Buchrezension: Die Neuerfindung der Diktatur

Buchrezession: Die Neuerfindung der Diktatur

Das Buch

Titel: Die Neuerfindung der Diktatur

Autor: Kai Strittmatter

Erscheinungsjahr: Oktober 2018

Verlag: Piper Verlag GmbH, München

Umfang: 288 Seiten

ISBN: 978-3-492-05895-7

Preis: 22,00€

 

Der Autor
Kai Strittmatter, Jahrgang 1965, wuchs im Allgäu auf und
studierte von 1984 bis 1992 Sinologie in München, Xi’an (Volksrepublik China) und Taipei (Taiwan). Nach Abschluss der Deutschen Journalistenschule in München war er ab 1997 acht Jahre lang für die »Süddeutsche Zeitung« Korrespondent in Peking. Von 2005 bis 2012 berichtete er für die Süddeutsche Zeitung von Istanbul aus über die Türkei und Griechenland. Von 2012 bis 2018 war er wieder als Korrespondent in Peking tätig. Inzwischen ist er Skandinavien-Korrespondent für die Zeitung. Er gilt als einer der besten-China-Kenner Deutschlands. Neben dem Werk »Die Neuerfindung der Diktatur« veröffentlichte er Werke wie: »Gebrauchsanweisung für Istanbul (2010)«, »Gebrauchsanweisung für China (2008)«, » Vorsicht, Kopf einziehen!: Hongkonger Glücksritter (2005)«, » Atmen einstellen, bitte!: Pekinger Himmelsstürze (2001)«.

Meine Motivation
Auf der Suche nach einer geeigneten Literatur im Zuge des Literaturforums legte ich einige Anforderungen fest, um für mich einen wesentlichen Mehrwert generieren zu können. Thematisch suchte ich ein Sachbuch im Bereich Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft, es sollte sich dabei aber nicht um ein Buch handeln, dass sich nur oberflächlich mit verschiedenen Themenfeldern auseinander setzt und dabei nur generelle Fragen beantwortet. Ebenfalls sollte es sich um ein aktuelles Buch handeln, da ich bei meinen Recherchen feststellte, dass sich in den genannten Bereichen mehrfach wesentliche Veränderungen in den letzten Jahrzehnten vollzogen haben. Selbst Bücher von vor 4,5 Jahren wären durch den extremen Wandel in China heute schon in vielen Bereichen veraltet. So stieß ich auf das Buch »Die Neuerfindung der Diktatur« vom Oktober 2018, welches sich vor allem mit innenpolitischen Problematiken im Zuge eines neu erfundenen autoritären Staates und den Einfluss von künstlicher Intelligenz auf die Bevölkerung auseinandersetzt.
Durch die äußerst positiven Empfehlungen und Kritiken diverser Portale und den aktuellen Themen wie Big Data und KI konnten mich überzeugen, das Buch zu lesen.

Buchaufbau
Das Buch besteht aus 16 Kapiteln, die gedanklich in drei große Themenblöcke gegliedert sind, die einander im Aufbau des Buches manchmal allerdings auch gegenseitig durchdringen.
Der erste Themenblock befasst sich mit den klassischen Mechanismen der Diktatur: Wie die Diktatur das Verhältnis der Bürger zu Wahrheit und Wirklichkeit zerstört und dabei ihre eigene Sprache erfindet. Wie sie Terror und Repression einsetzt, warum ihr aber Propaganda und Gedankenkontrolle die liebsten Mittel sind und weshalb sie dazu die Bürger immer wieder zum kollektiven Vergessen zwingen müssen. Wie die kommunistische Partei darüber das Internet lieben lernt und damit einen ersten Vorgeschmack auf die Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts gibt.
Der zweite Themenblock beschreibt die Neuerfindung der Diktatur in China. Wo und wie sich die Partei einen Staat schafft, den es so noch nie gegeben hat. Es wird aufgezeigt wie mithilfe von Technologie der Wirtschaft einen Turboschub verpasst und gleichzeitig den Menschen damit bis in den letzten Winkel des Gehirns geschaut werden kann. Durch dieses Vorgehen wird aufgezeigt wie Chinas bei Big Data und künstliche Intelligenz die USA überholen möchte oder gar diese schon längst überholt hat. Wie die kommunistische Partei glaubt, durch die KI bald im Voraus annimmt zu wissen, wer Böses vorhat, auch wenn der Betroffene selbst es vielleicht noch gar nicht weiß. In diesem Themenblock wird auch auf das System der sozialen Vertrauenswürdigkeit der Partei eingegangen, welches die Menschen in Vertrauenswürdige und Vertrauensbrecher bereits jetzt in einzelnen Regionen und ab 2020 in ganz China einteilt und dafür sorgt, dass bald alle Menschen sich gemäß der Norm verhalten. Heute schon werden Vertrauensbrecher an den Pranger gestellt, indem sie z. B. den Zutritt für Schnellzüge oder Flugzeuge verlieren.
Der dritte Themenblock stellt sich mit der Frage auseinander, ob das System funktionieren kann, und wenn ja, welche Auswirkung das auf uns haben kann. Kai Strittmatter beschreibt wie Chinas KP zunehmend Einfluss auf die Welt nimmt und dabei von der Schwäche der westlichen Demokratien profitiert. Er erklärt, warum es am Ende mehr auf unsere Stärke ankommen wird als auf die Chinas.
Am Ende des kompletten Buches findet sich noch eine Danksagung und im Anschluss das Kapitel „Anmerkungen“ in dem er die Quellen der im Buch getroffenen Aussagen auflistet.

Inhalt
Die chinesische Gesellschaft durchläuft einen Umbauprozess, den sich die wenigsten im Westen vorstellen können. In kürzester Zeit konnte durch die neu erlangte wirtschaftliche Freiheit aus einfachen Dörfern Millionenstädte gestampft werden. Allerdings wurde mit der Wirtschaftsmacht auch die kommunistische Partei stark und nimmt die Bevölkerung in einen immer stärkeren politischen Würgegriff. In den entstandenen Millionenstädten kann die Partei nun mit neuster Technik jeden überall und jederzeit beobachten und beurteilen. Der Mensch soll zu einer gläsernen Hülle gemacht, ganz dem kommunistischen Gedanken zu einem besseren Menschen umerzogen und wenn nicht möglich bestraft werden. Dafür gibt die Partei, mit steigender Tendenz, mehr Geld für innere Sicherheit aus als für die Landesverteidigung. Strittmatter zeigt dabei immer wieder anhand von Beispielen auf, wie die Partei die Umerziehung bis ins kleinste Detail über Jahre hinweg geplant hat und umsetzt, ob von geheimen Botschaften in Filmen, Musik, natürlich auch für die Jugend als Rap, oder offensichtlich auf Plakate und Werbebanner im Fernseher und im Internet. Wer sich kritisch darüber äußert – egal wo – ob WeChat (chinesischer privater Messangerdienst vergleichbar mit WhatsApp) oder auf der Straße, wird verhafte und zu 99,9% verurteilt. Für eine bessere und umfassendere Umerziehung soll dann ab 2020 das Sozialkreditsystem oder wie es im chinesischen heißt „ System der sozialen Vertrauenswürdigkeit“ aus der Testphase in einzelnen Regionen auf ganz China ausgeweitet werden. Zur Gewährleistung der Überwachung sollen daher bis 2020 dann auch 2 Kameras pro Chinese für eine 24/7 Überwachung bereitstehen. Wie aus den Testregionen wie Rongcheng bekannt geworden ist können mithilfe der Überwachungen bereits minimale Fehlverhalten bewertet werden und dem eigenen Sozialkreditsystem abgezogen (Vertrauensbrecher) bzw. bei positiven Verhalten zugerechnet (Vertrauenswürdig) werden. Die Person selbst bekommt zum Beispiel, bei zu schnellem Fahren eine Handynachricht oder wird bei schwereren Vergehen auf einen der vielen Bildschirmen mit vollem Namen und Foto als Vertrauensbrecher an den Pranger gestellt. Bewertet wird aber auch das Shoppingverhalten oder gar das Produkt selbst was man ein- oder nicht einkauft. In den Testregionen geht es schon so weit, dass die Ehepartner anhand des Sozialkreditkontos ausgesucht werden, da eine schlechte Punktzahl nebenbei auch ein Einschreibungsverbot zukünftiger Kinder für Kitas, Schulen oder Universitäten bedeutet oder gar den eigenen Sozialkreditkontostand oder den es Umfeldes verschlechtert.
Strittmatter zeigt im weiteren Verlauf allerdings auch, dass, obwohl die meisten Chinesen die Überwachung sogar als beruhigend empfinden, dies gerade für außenstehende ein grauenvoller Zustand wäre. Grund für die chinesische Gesinnung ist die durch Gedankenkontrolle und Propaganda geprägte Erziehung der Bevölkerung durch das System, mit dem Fehlen der Möglichkeit einer freien Debatte oder gar dem freien Informationsfluss ohne Zensur. Der freie Geist der Bevölkerung wurde so gestutzt, dass die meisten gar nicht mehr wissen was mit ihnen passiert.
Unter den Chinesen, so hat aber auch Strittmatter beobachtet, gibt es eine zunehmende Verunsicherung und Unzufriedenheit wegen Armut und Korruption, die manchmal aufgrund der Hilflosigkeit in Mord oder Selbstmord endet und von der Partei dann zensiert wird. Laut Strittmatter hat das Ringen um Wachstum und Reichtum und das Rennen nach Profit gleichzeitig dazu geführt, dass tatsächlich fast alle ethischen Maßstäbe verloren gingen.

Fazit
Das Buch beginnt direkt mit einem starken Einstieg in aktuelle politische Gegebenheiten, kritisiert an der einen und anderen Stelle, versucht aber gleichzeitig den Leser für die Thematik zu sensibilisieren und das nichts alles als gegeben angesehen werden kann. Danach taucht man allerdings zügig in die Thematik ein und wird überwältigt von den Ausmaßen welche im China von Heute vorliegen. Dabei ist zu bedenken, dass China erst am Anfang des Ausbaus zu einem uneingeschränkten Kontrollstaates steht.
Kai Strittmatter hat mit » Die Neuerfindung der Diktatur« ein informatives, interessantes und zum Nachdenken anreizendes Buch geschaffen. Besonders durch die Aufzählung von Beispielen als auch die Hinzunahme von Zitaten aus Interviews mit chinesischen Gelehrten, Kritikern und Politikern wird einem eine sehr breite aber zugleich durch die Partei eingeengte Sichtweise gezeigt. Ich würde das Buch definitiv weiterempfehlen, da es gerade für Außenstehende einen ausgezeichneten Einblick in die chinesische Gesellschaft gewährt. Strittmatter hinterlässt mit dem Buch einen bleibenden Eindruck und zeigt unmissverständlich auf, weshalb die Bevölkerung gerade sich in Bezug auf politische Themen so zurückhaltend verhält.

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