie geht noch zur Schule und lebt bei ihren Eltern. Eigentlich wollten die beiden die Silvestertage gemeinsam verbringen, als Frank als scheinbar lukrativer Kunde erscheint, sagt Kenji ihr jedoch spontan ab. Sie tauschen sich zwar regelmäßig und primär über das Handy aus, Jun übernimmt jedoch bis kurz vor Ende keine aktive Rolle in der Handlung und bleibt eher im Hintergrund.

Geschichte

Frank bezahlt Kenji 3 Tage im Voraus einige Tausend Yen für eine abwechslungsreiche Führung durch das Erotikviertel Kabuki-cho. Er sei fasziniert von der Vielfalt, den bunten Neonlichtern und der überwältigenden Anzahl an jungen Frauen, erzählt er. Neutral, jedoch geschäftlich erklärt Kenji seinem freundlich wirkenden Kunden in der Lobby eines Hotels die Regeln des japanischen Nachtlebens. Offiziell ist Prostitution in Japan zwar verboten, nirgends sonst soll es jedoch so viele Möglichkeiten geben, um die unterschiedlichsten Phantasien zu erfüllen. Das Viertel Kabuki-cho ist eine befremdliche Welt zwischen Beton, kleinen Lokalen, sexuellem Exzess und dem Kontrast zwischen traditioneller Scheinheiligkeit und den wahren Problemen der japanischen Gesellschaft: Überarbeitung, Einsamkeit, Verharmlosung von Gewalt und gegenseitige Nichtachtung. Es ist ein hektischer Ort voller Plastik, gesichtslosen Menschen, heruntergekommenen Straßenzügen und jungen Männern, welche sich bemühen, ihre zumeist bezahlten Begleiterinnen zu beeindrucken. In diesem Mikrokosmos prostituieren sich auch minderjährige Schulmädchen. Sie wollen stets in der neusten und teuersten Mode gekleidet sein, gezwungen aus Ihren Umständen werden sie zumeist nicht. Dass Frauen und Mädchen in anderen Ländern für sich, ihre Familien und deren Überleben zu einem solchen Leben genötigt werden, scheint niemanden zu interessieren.

Frank behauptet, dass er nur auf das Eine aus sei. Nachdem er in einer Bar unerwartet eine absurd hohe Rechnung begleichen muss, schlägt die Stimmung jedoch plötzlich um. Kenji merkt, dass er es nicht mit einem gewöhnlichen Touristen zu tun hat. Seine unverhofften, meist kurzweiligen Anfälle sind beängstigend, seine Haut und Mimik wirken künstlich. So phantasiert er etwa laut und scheinbar wie selbstverständlich über Gewaltphantasien gegenüber Obdachlosen oder der augenscheinlichen Nutzlosigkeit von Kranken und Behinderten. Gleichzeitig verurteilt er die Oberflächlichkeit der Gesellschaft mit ihren Markenprodukten und festgelegten Werten. Kenji gerät zunehmend in Panik, denn seine Beobachtungen von Frank erinnern ihn immer mehr an einen gesuchten Serienmörder, welcher gerade sein Unwesen treibt. Immer wieder versucht er sich jedoch zu beruhigen, dass einfach seine Phantasie mit ihm durchgehen würde. Dabei fängt er an sein eigenes Leben zu reflektieren und entwickelt einen ganz neuen Blickwinkel auf seine Arbeitsumgebung. Die Sachen, die er täglich in den Rotlichtvierteln beobachtet und sonst nie wirklich hinterfragt hat, kommen ihm auf einmal sehr sonderbar vor und verstärken nur seine zunehmende Panik. Er fängt an, die Beobachtung der Perversion in der japanischen Gesellschaft aufzunehmen und zu verarbeiten. Die Erlebnisse verstärken sich immer weiter, bis Frank in einer Bar, augenscheinlich aus dem Nichts, aus einem Geschäftsmann mit psychopathischen Zügen zu einem buchstäblichen „armerican psycho“ mutiert, welcher die Gäste der Bar systematisch foltert, misshandelt und mit einer übertrieben detaillierten Beschreibung umbringt. Hier wirken die die Ausführungen eher einem Horror-Thriller als einem Roman. In drei Nächten, welche das Buch in drei Kapitel teilen, wandeln sich zusammenhangslose Vorfälle zu einem Verdacht, der Leser gewinnt dabei einen tiefen Blick in die Psyche von Kenji. Plötzlich kommt dieser auch mental mit einer Welt in Berührung, vor der er bis dahin immer Abstand gehalten hatte. Zuletzt ruft er sogar in einem panischen Moment seine Freundin zur Hilfe, obwohl er sie immer aus dieser Seite seines Lebens fern halten wollte.

Interpretation

Ryū Muakami ist für seine ausufernden Beschreibungen bekannt. Die Handlung spielt nach der Japan-Krise, dem Erdbeben von Kōbe 1995 und den Giftgasanschlägen in Tokio 1995. Diese Ereignisse werden zwar nicht während der Handlung aktiv angesprochen, hin und wieder jedoch durch Kommentare angedeutet. Die Leere, die in der materiell geprägten japanischen Gesellschaft in dieser Zeit geherrscht hat, wird im Roman sehr gut vermittelt. Auch die scheinbare Sehnsucht nach dem „American Dream“ mit seinen Markenklamotten, Baseballspielen und Fernsehsendungen scheint einen Kummer in der Japanischen Gesellschaft widerzuspiegeln. Der Titel, das gleichnamige und traditionelle Nationalgericht, passt auf einer Meta-Ebene sehr gut: die Misosuppe ist alltäglich, sie trifft einen Bestandteil des echten japanischen Wesens. Dass die Handlung dabei ein solches Bild vermittelt, ist daher schon fast beklemmend.

Fazit

Zum Ende des Romans ist bei mir eine gewisse Form der Unzufriedenheit verblieben. Mein Wunsch, ein Buch zu lesen, welches kritisch einige Seiten der japanischen Gesellschaft behandelt, wurde vollständig erfüllt. Dass in einem Land, welches zu den reichsten der Welt gehört, Stadtviertel mit solchen Zuständen existieren, ist beklemmend. Die Angst vor dem Tod durch Überarbeitung oder die Prostitution von Schulmädchen sind in den Beschreibungen Murakamis’ Probleme, welche man nicht erwartet und die zum Nachdenken anregen. Einige Schilderungen sind durch die lebendige Sprache fast deprimierend. Die Handlung selbst hingegen war absehbar und besonders am Schluss sehr kurz gehalten. Der Roman selber beschreibt eher in Form eines zügigen Handlungsverlaufes ohne tief gehende Erklärungen, was insbesondere am Ende der Geschichte dazu führt, dass man als Leser nicht verstehen kann, warum ein Charakter nun so handelt, wie er es tut. Da es sich ohnehin eher um leichte Lektüre als um eine Fortbildung handelt, ist dies nicht weiter schlimm. Mehr als einen Blick auf eine dunkle Seite der Japanischen Gesellschaft gewinnt man so jedoch nicht.

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One Response to Buchrezension: In der Misosuppe

  1. A. Bujaki says:

    Hallo Arne,

    vielen Dank für deine ausführliche und Interessante Rezension des Buches ,,In der Misosuppe“. Obwohl es sich dabei bereits um eine etwas älteres Buch handelt, hast du besonders mein Interesse dafür geweckt, dass von dir vorgestellte Buch zu lesen.

    Ich finde deine Buchrezension sehr gelungen, anders als in vielen der bisher vorgestellten Werke schafft es der Autor Ryū Muakami dem Leser eine gesellschaftskritische Sicht Japans auf eine besondere Art und Weise zu vermitteln. Bereits der Titel des Buches deutet sehr prägnant auf die im Buch dargestellten kritischen Seiten Japans hin, welche genau wie die Misosuppe, alltäglicher Bestandteil der Gesellschaft und des japanischen Wesens sind. Besonders interessant finde ich dabei, wie der Autor aus der Sicht des zwanzig Jahre alten Kenji die Botschaft vermittelt, dass auch ein weit entwickeltes Land wie Japan seine Schattenseiten besitzt.

    Mich persönlich hat deine Rezension dazu angeregt, sich vor meinem Auslandsaufenthalt in Japan nicht nur mit den positiven Facetten eines Landes auseinanderzusetzen. Man sollte sich auch bewusst selbst hinterfragen, ob einem das Land, in dem man durch das Auslandssemester einige Zeit Leben wird, wirklich so bekannt ist, wie man eigentlich denkt.

    Ich bedauere es sehr, nicht persönlich bei deiner Vorstellung dabei gewesen zu sein. Trotz aller dem habe ich einen ausführlichen Einblick in das Werk erhalten und mein Interesse hast du definitiv damit geweckt.

    Vielen Dank und liebe Grüße,
    Adrian Bujaki

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