Buchrezension: ZEHN

Details zum Buchzehn titel

Titel: ZEHN
Autorin: Franka Potente
Erscheinungsjahr: 2010
Seitenzahl: 165
Verlag: Piper Verlag GmbH, München
Sprache: deutsch
ISBN: 978-3-492-27367-1
Preis: 8,99 Euro (Taschenbuch)

Die Autorin

Franka Potente wurde 1974 in Münster, Deutschland, geboren frankapotenteund lebt heute in den USA. Die international gefragte Schauspielerin lebt heute in den USA. Die international gefragte Schauspielerin wurde vor allem durch ihre Titelrolle in Tom Tykwers „Lola rennt“ bekannt. Dreharbeiten für einen Dokumentarfilm über „Underground Art“ in Tokio führten sie 2005 nach Japan, wohin sie seitdem immer wieder zurückkehrt. Mit dem Erzählband „ZEHN“, welcher aus zehn Kurzgeschichten besteht, die in Japan spielen, begann sie ihre Karriere als Schriftstellerin. An Japan fasziniere sie vor allem die krassen Gegensätze und die extreme Fremde, die sie in ihrem Buch immer wieder rüberbringt.

Motivation

Meine Motivation genau dieses Buch mit Bezug zu Japan zu lesen und vorzustellen war vor allem, dass dieses Buch von einer deutschen Schriftstellerin geschrieben wurde, welche versucht ihre persönlichen Vorstellungen und Eindrücke von Japan in kurzen Geschichten dem Leser rüberzubringen. Durch die einzelnen kurzen Geschichten ist es möglich unterschiedliche Charaktere, Szenarien, Eindrücke und Werte zu schildern und somit all diese in einem Buch zu fangen. Dadurch, dass Franka Potente selbst eine Fremde bzw. wie sie selbst sagt eine Beobachterin ist, befindet man sich als Leser ist derselben Rolle wie die Autorin. Als Außenstehender hat man eine ganz andere Sichtweise auf die verschiedenen Dinge, als ein Japaner selbst und daher kann ich mir vorstellen, dass man diese einem „Nicht-Japaner“ besser vermitteln kann. Faszinierend finde ich wie sie in Interviews ihre Eindrücke schildert und von Land, Kultur und Menschen schwärmt. Auch wenn es sicherlich Länder gäbe, in denen man es als Ausländer etwas „einfacher“ hätte, ist es genau diese Fremde, die sie fasziniert. Ich denke, dass ich während meines Auslandsaufenthaltes in einer ähnlichen Situation sein werde, wie die Autorin. Man nimmt eine beobachtende Rolle ein, taucht hin und wieder mal tiefer mal weniger tief in die Kultur Japans ein, wird wohl nie alles verstehen können, und vermutlich immer der Fremde, der Ausländer bleiben. Insgesamt ist es also vor allem spannend, die Eindrücke die eine Person in ähnlicher Situation erhalten hat zu lesen und vielleicht später mit meinen eigenen Eindrücken zu vergleichen.

Inhalt

Der Erzählband Zehn beinhaltet zehn unterschiedliche Kurzgeschichten. Eins haben sie gemeinsam, sie spielen alle in Japan und geben einen kleinen Einblick in das alltägliche Leben. Die Protagonisten, Handlungen und Emotionen könnten jedoch unterschiedlicher nicht sein. Von jungen über ältere Menschen, melancholischen oder humorvollen, Romanzen bis glaubensgeprägten Erzählungen ist jede einzelne Geschichte unterschiedlich gestaltet. Jedoch werfen sie alle einen Blick hinter die Kulissen, in das alltägliche Leben Japans.
Die Geschichte „Viele Götter“, erzählt von der Kraft, die einem Reiskorn innewohnt. So steht ein junger Mann kurz vor einem wichtigen Vorstellungsgespräch. Ein verlorenes Reiskorn bringt in kurz davor jedoch völlig aus dem Konzept. Da es heißt in jedem Reiskorn wohnen 1000 Götter, wird Reis mit Respekt behandelt. Ein verlorenes Reiskorn ist daher vor solch einem wichtigen Termin eine Katastrophe für diesen Japaner. Von da an scheint alles schief zu gehen und er ist voller Sorge. Die Geschichte nimmt eine lustige Wendung, als er kurz vor dem Vorstellungsgespräch beschämt von der Sekretärin darauf hingewiesen wird, dass sich ein Reiskorn in seiner Augenbraue befinde. Das verlorene Reiskorn.
Die Geschichte „Kyôiku-Mama“ handelt von einem jungen Paar, welches ihr erstes Kind erwartet. Hier wird vor allem die pränatale Intelligenzförderung in der japanischen Leistungsgesellschaft beschrieben. Das ungeborene Kind soll schon die optimale Förderung erhalten, um später einmal ein „besseres“ Leben haben zu können. Kind und Mutter haben schon vor der Geburt ein straffes Programm, von Fremdsprachenlernen über Beschallung mit Klassischer Musik, wird das Kind so schon von Beginn an mit allen Mitteln, die als intelligenzfördern gelten, konfrontiert. Am Ende weiß nur die Mutter, dass sie ein Mädchen erwartet und freut sich sehr darüber, behält die Information allerdings für sich, da ihr Umfeld einen Jungen erwartet. Es geht um Erwartungen, sowohl von sich selbst, von der Familie und auch von der Gesellschaft, und den Druck all diese erfüllen zu müssen.
Eine komplett andere Seite des japanischen Lebens zeigt die Geschichte „Welcome Home, Master“. Eine junge Frau verdient sich in einem Stripclub am Wochenende etwas Geld nebenher, um ihr Einkommen aufzubessern. Ihr Familie, welche ein sonst eher traditionelles konservatives Leben führt, und ihr sonstiges Umfeld wissen davon nichts. Einmal nimmt sie ihre Schwester, zu der sie ein sehr gutes Verhältnis hat, unvorbereitet mit zu ihrer Arbeit. Der Abend eskaliert vollkommen und auch das gute Verhältnis zur Schwester scheint zerrüttet. Gleichzeitig stellt dieser Abend aber auch einen Neuanfang dar, da sie gleichzeitig ihren Traummann kennenlernt.
Auch die anderen Geschichten, bei denen es sich meist um Familien- und/oder Liebesgeschichten handelt, geben alle einen unterschiedlichen Einblick in verschiedene kulturelle Aspekte und Wertvorstellungen.

Kulturelle Aspekte

Wie schon im Inhalt erwähnt werden in den einzelnen Geschichten verschiedene kulturelle Aspekte angesprochen. In der Geschichte mit dem Reiskorn spielt der Aberglaube eine große Rolle. Aber auch wird durch den respektvollen Umgang mit Reis der respektvolle Umgang in der Gesellschaft untereinander widergespiegelt, welcher einen hohen Stellenwert in Japan hat. Auch ist in den Geschichten immer wieder zu erkennen, dass der Gemeinschaftssinn sehr wichtig ist. Die Harmonie und das Wohl der Gemeinschaft steht über dem des einzelnen Individuum. Eigene Wünsche und Ziele sind daher denen der Gemeinschaft unterzustellen. Es entsteht so ein Erwartungsdruck sowohl von sich selbst, als auch vom Umfeld und der gesamten Gesellschaft. Besonders in der Geschichte „Das Monster“ ist dieser Konflikt zwischen eigenem Interessen und denen des Umfelds zu sehen. Eine junge Frau quält sich mit ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau perfekt funktionieren zu müssen, statt ihren eigentlichen Träumen nachzugehen.
So werden in jeder Geschichte eine Reihe an kulturellen Aspekten verarbeitet. Oft geht es auch um Traditionen oder Rituale, um Werte und Normen darum, dass Japaner in jeder Situation ihr Gesicht bewahren und immer wieder um Harmonie.
Kritik und Fazit

Die Idee der zehn Kurzgeschichten aus Japan, welches für uns noch immer so fern und gleichzeitig faszinierend ist, ist sehr spannend. Um einen kleinen Einblick, in die vielfältige und interessante Kultur Japans zu erhalten ist dieses Buch ein sehr guter Beginn.
Der präzise und einfach gestaltete Schreibstil, welcher ohne viele Adjektive auskommt, gefällt mir sehr gut und lässt sich flüssig lesen. Man merkt, dass die Autorin sich mit dem Land und den Eigenarten auseinandergesetzt hat und mit großer Freude dieses Buch geschrieben hat. In jeder Geschichte spürt man die Faszination, die sie für dieses Land aufbringt. Sie sagte mal in einem Interview „das Fühlen der eigenen Fremdheit mache einsam, aber auch sehr frei. Man sei nur noch der Beobachter, und auf diese Weise verabschiede man sich von dem Menschen, der man sonst sei.“. Durch diese Beobachterrolle, fühlt man sich als Leser in der gleichen Situation wie die Autorin selbst und hat so das Gefühl gut verstanden zu werden, da auch die Geschichten aus Sicht eines Beobachters geschrieben sind.
Jedoch ist immer wieder auffällig, dass bestimmte Stereotypen, Eigenschaften oder Verhaltensweisen extrem dargestellt werden und man fragt sich, ob diese nicht absichtlich etwas übertrieben wurden. So scheint es als versuche sie möglichst viele dieser Stereotypen manchmal sogar in einem Satz unterzubringen. In einer Geschichte heißt es „Sie saßen auf Tatamimatten in einem kleinen Ramenrestaurant in Shinjuku, an einem großen ,Kotatsu‘, einem beheizten Tisch, unter den man seine Füße streckte. (…) Alle schlürften die gehaltvolle Nudelsuppe und tranken Sake dazu“. Tatamimatten, Ramenrestaurant, Kotatsu und dazu die Nudelsuppe und Sake. Sehr viele landeskundliche Informationen auf einmal. Ich habe mich während solcher Passagen gefragt, ob das wirklich die Realität ist; ob das die Eindrücke sind, die Frau Potente in Japan wirklich wahrgenommen hat vom japanischem Leben oder teilweise eher das schreibt, was sie denkt, was „typisch japanisch“ ist und deutsche Leser gerne lesen möchten. Vielleicht möchte sie durch solche Sätze bestimmte Erwartungen erfüllen und Vorurteile bestätigen. Vergleichbar stelle ich mir vor, wie ein Japaner eine Geschichte über Deutschland schreibt in der ein paar Deutsche in Lederhosen auf Bierbänken im Biergarten sitzen Haxe und Sauerkraut essen und Weißbier trinken. Gibt es überhaupt den typischen Japaner, oder den typischen Deutschen? Wie realitätsnah dies also ist oder ob diese Klischees teilweise mit Absicht eingebaut wurden kann ich aktuell nicht beurteilen, jedoch hoffe ich nach meinem Auslandssemester in Japan sehr viel mehr über die Kultur zu erfahren und auch diese Situation beurteilen zu können.
Trotz dieser Kritikpunkte macht das Buch definitiv Lust auf mehr Japan und steigert die Vorfreude auf meine kommende Zeit in Japan. Für Japan Interessenten ist es auf jeden Fall empfehlenswert, vor allem, wenn man schon eine kleine Idee von bestimmten Verhaltensweisen der Japaner kennt.  So findet man beim Lesen immer wieder kleine Abschnitte und Aussagen, die einem bekannt vorkommen und zum Schmunzeln führen.

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2 Responses to Buchrezension: ZEHN

  1. spaetkaroline says:

    Hallo liebe Jaqueline,
    zuerst einmal vielen Dank für deine Rezension. Dein Buch scheint ein interessanter Erzählband zu sein, besonders aufgrund der Rolle der Autorin als „Beobachterin“ in Japan. Wahrscheinlich wird sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben, wie ihr sie während eures Auslandsaufenthalts machen werdet. Die Tatsache, dass die Faszination Japan sie dazu veranlasst hat ein Buch über ihre Erfahrungen zu schreiben, hinterlässt den Eindruck von vielversprechenden Erlebnissen für euren Aufenthalt dort. Besonders interessant finde ich die Wahl der Erzählform. Ich kann mir vorstellen, dass man durch die Erzählung aus 10 verschiedenen Blickwinkeln einen ziemlich umfassenden Einblick in das japanische Alltagsleben und die vielfältige japanische Kultur erhält. Besonders für Außenstehende ist die Zahl der neuen Eindrücke und Erfahrungen, die man in einer neuen Kultur macht riesig. Aus diesem Grund denke ich, dass dein ausgewählter Erzählband eine gut geeignete Vorbereitung für das Leben in der japanischen Kultur bietet, da zum einen, wie schon erwähnt, für die Autorin diese Eindrücke auch zu Anfang fremd waren, zum anderen aber auch verschiedene Situationen, Protagonisten und Aspekte der Kultur dargestellt werden, verpackt in alltäglichen Lebenssituationen.
    Ich hoffe dein Aufenthalt in Japan wird ebenso faszinierend für dich, wie für Franka Potente und ich bin gespannt, ob du die Eindrücke in einer ähnlichen Weise wahrnimmst wie sie.

  2. SchumannAngelika says:

    Liebe Jacqueline,

    zunächst einmal vielen Dank für deine sehr aufschlussreiche Rezension. Dank deiner Rezension habe ich einen sehr guten Überblick über das Buch “Zehn” gewinnen können.
    Mehrere Aspekte sind mir sehr positiv aufgefallen, beispielsweise dass die berühmte Autorin eine deutsche Schauspielerin ist, die keine japanische Wurzeln aufweist. Der einzige Bezugspunkt sind die Dreharbeiten zu einer Dokumentation in Japan im Jahr 2005. Ich finde es sehr spannend, dass dieser damalige Aufenthalt eine so große Faszination bei der Autorin ausgelöst hat, dass sie seitdem öfters nach Japan reist und außerdem ein Buch verfasst hat.
    Spannend ist vor allem, dass es sich um zehn Kurzgeschichten handelt, die alle in Japan spielen und verschiedene Protagonisten aufweisen. Vor allem die Perspektive ist hier wichtig, da Franka Potente als Deutsche eher als Beobachtende zu sehen gilt. Sie gibt uns mit ihren Kurzgeschichten Einblicke in das Alltagsleben von verschiedenen japanischen Schicksalen. Gleichzeitig schafft sie es so einem die Fremde, wie auch die Faszination zu dem Land zu vermitteln. Interessant finde ich vor allem die Thematik des Aberglaubens und die kurze Darstellung der Geschichte mit dem Reiskorn. Für mich als Deutsche ist es unvorstellbar wegen einem Reiskorn so in Panik zu verfallen. Meine Neugierde ist durch deine Rezension in jedem Fall geweckt.
    Ich bin gespannt, wie du die japanische Kultur erleben wirst und ob du Dinge erkennen wirst, die im Buch geschildert werden oder ob die Autorin teilweise wirklich die Dinge überspitzt dargestellt hat. Ich würde mich freuen, wenn du nach deinem Aufenthalt oder schon währenddessen Feedback geben könntest.

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