Konzept

Zielgruppe: Menschen, die das textile Medium in Form von Technik, Material oder in Kontexten von Kunst, Design und Mode erforschen und vermitteln: WissenschaftlerInnen, Textil- und KunstlehrerInnen, SozialpädagogInnen, Studierende der Fächer Textil/Kunst/textiles Werken etc.

Die Entwicklung des Textilen in Kunst, DIY und Craftista, Kulturwissenschaft, Technik- und Sozialanthropologie, Fachdidaktik, Neurobiologie und Kreativitätsforschung befindet sich in einer Aufwärtsspirale. Ein „textile turn“ bzw. ein wissenschaftlich-fachdidaktisches Paradigma deutet sich an, das erforscht, wie das Textile symbolische Modelle und Denkfiguren in Forschung und Vermittlung anstoßen kann.
Textility umfasst Metaphern des Netzwerks und des Gewebes und damit Bilder der Inklusion und des Verbindens von Heterogenem. Textile Operationen wie Falten, Verknoten und Verknüpfen sind variabel und dennoch strukturierend. Sie bieten Möglichkeiten, den kreativen Schuss und die haltende Kette symbolisch zu verbinden. Das textile Material ist weich und wärmend; es erscheint, verschwindet jedoch ebenso schnell wieder. Dadurch kann das Textile kreativ und vielseitig eingesetzt werden – sich leicht komplexen Situationen anpassen. Außerdem sind Textilien durchlässig. Sie können zwar Grenzen bilden, indem sie hüllen und umhüllen, stellen aber keine unüberbrückbaren Mauern auf.
Textilien bilden seit der Antike über ihre dichten Gewebe, ihre Haptik und ihre Veränderbarkeit einen Fundus. Aus diesem Fundus entwickeln sich aktuelle Fragestellungen und Modelle für Bildungsprozesse, Forschung und Kunst, die auf dieser Tagung den drei zentralen Bereichen Kreativität, Heterogenität und Inklusion mit Vorträgen und Workshops zugeordnet sind und in dem fachdidaktischen Magazin WEFT Pädagogik Spezial veröffentlicht werden.

Von Textil aus kreativ
ist angedacht zwischen texere, creare und procedere. Die Verbindung von webender, schreibender (texere: weben, wirken) oder gestaltender (creare: erschaffen, erfinden) Hand mit dem Auge und dem Ge­hirn (procedere, neue Prozesse, Abläufe entwickeln) ist eine der „kreativsten Vorrichtungen“, die evolutionsgeschicht­lich hervorgebracht wurden. Sie beeinflusst unser Bauen und Weben, unser Den­ken und Wirken. Textil und Mensch gehen seit Jahrtausenden eine enge kreative Verbindung ein, die sich auch in der Alltagssprache und der metaphorischen Symbolik widerspiegelt: herumspinnen, an et­was anknüpfen, nicht den Faden verlieren, World Wide Web und Internet… Die textil wirkenden menschli­chen Hände haben Bindungen und Verknüpfungen geschaffen und kulturelle Wirklichkeiten er­zeugt, die sich in vielen (textilen) Dingen unseres Alltages manifestieren und ähnlich wirken wie die schreiben­den Hände.
(Stichworte: Hirnforschung, Kreativitätsforschung, textile Hände und Gehirn, textiles Prozessieren, tex­tile kreative Bildungsprozesse)

Von Textil aus heterogen
Textilien umfassen vestimentäre Sprachen, die Kulturen vermitteln. Menschen können über textile Out­fits und die Verwendung von Textilien lernen, dass das Fremde immer ein Ergebnis einer Interpreta­tion von Wirklichkeit ist, und zwar von beiden beteiligten Seiten. Sie erfahren und erleben durch das Textile, dass das Unnormale die Wirklichkeit und dass das „Unheimliche“, die Differenzen in ei­nem Selbst, Teil der sich ständig verändernden kulturellen Identitäten ist. Das Andere ist ein Teil von uns selbst. Keine Grenze, auch keine textile, hält das Aufeinandertreffen von Menschen auf. Jede Begeg­nung hat individuelle Seiten, die besonders Textilforschung und Textilunterricht fördern müssen, um Schwarz-Weiß-Ideologien und Exotismen entgegenzuwirken. Das fremde Textile bietet eine Chance, sich selbst zu überdenken, dem Anderen seine Lebensräume und Ausdrucksweisen zuzugeste­hen und Neues aus Grenzüberschreitungen zu entwickeln.
(Stichworte: Heterogenität in Bezug auf Gender, „fremde“ Kulturen, das andere Textile)

Von Textil aus inklusiv
Textile Verfahren und Materialien unterliegen einem ständigen Wandlungsprozess zwischen Ordnung und Chaos. Genau hier liegt eine Chance, ohne großes fachliches oder technisches Vorwissen, auch mit Men­schen mit Behinderung oder speziellem Förderbedarf direkt in Gestaltungsprozesse einzusteigen. Außer­dem weisen textile Medien eine große Bandbreite an Spiel- und Aktionsformen auf. Performa­tive Momente im Feld von Kleiden und Wohnen, Bricolagetechniken und die Offenheit von Gestaltungsprozes­sen laden förmlich dazu ein, in diesem Fach die Inhalte inklusiv aufzubereiten und zu unterrichten. Aber ein „All inclusive“ im alltäglichen Schulunterricht ist nicht ohne neue fachdidakti­sche Konzepte, zusätzliches Personal und finanzielle Ausstattung zu leisten. Welche Fragen und Prob­leme wirft das Textile auf, wenn es inklusiv auf die Alltagsbühne der Vermittlung und Bildungsprozesse tre­ten will?
(Stichworte: Inklusion, textile Techniken, textile Biografien, textile Welten, textile „all inclusive“ Bildungsmo­delle, Differenzierung und Individualisierung im Textilunterricht)