Japan – Land und Leute: Geographie und Geschichte, Politik und Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft

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Eckdaten zum Buch

  • Titel: Japan – Land und Leute
  • Autoren: Verena Blechinger-Talcott, Prof. Dr., Nadine Burgschweiger, M.A., David Chiavacci, Prof. Dr., Günther Haasch, Prof. Dr. phil. Dr. h.c. (Herausgeber), Alexander Hofmann, Dr. phil., Matthew Königsberg, apl. Prof. Dr., Julian Plenefisch, M.A., Andreas Regelsberger, JProf. Dr., Till Weingärtner, M.A.
  • Seitenanzahl: 357
  • Genre: Wissenschaftlich
  • Sprache: Deutsch
  • Verlag: BWV – Berliner Wissenschafts-Verlag
  • Erscheinungsort: Berlin
  • Erscheinungsjahr: 2011
  • Auflage: 1. Auflage
  • ISBN-10: 3830519087
  • Preis: €32,00

Motivation

„Japan, ja…, da wurde das Lean Management entwickelt. Es gab auch mal einen heftigen inneren Konflikt mit den Samurai als das Land sich 1868 dem Rest der Welt öffnete. Es ist eine asiatische Kultur, aber trotzdem voll industrialisiert wie hier. Es ist also sehr anders, aber auch gleich. Seit dem 2. Weltkrieg sind sie nicht besonders beliebt bei Ihren Nachbarn, glaube ich.“ So, oder so ähnlich war meine Antwort, als meine Frau mich kurz vor Weihnachten 2012 fragte was ich eigentlich alles über Japan wisse. Ich hatte grade einen der begehrten Plätze im ASBE Programm bekommen und freute mich unglaublich. Trotzdem erschrak mich meine Antwort, denn mir wurde klar, dass ich zwar einiges über Japan wusste (ich hätte noch ein paar weitere zusammenhanglose Infos geben können), aber auch dass dieses Wissen zu großen Teilen „nur“ aus Spielfilmen und Fernsehdokumentationen stammt. Deshalb wollte ich im Rahmen des Literaturforums ein Sachbuch lesen, das mir diese Zusammenhänge näher bringt, in der Hoffnung, dass sich ein „Big Picture“ von Japan ergeben würde. Als angehender Volkswirt sollte ich das Thema Wirtschaft natürlich nicht zu kurz kommen lassen, aber ich wollte auch Bereiche erschließen, in denen ich bestenfalls als Laie gelten würde. Als ich während meiner Suche auf das Buch Japan – Land und Leute stieß, stand meine Wahl schnell fest, da es im Vergleich zu anderen Büchern des Genres thematisch sehr breit aufgestellt ist.

Herausgeber und Autoren

Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Günther Haasch (Hrsg.) studierte von 1946 bis 1948 klassische Philologie, klassische Archäologie, ältere Germanistik, Indogermanistik, Kunstgeschichte und Philosophie an der Berliner Universität. Im Anschluss von 1948-53 studierte er ältere und neuere Germanistik, Geschichte, Philosophie und Romanistik an der FU Berlin. Von 1953-55 widmete sich Günther Haasch seinem Promotionsstudium, welches er erfolgreich beendete. Nach Erlangung der Doktorwürde war Günther Haasch in den Jahren 1958-59 als Assistenz Professor für den Deutschunterricht an Pariser Gymnasien tätig und studierte hier an der Sorbonne die deutsch-französischen Beziehungen des 20. Jahrhunderts. Der Herausgeber passierte während seines Lebens noch viele weitere berufliche Stationen u.a. war er der stellvertretende Schulleiter der deutschen Schule in Tokio (1963-68) und später Lehrbeauftragter der Japanologie am Ostasiatischen Seminar (OAS) der Freien Universität Berlin (1977-2006). Zu seinen Veröffentlichungen gehört u.a. Japan – eine politische Landeskunde, Berlin 1973 und 1982. Dieses Buch ist als Vorgänger von Japan – Land und Leute zu betrachten.

Neben Haasch haben zudem folgende Experten als Autoren an Japan – Land und Leute mitgewirkt: Prof. Dr. Verena Blechinger-Talcott, Nadine Burgschweiger (M.A.), Prof. Dr. David Chiavacci, Dr. phil. Alexander Hofmann, apl. Prof. Dr. Matthew Königsberg, Julian Plenefisch (M.A.), JProf. Dr. Andreas Regelsberger, Till Weingärtner (M.A.). Viele von ihnen sind oder waren am OAS der FU Berlin tätig und haben bereits vorher zusammen gearbeitet.

Aufbau und Inhalt: Eine kritische Auseinandersetzung

Japan – Land und Leute hat eine klare Struktur, die anhand einzelner Kapitel wie folgt aufgebaut ist:

1. Geotektonik und Geographie (11 Seiten)

2. Bevölkerung (11 Seiten)

3. Geschichte (38 Seiten)

4. Gesellschaft (38 Seiten)

5. Wirtschaft (34 Seiten)

6. Politik (37 Seiten)

7. Kultur (153 Seiten)

+. Anhang: Zeittafel, Stichwortverzeichnis, etc. (33 Seiten)

Günther Haasch als Herausgeber beleuchtet mit seinem Team von ausgewiesenen Experten die Fachbereiche Geographie, Geschichte, Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft akribisch und deckt somit einen großen Teil der Landeskunde Japans ab. Dabei bedienen sich die Autoren vieler (farbiger) Abbildungen und Tabellen die dem Leser helfen, das geschriebene Wort schnell nachzuvollziehen. Wie Günther Haasch zu Anfang erläutert, handelt es sich bei Japan – Land und Leute um eine wissenschaftliche Einführung in die Landeskunde Japans für den studentischen Gebrauch. Ziel ist es dem Leser einen umfassenden Einstieg in den gesamten Themenkomplex zu ermöglichen. Anhand der Kapitelüberschriften ist klar erkennbar, dass diesem ambitionierten Ziel angemessen Rechnung getragen wird. Jedoch wird an dieser Stelle auch deutlich, dass die Gewichtung der einzelnen Kapitel nicht gleich ist. Während das Kapitel Kultur mit seinen diversen Subkapiteln fast die Hälfte des Buches ausmacht, werden andere Kapitel (Geotektonik und Geographie sowie Bevölkerung) eher knapp gehalten. An die detailreiche und genaue Ausgestaltung des Kapitels „Kultur“ reicht dann auch kein anderes Kapitel jemals heran. Verwunderlich ist dies nicht, wenn man bedenkt, dass alle Autoren einen kulturwissenschaftlichen Hintergrund teilen und dies somit die Schnittmenge ist, der alle Autoren gemeinsam eine große Bedeutung zuschreiben.

Nichtsdestotrotz gibt jedes Kapitel, auch die recht Kurzen, mehr als nur einen ersten Eindruck und greift viele bedeutsame Aspekte innerhalb des Kapitelthemas auf. Dabei werden viele Querverbindungen sichtbar, ohne dass beim Leser das Gefühl aufkäme ständiger Repetitionen ausgesetzt zu sein. Dies zeugt davon, dass die verschiedenen Experten als Team in guter Abstimmung gearbeitet haben, um diese Wissenskomposition zu erschaffen. Definitiv wird dem Publikum viel geboten, das über populärwissenschaftliche Fernsehdokumentationen hinausgeht. Ein kleiner Vorgeschmack auf die Informationen und deren Verarbeitung in Japan – Land und Leute  verdeutlicht dies: Man erfährt z.B., dass Minderheiten, wie die 700.000 Koreaner im Land oder die Nachfahren der Ainu (Ureinwohner) und der untersten Kasten (Semmin (unfreies Volk), Hinin (Nicht-Menschen) und Eta (voller Schmutz)) einen oft mehr als nur schweren Stand innerhalb der japanischen Gesellschaft haben (Kapitel: Bevölkerung). Im Anschluss wird im Rahmen des Kapitels Geschichte deutlich, dass das in den Köpfen teilweise noch existierende Kastensystem daher rühren könnte, dass es nie eine Revolution dagegen gegeben hatte (wie z.B. in Europa gegen die Leibeigenschaft). Das Kastensystem wurde ab 1868 mit Einsetzen der Modernisierung reformiert und in ein weniger radikales Klassensystem gepresst. Die Paria (Eta und Hinin) gehörten nun zur 3. Klasse (Allgemeines Volk: Heimin). Eine bewusste kritische Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit gab es, wie aus dem Buch hervorgeht, aber nie. Interessant ist auch die Sicht David Chiavaccis‘ (Kapitel: Gesellschaft), der klarstellt dass die japanische Gesellschaft der Nachkriegszeit auf dem allgemeinen Streben nach Wachstum (das Wachstumsprojekt) basiert, wobei drei weitere komplementäre gesellschaftliche Modelle mit diesem Wachstumsprojekt Hand in Hand gehen: Das firmenzentrierte Beschäftigungsmodell, das frauenzentrierte Familienmodell, sowie das generelle Mittelschichtmodell. Im Gegensatz zur westlichen Annahme, Japaner seien unkritisch und hörig (was dann klischeehaft häufig einzig und allein auf die früher uneingeschränkt erwartete Loyalität zum Kaiser zurückgeführt wird), behauptet Chiavacci, dass besonders der Erfolg des japanischen Gesellschaftsmodells dazu geführt hat, dass der Durchschnittsjapaner lange Zeit (bis in die 1990er) keinen Anlass zu rebellischem Verhalten sah.

Jedoch lässt Japan – Land und Leute auch einiges an Potential ungenutzt: So ist es stellenweise sehr schmucklos gestaltet (z.B. Politik), was in starkem Kontrast zu anderen Teilen des Buches steht (z.B. Geschichte). Mit einer umfangreicheren Verwendung von Bildern und Grafiken an diesen Stellen hätte man einen größeren Lernerfolg beim Leser provozieren können und ihn umso mehr zum Weiterlesen motiviert. Weiterhin sieht sich das Publikum auch mit verschiedenen Schreibstilen konfrontiert, die sich in einem Spektrum zwischen wissenschaftlich trocken (d.h. rein sachliche Beschreibungen und Abhandlungen ohne das genug relevante Hintergrundinformationen aufgegriffen werden) und wissenschaftlich fesselnd (d.h. mehr bildliche Beschreibungen, Abstraktes wird mit Beispielen unterlegt, gute Einbettung in den Gesamtkontext) bewegen. Neben der somit aufkommenden Langeweile, werden auch Querverbindungen die dem Leser ohne große Umstände hätten verdeutlicht werden können, teilweise nicht gezogen und es bleibt lediglich die Hoffnung, dass man sich diese dann selbst erschließt.

Fazit

Japan – Land und Leute überzeugt mit einer geballten Ladung, gut strukturierter, stark verdichteter Informationen, die an vielen Stellen mit geschickt gewählten Grafiken, Tabellen und Schemata und wirklich schönen Fotos und Bildern untermauert werden. Im Allgemeinen sieht sich der Leser mit einem für wissenschaftliche Verhältnisse „leichten“ Lektüre konfrontiert, sodass das Buch, wie von den Autoren beabsichtigt, als Einstieg (auch für Nicht-Japanologie Studenten und Nicht-Wissenschaftler) sehr geeignet ist. Überzeugend ist ferner, dass u.a. hartnäckige Japanklischees entkräftet werden und dass eine normative Wertung der Verhältnisse in Japan in keinster Weise erfolgt. So kann man sich ein möglichst unverzerrtes und vorurteilfreies Bild Japans machen. Wer sich von den streckenweisen Dürren des Buches nicht entmutigen lässt und auch dann weiterliest, wenn der Autor den wissenschaftlichen Diskurs nicht mit einer fesselnden Schreibweise zu kombinieren vermag, wird damit belohnt, viel mehr über das Land der aufgehenden Sonne zu erfahren als dies mit einem „Fettnäpfchenführer“ oder einem Roman allgemein möglich wäre. Dem Leser wird allerdings auch eine deutlich höhere Transferkompetenz abverlangt, wenn es darum geht die vermittelten theoretischen Kenntnisse in praktische Handlungsanweisungen umzusetzen. Wie zu erwarten eignet sich diese wissenschaftliche Veröffentlichung hierfür nicht, was aber nicht negativ zu Buche schlagen sollte. Summa summarum ist Japan – Land und Leute eine exzellentes Buch, das sich an den wirklich an Japan interessierten Leser richtet, der auch bereit ist das Opfer zu bringen gelegentliche Episoden der Langeweile zu überdauern. Die Beantwortung von Fragen à la „Was weißt du eigentlich über Japan?“, wird mir und anderen Lesern von nun an sicher wesentlich leichter fallen.

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