Buchrezension: Schwarze Magnolie – wie ich aus Nordkorea entkam – Ein Bericht aus der Hölle

Schwarze Magnolie von Hyeonseo Lee

Schwarze Magnolie von Hyeonseo Lee

Das Buch

Titel: Schwarze Magnolie – Wie ich aus Nordkorea entkam – Ein Bericht aus der Hölle

Im Original: The Girl with seven Names – A North Korean Defector’s Story

ISBN: 978-3-453-20075-3

Erstausgabe: 2015

Verlag: Wilhelm Heyne Verlag München

Art: Autobiografie


Motivation

Aufmerksam wurde ich auf dieses Buch durch einen Artikel in einer Zeitschrift. Schon immer, aber besonders durch die Teilnahme am ASBE-Programm mit dem Zielland Korea, interessiere ich mich sehr für die Geschichte des geteilten Landes. Durch die weite Entfernung und fehlende Behandlung der Thematik in der Schule, war mir über die Lage dort vergleichsweise wenig bekannt. Zusätzlich fiel die Lektüre des Buchs in die Zeit im LSI und so war es interessant einige Worte zu nachzuvollziehen und auf den Bildern zu lesen. Durch diese zeitliche Begleitung assoziiere ich die gesamte Teilnahme am Sprachkurs und den sonstigen ASBE Terminen mit diesem Buch. Durch Aussagen der koreanischen LSI Sprachlehrerin sowie Aussagen einer südkoreanischen Freundin von mir wurde mein Interesse auf den Aspekt der Identifikation mit dem Land gelenkt und so wurde das Buch meine Wahl für diese Buchrezension.

Die Autorin

 Hyeanseo Lee ist 1981 in Nordkorea geboren und hauptsächlich in der Grenzstadt Hyesan aufgewachsen. Mit fast 18 Jahren überquerte sie den Grenzfluss Yalu nach China für einen Ausflug zu ihren Verwandten. Auf Grund von politischen Umständen konnte sie jedoch nicht wie geplant nach wenigen Tagen zurückkehren und war von dann an auf der Flucht. Zwei Jahre konnte sie bei ihren Verwandten unter einem falschen Namen unterkommen, verließ die Familie jedoch und lebte 10 weitere Jahre unter einem weiteren Namen illegal in China. 2008 flog sie Übersee mit einem Zwischenstopp in Incheon, Südkorea, wo sie sich als Nordkoreanerin zu erkennen gab und Asyl gestattet bekam sowie die südkoreanische Staatsbürgerschaft. Später verhalf sie auch ihrer Mutter und ihrem Bruder zur Flucht und zu einer Aufenthaltsgenehmigung in Südkorea. 2011 lernte sie Englisch um die große Bildungslücke zu den anderen südkoreanischen Frauen in ihrem Alter aufzuschließen. Unter besonderer Auflage wurde sie an der Hanguk Universität in Seoul für den Studiengang “Foreign Studies – China” angenommen und studiert dort seitdem. Zusätzlich arbeitet sie als Journalistin für die Universität.

Über die Jahre nach ihrer Flucht wurde sie zur Botschafterin der Nordkoreanischen Flüchtlinge und setzt sich vermehrt gegen Menschenrechtsverletzungen ein. 2013 sprach sie beim Ted Talk in Kalifornien von ihren Erlebnissen. Besonders durch das Buch “The Girl with the seven Names“, welches erstmals 2015 in England erschien und bis heute in 25 Ländern in verschiedenen Sprachen veröffentlicht wurde, erhielt sie internationale Aufmerksamkeit. Seit der Publikation tritt sie vermehrt bei Podiums Diskussionen und weiteren politischen Veranstaltungen in verschiedenen Ländern zu diesem Thema auf um die Wahrheit über das Leben in Nordkorea zu verbreiten, die Welt aufzuklären und ihrer Bevölkerung die Problematik ins Bewusstsein zu rufen.

Inhalt

Auf insgesamt 412 Seiten erzählt die Autorin von ihrem Leben in Nordkorea und besonders von ihrer Flucht von dort. Das Buch beginnt in der Kindheit von Hyeanseo Lee. Nordkorea ist für sie das schönste und reichste Land der Welt. In anderen Ländern, so glaubt sie, müssen die Menschen Hunger leiden. In Nordkorea sorgt ihr Führer Kim Jong-il für das Wohl seines Volks. Hyeanseo wächst sehr behütet auf mit ihrem jüngeren Bruder sowie ihrer Mutter und ihrem Stiefvater. Die Familie lebt in der Grenzstadt Hyesan, die nur durch einen Fluss von China getrennt ist. Dass ihr Vater nicht ihr leiblicher Vater ist erfährt sie später von ihrer Großmutter von denen sie jedoch immer zu spüren bekommen hat, dass ihr Bruder und leibliches Kind beider Elternteile willkommener ist. Die Familie hat einen hohen Sonbun, welcher die Stellung in der Gesellschaft und so auch die Ressourcenverfügung angibt. Dieser kommt besonders durch den Job des Vaters beim Militär. Außerdem ist die Familie, wie viele in den Grenzstädten, wohlhabend, da, besonders die Mutter, viel Geld mit Schmuggel und Handel am Fluss verdient. Das System ist sehr korrupt und so können mit Bestechungen und Schmiergeldern die illegalen Geschäfte vertuscht werden. Auch die vielen freundschaftlichen Kontakte zu Geschäftsleuten aber auch Grenzposten, ermöglichen es der Familie eine Senkung des Sonbuns zu verhindern und kleinere Vergehen aus den Akten verschwinden zu lassen. Durch den Job des Vaters beim Militär zieht die Familie öfter um und Hyeonseo sieht viel von ihrem Land. Die meiste Zeit ihrer Kindheit verbringt sie allerdings in Hyesan.

In der großen Dürre und Hungersnot in den 1990er Jahren, bekommt sie erstmals Elend in ihrem Land mit. Durch die vielen Reisen und Umzüge durchs Land bemerkt sie, dass nicht alle Städte gleich stark oder überhaupt von der Not betroffen sind. Im Alter von sieben Jahren ist sie zum ersten Mal bei einer Hinrichtung anwesend. Als später ihr Vater an der Folge von Misshandlungen durch das Kommando der militärischen Sicherheit stirbt zieht die Familie wieder nach Hyesan wo sie vermehrt beobachtet wird. Durch ihre guten Kontakte, kann die Mutter einen Verlust des Sonbuns abwehren.

Kurz vor ihrem 18. Geburtstag, mit dem sie nicht nur in die Gesellschaft aufgenommen wird, sondern auch an der Universität ein Studium aufnehmen kann, wagt sie sich mit der Unterstützung befreundeter Grenzposten in einer Nacht im Dezember über den Grenzfluss nach China. Der Ausflug sollte ein Abenteuer werden, bevor sie voll strafmündig wird. In China sind die Geschäftspartner ihrer Mutter ihre erste Anlaufstelle. Mit Hilfe dieser gelangt sie zu Verwandten in Shenyang. Sie genießt den Aufenthalt bei ihrer Familie und die Freiheiten, die der Besuch in China mit sich bringt. Nach wenigen Wochen erreicht sie ein Anruf der Mutter, indem ihr mitgeteilt wird, dass es eine Volkszählung in Nordkorea gab und die Familie gezwungen war sie vermisst zu melden um die Flucht zu vertuschen. Hyeonseo kann nicht mehr nach Nordkorea zurück.

Die Verwandten erfinden eine neue Identität für sie und führen sie in ihr soziales Umfeld ein. 1999 soll Hyeonseo verheiratet werden, um dem Problem der Illegalität entgegen zu wirken. Obwohl sie zunächst zustimmt, bricht sie später die Verlobung und verlässt die Familie. Unter einem neuen Namen sucht sie einen Job in einem anderen Stadtteil. Als sie von einer Arbeitskollegin bei der Polizei angeschwärzt und verhört wird kann sie die Beamten nur mit ihren Chinesisch Kenntnissen und etwas Glück davon überzeugen, dass sie Chinesin ist. Um nicht aufzufallen zieht sie neben das Polizeipräsidium und trifft sich später sogar mit einem Kommissar. Nach einem Umzug innerhalb Chinas lernt sie einen Südkoreaner kennen und verliebt sich. In einem vertrauten Gespräch vertraut sie ihm ihr Geheimnis an.

Alleine fliegt sie nach Incheon in Südkorea, wo sie sich am Flughafen als Nordkoreanerin zu erkennen gibt. Ein langer Identifikations- und Integrationsprozess beginnen an dessen Ende sie eine Wohnung und Startkapital für ihr freies Leben mit südkoreanischer Staatsbürgerschaft bekommt. Die Integration fällt ihr schwer, auch wenn sie über ihren Partner viele Kontakte knüpfen kann. In seinem sozialen Umfeld fühlt sie sich jedoch nie richtig wohl. Als die Sehnsucht nach ihrer Familie zu groß wird, plant sie mit ihrem Bruder die Flucht der Mutter. Sie reist erneut nach China um sie zu holen. Bei der Flucht treten allerdings Komplikationen auf und so ist auch ihr Bruder gezwungen Nordkorea dauerhaft zu verlassen. Über einen Schleuser treten alle die Reise nach Südkorea an. An der Grenze nach Laos werden die Flüchtigen schließlich verhaftet. Mit all ihren Ersparnissen so wie der Hilfe eines Fremden, kann sie ihre Familie befreien und ihnen den Weg nach Seoul ermöglichen. So wie viele nordkoreanische Flüchtlinge fällt es Hyeonseos Bruder schwer in Südkorea Fuß zu fassen. Die Bildungslücken sind sehr groß und er verarbeitet den Statusabfall nur schlecht. Auch der Mutter fällt eine Integration schwer und sie plant mehrfach zurückzukehren. Am Ende bleiben beide. Hyeonseo trennt sich von ihrem Freund und lernt einen Amerikaner kennen.

Fazit

Das Buch “Schwarze Magnolie” hat interessante und schockierende Einblicke in das Leben in Nordkorea gegeben. An vielen Stellen sind Parallelen zu der deutschen Geschichte besonders in Bezug auf den Führerkult des dritten Reichs und die Methoden und Vorgehensweisen der Stasi in der DDR zu erkennen. Dementsprechend, haben mich einige Erzählungen der Autorin wenig schockiert, was meiner Vermutung nach, von der hohen Aufklärung kommt, welche wir in Deutschland erhalten. Auf der anderen Seite musste ich mir oft vor Augen rufen, dass diese Geschichte nicht im frühen 20. Jahrhundert, sondern erst in den vergangenen Jahren geschah. Ein für mich zentraler Aspekt war beim Lesen auch die Schwierigkeiten, die die Familie auf der Flucht in den verschiedenen Ländern hatte. Für mich nicht vorstellbare Hürden, die aber auch gerade aus gegebenem Anlass durch die aktuelle Flüchtlingskrise an Bedeutung gewinnen.

Die Lektüre hat mich neugierig gemacht wie die Koreaner selbst ihr Land wahrnehmen. Während es offiziell und wohl auch für die meisten Ausländer zwei unabhängige Länder sind, halten vor allem Südkoreaner sehr an der Zusammengehörigkeit fest. Für sie sind beide Länder eins. Ein Fakt, der mich sehr überrascht, angesichts der Rivalität und Machtkämpfe, die zwischen den Ländern schon viele Jahre herrschen.

Das Lesen war für mich ein unvergleichliches Erlebnis. Während die Erzählungen aus der Kindheit über viele Seiten etwas langwierig zu lesen sind, wird es ab der Flucht sehr aufregend. Sowohl als spannende Unterhaltung aber auch besonders als Aufklärung über die Situation in Nordkorea kann ich dieses Buch sehr empfehlen.

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One Response to Buchrezension: Schwarze Magnolie – wie ich aus Nordkorea entkam – Ein Bericht aus der Hölle

  1. yili says:

    Ein Kommentar von Meltem Akpinar

    Hallo liebe Luisa,
    vielen Dank für deine sehr gelungene Buchrezension. Deine Motivation für dieses Buch kann ich völlig nachvollziehen. Für mich war es sehr spannend, deine Rezension zu lesen, da ich selbst noch nicht so viel über die Lage der Bewohner Nordkoreas wusste. Mit Hilfe deiner Zusammenfassung des Inhalts konnte ich sowohl einen interessanten als auch schockierenden Einblick in die Thematik bekommen. Mir gefällt es, dass die Autorin die Protagonistin der Lektüre ist und von ihrem Leben berichtet.
    Zudem ist es von Vorteil für mich über die Situation etwas genauer Bescheid zu wissen, da ich ebenfalls ein Auslandssemester in Seoul absolvieren werde. Was ich auch erstaunlich finde, ist, dass für die Autorin Nordkorea das schönste und reichste Land der Welt ist, obwohl sie vorher noch nicht im Ausland war. Dies zeigt, dass den Bewohnern Nordkoreas dies so beigebracht wird und sie nichts von außerhalb des Landes mitbekommen.
    Mich würde es auch sehr interessieren, wie die Koreaner die Situation zwischen Nord- und Südkorea heute wahrnehmen. Wie ich im Sprachkurs mitbekommen habe, existiert für die meisten Koreaner nur ein Land, obwohl seit Jahren eine Konkurrenz zwischen den beiden Ländern herrscht. Des Weiteren hat es mich neugierig gemacht, ob sich die Wahrnehmung des Konfliktes zwischen Jung und Alt unterscheidet. Zusammenfassend würde ich das Buch lesen wollen und auch jedem empfehlen, der einen anderen Blickwinkel von Korea kennenlernen möchte.

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