Buchrezension: Kleine Schwester Mi Sook

Buchrezension im Rahmen des Literaturforums des ASBE Programms zu

„Kleine Schwester Mi Sook“ von Anne Wolff

Cover

Titel: Kleine Schwester Mi Sook (engl. „The Lucky Gourd Shop“)
Autorin: Joanna Catherine Scott
Erscheinungsjahr: 2000, dt. Übersetzung: 2001
Verlag: Nymphenburger Verlag, München
ISBN: 3-485-00884-2
Seiten: 355
Preis: Neu ab 8,90€, gebraucht ab 0,01€, in Hardcover-Bindung
Genre: Roman

Autorin:
Joanna Catherine Scott wurde 1943 in London geboren und wuchs in Australien auf. Nach einer frühzeitigen Heirat und Scheidung, heiratete sie einen Amerikaner, mit dem sie 1976 nach North Carolina in den USA zog. Dort lebt sie seither, mit Ausnahme einer zweijährigen Unterbrechung auf den Philippinen. Joanna Scott hat drei leibliche Kinder aus ihrer ersten Ehe und drei koreanische Adoptivkinder. Sie studierte Literaturwissenschaft an der Adelaide University in Australien und an der Duke University in South Carolina, USA. Ihre Romane und Gedichte, sowie eine große Sammlung mündlich überlieferter Erzählungen, beruhen auf wahren Geschichten.
Der Roman „Kleine Schwester Mi Sook“ beispielsweise spielt in Seoul und handelt von der Lebensgeschichte der leiblichen Mutter ihrer drei koreanischen Adoptivkinder. Joanne Scott erhielt zahlreiche literarische Auszeichnungen, unter anderem „Literal Latte“ für ihre Kurzgeschichten sowie „The Writers Voice“ für ein längeres literarisches Werk.

Motivation:
Ich habe dieses Buch ausgewählt, um einen Einblick in die koreanische Kultur und Lebensweise zu bekommen. Da der Roman auf einer realen Geschichte basiert, denke ich, dass er ein authentisches Bild vom Leben in Südkorea, vor allem in der Region um Seoul, wiedergibt. Die Autorin scheint sich vor dem Schreiben des Romans sehr intensiv mit der koreanischen Kultur beschäftigt zu haben: Laut dem Klappentext hat sie für die Recherche zu Kleine Schwester Mi Sook über 500 ins Englische übersetzte koreanische Romane gelesen. Außerdem gefiel mir der Schreibstil des Klappentextes von Kleine Schwester Mi Sook sehr gut. Er wirkte unterhaltsam und gefühlvoll, aber auch sehr persönlich. Weiterhin war ein Entscheidungskriterium für dieses Buch, dass es sehr gute Rezensionen bekommen hat.

Aufbau und Inhalt:
Kleine Schwester Mi Sook erzählt die tragische Lebensgeschichte der weiblichen Hauptfigur „Mi Sook“. Diese wird während eines kalten Winters kurz nach ihrer Geburt auf der Straße ausgesetzt. Eine Cafe-Besitzerin findet Mi Sook und lässt sie im Hinterzimmer ihres Ladens wohnen. Die erste Hälfte ihres Lebens verbringt Mi Sook somit ausschließlich in dem Café. Da sie weder eine feste Bezugsperson hat, noch zur Schule geht, wirkt sie auch im Jugendalter noch relativ kindlich. Mit der Zeit beginnt sie in dem Café zu arbeiten und freundet sich dort mit einigen Studenten an, die ihr Lesen und Schreiben beibringen.
Im Café lernt sie auch Kun Soo kennen, mit dem sie die Hoffnung auf eine bessere Zukunft verbindet. Er gibt vor, ein reicher Kaufmann zu sein und ein eigenes Unternehmen zu besitzen. In Wahrheit ist er jedoch sehr arm und arbeitet als Fischlieferant und Gelegenheitsarbeiter. Mi Sook wird seine Geliebte. Kun Soo verschweigt ihr jedoch, dass er bereits seit acht Jahren verheiratet ist und sechs Kinder hat. Allerdings ist er sehr unglücklich in seiner Ehe, weil er sich einen Sohn wünscht, seine Frau jedoch nur fünf Töchter bekommen hat. Als sie schließlich einen Sohn bekommt, verstößt er diesen aufgrund dessen geistiger Behinderung.
Mi Sook wird zweimal schwanger von Kun Soo. Sie bekommt zunächst einen gesunden Sohn und dann eine Tochter. Als sie erneut von ihm schwanger wird, bittet sie ihn um eine Heirat. Nachdem Kun Soo zwei Wahrsager befragt hat, die ihm bestätigen, dass das ungeborene Kind ein Junge wird, stimmt er der Heirat zu und scheidet sich von seiner ersten Frau.
Mit der Heirat und Mi Sooks‘ Umzug nach Incheon, wo Kun Soo lebt, beginnen die Probleme. Mi Sook ist schwer enttäuscht, nachdem sie merkt, dass Kun Soo in Wahrheit arm ist und in sehr einfachen Verhältnissen lebt. Als Mi Sook schließlich eine Tochter statt einen Sohn zur Welt bringt, eskaliert der Streit zwischen den beiden. Kun Soo beginnt zu trinken und wird handgreiflich gegenüber seiner Frau. Als Mi Sook die Geschichte von Kun Soo’s erster Ehefrau erfährt, die kurz nach der Scheidung gestorben ist, flieht sie zurück nach Seoul und arbeitet wieder in dem Café. Immer wieder kommt es zu Streitereien und gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Kun Soo und Mi Sook. Diese eskalieren, als Kun Soo einen Flirt zwischen Mi Sook und einem Studenten aus dem Café beobachtet. Wütend fährt er nach Incheon zurück und verursacht dabei einen Unfall. Am nächsten Tag fällt er auf der Arbeit betrunken von einem Dach und stirbt später an seinen Verletzungen.
Nach seinem Tod flüchtet Mi Sook zurück nach Seoul und lässt ihre Kinder bei Kun Soo‘s Mutter. Sie hofft, Geld für die Kinder verdienen und erneut zu heiraten zu können. Kun Soo‘s Mutter gibt die Kinder schließlich an ein Waisenhaus ab, als sie diese nicht mehr ernähren kann. Sie stirbt kurz darauf.
Mi Sook lernt währenddessen einen amerikanischen Soldaten kennen, mit dem sie sich verlobt, aber den sie nicht heiratet. Mit der Dekoration von Kürbissen verdient sie Geld für einen eigenen Laden und ihre Kinder. Doch als sie schließlich genügend Geld für die Kinder zusammen hat, sind diese bereits im Waisenhaus.
Das Buch endet damit, dass die Kinder von einer amerikanischen Familie adoptiert werden.
Analyse von Schreibstil und Inhalt:
Scotts Schreibstil ist unterhaltsam, poetisch und gefühlvoll. Die Verwendung der auktorialen Erzählform und die kontrastierende Erzählperspektive regen zum Nachdenken an, wobei ein gewisser Abstand zum Erzählten bewahrt wird. Außerdem gibt die Erzählform Einblicke in die Sichtweisen mehrerer Charaktere, sodass die direkte Identifikation mit nur einem Protagonisten vermieden wird.
Dies  ist vor allem interessant,  da die Charaktere der Hauptfiguren sehr unterschiedlich sind.
Beispielsweise sind die Mutter von Kun Soo und seine erste Frau eher traditionsbewusst. Sie orientieren sich stark an gesellschaftlichen Normen.  Eine Tradition ist zum Beispiel, dass die Mutter die neuen Kimchi-Töpfe im Garten eingräbt. Kun Soos erste Frau wäscht die Wäsche und kümmert sich um die Töchter und den behinderten Sohn, die von Kun Soo verstoßen wurden. Sie wird öfter von ihrem Mann geschlagen, wenn er betrunken ist.
Mi Sook und ihre beste Freundin „Madame“ wirken dagegen eher emanzipiert und modern. Madame entwirft Brautkleider in einem Laden nahe dem Café. Sie ist sehr unabhängig und arbeitet selbständig, was in Korea für eine Frau eher die Ausnahme zu sein scheint. Mi Sook sagt direkt, was sie denkt, auch wenn sie dabei ihren Ehemann vor seinen Freunden bloßstellt und traditionelle Normen verletzt. Außerdem flieht sie sofort, als Kun Soo sie das erste Mal schlägt. Allerdings scheint sie auch ein eher nicht so starkes Pflichtgefühl für ihre Kinder entwickelt zu haben, da sie diese nach dem Tod ihres Mannes zurücklässt um einen neuen Mann zu finden.
Kun Soo ist sehr abergläubig, vor allem in Hinblick auf das Geschlecht seiner Kinder. Er glaubt, dass er durch den Ausdruck seiner Freude über seinen ersten Sohn böse Geister geweckt habe, wodurch dieser behindert wurde. Als er von Mi Sook einen gesunden Sohn bekommt, hängt er deshalb überall Chilischoten auf und gibt vor, sich über ihn zu ärgern. Außerdem kauft er 100 Kuchen, damit sein Sohn gesund bleibt und die bösen Geister vertrieben werden.

Zentrale Themen
Zentrale Themen des Romans sind zum einen die Präferenz von Söhnen als Nachkommen. Dies wird sowohl anhand Kun Soos fanatischem Verhalten, als auch durch das Aussetzen von Mädchen nach ihrer Geburt deutlich. Mi Sook, die selbst als Säugling ausgesetzt wurde, beobachtet später, wie ein Mann seine Tochter auf der Straße aussetzt.
Zum anderen scheinen Frauen einen- zumindest in den ländlichen Regionen- inferioren Status gegenüber Männern zu haben und Gewalt scheint immer noch ein Thema in der Ehe zu sein. Außerdem werden die Frauen immer nach dem Vornamen des Mannes in der Familie benannt, z.B. “Kun Soo‘s Mutter“. Als Kun Soo stirbt, verliert seine Mutter auch ihren Namen.
Ein weiteres Thema ist der Aberglaube der traditionell orientierten, ländlichen koreanischen Bevölkerung. Kun Soo befragt zwei Wahrsager, die mit astrologischen Schaubildern, toten Hühnern und Geistern bestätigen, dass Mi Sooks‘ drittes Kind ein Sohn wird. Außerdem wird der Aberglaube bei der Beerdigung Kun Soos deutlich, bei der Räucherstäbchen und Messingbehälter sowie Reis für einen Boten aus der anderen Welt aufgestellt werden, die seinem Geist den Weg zum Himmel zeigen sollen.
Ein weiterer interessanter Punkt ist die erste Begegnung von Mi Sook mit amerikanischen Soldaten und westlichen Frauen.  Ihre Beschreibungen könnten andeuten, wie Koreaner die Menschen aus der westlichen Welt sehen. Der erste Eindruck von Frank, dem amerikanischen Soldaten, den sie am Ende kennenlernt, ist, dass er unhöflich ist, da er ihr direkt in die Augen schaut. Außerdem findet sie ihn beängstigend, weil er so groß ist. Auch von westlichen Frauen hat sie den Eindruck, dass sie sehr freizügig sind und sich über nichts schämen.

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