Mo Yan: Wie das Blatt sich wendet

Unbenannt

Das Buch

Titel: Wie das Blatt sich wendet
Originaltitel: Change
Autor: Mo Yan
Übersetzerin: Martina Hasse
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Erscheinungsjahr: 2010
Seiten: 112

Preis: 12,90€
Rezension: Dominik S.
(Vorstellung am 18.05.2015)

Der Autor

Mo Yan ist der Künstlername des chinesischen Schriftstellers Guan Moye. Als Bauerssohn in Gaomi in der Provinz Shandong geboren, wird ihm der Zugang zur Universität zunächst verwehrt. Er geht 1976 zum Militär, bestreitet seine Karriere von dort bis zur Ernennung zum Offizier und entwickelt sich zum geachteten Schriftsteller. Neben Werken wie Das rote Kornfeld, Die Knoblauchrevolte, Die Republik des Weines und Die Sandelholzstrafe, erhält er 2011 den Mao-Dun-Literaturpreis für sein 2009 erschienenes Werk Frösche.  Von vielen Chinesen wird er als chinesischer Staatsdichter gesehen. Er erhielt 2012 den Literatur Nobelpreis und ist Vizepräsident des chinesischen Schriftstellerverbandes.

Motivation

Nach dem eindrucksvollen Vortrag und der Rezension des Romans „Frösche“, welches von Mo Yan verfasst wurde, interessierte ich mich für die weiteren Werke des Schriftstellers. Jil Bennor, die den Vortrag über „Frösche“ gehalten hatte, empfahl mir dann „Wie das Blatt sich wendet“. Hinzu kam, dass der Schriftsteller einen Literatur Nobelpreis erhalten hatte. Interessiert war ich an der persönlichen Sicht eines Mannes, der beim Militär arbeitete und für seine zahlreichen Werke nicht nur in China bekannt geworden ist.

Inhalt

Die Ich-Erzählung handelt vom Leben des Autors selbst. Er beschreibt das Auf und Ab, Hindernisse, Hürden aber auch Erfolge im Land der Mitte von der Schulzeit 1969 bis hin zum Jahr 2010.

Yan beginnt mit der Beschreibung seiner Schulzeit. Eine sehr gute Schule, wie er beschreibt. Sie ist stark von politischen und militärischen Führungskräften geprägt, da diese ihre Kinder selbst dorthin schickten. Selbst wurde er zuvor nach fünf Jahren Grundschule dieser verwiesen, weil er einen Spitznamen eines Lehrers verbreitet hat. Trotz des Rauswurfes ist Yan hartnäckig und geht weiterhin auf den Pausenhof und schaut den Kindern beim Spielen zu.
Fast alle Kinder in Gaomi wollen damals LKW-Fahrer werden. Ein damals ehrbarer Beruf, der vom Fahrer mit weißen Handschuhen ausgeführt wird. Ein Klassenkamerad Yans, He Zhiwu, erfährt selbst auch Schwierigkeiten in der Schule und verabschiedet sich, scherzhaft einen chinesischen Helden nacheifernd, in einer geklauten Uniform und weißen Handschuhen durch die Schule marschierend. Yan ist durch seinen Onkel an einen Aushilfsjob in einer Baumwollmanufaktur gekommen und verdiente 15 Yuan pro Monat. He Zhiwu erzählt Yan von seinem Vorhaben in die Mandschurei auszuwandern um dort sein Glück zu versuchen und bittet ihn ihm zehn Yuan zu leihen. Er wolle das Geld zurückzahlen sobald sie sich wiedersähen. Yan willigt ein.

Schon in der Baumwollmanufaktur schreibt Yan Briefe für einen alten Fabrikarbeiter und wird von diesem „kleiner Intellektueller“ genannt. Ohne ausgeschriebene Aufnahmeprüfungen, ohne weitreichenden Einfluss und ohne Schulabschluss hat er jedoch keine Chance einen Platz an einer Universität zu bekommen. Um nicht als Bauer zu enden entscheidet er sich für das Militär und wird nach drei Jahren jährlicher Bewerbung 1976 zur Grundausbildung in den Kreis Huang, auf das Gehöft der Familie Ding geschickt. Folgend wird er in die angesehene „geheime Einheit des Verteidigungsministeriums“ berufen, die sich jedoch als kleine Peilstation mit einer Besatzung von 16 Mann im Nirgendwo herausstellt.

Hier blüht jedoch seine Liebe zum GAZ-51 wieder auf. Der in der Sowjetunion gefertigte alte Lastwagen begeistert ihn soweit, dass auch er Lastwagenfahrer werden will. Er beginnt sich beim Maschinisten Zhang, dem Fahrer, beliebt zu machen und wird von diesem ausgebildet. Bei einer Lieferung nach Peking die er begleitet und auf dessen Rückreise er drei Tage in Peking verbringen durfte, wird jedoch ein ausgebildeter Fahrer eines anderen Kreises dem Posten zugeteilt und Yan muss seinen Traum aufgeben. Auf dem Rückweg besucht er seine Heimat und will die alte Klassenkameradin und das damals schönste Mädchen der Schule, Lu Wenli, besuchen, die ihn nach längerem Warten jedoch unfreundlich abwimmelt.

Mittlerweile ist Yan Vizefeldwebel. Durch eine Zulassungsquote der Politik erhält er die Aussicht auf einen Platz bei der Aufnahmeprüfung der Militäruniversität. Seinen Vorgesetzten ist nicht bewusst, dass er die Mittelschule nicht besucht hat. So nimmt er, vom Dienst freigestellt, Nachhilfeunterricht bei einem Funktechniker und lernt über Monate für die Prüfung. Doch er wird wieder enttäuscht. Denn kurz vor der Prüfung wird die Zulassungsquote widerrufen. Sein Vorgesetzter beschließt, dass das ganze Lernen jedoch nicht umsonst gewesen sein soll und beauftragt ihn mit der Schulung der Einheit. Seine Lehre gefällt den besuchenden Führungskräften so gut, dass er zur Ausbildungsakademie nach Boading versetzt wird um dort weiter zu lehren. Neben der Lehre abonniert er Literaturmagazine und beginnt so das literarische Schreiben.

Yan heiratet und bekommt 1981 eine Tochter, Xiaoxiao. Durch seine Publikationen in einem Magazin wird er bekannt, wird zum Offizier befördert und bringt nach der Aufnahme an der Kunstakademie der Volksarmee das Buch „Das rote Kornfeld“ heraus, welches später verfilmt wurde. Er genießt großes Ansehen, ist nun Masterstudent für Literatur an der Beijing Normal Universität und hilft bei einem Professor aus.

1992 besucht ihn dort der nun erfolgreiche He Zhiwu, der zurück in die Heimat ziehen will und um ein Empfehlungsschreiben bittet, dass es ihm ermöglicht die gleiche Stelle auch in der Heimat vom Kreisvorsteher zugewiesen zu bekommen. Als Yan ihm das Schreiben überreicht, lädt He ihn zu sich nach Hause ein. Einige Zeit später kommt es zu einem dreitägigen Treffen, bei dem He Zhiwu hauptsächlich von seiner Vergangenheit erzählt. Seine Reise begann mit den zehn Yuan Yans, der damit einen Viehhandel aufgebaut hat und später auch erfolgreich mit Holz, Stahl und Seide handelte. Nach seiner Auswanderung gründete He zusammen mit seiner russischen Ehefrau eine Familie mit drei Kindern.

Im Mai 2010 wird Yan in die Jury eines Fernsehpreises, dem Maoqiang-Opern-Wettbewerb, eingeladen. Die Maoqiang-Oper wurde zuvor zum Unesco Kulturerbe ernannt. Als Mitentscheider bei der Besetzung des Stückes wird die Jury von den Eltern der sich bewerbenden Kinder aufgesucht um die Situation des Kindes zu verbessern. So wird auch Yan von Lu Wenli, der alten Klassenkameradin, aufgesucht, die ihm 10.000 Yuan bietet, damit ihre Tochter gut behandelt wird. Er nimmt das Geld an.

Kritik und Fazit

Eindrucksvoll schildert der Schiftsteller Mo Yan seine Geschichte. Wie er selbst beschreibt, versucht er dabei so realistisch wie möglich zu bleiben. Er kommentiert und reflektiert seine Handlungen und gibt dem Leser so die Möglichkeit, sich in das Geschehen einzufühlen.

Besonders beschreibt er dabei seine Träume und Hoffnungen, von denen viele zerschlagen, einige am Ende jedoch wahr werden. Zu Anfang des Buches beschreibt er, dass er zur Armee geht, da ihm der Weg an die Universität nicht offen steht. Auch die zweite Chance doch noch an die Universität zu kommen wird durch den Rückzug der Zulassungsquote unmöglich. Doch durch den Umweg des Militärdienstes erhält er später doch einen Platz in der Aufnahmeprüfung und kann sich an der Universität in Peking einschreiben. Wie der Titel des Buches beschreibt hat sich das Blatt gewendet. Vom einfachen Bauern ohne Schulbildung zum hoch angesehenen Offizier und Schriftsteller. Das Buch umfasst dabei viele kleine verschachtelte Erzählungen von Dingen, die sich mit der Zeit verändert haben. Ob es die fettigen, maschinell gefertigten Teigtaschen sind, die früher berühmt waren und heute verschmäht werden. Ob es die Geschichte vom armen Versager He Zhiwu ist, der durch das Startkapital von Mo Yan später in der Ferne der reichste Mann der Region wird. Oder ob es Lu Wenli ist, die alte Klassenkameradin, die ihn erst abblitzen lässt und später selbst bei Mo Yan erbitten muss, dass ihre Tochter beim Wettbewerb gut behandelt wird.

Bei den Erzählungen wird jedoch sichtbar, dass der Autor sich von detaillierten Beschreibungen und Wertungen der Politik weitestgehend distanziert. Er beschreibt zwar, dass seine Schule von Führungskräften des Militärs und der Politik unterstützt und gelenkt wurde, geht aber nicht weiter darauf ein. Auch lässt er es aus die Kulturrevolution zu beschreiben. Bei dem Besuch der Grabstätte Maos in Peking würdigt er diesen im selben geringen Umfang, wie den anschließenden Besuch des Zoos und weiterer Attraktionen. Interessiert stellt er lediglich fest, dass es China nach dem Tod Maos unerwartet gut ginge und das Land sich erhole. Obwohl er zu der Zeit sogar in Peking lebt, erwähnt er auch die Studentenunruhen nur am Rande, um sein damals versäumtes Englischlernen zu rechtfertigen.

Dennoch ist das Buch vorbehaltlos zu empfehlen. Es ist in einer angenehmen, ruhig erzählten und reflektierenden Weise geschrieben. Und auch wenn es einige Teile der chinesischen Geschichte ausblendet, gibt es dennoch einen sehr guten Einblick in die Sichtweise der damaligen Menschen auf sich und das Land selbst. Es zeigt auf, wie Land und Menschen sich mit der Zeit ändern. Durch die ständigen Rückschläge und Hoffnungsschimmer bleibt es dabei stets interessant und mitreißend. Der Leser fiebert mit und kann sich in die, trotz des recht kurzen Buches, sehr anschaulich beschriebenen Handlungen hineinversetzen. So wünschte ich dem jungen Yan beispielsweise, dass er wieder zur Schule gehen darf, den Beruf des Lastwagenfahrers ausüben darf oder an der Uni angenommen wird. Die Kernaussage des Buches, so scheint es, liegt dabei darin an seinem Beispiel zu zeigen, dass, obwohl nicht immer alles so geschieht wie es von einem selbst geplant und gewünscht ist, man mit viel Motivation und Hartnäckigkeit seine Ziele doch erreichen kann. Auf Zeiten der Niederschläge folgen oft unerwartete Chancen.

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2 Responses to Mo Yan: Wie das Blatt sich wendet

  1. spaetkaroline says:

    Hallo lieber Dominik,
    zuerst einmal vielen Dank für deine Rezension. Ich denke du hast eine gute Wahl getroffen, da die autobiographische Darstellung Mo Yans, als „chinesischer Staatsdichter“ mit einer erfolgreichen militärischen Karriere, eindrucksvolle Einblicke in das chinesische Leben auf dem Land und der chinesischen Gesellschaft zur damaligen Zeit zu geben scheint.

    Besonders interessant an deiner Wahl empfinde ich, dass die Höhe- und Tiefpunkte seines Lebens beschreiben werden, die sich abwechseln zu scheinen. Die Entwicklung vom Schulabgänger ohne vielversprechende Zukunftsaussichten hin zu einer militärischen Karriere und die darauf folgenden Versuche des Mo Yans eine literarische Laufbahn einzuschlagen, was Ihm jedoch erst nach mehreren Anläufen gelang. In diesem Zusammenhang finde ich besonders spannend, dass sein Interesse eigentlich schon zu Beginn seines Lebens der Literatur galt, er jedoch das Militär dazu nutzte nicht einer bäuerlichen Tätigkeit nachgehen zu müssen. Am Ende seines Lebens hat sich das Schicksal, dennoch seinen Hoffnungen gefügt und ihn zu einem hochangesehenen Schriftsteller gemacht.

    Auch die ironische Fügung des Schicksals im Bezug auf seinen Freund He Zhiwu, der als mittelloser Mann von seinem Freund Geld leihen musste und sich darauf zu der reichen Gesellschaft der Republik zählen konnte zeigt wie unvorhersehbar das Leben spielen kann.

    Hier wird sehr deutlich, dass alles ununterbrochen im Wandel ist, Staaten, Gesellschaften und einzelne Persönlichkeiten sich ständig verändern und das Leben sich in verschiedene Richtungen entwickeln kann.

  2. SchumannAngelika says:

    Lieber Dominik,

    Vielen Dank für deine sehr aufschlussreiche Rezension. Obwohl ich nicht bei deiner Präsentation, insbesondere auch der Vorstellung einer besonders prägnanten Stelle deinerseits, dabei sein konnte, habe ich dank deiner Rezension eine Idee und einen sehr guten Überblick über den Buchinhalt gewinnen können.

    Interessant finde ich wie du auf das Buch „Wie das Blatt sich wendet“ gestoßen bist und zwar auf Umwegen, da dir das Werk „Frösche“ vom chinesischen Autor Mo Yan sehr gefallen hat. Dieses hat Jil Bennor vor einigen Wochen vorgestellt. Ich kann absolut nachvollziehen, warum du ein weiteres Werk von dem Nobelpreisträger lesen wolltest.
    Zuerst ist mir positiv aufgefallen, dass es sich bei dem Buch um ein eine Ich-Erzählung handelt und dass aus dem Leben des Autors selbst erzählt wird. Es geht scheinbar um das Auf und Ab in seinem Leben, damit verbundene Hindernisse, Hürden und auch Erfolge in der Zeitspanne 1969 bis 2010.
    Sehr verblüffend war bzw. ist für mich die Tatsache, dass Mo Yan keinen Schulabschluss hat, da er von der Schule verwiesen wurde. Niemals hätte ich gedacht, dass ein so exzellenter Schriftsteller zunächst im Militär war und erst nach mehreren Umwegen Literatur studieren konnte. Witzig ist auch, dass er einmal ein Lastwagenfahrer werden wollte und dieses aufgrund eines Zufalls ihm nicht möglich war. Sehr interessant ist auch, dass es in China zur damaligen Zeit scheinbar kein ungewöhnlicher Berufswunsch für Jungs war.
    Also noch einmal lieben Dank für deine sehr gelungene Rezension und die Vorstellung eines wirklich interessanten Werkes.

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