Buchrezension: Ich nannte ihn Krawatte

krawatte-cover1Titel: Ich nannte ihn Krawatte

Autorin: Milena Michiko Flašar

Verlag: Klaus Wagenbach

Erscheinungsjahr: 2012

ISBN: 978-3-8031-3241-3

Seiten: 144

Preis: 8,99€

Rezension: Christopher Berkemeier (Vorstellung am 13.04.2015)

 

Motivation

Bereits während des vierwöchigen Sprachkurses am LSI in Bochum habe ich einige interessante Aspekte und Besonderheiten der japanischen Gesellschaft kennen lernen dürfen. So gibt es beispielweise einen großen Unterschied zwischen dem privaten und öffentlichen Verhalten von Japanern und auch das Eigenheim hat eine ganz spezielle Rolle inne. Um einen tieferen Einblick darin zu gewinnen, habe ich mich für meine Buchrezension für das Buch „Ich nannte ihn Krawatte“ entschieden. Verpackt als Roman greift es sehr schön verschiedene soziale und kulturelle Aspekte wie den Leistungsdruck in der Gesellschaft, das Verständnis von Scham und Ehre oder dem Auftreten von Hikikomoris auf. Letzteres nimmt einen zentralen Teil des Romans ein und beschreibt Menschen, welche sich gewollt von der Gesellschaft abschotten.

Autorin

Die junge Autorin Milena Michiko Flašar wurde 1980 in St. Pölten (Österreich) geboren. FlasarSie ist die Tochter einer japanischen Mutter sowie eines österreichischen Vaters. In Wien und Berlin hat sie Komparatistik, Germanistik und Romanistik studiert. Derzeit lebt sie als Schriftstellerin in Wien und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Für ihr drittes Buch „Ich nannte ihn Krawatte“ erhielt sie im November 2012 den Literaturpreis Alpha.

Inhalt

Milena Michiko Flašar schreibt in dem Roman aus der Perspektive eines 20-jährigen jungen Mannes namens Taguchi Hiro, welcher sich bewusst aus der japanischen Gesellschaft ausgeschlossen hat. Nach zwei Jahren, in denen er sich in seinem Zimmer im Haus der Eltern verkrochen hat, durchbricht er die Schwelle seiner Zimmer- und Haustür und stößt dabei auf eine interessante Bekanntschaft mit dem 58-jährigen Salaryman Ōhara Tetsu.

Die beiden Protagonisten begegnen sich dabei das erste Mal in einem Park und sitzen sich auf verschiedenen Parkbänken gegenüber. Nach einigen Tagen der Beobachtung, an denen sie sich stets gegenüber saßen, teilen sie sich schließlich dieselbe Bank und aus ihrer Bekanntschaft wird schließlich eine Freundschaft. Sie vertrauen sich gegenseitig sehr private Dinge an, von denen sonst niemand, nicht einmal die Familienmitglieder, Kenntnis haben. So beginnt Tetsu zu erzählen, dass er als Geschäftsmann bereits vor zwei Monaten seinen Job verloren hat. Aus Angst und Scham hat er dies jedoch nicht seiner Frau mitgeteilt und ist weiterhin jeden Tag aus dem Haus gegangen um den Schein zu wahren. Somit sitzt er nun den halben Tag im Park, um dort das liebevoll zubereitete Bento seiner Frau zu genießen.

Nachdem Hiro einige Zeit den Erzählungen von Tetsu aufmerksam folgt, bricht er schließlich das erste Mal nach über zwei Jahren sein Schweigen und verrät seiner neuen Bekanntschaft seinen Namen und beginnt seine persönliche Geschichte mitzuteilen. Er erzählt über das Auseinanderbrechen einer Kindheitsfreundschaft, den Leistungsdruck in der Schule, seine Familie und den schlussendlichen Auslöser, sich bewusst von der Außenwelt abzuschotten. So war es ein Schulfreund, der sich vor seinen Augen in den fließenden Verkehr einer stark befahrenen Kreuzung stürzte.

Die beiden Männer vertrauen sich nach und nach immer privatere Details an und werden somit auch ein Teil vom Leben des anderen. Hiro erfährt eines Tages von dem einzigen Sohn seines neuen Freundes, welcher mit einer Behinderung zur Welt kam und bereits nach einigen Monaten verstarb. Durch die Behinderung und die dadurch zerstörten Erwartungen war Tetsu nicht in der Lage seinem Sohn die Liebe zu schenken, die er verdient hatte.

Hiro selbst hat in seinem Leben ebenfalls schlimme Dinge erlebt. Stumm hat er in seiner Schulzeit miterlebt wie eine Freundin von anderen Mitschülern gemobbt wurde. Doch statt ihr zu helfen, versucht Hiro selbst nicht aufzufallen, um nicht ebenfalls zum Gespött der anderen zu werden. Als sie es schließlich nicht mehr aushält, stürzt sie sich eines Tages aus dem fünften Stock des Schulgebäudes und nimmt sich so ihr Leben.

Durch den Beginn der Freundschaft der beiden Außenseiter helfen sie sich mit der Zeit gegenseitig ihr eigenes Handeln und ihre Fehler aus der Vergangenheit zu reflektieren. Gemeinsam schöpfen sie neue Lebenskraft und den Willen etwas an ihrem Leben zu ändern.

Fazit

Beim Lesen des Romans werden beiläufig viele Besonderheiten und auch Probleme der japanischen Kultur aufgegriffen. Zentral ist hier die häufige Erscheinung von Hikikomoris zu nennen, wie auch Hiro einer ist. Geplagt vom enormen Leistungsdruck der Gesellschaft schotten sich bewusst immer mehr junge Leute in Japan von der Gesellschaft ab. Insgesamt gibt es davon geschätzt 100.000 bis 320.000 Betroffene. Hier ist jedoch anzumerken, dass der stetig wachsende Leistungsdruck kein ausschließliches Phänomen Japans ist und ebenfalls auf andere Industrieländer wie Deutschland übertragen werden kann. Weitere interessante Aspekte über die japanische Denkweise und Mentalität werden dem Leser durch die Erzählungen der beiden Protagonisten bewusst. Hier ist zum Beispiel festzuhalten, dass es vielen Japanern enorm wichtig ist ihr Gesicht zu wahren und vor allem in der Öffentlichkeit nicht negativ aufzufallen.

Trotz der melancholischen Atmosphäre, die die Autorin über die 114 kurzen Kapitel aufbaut, schafft sie es durch ihre prägnante, bildhafte Sprache den Leser in den Bann der Protagonisten und ihre Gedankenwelt zu ziehen. Dabei werden sie zu keiner Zeit aufgrund ihres Versagens bloß gestellt oder verurteilt. Im Gegenteil, kann man ihr Handeln und ihre Entscheidungen nachvollziehen und mit ihnen fühlen. Neben all den Problemen und Schicksalsschlägen ist auch stets eine gewisse Hoffnung zu spüren, dass sie etwas an ihrem Leben verändern können.

Es ist genau diese Mischung, die diese ausgefeilte Erzählung meiner Meinung nach sehr lesenswert macht. Daher kann ich „Ich nannte ihn Krawatte“ jedem herzlichst weiterempfehlen, der an einem Roman  interessiert ist, der sich auf eindrucksvolle Weise dem Schicksal zweier Außenseiter annimmt und einem nebenbei die japanische Mentalität ein Stück näher bringt.

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4 Responses to Buchrezension: Ich nannte ihn Krawatte

  1. taachevgenia says:

    Hallo Christopher,

    ich kann mich nur den Meinungen von Christina, Angelika und Karoline anschließen. Anhand deiner Rezension gewinnt der Leser einen aufschlussreichen Einblick in die japanische Mentalität sowie in die Kultur Japans.

    Unter anderem gefällt mir das ausgewählte Buch “Ich nannte ihn Krawatte”, weil das tragische Schicksal zweier Menschen, in einem so weit entfernten Land, dem potenziellen Schicksal deutscher Staatsbürger durchaus ähnlich sein könnte. Der zunehmende Leistungsdruck an deutschen Schulen, Hochschulen und diversen Arbeitsplätzen führt dazu, dass das Privatleben in erhebliche Mitleidenschaft gezogen wird. Es wird immer schwieriger Freundschaften zu pflegen oder auch diesen gerecht zu werden. Ebenso schwierig wie alle Erwartungen der Gemeinschaft an die eigenen Person zu erfüllen. Die Folgen äußern sich oftmals in schlechter physischer und psychischer Verfassung, oftmals einem Burnout oder anderen schweren körperlichen und mentalen Erkrankungen, wie Depressionen die offensichtlich den jungen Taguchi Hiro quälen. Somit erscheint es, dass die fremd erscheinenden gesellschaftlichen Strukturen Japans vielleicht gar nicht so fremd sind, sondern durchaus den deutschen ähnlich sind. Eine Gemeinsamkeit, die durch die Lebensgeschichte des Salaryman Ōhara Tetsu nochmals deutlich wird. Welcher deutsche Staatsbürger empfindet das Arbeitsleben, oftmals, nicht als eine Belastung? Eine Bürde die dennoch in Kauf genommen wird, um sich in die Gesellschaft einzugliedern. Eine Kündigung demzufolge führt nicht nur zu finanziellen Belastungen sondern auch zur Desintegration und vor allem einem Gefühl der Erniedrigung und Scham. Eine Situatin die durch die Aufhebung des Arbeitsverhältnisses von dem 58-jährigen Salaryman Ōhara Tetsu sehr schön dargestellt wird.

    Abschließend bedanke ich mich für die interessante Themenauswahl, welche inspiriert sich weiterführend mit der japanischen Gesellschaft auseinander zu setzen, einer Gesellschaft die unserer so fremd und doch so ähnlich ist.

  2. KunischChristina says:

    Hallo Christopher,

    als jemand der wenig über Japan weiß, fand ich es besonders spannend deine Buchrezension zu lesen, da ich dadurch einen kleinen Einblick in die japanische Kultur und Mentalität erhalten habe. So ist mir zuvor zum Beispiel nicht bewusst gewesen, dass das japanische Phänomen „Hikikomori“ existiert. Wie du bereits erwähnst, ist der gesellschaftliche Rückzug sicherlich nicht ausschließlich ein japanisches Phänomen und kann vielleicht mit dem Begriff „soziale Phobie“ verglichen werden, jedoch scheint die Anzahl von Menschen, die daran leiden, mit bis zu 320.000 in Japan besonders hoch zu sein. Dieses Phänomen sagt auch etwas über die japanische Denkweise aus. So sind enormer Leistungsdruck und hohe gesellschaftliche Erwartungen oft der Grund für tragische Vorfälle, wie eben Hikikomori oder auch Suizide. So unerfreulich die Erfahrungen, die Tetsu und Hiro auf unterschiedliche Weise gemacht haben, so erfreulich ist es letztendlich, dass beide durch die Freundschaft zurück zum Leben finden. Besonders interessant finde ich hierbei, dass zwei Menschen, die sich eigentlich völlig fremd sind und auch im Alter sehr unterscheiden, sich einander so öffnen, wie noch nie jemand anderem zuvor. Dies mag an der Tatsache liegen, dass beide in ähnlichen Situationen stecken und „Außenseiter“ der Gesellschaft sind. Dies verbindet sie schließlich und führt dazu, dass sie ihre Schicksale und Erinnerungen in sehr vertrauten Gesprächen verarbeiten.

    Das Buch hat, soweit ich es deiner Rezension entnehmen kann, die Situation, in der Menschen aus der Norm fallen und anders sind als es die Gesellschaft fordert, gut thematisiert. Interessieren würde mich jedoch noch, wie der Titel des Buches zustande gekommen ist?

  3. SchumannAngelika says:

    Lieber Christopher,

    vielen Dank für deine sehr aufschlussreiche Rezension. Obwohl ich nicht bei deiner Präsentation dabei sein konnte, habe ich dank deiner Rezension eine Idee und einen sehr guten Überblick über den Buchinhalt gewinnen können.
    Zuerst ist mir positiv aufgefallen, dass die Autorin Milena Michiko Flasar zwar japanische Wurzeln hat, aber ihr Geburts- und Lebensort in Wien, Österreich ist. Demnach ist sie eher als Ausländerin zu betrachten – sie versucht uns Ausländern auf besondere Art und Weise Einblicke in die faszinierende Kultur Japans zu gewähren. Ungewöhnlich und mir bisher völlig unbekannt empfinde ich die Thematik „Hikikomoris“. Als Deutsche fällt es mir wirklich schwer mir vorzustellen, dass ca. 100.000 bis 320.000 Japaner von diesem Phänomen betroffen sind. Vor allem wusste ich vor deiner Rezension nicht einmal, dass dieses Phänomen existiert.
    Die Idee der Autorin aus der Perspektive eines jungen Japaners, der sich bewusst aus der japanischen Gesellschaft ausgeschlossen hat, zu schreiben und zu zeigen, wie er sich langsam wieder in die Gesellschaft einbringt, finde ich hervorragend und auch sehr mutig. Ich kann mir vorstellen, dass „Hikikomoris“ ein sehr kritisches und sensibles Thema in Japan darstellt. Der Leistungsdruck, der vor allen in asiatischen Ländern, insbesondere Japan, herrscht, ist im Allgemeinen bekannt, aber dass einige Selbstmord begehen, vor allem im jungen Alter, finde ich erschreckend. Das Buch scheint eine melancholische Atmosphäre auszustrahlen und gleichzeitig zeigt es dem Leser die japanische Denkweise und Mentalität. Auch die Wahrung des eigenen Gesichtes in der Öffentlichkeit finde ich sehr interessant. Sehr faszinierend ist, dass beide Protagonisten trotz ihrer schweren Schicksalsschläge eine gewisse Hoffnung spüren, dass sie etwas an ihrem Leben verändern können.
    Interessant wäre es zu wissen, ob du die gelesenen Aspekte im kommenden Wintersemester ähnlich in Japan erleben wirst. Des Weiteren würde ich mich sehr freuen, wenn du nach bzw. gerne auch während deines Austauschsemesters berichten könntest, wie du die Kultur erlebt hast und ob dir das Lesen des Buches geholfen hat dich auf Japan und die japanische Kultur einzustellen.

  4. spaetkaroline says:

    Hallo lieber Christopher,

    Vielen Dank für deine Rezension! Beim Lesen dieser habe ich einen guten Überblick über die Inalte des Romans erhalten.

    Das Thema deines ausgewählten Romans finde ich persönlich sehr spannend. Besonders, da wir uns im selben Lebensabschnitt befinden, wie einer der Protagonisten, denke ich, dass man für diesen sehr viel Empathie entwickeln kann. Es ist erschreckend, dass es so zu sein scheint, dass die Isolation aus der Gesellschaft oder der Freitod als letzter Ausweg der japanischen jungen Bevölkerung gesehen wird. Ich stelle es mir extrem schwierig vor, in einer Gesellschaft zu leben, in der es nicht um eigene Individualität geht, sondern um elitäre Auslese. Dies scheint teilweise in Japan der Fall zu sein. Mir gefällt an deinem Buch gut, dass es genau diese Situation und ihre Folgen gut zu beschreiben scheint.
    Besonders interessant finde ich auch, dass zwei Generationen in diesem Roman aufeinandertreffen, die zusammengefasst einen sehr guten Querschnitt der japanischen Bevölkerung und deren Probleme, die durch die Kultur begründet sind, darstellen. Obwohl es sich hier um 2 Einzelschicksale handelt erweckt die Beschreibung des Romans bei mir den Eindruck, dass diese sich auf einen großen Teil der japanischen Bevölkerung übertragen lassen. Aus diesem Grund finde ich, dass du eine sehr gute Wahl mit der Auswahl deines Romans getroffen hast.

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