Buchrezension: “GO” von Kazuki Kaneshiro

Buchdetails

GOTitel: GO

Autor: Kazuki Kaneshiro

Übersetzung: Nora Bierich

Erschienen: 2000 (Original), 2016 (Deutsche Fassung)

Seiten: 208

Verlag: Cass Verlag

ISBN: 978-3944751108 

Motivation

Ich wurde während unseres Japanisch-Kurses am LSI in Bochum auf das Buch aufmerksam gemacht. Eine Teilnehmerin hatte gesehen, dass wir uns nach Büchern umgeschaut haben und mir daraufhin dieses Buch vorgeschlagen. Die Kurzbeschreibung auf der Rückseite alleine hatte mich dabei schon sofort überzeugt. Ich konnte mich direkt mit dem Protagonisten identifizieren, der aufgrund seiner ethnischen Herkunft eine Art Identitätskrise durchläuft. Aufgrund der russisch-deutschen Herkunft meiner Eltern, die nach Mauerfall von Russland nach Deutschland ausgewandert sind, und meiner Geburt in Deutschland, fällt es mir manchmal ebenfalls schwer, eine Zugehörigkeit zu empfinden. Ähnlich ergeht es Sugihara in dem Buch, der als in Japan lebender Koreaner (Zainichi Koreaner) darüberhinaus noch mit dem Rassismus der Japaner gegenüber Chinesen und Koreanern zu kämpfen hat.

Der Autor

Kazuki Kaneshiro, geboren am 29. Oktober 1968 in Kawaguchi, Japan ist ein japanisch-koreanischer Schriftsteller und Drehbuchautor. Kaneshiro gehört zu der nach dem Zweiten Weltkrieg in Japan verbliebenen Minderheit der Zainichi-Koreaner. Später in seinem Leben erwarb er die japanische Staatsbürgerschaft. Sein Vater war Marxist-Leninist. Deshalb besuchte er zuerst Schulen, die mit der Chongryon, der Nordkorea nahestehenden Vereinigung der in Japan lebenden Koreaner, sympathisierten. Nachdem sich sein Vater später der Mindan, der mit Südkorea sympathisierenden Koreanervereinigung in Japan, zuwandte, besuchte er im Tokyoter Stadtteil Shibuya die Hozen-Oberschule.

Kaneshiro schloss sein Jura-Studium an der Keiō-Universität in Tokio ab. Für sein Werk GO erhielt Kaneshiro 2000 den Naoki-Preis, den bedeutendsten Preis Japans im Bereich der populären unterhaltenden Literatur.

Die Charaktere

Sugihara: 18-jähriger ehemaliger Zainichi-Nordkoreaner, der die Staatsbürgerschaft wechselte und Zainichi-Südkoreaner geworden ist, um auf eine japanische Oberschule zu gehen. In seiner Schule ist er als Schläger bekannt und hat bisher jeden Kampf gewonnen. Er hat ein großes Allgemeinwissen, mit dem er sein Umfeld immer wieder beeindrucken kann. Verliebt sich während der Handlung in Sakurai und verbringt daraufhin viel Zeit mit ihr.

Katou: Sugiharas Freund in der Japanischen Oberschule. Er veranstaltet öfters Partys und ist der Sohn eines Yakuzas.

Jong-Il: Sugiharas bester Freund aus der Japanisch-Koreanischen Schule, mit dem sich Sugihara über alles unterhalten kann. Bekannt als das „Genie der Schule“.

Hideyoshi: Sugiharas Vater und Zainichi-Koreaner der ersten Generation. Ehemaliger Profi-Boxer, der seinen Sohn sehr streng erzogen und hart trainiert hat.

Michiko: Sugiharas Mutter und Zainichi-Koreanerin der zweiten Generation.

Sakurai: Lernt Sugihara kennen und geht öfters mit ihm aus.

Die Handlung

Die Erzählung beginnt mit einem Flashback in die Zeit, in der Sugiharas Eltern beschlossen haben, die nordkoreanische Staatsbürgerschaft in die südkoreanische einzutauschen, mit dem langfristigen Ziel, nach der Rente nach Hawaii auszuwandern. In einem Monolog wird dem Leser offenbart, wie Zainichi-Koreaner in Japan diskriminiert werden. Schnell wird klar, dass Sugihara vom Konzept der Staatsangehörigkeit nicht viel hält. Er ist in Japan geboren, in Japan aufgewachsen, trägt einen japanischen Namen, spricht Japanisch wie ein Japaner. Aber er ist eben ein Ausländer. Und die japanische Gesellschaft lässt ihn das spüren, Tag für Tag: Schüler, Lehrer, die Umwelt, die Obrigkeit.

Die eigentliche Handlung setzt in der Gegenwart ein, als Sugihara während der Schulpause einen neuen Herausforder bekommt, der meint, ihn schlagen zu können. Ohne große Mühe ringt Sugihara ihn, auf teils brutale Art und Weise, nieder und verteidigt somit seinen makellosen Rekord von 25-0. Im Anschluss lädt sein Freund Katou ihn zu seiner Geburtstagsparty am selbigen Abend ein, auf die Sugihara nicht wirklich Lust hat. Nach einer hitzigen Diskussion mit seinem Vater am Nachmittag, in dem sie über das Prinzip des Konfuzianismus (unbeugsamer Respekt vor Ahnen und Lehrern) streiten, entschließt er sich, doch auf die Party zu gehen. Dort lernt er Sakurai kennen. Die beiden verlassen die Party sofort, und verbringen die Nacht damit, durch Tokyo zu spazieren. Anschliessend trennen sich die beiden an einer alten Grundschule und verabschieden sich mit einem Kuss.

Sugihara denkt vermehrt an seine Zeit in der Grund- und der Mittelschule zurück und wie oft er auf Grund seiner Nationalität und seines aufbrausenden Charakters in Schwierigkeiten geriet. Jedes mal bekam er dafür von seinem Vater eine Tracht Prügel, mit denen sein Vater ihm einerseits Lektionen erteilte, aber auch trainierte und abhärtete. Im Laufe der Zeit wurden Prügeleien zwischen den beiden quasi ein wichtiger Bestandteil der Vater-Sohn-Beziehung. Darüberhinaus erfährt der Leser mehr über Sugiharas besten Freund Jon-Il, der in erster Linie als genaues Gegenteil erscheint: ein eher schüchterner Junge, der mit schulischen Leistungen glänzt und sich mit seinem Status als Zainichi-Koreaner abfindet. Jedoch ist Jon-Il der einzige, mit dem Sugihara uneingeschränkt über alles reden kann: Philosophie, Anthropologie, Kunst, Musik, Filme und Mädchen.

Sugihara und Sakurai fangen an, sich regelmäßig zu treffen und zwischen den beiden entwickelt sich eine Liebesbeziehung. Er wird in ihrem Elternhaus zum Essen eingeladen und hinterlässt bei Ihrer Familie einen sehr guten Eindruck, sehr zur Freude von Sakurai. Die beiden planen zu verreisen, um ihre erste gemeinsame Nacht an einem besonderen Ort zu verbringen und fangen an, mit Nebenjobs ein bisschen Geld zu verdienen. Dementsprechend fängt Sugihara an, auf Katous Partys als Sicherheitskraft zu arbeiten. Eines abends eskaliert die Situation jedoch so sehr, dass er einen Mitschüler vor den Augen aller Gäste auf der Tanzfläche bewusstlos schlägt. Angewiedert von sich selbst, verlässt er die Party und verbringt die regnerische Nacht an der Grundschule, an der sich Sakurai und er und zum ersten Mal küssten.

Ein paar Tage später erhält Sugihara einen Anruf von Jon-Ils Mutter. Es stellt sich heraus, dass durch ein Missverständnis eine Rangelei zwischen Jon-Il und einem anderen Zainichi-Koreaner entstanden ist, bei dem Jon-Il durch einen Messerstich ums Leben kam. Geschockt von der Nachricht, fällt Sugihara in ein tiefes Loch. Nachdem er sich tagelang nicht bei Sakurai gemeldet hat, geht er auf Jon-Ils Trauerfeier. Dort wird er von anderen Zainichi-Koreanern konfrontiert, die ihn für sein abtrünniges, verräterisches Verhalten verurteilen. Nach einem emotionalen Zusammenbruch rafft er sich wiederzusammen, und beschliesst, Sakurai von seiner Herkunft zu erzählen. Die beiden treffen sich spontan am Bahnhof und beschließen, sich ein Luxus-Hotelzimmer zu mieten, um ihre erste gemeinsame Nacht dort zu verbringen. Nach einer langen Phase der Liebkosung offenbart Sugihara im unpassenden Moment, dass er in Wirklichkeit Zainichi-Koreaner ist, woraufhin Sakurai in eine Art Schockzustand verfällt. Es stellt sich heraus, dass ihr Vater sie dazu erzogen hat, Koreaner und Chinesen als minderwertig zu betrachten. Da beide nicht mit der Situation umgehen können, verlässt Sugihara in aufgewühltem Zustand umgehend das Hotel und geht nach Hause. Er verbringt die Nacht damit, sich Bücher von Jon-Il durchzulesen.

Eine Woche später erfährt Sugihara, dass Katou beim Drogenhandel erwischt wurde und somit vorerst ins Gefängnis muss, was beide allerdings mit Humor nehmen. Später am gleichen Abend, erhält er einen Anruf seines Vaters, der sich betrunken hat, weil er eines seiner zwei Pachinko-Geschäfte verloren hatte und außerdem auch sein Bruder in Nordkorea verstorben ist, von dem er über 20 Jahre nichts gehört hat. Als Sugihara ihn abholen will, kommt es zwischen den beiden wieder zu einer hitzigen Diskussion, bei dem sich Sugihara alles von der Seele redet, was ihm in letzter Zeit ergangen ist. Es kommt in einem Park zu einer Prügelei zwischen den beiden, bei dem sich Sugihara seine erste richtige Niederlage einfängt. Nachdem die beiden sich aufgerafft haben, sitzen sie noch eine Weile zusammen und reden. Beim Gespräch mit seinem Vater wird Sugihara klar, dass er tatsächlich unabhängig ist und er kommt zu der Erkenntnis, dass er weder Koreaner, noch Japaner ist. Er sieht sich selbst als entwurzelt und löst sich von allen Konventionen.

An den letzten Tagen vor Weihnachten begegnen ihm alle Personen wieder, mit denen er die letzten Monate zu tun hatte. Dabei gelingt es ihm, mit allen freundschaftlich zu verbleiben und mit vielen auch einen Abschluss zu finden. Am Weihnachtsabend trifft er sich an der Grundschule mit Sakurai, die sich mittlerweile damit abgefunden hat, dass Sugihara ein Zainichi-Koreaner ist und der es egal ist, was ihr Vater davon hält. Die beiden verbringen etwas Zeit miteinander, bevor sie sich auf den Weg machen, einen Ort zu suchen, an dem sie die Nacht miteinander verbringen können.

Fazit

Go ist ein Buch, dass trotz seiner recht bodenständigen Handlung spannend bleibt. Es handelt von der Suche nach der eigenen Identität. Zwar verkündet Sugihara im anfänglichen Dialog, dass es sich hierbei um seine Liebesgeschichte handelt, dennoch wirkt es mehr wie eine Coming-of-age-story, in der die Themen Exklusion, Separation, Fremdenfeindlichkeit, Heimatlosigkeit und Ignoranz einen großen Raum einnehmen. Kaneshiro gelingt es, durch das regelmäßige Aufgreifen dieser Themen und durch das Erzählen einer glaubhaften Liebesgeschichte ein interessantes und stimmiges Setting zu schaffen, in dem man sich schnell zu recht findet.

Vorallem Sugiharas Charakter sticht dabei heraus, der auf den ersten Blick den Eindruck eines brachialen Schlägers macht, in Wirklichkeit aber sehr emotional sein kann, im Sanften sowie im Brutalen. So ist er auf der einen Seite durch das Training seines Vaters ein abgehärter Kämpfer, auf der anderen Seite aber ein Liebhaber von klassicher Musik und Büchern.

Der Schreibstil ist sehr modern gehalten. Kurze, abgehackte Sätze und häufiger Gebrauch von Umgangssprache machen den Fluss von Sugiharas Erzählweise greifbar und lassen das Buch an keiner Stelle langweilig wirken. Wenn man bedenkt, dass das Buch viele autobiographische Züge Kaneshiros enthält, lässt es die Perspektive von Sugihara noch interessanter wirken. Unterm Strich lässt sich das Buch sehr angenehm und schnell lesen.

Ich kann GO von Kazuki Kaneshiro uneingeschränkt weiterempfehlen, da es Probleme aufgreift, von denen so ziemlich alle Gesellschaften heutzutage leider noch betroffen sind. Kaneshiro behandelt die Theme Migration und Integration auf eine sehr allgemeine und dennoch anspruchsvolle Art und Weise, durch die das Buch eine Relevanz erhält, die weit über die Grenzen Japans hinaus geht.

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