Buchrezension: “Japan sinkt” von Sakyo Komatsu

Buchdetails

Cover
Titel: Japan sinkt
Autor: Sakyo Komatsu
ISBN: 3-353-00119-0
Verlag: Volk und Welt; 1. Auflage. (1981)
Genre: Roman
Seiten: 261
Preis: 10€ + 3€ Versand

 

 

Motivation

Meine Entscheidung für den Roman Japan sinkt war im Wesentlichen auf zwei Kriterien aufgebaut. So wollte ich einen Roman wählen, der tatsächlich von Japanern gelesen wird. Gerade weil es in Deutschland selten Science-Fiction aus dem asiatischen Raum gibt, ist es umso interessanter Einblicke in die Literaturauswahl des japanischen Volkes zu bekommen. Diese ermöglicht es die Atmosphäre des Landes zu empfinden.
Das zweite Kriterium war die Thematik des Buches. Japan ist regelmäßig Erdbeben ausgesetzt. Mit Hinblick auf das Tohoku-Erdbeben 2011 kann jedoch bei weitem nicht von einem alltäglichen Ereignis gesprochen werden. Vielmehr besteht immer wieder die Gefahr einer Katastrophe. Japan sinkt skizziert sehr beeindruckend und wissenschaftlich genau ein solches Unheil. Darüber hinaus beschreibt der Autor eindrucksvoll Einzelschicksale zu einer landesweiten Ansicht kombiniert, um die Mentalität der Japaner vom Alltag bis zu Extremsituationen darzustellen.

 

Autor

Der japanische Schriftsteller Sakyō Komatsu wurde am 28. Januar 1931 in Osaka als Minoru Komatsu geboren. Komatsu studierte italienische Literatur an der Universität Kyōto und arbeitete nach seiner Promotion im Jahre 1954 in verschiedenen Berufen: Er war Reporter einer Handelszeitung, Bauaufseher, leitender Angestellter in der Fabrik seines Vaters sowie Reporter für das Radio Osaka. Es entstand der Gedanke, dass moderne Literatur und Science-Fiction im Grunde dasselbe seien. So erschien seine erste eigene Science-Fiction-Erzählung Chi ni wa Heiwa o (Friede auf Erden) 1962.  Seitdem folgten mehr als achthundert Kurzgeschichten und Romane. Sein wohl bekanntestes Werk ist der Roman Japan sinkt, welcher verfilmt wurde und für den er 1974 den Seiun-Preis, einen renommierten japanischen Literaturpreis, erhielt. Komatsu starb am 26. Juli 2011 in einem Krankenhaus nahe Ōsaka an einer Lungenentzündung. Er wurde 80 Jahre alt.

 

Inhalt

Ausgehend vom Erscheinungsjahr spielt der Roman „Japan sinkt“ in einer nahen Zukunft Ende der 1970er Jahre. Zu Beginn des Romans versinkt eine kleine japanische Insel im Meer. Da Japan auf vier Interkontinentalplatten liegt, sind die Verschiebungen von Landmassen, Erdbeben sowie vulkanische Aktivitäten keine allzu ungewöhnlichen Aktivitäten. Wenn eine komplette Insel verschwindet, könnte dies jedoch öffentliche Aufmerksamkeit erregen. Somit wird ein kleines Team von Wissenschaftlern ausgesucht, um dieses Ereignis zu untersuchen. In diesem Team wird unter anderem Toshio Onodera als Tauchpilot des Untersuchungs-U-Boot integriert. Bei den Untersuchungen stellt sich heraus, dass die Insel innerhalb von kurzer Zeit ungewöhnlich schnell gesunken ist.
In den folgenden Tagen finden einige weitere ungewöhnliche Ereignisse statt: So kommt es zu Vulkanausbrüchen, schweren Erdbeben und Überschwemmungen. Nicht zuletzt aufgrund dieser Ereignisse kommt Professor Yusuke Tadokoro zu dem Schluss, dass Japan im Meer versinken wird. Jedoch fehlen ihm für seine Hypothese die nötigen Beweise. Somit wird er zunächst von seinen Kollegen und von der Regierung ausgelacht. Dennoch bleibt Professor Tadokoro bei seiner These und sucht händeringend nach einem Untersuchungs-U-Boot für eine Expedition und trifft schließlich auf Onodera, der bei der Marine für die Meeresbodennutzung arbeitet. Dieser muss ihn jedoch zunächst enttäuschen, da zurzeit kein japanisches U-Boot zur Verfügung steht. Außerdem muss Onodera sich in der Zwischenzeit bei diversen arrangierten Treffen mit Frauen herumschlagen, da sein Chef von ihm verlangt, dass er heiratet und Kinder bekommt. Hierdurch soll er seine „Vertrauenswürdigkeit sowohl in öffentlicher als auch in privater Hinsicht noch erhöhen“ (S. 44).
Schließlich bekommt Professor Tadokoro Unterstützung von Professor Yukinaga, welcher den Kontakt zum äußerst mächtigen alten Mann Herrn Watari herstellt. Dieser scheint „hinter den Kulissen zweier wesentlicher Welten zu arbeiten: der Politik und dem Kapital“ (S.84). Er hat besonders gute Kontakte zum Premierminister, da dieser aus dem gleichen Dorf kommt. Durch den Willen von Herrn Watari startet somit eine geheime Expedition mit Namen „Plan D“. Diese besteht zunächst aus fünf Personen unter der organisatorischen Leitung von Herrn Yukinaga, der wissenschaftlichen Leitung von Professor Tadokoro und der operativen Leitung von Herrn Onodera.
Das Team hat mit zahlreichen Problemen zu kämpfen, wie der knappen Zeit, Naturkatastrophen, bürokratische Hemmnisse, dem ständigen Drang die Untersuchungen vor der Öffentlichkeit zu verbergen, um eine Panik zu vermeiden und nicht zuletzt ideologischen Differenzen. Obwohl das Team Beweise für Tadokoros Hypothesen findet, gehen Vorschläge sogar soweit, dass in Bezug auf die bevorstehende Katastrophe vorgeschlagen wird: „Es wäre am besten, gar nichts zu unternehmen“ (S. 167), während Politiker „den Wert menschlichen Lebens predigen, tatsächlich viel intensiver damit beschäftigt waren, Pläne für die Erhaltung der finanziellen und industriellen Macht dieser Nation zu machen“ (S.189).
Schließlich kommt es zur Entscheidung Japan zu evakuieren. Allerdings machen die späte Entscheidung sowohl die Verteilung der Flüchtlinge, als auch die eigentliche Evakuierung äußerst schwierig.

 

Interpretation und Analyse

Das Thema, mit dem sich der Roman beschäftigt, ist die Kritik an der japanischen Gesellschaft – in diesem Fall durch eine unausweichliche Katastrophe zum Untergang verurteilt. Es können hierbei mehrere Querbezüge zu dem dreißig Jahre späteren Tōhoku-Erdbeben 2011 hergestellt werden. Bereits vor der Katastrophe gab es Wissenschaftler, die ein starkes Erdbeben am gleichen Ort vermuteten wie das große Kantō-Erdbeben 1923 [1]. Dennoch wurde ein Atomkraftwerk an eben jenen Ort erbaut. Nach Meinungen von Experten hätte das Unglück verhindert werden können [2]. Der entsprechende Wissenschaftler im Buch mit der Prognose wird durch Herrn Professor Tadokoro verkörpert. Er hat von Anfang an die richtige Vermutung bezüglich der Naturkatastrophe. Jedoch wird er nicht ernst genommen, bis das prognostizierte Ereignis wirklich eintritt. Dies wird unter anderem dadurch begründet, dass er sich nicht an das Idealbild der japanischen Gesellschaft anpassen will: „Er ist ein Genie, vorschnell und eigensinnig. In diesem Land ist er deshalb für die Gelehrten eine Persona non grata.“ (S.66) Ebenso wie im Buch schienen die wirtschaftlichen Interessen über den Menschenleben zu stehen.
Desgleichen wird die Vetternwirtschaft angeprangert. Tadokoro findet erst Gehör nachdem der mächtige Herr Watari sich für ihn einsetzt. Dieser zieht seine Macht aus persönlichen Kontakten. So hört der Premierminister auf ihn, da sie aus dem gleichen Dorfe kommen. Politische Entscheidungen werden durch private Freundschaften beeinflusst: „Ich appelliere an eine Freundschaft, die weit bis hin in unsere gemeinsame Schulzeit zurückreicht […]“ (S. 190). Generell wird angeprangert, dass der persönliche Stand höher gewichtet wird als echte Gründe. So wird Onodera von seinem Chef dazu genötigt, Frau und Familie zu finden, damit er auch beruflich Erfolg haben kann. Liebe und Qualifikation spielen hierbei keine Rolle für seinen Chef.
Als schließlich die Krise eintritt, muss die japanische Gesellschaft dieser Einstellung Tribut zollen. Im Buch dauerte es viel zu lange bis die Situation begriffen wurden. Anschließend vielen die Entscheidungen nur schleppend. Dabei können die im Buch bemerkten Schwächen der japanischen Kultur auch beim gescheiterten Krisenmanagement bei der Naturkatastrophe von Fukushima beobachtet werden. So gab es überforderte Mitarbeiter [3], fehlende Entscheidungskraft [4] und schlechte Informationspolitik [5]. Sowohl im Roman als auch in der Realität wird dabei die Öffentlichkeit als Gefahr angesehen.
Auffällig ist außerdem, dass die Protagonisten einen starken Hang zum Alkohol haben. Bei fast jedem außergeschäftlichen Ereignis wird ein alkoholisches Getränk konsumiert. Die berauschende Wirkung wird zwar positiv dargestellt, jedoch werden die negativen Folgen ebenso skizziert: „Trunken enthemmt und zugleich besorgt, dass er in diesem Zustand etwas Unverantwortliches getan haben könnte, fühlte sich Onodera sehr niedergeschlagen.“ (S. 180) Der Alkoholkonsum könnte im Zusammenhang mit der Überarbeitung stehen, welche im Roman ausführlich beschrieben wird. So wird es als normal erachtet, dass Japaner Tag und Nacht durcharbeiten. Dabei stellt der Autor die negativen Folgen in Form von äußerlicher Alterung und kollabieren am Arbeitsplatz heraus.
Besonders interessant fand ich hierbei die Präzision der Beschreibung der Vorgänge und Verhaltensweisen zeigen Wertschätzung und Bewunderung. Die wissenschaftlichen Vorgänge wurden auf eine Art und Weise beschrieben, dass sie einem Leihen verständlich sind. Die detaillierte Beschreibung gerade im Hinblick auf die Fukushima Katastrophe scheinen die dort vorgestellten Hypothesen und Szenarien nicht weit hergeholt zu sein. Das Scheitern der Japaner an ihren versteiften Strukturen verdeutlichen kritische Sichtweise des Autors. „Japan sinkt“ erscheint somit nicht nur als spannende Geschichte, sondern vielmehr als Spiegel der Gesellschaft.

 

Fazit

Für all diejenigen, die eine einfache Lektüre erwarten oder die durch den Roman einfach nur unterhalten werden wollen, empfehle ich dieses Werk nur bedingt, da der Handlungsstrang oft komplex werden. So werden Episoden eingestreut, in den auf Einzelschicksale eingegangen wird und von denen man nicht weiß, wie sie in den Gesamtkontext passen. Auch die etwas sprunghafte Handlung macht den Leser etwas unsicher. Zudem könnte ein deutscher Leser Probleme beim Behalten der japanischen Namen haben. Die wissenschaftliche Genauigkeit und die unterschwellige Kritik an der japanischen Gesellschaft stehen in diesem Werk im Vordergrund. Für all diejenigen anderen, die einen Roman zum Nachdenken suchen, empfehle ich somit Japan sinkt wärmstens.

 

Literaturverzeichnis

[1] Richard A. Lovett (2011): Japan Earthquake Not the “Big One”? https://news.nationalgeographic.com/news/2011/03/110315-japan-earthquake-tsunami-big-one-science/. Abgerufen am 13.05.2018.
[2] Kiyoshi Kurokawa, Katsuhiko Ishibashi, Kenzo Oshima, Hisako Sakiyama, Masafumi Sakurai, Koichi Tanaka, Mitsuhiko Tanaka, Shuya Nomura, Reiko Hachisuka, Yoshinori Yokoyama (2012): The Fukushima Nuclear Accident Independent Investigation Commission. https://web.archive.org/web/20120710082826/http:/naiic.go.jp:80/wp-content/uploads/2012/07/NAIIC_report_lo_res2.pdf.
[3] The Mainichi Daily News (2011): TEPCO documents reveal chaos at Fukushima nuke plant after quake, tsunami. https://www.webcitation.org/5ynQVHDLI?url=http://mdn.mainichi.jp/mdnnews/news/20110517p2a00m0na010000c.html. Abgerufen am 13.05.2018.
[4] JAIF, NHK (2011): Earthquake Report – JAIF. https://www.webcitation.org/5zX4yJsDE?url=http://www.jaif.or.jp/english/news_images/pdf/ENGNEWS01_1308388162P.pdf. Abgerufen am 13.05.2018.
[5] Kai Biermann (2011): Tepcos Kultur der Desinformation. https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2011-03/fukushima-krisenkommunikation. Abgerufen am 13.05.2018.
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