The Longest Way 4646 Kilometer zu Fuß durch China von Christoph Rehage

 

Cover

Motivation
China ist Reich der Mitte. China ist scharf. China ist Ein-Kind Politik. China ist Olympia 2008. China ist Große Mauer. China ist groß. China ist Polizeistaat. China ist Peking-Ente. China ist zweitgrößte Wirtschaftsmacht. China ist Tee. China ist Exportweltmeister. China ist fremd. China ist Reis. – Auch ohne jemals in China gewesen zu sein, haben wir als Ausländer durch tägliche Berichterstattung der Medien eine bestimmte Vorstellung von China.
Doch was verbirgt sich innerhalb der Grenzen des bevölkerungsreichsten Landes der Welt? Welche Besonderheiten gibt es in den verschiedenen Provinzen zu entdecken? Welche Gewohnheiten haben Chinesen? Wo liegen die kulturellen und sozialen Unterschiede innerhalb der Bevölkerung? Was spielt sich neben den Metropolen wie Beijing, Shanghai und Chongching ab? Was ist das „wahre“ China?
Bei der Wahl meines Buches war es mir besonders wichtig, das Bild, das uns täglich von China vermittelt wird, zu hinterfragen. Ich habe mich aus diesem Grund bewusst für ein Buch entschieden, das Einblicke in verschiedene Bereiche der chinesischen Kultur gibt und China als Ganzes, abseits der Touristenwege, beschreibt. Ich wollte das Buch nutzen, um mehr und vor allem Neues über das viertgrößte Land der Welt zu erfahren und einen Eindruck gewinnen, den gewöhnliche China-Reisende nicht vermitteln können.
Der Titel „The Longest Way – 4646 Kilometer zu Fuß durch China“ von Christoph Rehage weckte vor diesem Hintergrund sofort mein Interesse. Ein Fußmarsch über eine solch riesige Distanz wird ohne Zweifel eine intensive Erfahrung sein, die sowohl aus Höhen als auch aus Tiefen, Zweifeln und Begeisterung bestehen wird.

AutorChristioh_Rehage_The Longest Way
Christoph Rehage ist 1981 in Bad Nenndorf, in der Nähe von Hannover, geboren. Er verbrachte nach seinem Abitur ein Jahr in Paris. Als die Stimmen zu Hause laut wurden, er solle Heim kommen, etwas Vernünftiges tun und studieren, lief er spontan zu Fuß von Paris in seinen Heimatort.
Er begann in München Sinologie, Russische Literatur und Geschichte zu studieren.
Nach seiner Zwischenprüfung verbrachte er zwei Jahre in Beijing. Er absolvierte einen Sprachkurs für ein Jahr; das zweite Jahr studierte er an der Beijinger Filmhochschule und machte einen Abschluss in Kameraführung. Nach seinem Studium entschloss er sich, wie damals von Paris, von Beijing zu Fuß nach Hause zu laufen. Es sollte „The Longest Way“, der Höhepunkt seines Lebens, die Erfüllung eines Traums, eine Art Abschied von Beijing und Ankommen in Deutschland werden; er wollte die Gelegenheit nutzen, sich selbst finden und sich klar darüber werden, wie sein Leben in Deutschland künftig weitergehen soll.
Christoph Rehage plante seine Reise ein Jahr im Voraus. Die Regeln, die er sich selbst auferlegte, lauteten: “den ganzen Weg zu Fuß, ohne öffentliche Verkehrsmittel, jeden Tag bloggen, den Bart und die Haare wachsen lassen – ohne Ausnahmen” (S.112). 352 Tage war er unterwegs und legte in dieser Zeit eine Strecke von 4646 km zurück. Seine Fortschritte und Erlebnisse hielt er regelmäßig auf seinem Blog www.thelongestway.com fest. Er schoss insgesamt 30.000 Fotos, aus denen er einen Kurzfilm entwickelte, den mittlerweile über 2,5 Millionen Menschen auf YouTube gesehen haben und ihn und seine Wanderschaft bekannt machte. In dem im Jahr 2012 erschienenen Buch „The Longest Way 4646 Kilometer zu Fuß durch China“ erzählt er die ganze Geschichte seiner unglaublichen und außergewöhnlichen Reise, auf der er zahlreiche Abenteuer zu bestehen hatte. Passend zu diesem Buch veröffentlichte Christoph Rehage einen Bildband mit eigenen Aufnahmen zu seiner Reise mit dem Namen „China zu Fuß – The Longest Way“ (Juni 2012, National Geographic). Ende Januar 2013 wurde er zum Preisträger der ITB BuchAwards 2013 in der Kategorie „Abenteurer 2013“ gewählt.

Inhalt
Am Morgen seines 26. Geburtstages bricht Christoph Rehage, der auf chinesisch Leike (Eroberer des Donners) genannt wird, seinen Fußmarsch von Beijing in Richtung Bad Nenndorf auf. Sein Weg soll ihn durch verschiedene Provinzen Chinas durch die Länder Mittelasiens bis nach Europa führen. Er wandert in flachen Ebenen und Hochebenen, quält sich über Pässe, durchquert die Wüste Gobi, gerät in Sand- und Schneestürme und lässt sich von keiner dieser Herausforderungen einschüchtern. Stets hält er die im Voraus beschlossenen Regeln ein. Neben den Erfahrungen, die Leike auf seiner Reise macht, kreisen seine Gedanken häufig um seine Familie und chinesische Freundin, die während seinem Fußmarsch in Deutschland lebt.
Auf seinem Fußmarsch wird dem Leser schnell deutlich, dass China keineswegs nur aus glitzernden modernen Metropolen besteht. Im Gegenteil: im Hinterland, auf den Dörfern, in der Nähe von schattigen Alleen, rauchenden Kohleminen und heiligen Bergen trifft Leike auf die verschiedensten Charaktere und Besonderheiten im chinesischen Alltag. Da er fließend Chinesisch spricht, kommt er mit Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, verschiedenen Altersgruppen sowie fremden ethnischen Minderheiten in der Stadt und auf dem Land ins Gespräch.
Abseits der Touristenwege stößt er auf Zeugen der Geschichte Chinas. Überreste am Wegesrand sowie Gespräche, die er mit chinesischen Bauern, Wanderarbeitern, Reisenden und Mönchen führt, erinnern an Jahrtausend alte Kaiserreiche, Weltwunder – wie die Große Mauer, die Terrakotta-Armee und die Seidenstraße – Tschingis Khan, Parolen Mao Zedongs, das Ausmaß der Kulturrevolution mit verheerenden Folgen und an den Wiederaufbau.
Neben dieser historischen Dimension trifft Leike immer wieder auf das gegenwärtige China: Ein China, in dem der wirtschaftliche Fortschritt über den Wünschen und Bedürfnissen der Menschen steht. So trifft er ein kleines Mädchen, das ihn auf die Abholzung ganzer Wälder aufmerksam macht, dessen Holz zur Herstellung von Stäbchen dienen soll; er bemerkt einen weißen Streifen, der eine Markierung darstellt, bis zu welchem Punkt die angesiedelten Häuser abgerissen werden sollen, damit die Straße für bessere Transportwege und Tourismus vergrößert werden kann, sieht verseuchte Flüsse sowie pechschwarze Dörfer, die unter der Umweltverschmutzung der Kohleminen im Westen Chinas leiden.
Leike gewinnt Eindrücke in den chinesischen Alltag, die er während seines Aufenthalts in Beijing nie so hautnah miterleben konnte. Er besucht eine Kampfkunstschule, in der das Leben der Kinder in erster Linie aus Disziplin besteht und nimmt an einer Beerdigungszeremonie teil, in der mit Feuerwerksraketen von den Toten Abschied genommen wird. Außerdem erfährt er, dass sich Chinesen auch ohne verwandtschaftliche Beziehungen gern mit den Wörtern „Onkel“, „Tante“ und „Bruder“ ansprechen.
Christioh Rehage KinderIn enger Verbindung zu diesen Erfahrungen und Eindrücken stehen die verschiedenen Menschen, die Leike auf der Straße, in Kiosken, Hotels und Tempeln trifft. Die Vielfalt des Landes spiegelt sich in der Vielfalt der Menschen wider. Er begegnet freundlichen und neugierigen Menschen, die ihn ohne mit der Wimper zu zucken, zu sich einladen, zurückhaltenden Menschen, die wahrscheinlich noch nie in ihrem Leben einen Ausländer gesehen haben sowie ablehnenden Menschen, die in sich gekehrt ihren eigenen Weg gehen. Gerade dieses Aufeinandertreffen macht seinen Fußmarsch zu einer besonderen und außergewöhnlichen Reise.
Eine für Leike bedeutende Persönlichkeit ist Lehrer Xie, den er in der Wüste Gobi trifft. Der belesene Xie Jianguang reist mit einem Karren seit 1983 quer durch China und begleitet Leike auf einem Stück seines Weges. Leike ist von der Weisheit und Lebenserfahrung, die Lehrer Xie ausstrahlt, beeindruckt. Zwischen den beiden entwickelt sich ein tiefes Verständnis füreinander, sodass Lehrer Xie die Entscheidung, die Leike am Ende seines Weges trifft, maßgeblich beeinflusst.
Nach fast einem Jahr bricht Leike seine Reise in Ürümqi, der Hauptstadt der Uiguren, an der Grenze zu Kasachstan ab. Nachdem sich seine Freundin von ihm getrennt hat, wird ihm klar, dass er zwar auf seinem Weg immer wieder Erfahrungen machen wird und diese mitteilen kann, doch diese mit niemandem teilen kann. Er ist einsam und hält dem Druck und der Selbstdisziplin, denen er durch die sich selbst auferlegten Regeln ausgesetzt ist, nicht mehr stand. Er schneidet Bart und Haare ab und fliegt zurück nach Deutschland.

Fazit
„The Longest Way 4646 Kilometer zu Fuß durch China“ ist ein authentischer und lesenswerter Reisebericht, der ein China jenseits der gängigen Klischees beschreibt.
Christoph Rehage erlebt die kulturelle, historische und geographische Vielfältigkeit Chinas auf eine unverfälschte und unmittelbare Art und Weise. Er begegnet dem Land mit offenen Augen und befindet sich mit dessen Einwohnern auf Augenhöhe; das erleichtert ihm den Zugang zu ihnen. Interesse, Neugierde und Hilfsbereitschaft, die er von den Chinesen erfährt, ziehen sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch.
Es ist ein sehr persönlicher und offener Bericht. Der Autor gibt Einblicke in seine Gedankenwelt und reflektiert sich selbst und seine Beziehung zu Juli kritisch. Der Weg bedeutet für ihn Selbstfindung und zugleich die Erkenntnis, was er in seinem Leben für wichtig hält. Der Leser ist dadurch imstande, sich in ihn hineinzuversetzen und ihn auf dem im Buch beschriebenen Lebensabschnitt zu begleiten.
Seine Eindrücke beschreibt Rehage nüchtern und voller Klarheit. Er verwendet dabei einen einfachen, humorvollen und direkten Schreib- und Sprachstil, der verdeutlicht, dass Christoph Rehage ein Mensch wie jeder andere ist und auch mit seinen Lesern auf Augenhöhe steht. Er nimmt stets „kein Blatt vor den Mund“; das lässt seinen Bericht besonders authentisch wirken.
Allerdings werden verschiedene Themen nur kurz angeschnitten. Entscheidende Eckpunkte der jüngeren chinesischen Geschichte, wie die Kulturrevolution und die Herrschaft Mao Zedongs, werden zwar wiederholt angesprochen, jedoch nicht genügend ausgeführt. Hin und wieder fehlt die nötige Tiefe, sodass verschiedene Erlebnisse und ihre Hintergründe nur recht oberflächlich bleiben.
Mich hat vor allem die Darstellung Chinas zwischen Tradition und Moderne angesprochen. Die Form eines unmittelbar selbst erlebten Reiseberichtes hat mir die unterschiedlichen Facetten der chinesischen Kultur und der sozialen Wirklichkeit nachvollziehbar nahegebracht. Das Buch hat mir viel Wissenswertes und Neues vermittelt und mich neugierig gemacht, eigene Erfahrungen zu sammeln, aber auch von ihm Mitgeteiltes bestätigt zu finden.

Rehage, Christoph: The Longest Way. 4646 Kilometer zu Fuß durch China. München: Piper. 2012. 446 Seiten. ISBN: 978-3890293868. Preis: 22,99€.

 

 

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