Buchrezension: lautlos – ja, sprachlos – nein. Grenzgänger zwischen Korea und Deutschland

Buchrezension von Christian Tewes

Titel: lautlos –  ja, sprachlos – nein.
Grenzgänger zwischen Korea und Deutschland
Autor: Martin Hyun
erschienen: EB-Verlag, Hamburg
Erscheinungsjahr: 2008
Hardcover: 259 Seiten
Sprache: Deutsch
Preis: 19, 99 Euro
ISBN: 978-3-936912-84-5

 

 

Autor

Martin Hyun wurde als Sohn koreanischer Gastarbeiter 1979 in Krefeld geboren. Er studierte Politik bzw. International Relations an der englischen Universität von Kent zu Canterbury und am St. Michael’s College, im US-Bundesstaat Vermont. Parallel dazu schrieb er in der Saison 2004/05 als erster Deutsch-Koreaner in der 1. Bundesliga Deutsche Eishockey Geschichte. Ebenso durchlief er alle deutschen Junioren Eishockey-Nationalmannschaften. Über seine sportlichen Erfolge hinaus wurde er auch mit Aussagen zur Situation junger Deutsch-Koreaner bekannt, sodass er im Jahr 2005 von Horst Köhler zum Staatsbesuch des südkoreanischen Präsidenten ins Schloss Charlottenburg eingeladen wurde. Im „Europäischen Jahr des interkulturellen Dialog“ 2008 engagierte er sich als Botschafter in Deutschland. Er gehörte dem Leadership-Programm der Bertelsmann-Stiftung an und nahm als ein Vertreter der Koreaner in Deutschland an der Jahreskonferenz 2008 „Forum Demographischer Wandel“ teil, die vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler initiiert wurde. Seit 2008 promoviert er zum Thema Arbeitsmigration. Sein Debüt-Buch „lautlos – ja, sprachlos- nein. Grenzgänger zwischen Deutschland und Korea“ erschien, unter anderem mit prominenter Unterstützung von Wladimir Kaminer, im EB-Verlag Hamburg.

Motivation

Im Zuge meines Auslandssemesters in Südkorea wollte ich einen Blick auf Deutschland und die deutsche Kultur aus Sicht eines Koreaners erlangen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie ich in Korea wahrgenommen werde. Das Buch von Martin Hyun geht sogar einen Schritt weiter und beschreibt aus der Perspektive der Deutsch-Koreaner nicht nur die deutschen „Eigenheiten“ und das Leben in Deutschland, sondern es widmet sich im zweiten Teil des Buches dem Leben als Deutsch-Koreaner in Korea. Daher schien mir dieses Buch ideal für meine Reisevorbereitungen. Des Weiteren beschäftigt sich dieses Buch mit der Integrationsfrage und stellt die Frage, ob die Integration der Asiaten in Deutschland, die häufig als vorbildlich beschrieben wird, wirklich schon erfolgreich abgeschlossen ist. Dieser Ansatz bringt meiner Meinung nach eine neue Richtung in die lang andauernden Integrationsdebatten.

„Martin Hyun schenkt uns einen persönlichen und spannenden Einblick in die Lebenswelten deutsch-koreanischer Migranten, deren Erfahrungen im Integrationsdiskurs in Deutschland bislang leider kaum beachtet wurden. Das dürfte sich mit diesem Buch ändern.“ Cem Özdemir

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 73 kurze Kapitel, die durchaus unabhängig voneinander gelesen werden können. Dabei ist das Buch in zwei Teile geteilt, einen Teil mit Schwerpunkt auf Deutschland und dem anderen mit Schwerpunkt auf Korea, wobei die Übergänge meist fließend sind. Der Autor gibt seine Erfahrungen als Deutsch-Koreaner in Deutschland und Korea im autobiografischen Stil wieder und bettet an vielen Stellen Gastkommentare anderer Deutsch-Koreaner in seine eigenen Erfahrungen ein, um diese um interessante Aspekte zu erweitern. Der witzige und meist auch tief-ironische Ton in diesem Buch kann vielleicht auf die gute Freundschaft des Autors mit Wladimir Kaminer zurückgeführt werden, dessen Bücher, wie z.B. Russendisko eine gute Referenz für den Stil dieses Buches abgeben. Häufig wird der Autor daher auch als koreanischer Wladimir Kaminer bezeichnet. Allerdings versucht Martin Hyun einen großen Rahmen über das gesamte Buch zu spannen und ich denke sein Hauptanliegen mit diesem Buch ist es, die Gefühlswelt der Deutsch-Koreaner der Welt näher zu bringen, da diese selbst auf politischer Ebene kaum Beachtung finden.

Obwohl Koreaner (und andere asiatische Migranten) häufig als Vorbilder gelungener Integration gelten und trotz des raschen Übergangs von der Arbeiterklasse (erste Generation) zur Bildungselite (zweite Generation), perfekter Beherrschung der deutschen Sprache, und krimineller Unauffälligkeit, werden dennoch viele Asiaten als Gäste oder Fremde in Deutschland behandelt. Gerade dieser Umstand ist es, den Hyun, als studierter Politikwissenschaftler, anprangert und eine Neuausrichtung der Integrationsdebatte fordert, bei der es nicht nur um gesellschaftliche Akzeptanz, sondern auch um politische Mitbestimmung geht. Der Titel „lautlos –  ja, sprachlos –  nein“ ist also schon eine kurze Inhaltsangabe und ist das Buch sehr treffend.

Der erste Teil des Buches „Deutschland“ beschäftigt sich zum größten Teil mit dem Heranwachsen von Martin Hyun in Deutschland und beschreibt an vielen Stellen mit sehr deutlichen Beispielen, welchen Vorurteilen er und seine Familie tagtäglich in Deutschland ausgesetzt sind. Ich persönlich interessierte mich besonders für die Kapitel „Eine kleine Reise durch das Leben meines Vaters“ und „Eine kleine Reise durch das Leben meiner Mutter“. Hier wird das harte Leben der Eltern in Korea deutlich und man bekommt ein besseres Verständnis dafür, warum die Eltern einen so hohen Wert auf die Bildung ihrer Kinder legen und dafür selbst zahlreiche Entbehrungen in Kauf nehmen. Der Wunsch der Eltern nach hoher Bildung für die Kinder prägte  so auch Martins Kindheit. Trotz der Arbeit im Kohlebergwerk lernte der Vater jeden Tag mehrere Stunden mit den Kindern und kontrollierte die Hausaufgaben. In den Ferien wurde Martin jeden Morgen um 6 Uhr mit einer kalten Dusche zum Lernen geweckt. Der Vater, der Bitten um Nachsicht mit Anekdoten aus seiner Militärzeit in Korea quittiert, wird vom Autor auch „Chinesische Mauer“ genannt.

Im zweiten Teil beschreibt Hyun das Leben seiner Angehörigen in Korea, und erzählt zahlreiche Anekdoten aus dem Alltag seiner koreanischen Verwandtschaft. Er begibt sich selbst nach Korea und beginnt „eine Reise der Wiedervereinigung“ auf den Spuren seiner Eltern in einer für ihn bekannten und dennoch fremden Kultur. Besonders interessant war in diesem Zusammenhang der häufig erwähnte Werteverfall in Korea, der mit der rasanten Entwicklung des Landes einherging. So gelten die Koreaner, die in den 60er und 70er Jahren ausgewandert sind teilweise als Bewahrer des „alten“ und „guten“ Koreas. Zudem war ich sehr Verwundert, dass gleich an zwei Stellen im Buch die Familien in Deutschland nicht erfahren sollten, dass Verwandte in Korea gestorben sind, um Trauer von ihnen fernzuhalten.

Fazit

Das Buch schafft es, dem Leser die Lebensumstände und Gefühlswelt der Deutsch-Koreaner auf teils sehr humorvolle Weise näher zu bringen. Gerade diese lockere und witzige Art des Schreibens ermöglicht meiner Meinung nach einer breiten Masse einen leichten Zugang zur Thematik. Der Autor hält der Gesellschaft den Spiegel vor und lässt zudem auch selbstkritisch keine „Eigenart“ der Deutsch-Koreaner aus. Zudem gibt es einen sehr tiefen und persönlichen Einblick in die doch etwas zerrütteten Familienverhältnisse der Eltern. Dies hat mich sehr überrascht, da im Buch immer wieder deutlich wird, welch zentrale Bedeutung die Familie im Leben eines Koreaners hat und wie es den Eltern des Autors häufig sehr schwer fällt über ihre Familie und das frühere Leben in Korea zu berichten. Das Buch kann dem Anspruch gerecht werden, zu verdeutlichen, dass die Integrationsdebatte in Deutschland nicht „nur“ eine Frage zwischen Deutschen und Türken ist sondern viele weitere Facetten hat. Es hat mir geholfen die Situation von Deutsch-Koreanern in Deutschland besser zu verstehen und hat mir die Augen für eine Gruppe von Migranten geöffnet, über die ich ehrlich gesagt bislang sehr wenig wusste.

 

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