Ich nannte ihn Krawatte

Ich nannte ihn Krawatte

Buchrezension von Patricia KrausBuchcover

 

Titel: Ich nannte ihn Krawatte

Autor: Milena Michiko Flašar

Verlag: Klaus Wagenbach

Erscheinunsjahr: 2012

ISBN: 978-3-8031-3241-3

Seiten: 144

 

Motivation

„Hikikomori – Rückzug aus der Gesellschaft“

Als ich den Bescheid bekam einen Platz im ASBE Programm erhalten zu haben, rief ich sofort meine Eltern an und verkündete die frohe Botschaft. Meine Mutter war fast aufgeregter als ich selbst und schenkte mir zum letzten Weihnachtsfest einen dicken Japan Reiseführer, sowie ein Buch mit dem Titel „Ich nannte ihn Krawatte“ von Milena Michiko Flašar. Zunächst wusste ich nichts mit dem Titel anzufangen und vermutete nicht im Entferntesten eine Verbindung zu Japan – einzig der Name der Autorin und die aus Japan stammenden Koi-Karpfen, die auf dem Einband zu sehen sind, lassen im Nachhinein den Rückschluss zu. Ohne Vorahnung fing ich an zu lesen und stellte erst auf Seite 13 beim ersten japanischen Wort Bentō (Mittagessen) fest, dass die Geschichte wohl in Japan spielt. Der Roman hat mich schließlich durch die kunstvolle Art der Erzählung, sowie durch die Thematik fasziniert; die Motivation, dieses Werk im Rahmen der Buchrezension vorzustellen, kam erst nach dem Lesen. Es werden verschiedene gesellschaftliche Phänomene thematisiert, die dem Leser die japanische Kultur auf eine andere Art und Weise näherbringen, als die typischen in Ratgebern und Reiseberichten aufgegriffenen Vorurteile und Fettnäpfchen. Hikikomori − das Wort hatte ich vorher noch nie gehört − ein Mensch, der sich völlig aus dem Leben zurückzieht und sich für mehrere Jahre in seinem Zimmer einschließt. Dieses typisch japanische gesellschaftliche Phänomen wird dem Leser, neben anderen Besonderheiten der japanisches Kultur, in diesem Roman näher gebracht und hat somit auch mir einen neuen Bereich gezeigt, auf den ich nun im Rahmen des Literaturforums auch die anderen Teilnehmer aufmerksam machen möchte.

AutorinMilena Flasar

Milena Michiko Flašar wurde 1980 in St. Pölten (Österreich) geboren und hat eine japanische Mutter sowie einen österreichischen Vater. Sie hat in Wien und Berlin Komparatistik, Germanistik und Romanistik studiert, lebt als Schriftstellerin in Wien und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. „Ich nannte ihn Krawatte“ erschien 2012 im Verlag Klaus Wagenbach und ist ihr drittes Buch. Sie gewann hierfür den Literaturpreis Alpha 2012.

Ihre ersten beiden Werke haben die Titel „Okaasan – Meine unbekannte Mutter“ (Residenz Verlag, 2010) und „[Ich bin]“ (Residenz Verlag, 2008).

Inhalt

Der Roman “Ich nannte ihn Krawatte” ist abwechselnd aus der Perspektive der zwei Hauptcharaktere geschrieben, deren Lebensgeschichten der Leser nach und nach erfährt. Taguchi Hiro ist ein 20-jähriger Hikikomori, der sich, nach zwei Jahren des gewählten Rückzugs in seinem Zimmer im elterlichen Haus, wieder traut hinaus in die Welt zu treten. Sein Alltag besteht aus dem morgendlichen Parkbesuch, wo er die Menschen beobachtet, jedoch darauf bedacht ist, niemandem aufzufallen. Eines Tages setzt sich ein Salaryman (so nennt man in Japan Firmenangestellte mit Anzug und Krawatte) auf die Bank gegenüber. Zunächst besteht der Kontakt nur aus einem Beobachten, entwickelt sich dann zum Grüßen und Verabschieden und eines Tages überwinden sie die Barriere des Kiesweges zwischen sich und sitzen nebeneinander. Ōhara Tetsu ist 58 Jahre alt und hat seinen Job verloren, traut sich aber nicht, dies seiner Frau mitzuteilen und kommt daher ebenfalls jeden Morgen in den Park, um dort seinen Tag mit Zeitunglesen, Essen und Rauchen zu verbringen. Sehr langsam freunden sich die beiden Männer an und erzählen sich gegenseitig ihre Lebensgeschichte. So erfährt der Leser nach und nach, was die beiden Schicksale gemeinsam haben: Sie wurden vom Leistungs- und Anpassungsdruck der japanischen Gesellschaft an einen Abgrund gedrängt und sind nun beide zu Außenseitern geworden. Sie haben Schuld- und Schamgefühle. Hiro, geplagt von Selbstzweifeln, weil er einer Freundin, die in der Schule gemobbt wurde, nicht geholfen hat, was sie schließlich in den Selbstmord trieb, zieht sich, nachdem sich auch sein bester Freund vor ein Auto geworfen hatte, für zwei Jahre in sein Zimmer zurück; wird Hikikomori. Tetsu, der das einzige, was er seiner Frau versprochen hatte − einen Alltag – verloren hat, da er im Büro eingeschlafen ist, schafft es nicht ihr zu beichten, dass er entlassen wurde und verbringt seine eigentliche Bürozeit im Park. Man erfährt, dass er einen Sohn hatte, der behindert zur Welt kam und sehr früh verstarb. Tetsu konnte diesen nicht als seinen Sohn annehmen und lieben, weil er im Vorfeld zu hohe Erwartungen hatte, weshalb er sich jetzt Vorwürfe macht.

Beide Protagonisten verbindet also das Gefühl, im Leben versagt zu haben und die daraus entstandene Scham, über die sie mit niemandem reden können, machte sie zu Außenseitern. Je länger die Bekanntschaft der beiden jedoch andauert, desto mehr fühlt der Leser auch wie sich Hiro und Tetsu verändern, sich selbst reflektieren und schließlich wieder dem Leben zuwenden.

Fazit

Der Roman ist sehr kunstvoll geschrieben, spielt mit Wörtern und Ausdrücken, enthält hauptsächlich kurze, prägnante, aber auch nachdenkliche Sätze und eine sehr bildliche Sprache. Zu Beginn fühlt man sich als Leser, trotz der typisch japanischen gesellschaftlichen Phänomene und der regelmäßig verwendeten japanischen Wörter bzw. Ausdrücke, nicht nach Japan versetzt, sondern projeziert die Handlung vielmehr in ein Deutsches Umfeld, was es schwierig macht, die beschriebenen Besonderheiten im Kontext zu sehen. Hier kommt die (deutsche bzw. österreichische) Perspektive der Autorin vielleicht etwas zu deutlich hervor. Weiterhin bekommt man nur Einblick in die Gefühlswelt zweier einzelner Personen und kann nicht unbedingt Rückschlüsse auf die Gesamtheit ziehen. Der Roman bietet dennoch einen guten Einstieg in die Thematik der Auswirkungen vom Erfolgs- und Leistungsdruck einer kollektivistischen Gesellschaft, erfordert aber weiterführende Recherche, um das Kernproblem zu verstehen. Als Reisevorbereitung oder zum Kennenlernen der japanischen Kultur würde ich den Roman nicht empfehlen, wer aber ein kunstvoll geschriebenes, leicht zu lesendes Buch sucht, das trotzdem zum Nachdenken anregt, ist mit „Ich nannte ihn Krawatte“ gut beraten.

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