Buchrezension zu “Eine Erbschaft in London” von Martin Tieves

Eine Erbschaft in London

Buchrezension von Martin Tieves im Rahmen des Literaturforums des ASBE Programms

Titel: Eine Erbschaft in London
Autor: Lao She
Erscheinungsjahr: 1988
Verlag: Verlag Volk und Welt
ISBN: 3-353-00374-6
Seiten: 322
Einband: Gebunden
Preis: Gebraucht ab 2€

Autor:

Shu Qingchun, besser bekannt unter seinem Pseudonym Lao She, wurde 1899 in Peking geboren. Von 1913 bis 1917 besuchte er die Lehrerausbildungsanstalt in seiner Heimatstadt Peking. Anschließend lebte er von 1924 bis 1929 in London, wo er an der School of Oriental Studies Chinesisch unterrichtete. Während seiner Zeit in London begann er das Buch „Eine Erbschaft in London“ zu schreiben. Seine Lehrertätigkeit setzte er nach seiner Rückkehr nach China fort und lehrte an verschiedenen chinesischen Universitäten. 1938 wurde er Präsident der Schriftstellervereinigung der „Antijapanischen Einheitsfront“. Während des Chinesisch- Japanischen Krieges von 1937 bis 1945 war er propagandistisch tätig und leitete die „Antijapanische Gesellschaft der chinesischen Kunst- und Literaturschaffenden“. Anschließend im Jahre 1946 nahm er einen Lehrauftrag in den USA an. Auch diese Phase hielt nicht lange und so kehrte er nur 3 Jahre später (1949) nach der Gründung der Volksrepublik China auf Einladung des ehemaligen Ministerpräsidenten Zhou Enlai nach Peking zurück. Hier lebte er bis er am 24. August 1966 während der Kulturrevolution im Taiping See in Peking („See des Großen Friedens“) Tod aufgefunden wurde.

Motivation:
Mein Hauptaugenmerk bei der Auswahl des Buches lag vor allem darin, dass es mir als eine Art Reisevorbereitung dienen sollte. Mein Ziel und zugleich Motivation war es ein Buch zu wählen, welches auf die Unterschiede und Eigenarten verschiedener Kulturen eingeht. Ebenso sollte es nicht nur rein sachlicher Natur sein, sondern Verschiedenheiten auch in einer gewissen humoristischen und ironischen Weise aufgreifen, um so das Interesse und die Aufmerksamkeit beim Lesen aufrecht zu erhalten.
Auf das Buch „Eine Erbschaft in London“ stieß ich letztlich durch eine persönliche Empfehlung der Bibliothekarin des LSI in Bochum. Das Buch widmet sich den kulturellen und sozialen Unterschieden zwischen China und London während der 20er Jahre. Dabei soll durch die Erzählweise des Autors die Begegnungen der Hauptcharaktere mit der englischen Kultur nicht nur amüsant, sondern auch aufschlussreich wiedergegeben werden.
Wie tief die Einblicke in beide Kulturen dem Autor gelingt, sowie die Fragestellung ob dieses Buch auch als eine Art Reisevorbereitung fungieren kann, soll im Folgenden beleuchtet werden. Dabei soll bereits jetzt gesagt werden, dass der Autor durch seinen Aufenthalt in London den kulturellen Differenzen Authentizität und leben verleiht.

Aufbau und Inhalt:
Das Buch widmet sich der Geschichte von Herr Ma sowie seinem Sohn Ma Wei. Auf insgesamt 322 Seiten unterteilt in 5 Kapitel wird die Entwicklung dieser beiden Charaktere beschrieben.
Durch eine unverhoffte Erbschaft des Antiquitätengeschäfts seines Bruders verlässt Herr Ma mit seinem Sohn Peking und reist mit ihm nach London um das Erbe anzutreten. Dass Herr Ma mit dieser Entwicklung nicht ganz froh ist, wird bereits sehr früh deutlich, da er als Konfuzianer jede kaufmännische Tätigkeit verachtet. Sein Konservativismus und seine Einstellung gegenüber dem Geschäft und die Folgen auf die Beziehung zu seinem Sohn werden bereits im Prolog des Buches deutlich. Bereits hier erfährt der Leser, dass es zum Bruch zwischen Vater und Sohn kommt und es werden die unterschiedlichen Auffassungen verschiedener Generationen deutlich. Im Fokus steht dabei nicht nur die Beziehung von Vater und Sohn, sondern auch das Thema der interkulturellen Liebe und dessen Schwierigkeiten. So entwickeln beide Figuren eine innige Beziehung zu 2 englischen Frauen.
Als Ausgangpunkt beschäftigt sich das Buch dazu konstant mit weit mehr als nur den Unsitten einzelner Kulturen. Im Wesentlichen geht es um die Unterschiede der chinesischen und westlichen Kultur, vor allem aber auch um die Frage nach der Unter- bzw. Überlegenheit einzelner Nationen.
Schnell wird hier die negative Grundstimmung der Engländer gegenüber Ausländern und ganz besonders gegenüber Chinesen deutlich. Mit dieser Grundeinstellung konfrontiert, muss die Familie Ma nun nicht nur sich in neuen kulturellen Gefilden zurechtfinden, sondern auch der vorherrschenden Meinung gegenüber den Chinesen standhalten. Eben diese Klassenunterschiede machen auch die aufkeimende Liebesgeschichte der Charaktere zu einer Herausforderung, sowie zu einer Belastung zwischen Vater und Sohn.

Analyse:
Im Fokus des Autors stehen zweifelsohne Unterschiede zwischen den Kulturen und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Charaktere. Damit sei nicht nur die Beziehung zwischen Vater und Sohn gemeint, sondern vorrangig auch die Auswirkungen auf die interkulturelle Liebe zu jener Zeit.
Auslöser für das Drama ist zum einen die Unfähigkeit der älteren Generation zur Anpassung. Verkörpert wird diese [ Unfähigkeit ] durch Herr Ma, der in seiner Rolle als traditionelle und auch politische naive Person vor allem die alten Werte vertritt. Seine Unfähigkeit zur Anpassung an neue Gegebenheiten und seine Beharrlichkeit auf seinen Werten steht dabei im direkten Kontrast zu seinem Sohn, der im Wesentlichen durch seine moderne und weltoffene Sichtweise bereit ist auch neue Lebensweisen zu erkennen.
Zum anderen ist der wesentliche Auslöser in der Frage nach der Über- bzw. Unterlegenheit von Nationen zu suchen. Besonders die die negative Sichtweise der Engländer auf die Chinesen kommt dabei immer wieder zum Tragen. Besonders deutlich wird dies auf Seite 16.

„Im zwanzigsten Jahrhundert ist ein Mensch so viel Wert wie sein Staat; Menschen aus mächtigen Staaten Menschen und Menschen aus rückständigen Staaten Hunde. China ist rückständig, was also sind die Chinesen?“[S. 16]

Für diese negative Einstellung bei den Engländern sorgt dabei vorrangig die schwache Außenwirkung Chinas in Form von einer Regierung, die ihre eigenen Landsmänner im Stich lässt. Die Frage, die man sich dabei unweigerlich stellen muss, ist: Wie können andere jemanden Respekt zollen, wenn nicht einmal die eigene Regierung hinter einem steht? Sie dazu folgende Textstelle:

„Sie alle hatten sich nichts zu Schulden kommen lassen; die Schuld lag einzig und allein bei der chinesischen Regierung, die sich nicht kümmerte. Ein Volk, das von seiner Regierung im Stich gelassen wird, kann jedermann beschimpfen.“ [S. 312]

Dabei gelingt es dem Autor auch unterschwellig eine Erklärung für die Einstellung der Engländer den Chinesen gegenüber zu liefern, sowie Ihnen in keiner Weise ein Schuldzuweisung seitens der Engländer zumachen. So sei letzten Endes die Schuld nicht bei ihnen (den Engländern) zu suchen, welche die Chinesen in Büchern und Filmen denunzieren, sondern vielmehr auch bei der chinesischen Regierung die die Chinesen im Stich lässt. Dabei erzeugt das Buch aus meiner Betrachtung keinesfalls Mitleid für die Chinesen, sondern vermittelt vielmehr ein Gefühl für die Situation und gleichzeitig auch ein gewisses Verständnis für die Englische Einstellung.

Stellungnahme und Fazit:
Das Werk von Lao She vermittelt dem Leser einen tiefen Einblick in die Situation der Chinesen in den zwanziger Jahren. Besonders durch die Abwechslung von humoristischen und ernsten Passagen wirkt das Buch selten langweilig. Besonders die ernsten Passagen jedoch sind es die einem im Gedächtnis bleiben, weil man besonders hier das Gefühl hat etwas von China mitzunehmen.
Kritisch bleibt jedoch zu sagen, wie sehr ich doch die humoristischen Passagen genossen habe und von den ernsten gelernt habe, so muss ich dennoch feststellen, dass ich gerne mehr von den Hintergründen erfahren hätte. So wirkt die chinesische Regierung teils als eine Art Schattenspiel im Hintergrund ohne jemals wirklich in den Fokus zu geraten. Ebenso wirken die Charaktere doch sehr Klischeehaft. Ein älterer Herr festgefahren in seinen Motiven und Handlungen und ein junger Mann willens zu lernen um zu einem Wandel beizutragen. So ist auch das Ende der Handlung von Beginn an Absehbar und das nicht nur dank des Prologs, in dem Bereits das Ende komplett offengelegt wird. So sind auch die Motive für den Bruch spätestens im Dritten Kapitel kein Geheimnis mehr.
Wie dennoch eingangs bereits erwähnt, hegte ich an das Buch die Hoffnung auf eine Art kulturelle Vorbereitung in Hinblick auf meinen Auslandsaufenthalt. Obwohl viel auf kulturelle Unterschiede eingegangen wird, sowie auf Hintergründe einzelner Nationen, so hätte ich mir doch etwas mehr praktisches Wissen gewünscht. Keineswegs hatte ich die Erwartungen wie an einen Benimmführer, dennoch waren viele der Unterschiede weitläufig bekannt und waren daher wenig überraschend. Ebenfalls konnte ich die versprochene Komik oder Ironie zu keinem Zeitpunkt bewusst feststellen. Zu empfehlen sei dieses Buch jedem der sich für die Unterschiede zwischen der englischen und chinesischen Kultur interessiert, dabei jedoch keine tiefgründigen Einblicke erwartet.

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