Schlaf von Haruki Murakami

Schlaf

Details zum Buch:
Titel: Schlaf
Autor(en): Haruki Murakami (村上 春樹),
Kat Menschik (Hg., Illustr.), Nora Bierich (Übers.)
Erscheinungsort: Köln
Verlag: DuMont
Erscheinungsjahr: 2009
Format: 80 Seiten
ISBN 978-3-8321-9525-0
UB-Paderborn: HESM1113
Preis: 9,99 € (broschiert)

Zur Motivation:
Japan, als ein Land der Gegensätze fasziniert mich schon seit langem. Ein Land, in dem Tradition und Moderne, rituelle Zeremonien und Popkultur aufeinander treffen. Deshalb war mein erster Ansatz mich mit Literatur über das Thema Manga zu beschäftigen, um Aspekte der japanischen Kultur zu identifizieren. Leider hatte ich auch nach mehreren hundert gelesenen Seiten noch kein Buch zu dieser Thematik gefunden, welches mich vollends zu überzeugen vermochte. Deshalb fuhr ich nachts kurzentschlossen noch einmal in die Universitätsbibliothek und machte Leseproben verschiedenster japanischer oder sich mit Japan befassender Bücher. Schließlich fiel mir um kurz vor Mitternacht ein Buch des mir bekannten Autoren Haruki Murakami in die Hände und der Titel schien mir passen. Ich brauchte Schlaf.

Autor:
Haruki Murakami (村上 春樹) wurde am  12. Januar 1949 in Kyōto, Japan als Sohn eines buddhistischen Priesters geboren. Kurz nach seiner Geburt zogen seine Eltern mit ihm in eine Vorstadt der Hafenstadt Kobe. Dort waren US-amerikanische Marinesoldaten stationiert, durch welche Murakami Zugang zu westlichen Second-Hand-Büchern erhielt. Obwohl seine Eltern japanische Literatur unterrichteten entwickelte sich so schon früh eine Leidenschaft zur westlichen Literatur, welche sich auch in seinen Werken widerspiegelt. Von 1968 bis 1973 studierte Murakami Theaterwissenschaft und Drehbuchschreiben an der Universität Waseda. Unmittelbar im Anschluss an sein Studium heiratete er seine Freundin Yoko und eröffnete 1974 die Jazz-Kneipe „Peter Cat“, die er bis 1982 führte. Seine Leidenschaft zur Musik findet sich in vielen Titeln seiner Werke wider, welche bekannten Songtiteln nachempfunden sind.
1978 begann Murakami das Schreiben und gewann mit seinen frühen Werken mehrere Literaturpreise für Nachwuchsautoren. Zudem ist er seit den 1980er Jahren bis heute als Übersetzer für Werke amerikanischer Schriftsteller tätig. Aufgrund seiner starken Affinität für den Westen blieben die Kritiker ihm und seinen Werken gegenüber zunächst nicht wohlgesonnen. Murakamis Schreibstil wandte sich auch an westliche Leser und begünstigte so seinen Erfolg in Europa und den USA. Gleichzeitig stellte dieser Schreibstil eine Herausforderung für konkurrierende japanische Autoren dar. Nach dem enormen Erfolg seines Buches „Naokos Lächeln“ verließ Murakami Japan zeitweilig. Nach Stationen in Italien und Griechenland nahm er 1991 eine Gastprofessur an der Universität Princeton, USA an. 1993 wechselte er an die Tufts University in Medford, Massachussetts, ehe ihn die Anschläge auf die Tokioter U-Bahn und das Erdbeben in Kobe 1995 zur Rückkehr in seine Heimat bewogen. Seit 2001 lebt Murakami mit seiner Frau Yoko südlich von Tokio in der Stadt Ōiso.
Bis heute ist Murakami mit unzähligen nationalen Literaturpreisen ausgezeichnet worden, ebenso wie mit internationalen Auszeichnungen. Darunter befinden sich der Franz-Kafka-Literaturpreis (20069 oder der Weltliteraturpreis (2014).
Murakami hat in seinen Werken einen eigenen Schreibstil geprägt. Dabei nutzt er klare, beinahe karge Sätze. Diese scheinbare Einfachheit erhöht das Verständnis, gleichzeitig bewegt er sich dabei auf der Grenze überhöht rational zu schreiben, wodurch einzelne Passagen in seinen Werken hart oder gar kalt auf den Leser wirken. Er schafft es durch seinen Schreibstil den Leser in die Geschichte hinein zu ziehen und scheut nicht davor Fragen zu stellen, ohne diese zu beantworten.

Inhalt:
Die Erzählung Schlaf beginnt mit dem Satz: „Es war der siebzehnte Tag ohne Schlaf.“ Die Namenslose Ich-Erzählerin kann seit siebzehnTagen und Nächten nicht mehr schlafen. Während ihrer Zeit als Studentin hatte sie bereits eine ähnliche Schlaflosigkeit in der sie etwa einen Monat lang nachts wach war und tagsüber in einem Dämmerzustand durch den Tag wandelte. Es war ein Grenzzustand, bei dem der Körper und Geist wie voneinander getrennt waren. Doch diese Schlaflosigkeit endete eines Morgens abrupt und in der Folge schlief die Ich-Erzählerin 27 Stunden. Der Grund für diese Schlaflosigkeit und ihre Heilung bleiben unbekannt.
Diese zweite Schlaflosigkeit ist jedoch komplett anders. Eines Nachts erwacht die Erzählerin aus einem Albtraum. Am Fußende ihres Bettes steht ein alter Mann mit ausdruckslosem Gesicht. Aus einem Krug schüttet dieser unentwegt Wasser über ihre Füße als wolle er diese zum auflösen bringen. Die Ich-Erzählerin will sich bewegen und schreien, doch sie ist wie an ihr eigenes Bett gefesselt und muss dem Treiben des alten Mannes zuschauen. Schließlich erwacht sie aus diesem zweiten Albtraum und kann in der Folge nicht mehr schlafen. So setzt sie sich ins Wohnzimmer, trinkt Cognac und liest ein Buch. Ihr Mann und ihr Sohn schlafen derweil.
Es stellt sich heraus, dass der Tagesablauf der Ich-Erzählerin bisher sehr einseitig war. Morgens verabschiedet sie sich mit den immer gleichen Sätzen von ihrem Mann und Sohn, geht in der Folge Einkaufen und putzt im Haushalt. Danach bereitet sie Mittagessen für ihren Mann vor, um im Anschluss Schwimmen zu gehen. Nach dem Schwimmen kommt dann bereits ihr Son von der Schule. Eine Zeit lang hat die Erzählerin Tagebuch geführt, doch die Eintragungen waren so ähnlich, dass sie die einzelnen Tage kaum unterscheiden konnte und deshalb wieder aufgehört hat. Ihr kompletter Alltag ist ritualisiert und eintönig. Dazu gehört auch, dass ihr altes Auto manchmal nicht anspringt. Die Ich-Erzählerin geht jedoch aus Gewohnheit nicht in die Werkstatt, was ihr am Ende des Buches zum Verhängnis werden soll.
Ihr Mann ist erfolgreich als selbständiger Zahnarzt tätig und insgesamt sehr beliebt. Doch die Erzählerin „glaubt“ nur, dass sie ihn liebt. Sie  beschreibt sein Gesicht als „sonderbar“ und kann sich nicht einmal an das Gesicht ihres Mannes erinnern als sie es porträtieren will.
Bei ihrer zweiten Schlaflosigkeit ist die Ich-Erzählerin, anders als beim Ersten Mal, geistig hellwach. So nutzt sie die Nächte zum Lesen und Nachdenken darüber, wie sie sich und ihr Verhalten seit ihrer Ehe geändert hat. Dabei wird ihr mehr und mehr bewusst, wie sehr sie sich dem Leben ihres Mannes anpasst. Sie entwickelt sogar eine innerliche Abneigung gegen ihn, die sich kontinuierlich steigert. Den Höhepunkt erreicht diese Abneigung darin, dass sie negative Gefühle ihrem Sohn gegenüber entwickelt, da ihrem Mann in Gestik und Mimik enorm ähnelt.
Bewusst wie auch unbewusst macht die Erzählerin des Nachts immer mehr Handlungen, welche sie seit der Ehe nicht mehr getan hat. Sie ist Schokolade und trinkt Cognac, was ihr Mann als Antialkoholiker und Zahnarzt nicht macht. Zudem besteht ein Großteil ihrer nächtlichen Tätigkeiten im Lesen von Romanen wie Anna Karenina. Zudem betrachtet sie die Gesichter ihres schlafenden Sohnes und Mannes und denkt über ihr Leben nach. Als abschließende Handlung in vielen Nächten macht sie Spazierfahrten mit dem Auto. Diese Tätigkeit führt auch zum Finale des Buches hin. Im Rahmen dieser Rezension möchte ich das Ende des Werkes für potentielle Leser jedoch nicht vorweg nehmen.
Während des gesamten Werkes bemerkt niemand von der Schlaflosigkeit der Ich-Erzählerin. Ihr Sohn und Mann schlafen im Gegensatz zu ihr tief und fest. Zudem erzählt sie nicht davon, da sie Angst davor hat therapiert zu werden.

Fazit und Kritik:
Der Roman beginnt unmittelbar und zieht den Leser schon nach wenigen Zeilen in seinen Bann. Durch die kurzen Sätze und direkte Beschreibung ist das Buch leicht verständlich und gut zu Lesen. Das Werk kommt gänzlich ohne Namen aus, da diese für die Handlung nicht benötigt werden und es keine Dialoge gibt. Vielmehr erzählt die Ich-Erzählerin in rationaler, beinahe kalter Art und Weise.
Murakami gelingt es hervorragend die Distanz und Unterschiede zwischen der Frau und ihrem Mann zunächst zu skizzieren und im Verlauf sukzessive zu verdeutlichen. Diese Diskrepanzen lernt der Leser dabei gemeinsam mit der Ich-Erzählerin kennen. So baut man einerseits eine Art Mitgefühl auf, andererseits war ich nicht immer konform mit den Gedankengängen oder Verhalten der Erzählerin, wodurch diese Phasen des Werkes eher von Missgunst und Abneigung geprägt werden. Insgesamt ist das Werk auf seine eigene Art so „schnell“, dass man als Leser Acht geben muss nicht selbst noch den letzten Gedankengängen und Gefühlen hinterher zu hängen.
Von herausstechender Bedeutung sind für mich die Fragen welche sich die Ich-Erzählerin stellt. Dabei stellt Murakami diese Fragen unvermittelt und scheut nicht davor, diese ohne Beantwortung stehen zu lassen. Vielmehr denken Leser und Erzählerin über die Fragen nach. Meist findet die Erzählerin keine Antwort auf ihre Frage, sondern vielmehr eine weitere, tiefergehende Frage.
Als abschließende Besonderheit ist die Aufmachung des Buches zu nennen. In die Erzählung sind ganzseitige Illustrationen von Kat Menschik eingebunden. Die Zeichnungen sind in dunkelblau und silber gehalten und stellen in surrealer, teils abstrakter Art Szenen der Erzählung dar. Die teils angsteinflößenden Darstellungen bereichern das Buch nochmals und unterstützen den Text. So kann man wie die Ich-Erzählerin in ihrer Schlaflosigkeit beinahe traumhaft über verschiedenste Fragen der Sinnhaftigkeit nachdenken.
Als letzten Aspekt möchte ich hervorheben, dass es offen bleibt in wie fern die dargestellten Probleme und Lebensweisen aus Murakamis Erfahrungen in Japan oder im Westen beruhen. Zwar spielt die Handlung in Japan, sie lässt sich in meinen Augen jedoch problemlos einen westlichen Kontext übertragen.

Leseempfehlung?
Für mich ist die Erzählung Schlaf von Haruki Murakami definitiv lesenswert, wenn auch das Ende Geschmackssache ist. Vor Allem wirft das Werk viele Fragen auf, über die sich nicht nur gut nachdenken, sondern auch hervorragend diskutieren und philosophieren lässt.

This entry was posted in Japan, Literature review. Bookmark the permalink.

2 Responses to Schlaf von Haruki Murakami

  1. SchumannAngelika says:

    Lieber Daniel,

    danke erst einmal für deine sehr gelungene Rezension. Besonders deine Motivation, wieso du dieses Buch “Schlaf” ausgewählt hast, finde ich sehr interessant und auch ungewöhnlich, aber gleichzeitig auch passend.

    Interessant ist es, dass das Buch von einem Einheimischen verfasst wurde und man somit als Leser einen unverfälschten Einblick in die faszinierende japanische Kultur bekommen kann. Zusätzlich wird die Geschichte komplett in der Ich-Perspektive erzählt, wobei die Protagonisten und die anderen Charaktere namenlos bleiben. Scheinbar werden die Namen für das Verständnis der Geschichte nicht benötigt.
    Der Titel “Schlaf” lässt vieles vermuten, was die Geschichte sein könnte, allerdings nicht, dass es sich um eine Japanerin handelt, die unter Schlaflosigkeit leidet. Die Geschichte beginnt damit, dass man erfährt, dass die Protagonisten seit 17 Tagen und Nächten bereits nicht schlafen kann.
    Man erfährt von ihrem Albtraum, von ihrem sehr eintönigen Leben, ihrem Mann und ihrem Sohn. Die Tage scheinen sich sehr zu ähneln und sie erlebt so gut wie kaum Abwechslung. Ihr Leben scheint fad und trist zu sein.
    Jedenfalls beginnt sie die zusätzlich Zeit zu nutzen, um Dinge auszuprobieren, die sie sonst nicht tun würde – sie fängt an ihr Leben zu genießen. Beispielsweise ist die Hauptfigur Schokolade oder trinkt Alkohol oder liest Romane. Sie erzählt niemanden von ihrer Schlaflosigkeit aus Angst davor therapiert zu werden. Es ist wirklich faszinierend, was für ein Parallelleben sie beginnt zu leben.
    Sehr spannend finde ich die Entwicklung die die Frau beginnt zu erfahren, beispielsweise fängt sie an ihren Mann weniger zu mögen, da ihr bewusst wird, wie viel sie für ihn aufgegeben hat. Gleichzeitig entwickelt sie deswegen auch eine Abneigung gegen ihren eigenen Sohn, weil dieser sie auch an ihren Mann erinnert.

    Insgesamt finde ich sehr spannend wie die Oberflächlichkeit und die Eintönigkeit ihres Alltags und ihres Familienlebens in dem Buch dargestellt werden. Generell sind die Beziehungen der Familie scheinbar von oberflächlicher Natur, da niemand ihre Schlaflosigkeit zu bemerken scheint. Es ist absolut nachvollziehbar, warum du deine Leseempfehlung für dieses Werk aussprichst.

  2. spaetkaroline says:

    Hallo lieber Daniel,

    zuerst einmal vielen Dank für deine Rezension! Die Thematik deines Romans scheint sehr interessant zu sein. Die mit einem Albtraum beginnende Schlaflosigkeit hinterlässt einen etwas bedrückenden aber gleichzeig auch durch diese Begebenheiten, die eher schwierig zu erklären sind und viele Fragen offen lassen, einen spannenden Eindruck.

    Die Gründe für ihre wiederholt auftretende Schlaflosigkeit scheinen der ritualisierte und eintönige Alltag der Protagonistin zu sein. Man erhält den Eindruck, dass diese mit dem Verlauf ihres Lebens eher unzufrieden ist. Dies wird vor allem auch dadurch deutlich, dass es so scheint, dass sie mit ihrem Mann, der ja eigentlich einen riesigen Stellenwert besitzen sollte, keine richtigen Emotionen verbinden kann. Diese Unzufriedenheit in Ihrem Leben scheint sich in ihrer Schlaflosigkeit zu reflektieren, da sie, wie du beschrieben hast, hellwach und sehr klar über ihr Leben nachdenkt. Auch habe ich den Eindruck, dass die Protagonistin das Gefühl hat, sie hat sich dem Leben ihres Mannes zu sehr angepasst. Früher verzichtete sie auf Süßigkeiten und Alkohol, obwohl es so zu sein scheint, dass ihr diese Dinge durchaus gefallen. Es erweckt den Anschein, als ob sie in ihrer Persönlichkeitsentfaltung gebremst wurde und dies sich auch stark auf ihre Lebenslust auswirkt.

    Besonders auffällig ist außerdem, dass die Schlaflosigkeit von ihrer Familie nicht bemerkt wird. Es scheint so, dass die Beziehungen innerhalb der Familie von eher oberflächlicher Art sind.

Comments are closed.