Frösche von Mo Yan – Eine Buchrezension

Fakten zum Buch1
Titel: Frösche
Originaltitel: Wa 蛙
Autor: Mo Yan
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
Erscheinungsjahr: Originalausgabe 2009
Seiten: 522
Preis: 12,90€
Rezension: Jil Selina Bennor (Vorstellung am 13.04.2015)

Autor

Guan Moye, dessen Schriftstellername Mo Yan („keine Sprache“) ist, wurde 1956 in Gaomi der Provinz Shandong geboren. Er entstammt einer bäuerlichen Familie. Nachdem er auf Grund der Kulturrevolution im Alter von 12 Jahren die Schule abbrechen musste und in einer Fabrik gearbeitet hat, trat er 1976 der Volksbefreiungsarmee bei. Dort begann er auch seine schriftstellerische Karriere und brachte 1981 seine erste Sammlung von Kurzgeschichten raus. Viele Werke Mo Yans wurden weltweit übersetzt und einige auch verfilmt. 2011 erhielt er den Mao-Dun-Literaturpreis für den hier vorgestellten Roman „Frösche“. Zudem hat er 2012 den Literatur Nobelpreis verliehen bekommen.

Motivation

Insbesondere in Deutschland aber auch in anderen europäischen Staaten versucht man durch spezielle Anreize die Geburtenrate zu steigern. Nicht so in dem bevölkerungsreichsten Land der Welt, das mit einer rasant ansteigenden Geburtenrate zu kämpfen hat. Um dies zu kontrollieren hat die Volksrepublik China 1979 die Ein-Kind-Politik eingeführt. Für uns ist eine solche Politik unvorstellbar, da auf diese Weise erheblich unsere Menschrechte eingeschränkt werden. In China jedoch steht das Wohl des Staates über dem des Individuums. Die Einzigartigkeit der Ein-Kind-Politik in China weckt Interesse einen tieferen Einblick in das Thema zu erlangen. Denn diese Art und Weise der Familienplanungspolitik hat enorme gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Folgen.
Da die Hauptfigur des Romans ein reales Vorbild hat und der Autor selber sich als schuldig bekennt seine Frau zu einer Abtreibung gedrängt zu haben, um seine eigene Zukunft zu sichern, verspricht dieses Buch eine besondere Schilderung der Auswirkungen der Ein-Kind-Politik.

Inhalt

Der Roman „Frösche“ von Mo Yan beschreibt in einem Zeitraum von über 30 Jahren die Entstehung, Entwicklungen und Auswirkungen der Ein-Kind-Politik in China an Hand der Lebens- und Arbeitsumstände der Frauenärztin Gugu.

Das Buch ist inhaltlich in fünf Unterbücher gegliedert und ist als Briefroman verfasst. Das letzte Buch ist ein Theaterplot in neun Aufzügen. Am Anfang eines jeden Buches wendet sich der Ich-Erzähler mit dem Namen Kaulquappe jeweils direkt in einem Brief an seinen japanischen Lehrmeister, der ihn ermuntert hatte die Geschichte seiner Tante, der Frauenärztin Gugu niederzuschreiben. Der Roman spielt in einer ländlichen Gegend im Nordosten Chinas. Kaulquappe spiegelt in seinem Buch das Leben seiner Tante Gugu von ihrer Geburt 1937 bis hin zu ihrem Ruhestand wieder. Auf diese Weise wird in dem Buch eine große Zeitspanne beschrieben, sodass der Leser die Auswirkungen der japanischen Besatzung, Revolution, Hungerkatastrophe, Kulturrevolution, Chinas Wirtschaftswunder sowie die ersten Jahre des neuen Jahrtausends erfährt.

Gugu beginnt als erste ausgebildete Hebamme ihren Dienst als Geburtenhelferin in ihrer Heimat und genießt hohes Ansehen. Ihre makellosen politischen Referenzen werden 1960 auf eine harte Probe gestellt. Ihr Verlobter, ein Pilot, flieht nach Taiwan, dem größten Feindesbild des kommunistischen Chinas. Auf Grund dieser Verbindung, muss sie während der Kulturrevolution Demütigungen und Schläge ertragen. Anstatt sich nach diesen Erfahrungen von der kommunistischen Partei zu entfremden, bekräftigt all dies Gugu sich der Partei noch mehr zu verschreiben. Sie will ihre Treue durch die bedingungslose Ausführung der Ein-Kind-Politik, die 1979 eingeführt wurde, unter Beweis stellen. So macht es sich die parteitreue Gugu mit Beginn der Geburtenkontrolle zur Aufgabe Zwangssterilisierungen und Abtreibungen durchzuführen. Sie verschreibt sich vollkommen ihrer Karriere und wird zu einem willigen Werkzeug der Partei. Ohne Skrupel jagt sie Schwangere bis zum Tod und stürzt ganze Familien ins Unglück. Gugu verfällt in einen regelrechten Wahn und Fanatismus um das von der Regierung geplante Bevölkerungswachstum zu gewährleisten. Bei diesen Taten wird sie von ihrer Gehilfin Xiao Shizi unterstützt. Mehrere Tausend Kinder wurden von den beiden abgetrieben, um die Ein-Kind-Politik einzuhalten. Zwei Frauen die bereits im siebten Monat schwanger waren sterben bei dem Versuch von Gugu die Geburten zu verhindern. Die eine Frau wird solange von Gugu verfolgt, bis ihre Kräfte nachlassen und sie in einem Fluss ertrinkt. Die zweite Frau heißt Renmei und ist die Ehefrau des Erzählers Kaulquappe. Renmei verblutet bei dem vom Gugu durchgeführten Eingriff zur Abtreibung. Obwohl die Frauen versucht hatten sich zu verstecken, gelang es ihnen nicht sich vor Gugu zu schützen, die all ihre Macht nutzte, um die Geburten zu verhindern. Bei diesem Vorfall rückt auch der Erzähler mehr in den Mittelpunkt des Geschehens, denn schließlich sind seine Frau und sein zweites Kind ums Leben gekommen. Doch anstatt diesen Vorfall zu verarbeiten, heiratet Kaulquappe Gugus Assistentin Xiao Shizi, die an der Abtreibung mit beteiligt war, nur kurze Zeit später. Kaulquappe sieht sich jedoch nicht nur als Opfer, da auch er seine Frau gedrängt hat das zweite Kind abzutreiben, damit er weiterhin in der Armee dienen kann und nicht wieder auf dem Land arbeiten muss. Durch den Beginn ihres Ruhestandes verebbt Gugus Eifer die Geburtenplanung durchzusetzen. Sie spricht sich selber eine große Schuld zu und stellt Tausende Tonfiguren her, die die getöteten Babys darstellen. Denn sie hat sich eine eigene Theorie zur Rechtfertigung ausgedacht, nach der die Seelen der von ihr getöteten Babys nun an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit auf die Welt kommen.

Nachdem der Erzähler mit seiner neuen Frau Xiao Shizi, die vergeblich versucht hat selbst Mutter zu werden, längere Zeit in Peking gelebt hat, kehren die beiden zum Ende des Romans in das sich sehr veränderte Gaomi zurück. Dort wo früher einmal die ärmliche Geburtenstation war, in der Gugu und Xiao Shizi gearbeitet haben, stehen nun ein teures chinesisch-amerikanisches Mutter-Kind-Krankenhaus sowie eine Froschzuchtfarm. Es stellt sich heraus, dass die Froschzuchtfarm tatsächlich ein heimliches Leimütterzentrum ist. Xiao Shizi beauftragt eine Leihmutterschaft ohne das Wissen ihres Mannes, um auf diese Weise endlich selber Mutter zu werden. Chen Augenbraue, deren Mutter bei ihrer Geburt ebenfalls durch Verfolgungen von Gugu und Xiao Shizi ums Leben kam dient als Leihmutter für das Kind von Xiao Shizi und Kaulquappe. Auf Grund eines Brandes in der Fabrik in der sie arbeiten musste, um die durch ihre Geburt als zweites Kind entstanden Schulden zu zahlen, ist sie extrem entstellt. In dem angehängten Theaterstück steht die ungerechte Behandlung von Chen Augenbraue nachdem sie als Leihmutter das Kind von Xiao Shizi und Kaulquappe geboren hat im Zentrum. Betrogen um ihre Bezahlung als Leihmutter versucht sie ihr Kind zurück zu bekommen. Doch sie ist chancenlos in einem System das sie zu jeder Zeit zu demütigen versucht.

Fazit

Der Roman beschreibt auf der einen Seite das Leben auf dem Land aber auf der anderen Seite auch die brutale und skrupellose Ausführung der Ein-Kind-Politik. Das Leben und Handeln der Ärztin Gugu und deren gravierenden Auswirkungen werden sehr einschneidend und wirkungsvoll erzählt. Die politische und physische Härte der Ausführung der Ein-Kind-Politik wird teilweise ein wenig humorvoll beschrieben, was Verwirrung beim Leser auslösen kann. So wird beispielsweise die Verfolgungsjagd einer Schwangeren auf dem Fluss eher wie eine Abenteuergeschichte erzählt, sodass die Grausamkeit der Tat durch die Erzählweise als verharmlost verstanden werden kann. Trotz der vereinzelt humorvoll gestalteten Passagen kann bei „Frösche“ definitiv nicht von einem fröhlichen Roman die Rede sein. In dem Roman werden einige Einzelschicksale beschrieben, die unter der beinah euphorischen Ausführung der Ein-Kind-Politik der Ärztin Gugu leiden, jedoch fehlt in meinen Augen eine genaue Schilderung der Ursachen sowie die Auswirkung auf die Gesamtheit.

Eine besondere Betrachtung sollte der Bedeutung des Titels „Frösche“ gelten. Die chinesischen Schriftzeichen für „Frosch“ und Baby“ werden beide gleich ausgesprochen: „wa“. In der deutschen Übersetzung ist dies eindeutig nicht so. Deshalb versteht man erst etwas später den Zusammenhang und die Bedeutung der immer wieder erwähnten und handlungsbedeutenden Frösche. Die Protagonisten stellen im weiteren Verlauf sich ständig selber die Frage welches „wa“ nun gemeint ist. Durch den Anstieg der Abtreibung nimmt auch die Zahl der Frösche zu, die eine wichtige Rolle in dem Roman spielen. Aber auch die Zahl der „Niwawas“ (Tonfiguren) steigt, die Gugu als Stellvertreter der toten Kinder sieht, die sie auf dem Gewissen hat. Dies findet seinen Höhepunkt, wenn Gugu am Abend ihrer Abschiedsfeier zum Einstieg in den Ruhestand alkoholisiert in einen Froschtümpel fällt. Sie hört tausende von Froschschreie, die sie als Hassschreie wahrnimmt und verfällt so zum ersten Mal in Panik. Diese Szene wird über mehrere Seiten beschrieben und stellt dabei keine einfache Ausschmückung dar, sondern eine Abrechnung mit den Taten Gugus im höchsten Maße. Die ungeborenen Kinder holen in Gestalt der Frösche die Gewissenqualen bei Gugu in sehr eindrucksvoller Weise ein. Auch Xiao Shizi erklärt lange die Bedeutung der Frösche. So stellen diese jedes Stadium der Fruchtbarkeit wie beim Menschen dar – vom Spermium bis hin zum Baby. Außerdem wird die Froschzuchtfarm auch als Schwarzmarkt für Leihmütter verwendet. So stehen die Frösche auf der einen Seite für Angst, Schrecken und Albtraum während sie auf der anderen Seite Verlangen, Begehren und Wünsche wiederspiegeln.

Dieses Buch ist es wert gelesen zu werden. Man erhält spannende Einblicke in die teilweise grausame Realität der Ein-Kind-Politik in China und dessen Auswirkung für einzelne Familien. In dem Roman „Frösche“ wird ein Land beschrieben das seinen Weg verloren hat, ein Land in dem es für Menschen unmöglich zu sein scheint unabhängige politische, wirtschaftliche und auch soziale Entscheidungen und Urteile zu treffen sowie ein Land in dem Frauen unter rücksichtslosen männlichen Politkern und Ehemännern, die sich nur Söhne als Kinder wünschen, zu leiden haben.

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5 Responses to Frösche von Mo Yan – Eine Buchrezension

  1. yili says:

    Kommentar von Rui Yang

    Prior to this, I have not seen the novel “frog”, after the seminar at last month, I searched the book and read it, and I also studied something about the Chinese family planning. Although the novel is fiction, I have a more emotional understanding for the implementation process of the “national policy” and the various “variant” of it. It is very difficult to determine this policy just use good or bad, but it is undoubtedly it add a border between urban and rural, rich and poor, for some people, however, it is just a multiple choice question, choose one from the money(or power) or future generations, but for the other, it is indeed separated life and death. Further I was quite touched is the low status of women at that time. Those husbands in the novel, who want their wife pregnant again, they just want to have a son. Once they see the baby is a daughter, mother and daughter was again left out. The man who wants their wife abortion, in order to keep his fame and fortune, but finally, he ruined his wife and children on the operating table. Even the women themselves, also want have a son as the ultimate goal. The last part of the novel is about surrogate companies, I think is another tragedy. It treat the woman’s uterus as money machine, then tried to strangle the maternal feelings of the surrogate mother, really inhuman……
    This novel captures every aspect of human nature under the family planning policy, very realistic, very profound. Mo Yan write a sentence at the postscript and it is very alert, “Others guilt, I also guilt.” In the big waves of the era, everyone is helplessness and became accomplice, sometimes, silence is also guilt.

  2. taachevgenia says:

    Hallo Jil,

    zunächst bedanke auch ich mich für die Wahl dieses interessanten Buches und die Wahl eines tief kontroversen Themas.

    Die Thematik der Chinesischen Ein-Kind-Politik veranschaulicht für mich persönlich zunächst die kulturellen Unterschiede zwischen Asien und dem Westen. Es ist allgemein bekannt, dass westliche Länder individualistisch geprägt sind. Insbesondere bedeutet das, dass die persönliche Selbstverwirklichung den kollektiven Interessenzielen übergeordnet wird. Diverse Publikationen beschäftigen sich auch heute mit den Gründen sowie Auswirkungen auf die Gesellschaft. Eine mir bekannte These lautet unter anderem das der “Individualismus” zu einer Identitätskrise, Entfremdung sowie Moralverfall führen. Die letzteren Schlagwörter beziehen sich beispielsweise auf Lebenssituationen in denen die Ehe nicht mehr ausreichend geschätzt und respektiert wird, wo Freundschaften den beruflichen Erfolgen untergeordnet werden und sich somit im Allgemeinen ganze soziale Strukturen auflösen. Ein “Wir-Gefühl” verkümmert, das weitreichende Folgen auf die Persönlichkeit eines Individuums hat.

    In der asiatischen Kultur hingegen werden kollektive Interessenziele den Bedürfnissen des Einzelnen Übergeordnet. In dem Buch “Frösche” wird dieser Aspekt besonders deutlich. Ein unvorstellbares Szenario, in dem die Politik bestimmt wie viele Kinder auf die Welt gebracht werden dürfen. Was mich betrifft, so stellt sich vor allem die folgende Frage. Welcher psychologische Prozess hat Gugu dazu bewegt die politischen Vorgaben mit solch einer Härte durchzusetzen? Insbesondere stell sich diese Frage, da Sie von Ihrem schlechten Gewissen im Nachhinein heimgesucht wird. Warum vollzieht man als Frau Abtreibungen im vorgeschrittenen Schwangerschaftsstadium und zeigt Reue wenn die Vergangenheit nicht mehr abwendbar ist?

    Diese Frage ist offensichtlich sehr komplex und lässt sich nicht eindeutig beantworten. Insbesondere liefert hier der Ansatz des Kollektivismus Asiens keine eindeutige Antwort. Denn das von Guru begangene Verbrechen lässt sich, zumindest für mich, nicht mit der Begründung relativieren, dass das kollektive Interesse dem individuellen untergeordnet worden ist. Somit, wenn die westliche Kultur zur Entfremdung und einem Moralverfall führen, was sind die reichweitenden Konsequenzen des Kollektivismus auf der individuellen Ebene. Oder ist der Fall “Frösche” eine Ausnahmeerscheinung, welche hier den Leser in die Irre führt?

    Ich finde die Rezension sehr ausführlich und im leidenschaftlichen Stil geschrieben. Somit wird das Interesse des Lesers geweckt das Buch selbst zu erkunden und für sich selbst alle offen gebliebenen Fragen zu klären.

    Dank Jil.

  3. KunischChristina says:

    Hallo Jil,

    erst einmal vielen Dank, dass du dieses spannende Buch mit uns geteilt hast. Auch ich habe mich zu Anfang gefragt, wie der Titel „Frösche“ mit der Thematik des Buches, die ja von der Ein-Kind-Politik handelt, zusammenhängt. Umso spannender fand ich es dann zu erfahren, dass die ehemalige Geburtenstation, an dem einst Zwangssterilisierungen und Abtreibungen durchgeführt wurden, nun zu einem Leihmutterzentrum getarnt als Froschzuchtfarm geworden war. Dies und auch Tatsache, dass Gugus Assistentin Xiao Shizi, die nach dem Tod von Kaulquappe’s Ehefrau ihren Platz einnimmt, selbst keine Kinder bekommen kann und schließlich eine Leihmutterschaft beauftragt, zeigt einen gewissen Zynismus bzw. „Ironie des Schicksals“.

    Als besonders interessant stellt sich der Werdegang und Verlauf von Gugu’s Leben heraus. Denn am Beispiel Gurus wird besonders deutlich, welch einen immensen Einfluss die KP zu jener Zeit auf die Bürger übte. So wendet sich Guru trotz ihrer sehr negativen Erfahrungen in der Zeit der Kulturrevolution nicht von der KP ab, sondern scheint gerade deshalb eine noch stärkere Hingabe und Loyalität zum Kommunismus zu entwickeln. So sieht sie die Durchsetzung der Ein-Kind-Politik als ihre Lebensaufgabe an und führt diese in skrupelloser Art und Weise durch. So schafft der Staat es, Guru letztendlich zu instrumentalisieren. Besonders spannend finde ich, dass Guru während ihres Ruhestands einen Wendepunkt erlebt, in dem sie von schweren Schuldgefühlen geplagt wird, die sich schließlich in verstörendem Verhalten widerspiegeln.

    Deine Rezension hat mir definitiv Lust auf das Buch und die Thematik der Ein-Kind Politik in China gemacht. Für jemanden, der in einem solch behüteten und geordneten Land wie Deutschland aufgewachsen ist, ist es nicht nur schwer vorstellbar, dass solch ein dermaßen in die Privatsphäre eingreifendes Gesetz existiert, sondern auch, dass es dann mit solch einer Brutalität umgesetzt wird. Da der Autor vereinzelt Passagen humorvoll darstellt, bei denen es besonders unpassend scheint, fände ich es spannend zu erfahren, wie kritisch Mo Yan sich in seinem Buch „Frösche“ mit dem schwierigen Thema wirklich auseinandersetzt.

  4. SchumannAngelika says:

    Liebe Jil,

    herzlichen Dank für deine sehr aufschlussreiche Rezension. Obwohl ich nicht bei deiner Präsentation dabei sein konnte, habe ich dank deiner Rezension eine Idee und einen sehr guten Überblick über den Buchinhalt gewinnen können.

    Mein besonderes Interesse wurde durch den Titel „Frösche“ geweckt, da ich mir zunächst nicht vorstellen konnte, was für ein Roman sich hinter diesem Titel verbirgt und im weiteren Verlauf deiner Rezension in welchem Zusammenhang Frösche mit Neugeborenen stehen könnte. Daher finde ich deine Erklärung gegen Ende sehr nützlich, dass die chinesischen Schriftzeichen für beide Begriffe jeweils gleich ausgesprochen werden („wa“). Zusätzlich ist es interessant, dass der Roman von einem Einheimischen, also einem Chinesen verfasst wurde. Der Autor Mo Yan war bzw. ist selbst von der Ein-Kind-Politik betroffen.

    Für uns Deutsche ist die Ein-Kind-Politik ein wirklich sehr schwer zu begreifendes Thema, die Einzigartigkeit dieser Thematik macht das Buch besonders interessant. Auch dass die Hauptfigur des Romans ein reales Vorbild besitzt und der Autor selbst sich als schuldig bekennt ist äußerst spannend. Zudem finde ich die Figur „Gugu“ und vor allem die Entwicklung im Verlauf des Buches bemerkenswert. Die Brutalität und der regelrechte Wahn dieser Frau die Geburtenkontrolle mithilfe von Zwangssterilisierungen und Abtreibungen durchzuführen empfinde ich als ziemlich erschreckend. Ich persönlich kann mir kaum vorstellen, wie ein Mensch so werden und auf die beschriebene Art und Weise handeln kann, daher bin ich wirklich positiv überrascht, dass das Bild dieser grausamen Frau sich ändert und dass die „Frösche“ später sogar mit ihr abrechnen. Die bildliche Übertragung der Problematik auf Kaulquappen und Frösche empfinde ich als besonders einzigartig und gelungen. Auch die große Zeitspanne, die mit dem Roman abgedeckt wird, ist ungewöhnlich, sie bietet dem Leser die Möglichkeit viel über die chinesische Kultur zu erfahren. Viele Themen können so angeschnitten werden: die japanische Besatzung, Revolution und Chinas Wirtschaftswunder, um nur einige von den Themen zu nennen.

    Wirklich interessant wäre es zu wissen, ob du die gelesenen Aspekte im kommenden Wintersemester ähnlich in China erleben wirst. Daher freue ich mich schon auf dein Feedback, sobald du wieder zurück aus China bist!

  5. spaetkaroline says:

    Hallo liebe Jil,
    vielen Dank für deine Rezension! Das Lesen hat mir Freude bereitet, da ich denke, dass sie einen guten Überblick und eine Bewertung über die Inhalte des Romans gibt.

    Deine Motivation dieses Buch zu lesen ist für mich sehr gut nachvollziehbar. In einer Gesellschaft zu leben, in der es einem vorgeschrieben ist, wie viele Kinder man bekommen darf, scheint für viele von uns undenkbar. Umso spannender ist es, dass wir bald in einem Land leben werden, das eine solche Familienpolitik durchsetzt.
    Über gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Folgen dieser Ein-Kind-Politik wird man des Öfteren durch die Medien unterrichtet. Jedoch hat man eher selten die Möglichkeit dazu einen Einblick in diese Problematik aus der Sicht von Einzelschicksalen zu erhalten. Dieser Aspekt macht deinen ausgewählten Roman aus meiner Sicht besonders interessant, da er das Leben unter dieser Politik aus der Sicht verschiedener Einzelpersonen, aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, beschreibt, die in dieser Gesellschaft auch völlig unterschiedliche Rollen bzw. Positionen für oder gegen die Politik des kommunistischen Chinas einnehmen. Außerdem ist der Kontrast des Werdegangs der Gugu beindruckend, die als Hebamme angefangen hat und somit Familien unterstütze ihre Kinder gesund auf die Welt zu bringen und im Verlauf des Romans genau gegenteilig handelt.

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