3/11 – Tagebuch nach Fukushima

Details zum Buch:

Titel: 3/11 – Tagebuch nach FukushiTagebuch nach Fukushimama

Autorin: Yuko Ishimura
Erscheinungsjahr: März 2012
Seitenzahl: 169 Seiten
Verlag: Carlsen Verlag GmbH, 1. Auflage
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-551-79188-7
Preis: 12,90 € (Taschenbuch)

 

Über die Autorin:

Yuko Ishimura ist keine klassische Schriftstellerin, sondern arbeitet als moderne Werberegisseurin und kreative Illustratorin für Werbefilme bei Pyramid Film. Die heute 37-Jährige verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Yokohama, der zweitgrößten Stadt Japans. Dort besuchte sie auch die Mädchenoberschule Shoei, welche sie 1995 erfolgreich abschloss. Nach ihrem Abschluss entschied sich Yuko für ein Studium der bildenden Künste in London und verließ ihr geliebtes und vertrautes Japan. Als sie im Jahr 2000 ihr Studium beendete, blieb sie zum Arbeiten noch ein paar weitere Jahre in London.

Insgesamt lebte sie elf Jahre in England, erlernte die englische Sprache, studierte und arbeitete dort, bevor sie nach dieser langen Zeit in EuroYuko Ishimurapa schließlich nach Japan zurückkehrte. Denn ein dauerhafter Aufenthalt war für sie nicht vorstellbar, da ihre Sehnsucht nach Japan, mit seinen einzigartigen Landschaften, seinen großen Städten und seiner Freundlichkeit, stetig zunahm. Auch ihre Leidenschaft für Comics, Reis und grünen Tee versüßte ihr die Rückkehr.
Zurück in Japan bemerkte sie schnell, wie europäisch sie geworden war und benötigte selbst als echte Japanerin ein wenig Eingewöhnungszeit, um sich wieder in ihre heimische japanische Kultur einzufühlen. Heute lebt Yuko in Tokio, dem Herzen Japans, unweit ihrer Heimat Yokohama.

Motivation:
Die Ereignisse und Bilder von Fukushima gingen um die Welt. Die Katastrophen und ihr Übel sind weitläufig bekannt. Doch wie sind Japaner mit eben diesen verheerenden schicksals-verändernden Katastrophen umgegangen?
Dieses Buch gibt mir die besondere Gelegenheit, die jüngste nukleare und zerstörerische Tragödie aus der Historie des modernen Japans in den Empfindungen und aus dem Blickwinkel einer jungen Japanerin wahrzunehmen und zu verstehen. Ganz nah dabei zu sein, wie die hereinbrechenden Katastrophen auf die dort lebenden Menschen und ihren Alltag wirken. Wie nehmen die Menschen aus ihrem näheren Umwelt diese schockierenden Nachrichten auf? Wie gehen sie damit um? Wie verhalten sie sich? Inwieweit haben diese Katastrophen einen Menschen oder gar eine ganze Nation verändert? All diese Fragen beschäftigen mich, denn ich werde ein Jahr direkt in Sendai, also in unmittelbarer Nähe der katastrophalen nuklearen Ereignisse, leben und täglich auf Menschen stoßen können, die Opfer dieser Katastrophen geworden sind. Sie könnten ihren Besitz, ihre Gesundheit, ihre Familien oder gar ihre ganze Heimat verloren haben. Ich möchte mehr wissen, wenn es darum geht, welche Einstellung Japaner zum Thema Fukushima haben und wie ich ihnen am besten respektvoll begegnen kann. Das Problem dabei: Japaner sind oft sehr verschlossen, wenn es darum geht, ihre wahren Gefühle einander mitzuteilen. Umso interessanter wirkt für mich dabei der Schreibstil eines persönlichen Tagebuches.

Hintergrundinformation:
Den Auslöser für die nukleare Katastrophe am Standort des japanischen Kernkraftwerks Fukushima Daiichi am 11. März 2011 stellt das Tōhoku-Erdbeben dar, welches als stärkstes Beben in Japan seit Beginn der dortigen Erdbebenaufzeichnungen erfasst und identifiziert wurde. Das Epizentrum dieses erschütternden Erdbebens lag direkt vor der Küste der Präfektur Miyagi etwa 130 Kilometer östlich von Sendai und 370 Kilometer nordöstlich von Tokio. Doch sollte dies erst der Anfang einer erschreckenden Unfallserie sein. Unmittelbar nach dem Tōhoku-Erdbeben traf ein gewaltiger Tsunami die gesamte Nordost-küste Japans und riss einen 10 Kilometer breiten Küstenstreifen auf. Insgesamt überflutete der Tsunami eine riesige Fläche von 470 Quadratkilometern und verwüstete viele Städte und Landschaften, darunter auch den Flughafen von Sendai, bis weit hinein ins Landesinnere.

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Unglücklicherweise wurde auch das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi von dem 15 Meter hohen, teilweise noch höheren, Tsunami schwer getroffen, so dass alle sechs Reaktoren bis zu fünf Meter unter Wasser standen. Unaufhaltsam kam es somit zu einer Kernschmelze in den Reaktoren und radioaktives Material wurde freigesetzt. Kontaminiert war fortan alles. Die Luft, die Böden, das Wasser, jegliche Nahrungsmittel. Alles in land- und meerseitiger Umgebung. Japan im Ausnahmezustand.

Inhalt:
In ihrem sachlichen Roman „3/11 – Tagebuch nach Fukushima“ schildert Yuko Ichimura ihre persönlichen Erlebnisse und Eindrücke von ihrem Leben in Tokyo nach der verheerenden Unfallserie aus Erdbeben, Tsunami und der nuklearen Gefahr des havarierten Atomkraftwerks Fukushima in aufgezeichneter Form eines Tagebuchs. Sie unterstreicht ihre Gedanken und Gefühle mit eigenen liebevoll gestalteten und authentischen Illustrationen, die oft ausdrucksstärker und tiefer sind als ihre geschriebenen Aufzeichnungen. Unterstützt und begleitet wurde Sie während des Verfassens, Festhaltens und Zeichnens ihrer Erlebnisse von ihrem deutschen Freund, dem Journalisten Tim Rittmann, der Yukos Einträge nicht nur übersetzte, sondern ihnen Gehör in Deutschland verschaffte, indem er diese regelmäßig als Blog für die Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung aufbereitete.
Wie der Titel des Buches schon vermuten lässt, beginnt das Tagebuch an jenem besagten Tag der Unglücke – dem 11. März 2011 – und beschreibt das tägliche Leben von Yuko selbst, ihrem Lebenspartner Yudai und ihrem Freundeskreis in Tokyo für exakt ein halbes Jahr bis zum 09. September 2011. Dabei ist das Buch nicht in klassische Kapitel untergliedert und besitzt somit auch keinen klassischen erzählenden Handlungsstrang. Vielmehr wird der Wert und der Fokus auf die tatsächlichen Ereignisse eines Tages gelegt. So ist das Buch in Tage unterteilt und jeder Tag gibt einzelne, kleine, dennoch präzise und intime Einblicke in Yukos Gedankenwelt. Die verwendeten Texte sind dabei einfach und schlicht gehalten und dadurch sehr zugänglich. Zusätzlich wird ein jeder Tag mit all seinen Ereignissen und Themen eindringlich in einer eigenen Illustration zusammengefasst.
Als einzige Ausnahme von diesem Stil ist der 11. März hervorzuheben. Dieser Tag wird gegensätzlich zum sonst verwendeten Stil lediglich in Illustrationen dargestellt. Dort, wo die Bilder sonst unterstützen sollen, beschreiben diese allein den Tag besser und verständlicher, als es viele Worte zu umschreiben wüssten. Yuko legt nur einen denkwürdigen und gleichzeitig entsetzlichen Satz offen zu diesem Tag. „Ich dachte, ich muss sterben.“ Dieser zeigt, wie schwer der Tag für sie war.
Während des ersten Bebens ist Yuko bei der Arbeit und flüchtet sich mit ihren Kollegen auf die Straßen Tokyos raus aus den Gebäuden. Sie macht sich große Sorgen, um ihren Lebenspartner Yudai, der sich momentan bei der Shibuya Galerie, seinem Arbeitsplatz befindet. Die Öffentlichen Verkehrsmittel und die Taxen sind ausgefallen und so macht sie sich zunächst gemeinsam und dann allein auf den Fußweg, um Yudai aufzusuchen. Unterwegs stellt sie erleichtert fest, dass die modernen Kommunikationsmittel wie Twitter und Facebook noch intakt sind. Und nicht nur das. Alles, was es zu erfahren gibt, lässt sich über Twitter herausfinden. Die Welt geht also doch nicht unter. Dennoch stellt sich erst richtige Erleichterung ein, als sie Yudai in ihre Arme schließen kann.
In den darauffolgenden Wochen dreht sich ihr ganzes Leben nur noch um das Beben und seine Konsequenzen. So schwingt sich Twitter zum unerlässlichen Kommunikationsmedium auf, da den Mainstream Medien und ihrer oberflächlichen Berichtserstattung keinen Glauben mehr geschenkt wird. Die Sirenen etlicher unzähliger Nachbeben dröhnen durch ihren Kopf und rufen immer wieder Panik in ihr hervor. Gebetsmühlenartig wird verbreitet, dass Strom gespart werden müsse, da das Atomkraftwerk Fukushima vom Netz gegangen ist. Pflichtbewusst wird verzichtet, wo es möglich ist. Wie beispielsweise bei der Klimaanlage auf der Arbeit oder zu Hause. Gemeinsam Durchhalten heißt die vorgegebene Parole.
Anders als in Fukushima wird das Leben in Tokyo trotz vieler Nachbeben wieder einfacher. Allerdings plagt Yuko und ihre Freunde das schlechte Gewissen. Sie stellen sich gemeinsam die Frage, ob sie denn nun wieder lachen dürften und denn einfach so weiterleben könnten. Der Schockzustand verblasst und die Menschen beschäftigen sich wieder mit ihrem Leben und ihren Wünschen. Einige ihrer Freunde fahren zum Freiwilligendienst in die zerstörten Regionen, um zu helfen. Andere dagegen versuchen ihr Leben so normal wie möglich wieder aufzunehmen. Eine Freundin heiratet, ein anderer fährt in den Urlaub. Jeder geht ganz individuell mit diesem fatalen Ereignis um. Yuko selbst geht einen Kompromiss ein. Sie lebt nach der Strategie des „fukinshin“. Ursprünglich als unangemessenes Verhalten zu verstehen, bedeutet dies nun, dass trotz einer Katastrophe diesen Ausmaßes wieder mutig und lebensfroh in die Zukunft geschaut werden darf. Und so nimmt sie ihren Lebensalltag wieder auf und gründet gleichzeitig eine gemeinnützige Organisation mit ihren besten Freundinnen, um Spendengelder für neue Behausungen für die Opfer zu generieren.
Erst als die Nachbeben nachlassen und Yuko, Yudai und die Menschen in ihrem Umfeld wieder anfangen ihren Alltag aufzunehmen, wird der Umfang der nuklearen Verstrahlung -verursacht durch das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi – ersichtlich und wird zum Themenmittelpunkt. Penibel wird alles gemieden, was nur im Entferntesten nuklearer Strahlung ausgesetzt gewesen sein könnte. Kaum jemand traut sich noch bei Regen vor die Tür, Leckereien verpackt in Dosen aus der Zeit vor dem 11. März oder besser noch aus dem Jahr zuvor werden gebunkert und Gurken und anderes Gemüse aus Fukushima oder den angrenzenden Präfekturen wie Miyagi werden trotz Schleuderpreise verschmäht und tonnenweise im Supermarkt zurückgelassen. Yuko ringt oft mit sich, diese Gurken dennoch zu kaufen, scheitert jedoch an ihrer Angst. Umso aufgeregter ist sie, als sie im Sommer ein paar Tage beruflich im Süden Japans verweilt, wo sie unbeirrt und sorgenfrei frisches Gemüse und frische Gurken auf einen Wochenmarkt kaufen kann. Ganz bedenkenlos. Ein ganz besonderer Moment.
Allmählich erfährt Yuko wie tiefsinnig ihre Mitmenschen mit dem über ihnen schwebenden Damoklesschwert der nuklearen Verstrahlung umgehen und sich mit diesem Thema intensiv beschäftigen. Ihre Freunde und Bekannte fangen an sich selbst und die eigenen Prioritäten zu hinterfragen und gegebenenfalls schicksalhafte Entscheidungen neu zu treffen. Was ist mir wichtig, was ist überflüssig in meinem Leben und was ist bisher zu kurz gekommen? Besonders im Hinblick auf Beziehungen zieht Yuko die Bilanz, dass jede Art von Veränderung eintreten kann. Einige Paare rücken näher zusammen, andere Paare trennen sich und wieder andere finden trotz Trennung wieder zueinander. Ihr selbst ging es ähnlich, spielte sie doch mit dem Gedanken, sich ebenfalls nach einem Streit von Yudai zu trennen. Letztlich entschied sie sich aber, an seiner Seite zu bleiben und gemeinsam mutig im Stil des „fukinshin“ gestärkt nach vorn zu sehen.

Abschließende Bewertung und kritische Würdigung:
Das Buch hat seinen ganz eigenen Charme und ist ein sehr persönliches Werk. Zum Teil durch die ganz persönlichen Aufzeichnungen von Yuko Ichimura und zum anderen durch ihre authentischen Illustrationen. So scheint es, als verfolge man Yukos Leben direkt mit. Ich selbst habe mich gefreut, wie gestärkt Yuko nach allem erlebten hervorgeht. Immerhin gelingt es ihr, ihre Beziehung und ihren Job aufrecht zu erhalten und sie gründete eine Spendenorganisation. Sie schildert ihre Angst und ihren Mut weiterzumachen. Ihre Botschaft ist in meinen Augen eindeutig und total gelungen. Das Leben in Japan, dem Land der aufgehenden Sonne, geht weiter und das entgegen allem Trotz aus Trauer, Verlust und Angst.
Es hat mir Spaß gemacht, das Buch zu lesen, aufgrund der tollen persönlichen Geschichte. Ich möchte das Buch auch jedem empfehlen, der sich allgemein für Fukushima und die Lage in Japan interessiert. Dennoch ist festzuhalten, dass das Buch kein allgemeingültiger Ratgeber ist, der darüber aufklärt, auf welche Fauxpas in Japan speziell nach der Katastrophe zu achten sind und das Buch ist auch kein Spiegel der japanischen Kultur nach den vielen Katastrophen des 11. März 2011. Tokyo wurde zwar auch hart getroffen, dennoch sind die gravierenden Auswirkungen in den am schwersten betroffenen Präfekturen und Städten wie Sendai nicht in diesem Werk enthalten. All die Schicksale von Menschen, die nicht nur ihre ganze Existenz, sondern ihre komplette Heimat verloren haben. Daher bin ich enttäuscht, durch dieses Buch nicht mehr über die direkt betroffenen Menschen in unmittelbarer Nähe von Fukushima erfahren zu haben. Auch die Tatsache, dass es sich vielmehr um ein Tagebuch handelt als um ein Sachbuch und somit gerade eine intensive persönliche Bindung zum Autor besteht, nimmt dem Werk die Möglichkeit, sich breiter auf andere Thematiken, wie dem Umgang mit der nuklearen Katastrophe in der japanischen Politik einzulassen. Das Buch repräsentiert lediglich die Schicksale aller Japaner durch die Augen von Yuko, einer einzelnen Japanerin. Daher beruht das gezeichnete japanische Gesellschaftsbild einzig aus ihrem Umfeld.
Für meinen Japanaufenthalt hat mir das Buch dennoch sehr helfen können. Es zeigt, wie pflichtbewusst und loyal viele der hier beschriebenen Japaner sind und wie gestärkt sie trotz dieser verheerenden Erschütterungen aus allem hervorgehen. Vor allem der Wille, dass sie bereit sind, so viel wieder aufbauen und herrichten zu wollen, wie es nur eben möglich ist, hat mich sehr beeindruckt.

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47 Responses to 3/11 – Tagebuch nach Fukushima

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  45. weidenkellerm says:

    Hallo Niklas,

    wir alle kennen Fukushima aus den Nachrichten. Fukushima war und ist der Inbegriff einer Katastrophe, die eigentlich als Erdbeben begann und zum internationalen Aufschrei gegen die Kernkraft wurde. Täglich verfolgten wir dieses Horrorszenario und waren geschockt über die Ereignisse, betroffen über die Zerstörungswut unserer Welt und ängstlich einer neuen Atomaren Katastrophe gegenüberzustehen. Und wir waren verwundert, wie ruhig und gelassen ein Volk mit seinem grausamen Schicksal umgehen kann. Und so manch einer fragte sich, was wohl im Kopf dieser Japaner vor sich geht. Angesichts dieser Katastrophe sind diese unfassbar gefasst mit ihrem Schicksal umgegangen. Oder ist das nur der Eindruck, der der Außenwelt vermittelt worden ist?

    Ich denke, dass jeder den diese Frage immer noch beschäftigt, sich dieses Buch vornehmen sollte. Yuko Ichimura hat ihre Erlebnisse unmittelbar während und in den Tagen nach dem Beben festgehalten. Was in ihrem Umfeld passiert, wie sich ihre Kollegen verhalten, wie sie die Ereignisse im Fernsehen und über soziale Netzwerke verfolgt. Hinzu kommt immer wieder eine Seite Illustration. Und gerade diese sind es, welche wohl den tiefsten Einblick darüber gewähren, wie die Japaner die Ereignisse verarbeiten. Denn manchmal weiß man eben selbst kaum, wie einem geschieht, besonders, wenn man irgendwie mittendrin ist und irgendwie auch nicht.

    Auch ich wünsche dir eine unbetrübte und sichere Zeit in Sendai. Ich bin jedoch sehr zuversichtlich und freue mich diese Präfektur ebenfalls während meines Japanaufenhalten zu besuchen und näher kennenlernen zu können.

  46. scheibnerl says:

    Lieber Niklas,

    danke für deine Buchrezension. Zu dem vorgestellten Thema könnte sicherlich jeder von uns sehr viel erzählen und schreiben. Fukushima und die Geschehnisse vom 11. März 2011 sind noch immer sehr präsent bei uns. Insbesondere diejenigen von uns, die ihr Auslandssemester in Japan verbringen werden, haben sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Deshalb finde ich es auch sehr schön, dass du das Thema noch einmal aufgreifst, indem du die Geschehnisse aus Sicht einer Japanerin wiedergibst. Da die Autorin Yuko Ishimura ihre eigenen Erlebnisse schildert, können wir davon ausgehen dass das Geschriebene glaubwürdig und ungefiltert ist.

    Für mich ist das Thema aus vielerlei Sicht interessant. Natürlich beschäftigt man sich mit den Risiken der Strahlung, dem Bereisen japanischer Gebiete, dem Essen und Trinkwasser, etc. – dennoch ist es auch sehr wichtig für mich zu wissen, wie Japaner mit dem Thema Fukushima umgegangen sind und heute noch umgehen (Was darf ich ansprechen, wenn ich in Japan bin? / Was sollte ich lieber vermeiden zu sagen? …).

    Auch finde ich es sehr interessant, dass Yuko Ishimura auf soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter zurückgegriffen hat, um sich über die aktuellen Geschehnisse zu informieren. Im Gegensatz zu klassischen Medien schaffen es die Echtzeitmedien, Menschen in aller Welt sofort mit Neuigkeiten zu versorgen. Diese Informationen sind dann ungefiltert und folgen keinen politischen Regeln. Ich finde dies interessant, da in deutschen Medien oft berichtet wird, dass japanische Medien hinsichtlich der Auswirkungen von Fukushima verharmlosend und herunterspielend seien – hierbei jedoch nur die klassischen Medien wie Zeitungen und TV gemeint sind und nicht auf den Informationsgehalt der sozialen Netzwerke eingegangen wird. Internationale Medien wären sicherlich eine gute Alternative und Ergänzung zu den heimischen Berichtserstattungen, jedoch ist die englische Sprache in Japan noch nicht flächendeckend verbreitet.

    Ein weiterer interessanter Aspekt für mich war, dass sich die Menschen in Tokio teilweise schuldig gefühlt haben mit ihrem Alltagsleben fortzufahren. Diese Empathie, das Gemeinschaftsgefühl und der Respekt anderen Gegenüber spiegeln für mich einmal mehr die japanische Kultur wieder. Ich kann es nur gutheißen, dass viele von ihnen die Strategie des „fukinshin“ verfolgt haben und optimistisch in die Zukunft schauen.

  47. warneckec says:

    Hallo Niklas,

    Vielen Dank für deine Rezension! Beim Lesen des Titels „3/11“ – also Three Eleven, der 11.März 2011, sind mir direkt Gedanken an ein ebenso erschütterndes und einschneidendes Ereignis – Nine Eleven in den USA – gekommen. Denkst du, dass diese Ähnlichkeit im Titel von der Autorin beabsichtigt gewesen ist, um die Ausmaße dieser Katastrophe für ihr Land noch deutlicher werden zu lassen?

    Das von dir bereits detailliert geschilderte und samt Hintergründen erläuterte Tohoku-Erdbeben, welches eine gigantische Tsunami-Welle und damit schlussendlich auch die Havarie des Atomkraftwerks in Fukushima ausgelöst hat, hat zehntausende von Menschen in Japan das Leben gekostet und ist eine der schlimmsten Katastrophen unserer Zeit.

    Da ich selbst nur kurze Zeit vor eben diesem Erdbeben eine Reise nach Japan, unter anderem in die schwer betroffenen Gebiete Fukushima und Sendai, unternommen habe hat mich dieses Thema ebenfalls sehr stark beschäftigt. So kommt es, dass ich zwar nicht das gesamte Buch, jedoch viele einzelne Tagebucheinträge daraus bereits im Online-Blog der Süddeutschen Zeitung gelesen habe. Darüber hinaus habe ich mir ähnliche Fragen wie du gestellt („Wie gehen die Menschen mit diesem Schock um? Was ändert sich in den Köpfen der Menschen? Was tun bei leeren Supermarktregalen?“ etc.). Gerade weil du dein Austauschsemester in Sendai verbringen wirst und dort unweigerlich auf Menschen treffen wirst, die diese Katastrophe miterlebt haben, finde ich es gut, dass du dich im Vorhinein damit beschäftigst und ggf. Handlungsempfehlungen für solche Situationen suchst.

    Der Vorzug dieses Buches liegt, wie von dir ebenfalls herausgestellt, sicherlich in seiner Unmittelbarkeit und Direktheit. Anhand der teils auch sehr kurzen Tagebucheinträge gibt Yuko Ichimura uns einen klaren und ungefilterten Blick auf ihre Erfahrungen sowie ihr direktes Umfeld. Als Leser wird man davon in den Bann gezogen, fiebert und hofft mit der Autorin mit. Dies gelingt der Autorin in meinen Augen vor allem auch durch das Herausstellen von Banalitäten (z.B. nicht vorhandenes Toilettenpapier). Sie lässt deutlich werden, dass es bei „ 3/11“ nicht nur um die zweifelsohne dramatischen Ereignisse in Fukushima, die Toten oder die Zerstörung geht, sondern eben auch um eine ganz andere Facette des Unglücks. Es hat etwas aufrüttelndes, erschütterndes und zeigt, wie Menschen sich in Extremsituationen verhalten.

    Natürlich kann das Buch insofern nicht deinem Anspruch gerecht werden und Handlungsempfehlungen im Umgang mit direkt betroffenen in den Krisengebieten geben. Gleichwohl denke ich, hast du einen ersten Eindruck bekommen, wie die Menschen dort mit dem Unglück umgehen. Vielleicht findest du in Vorbereitung auf dein Auslandssemester noch ein Fachbuch o. Ä., welches dir abseits von persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen Informationen geben kann.
    Ich bin gespannt, welche Erfahrungen du in Sendai machen wirst und wie die Menschen jetzt – einige Jahre später – mit dem Unglück umgehen und was sie dir als Europäer für Eindrücke gewähren.
    Insgesamt hoffe ich natürlich, dass kein Japaner in naher Zukunft erneut so ein Unglück erleben muss, und das du deine Austauschzeit in Sendai ungetrübt und glücklich verbringen kannst.

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