Reinszenierung, Reenactment
Workshop und SILOGESPRÄCH

Franz Reimer
The Situation Room
- Die künstlerische Installation als Transformationsmaschine medialer (Vor-)Bilder in Erfahrungsräume


Franz Reimer Stiftung imai, Düsseldorf

Dienstag, 24.01.2017
Franz Reimer
The Situation Room
- Die künstlerische Installation als Transformationsmaschine medialer (Vor-)Bilder in Erfahrungsräume

The Situation Room ist eine Fotografie, die in ihrem historischen, politischen und medialen Zusammenhang eine besondere und neuartige Bildstrategie aufzeigt. Als Kriegsfotografie, die sie ist, spricht sie vom Krieg ohne ihn zu zeigen. Es ist ein Bild, dass uns Zeuge werden lässt, in dem es uns das Sehen verweigert. Ein Bild, das uns einen Einblick gewährt um uns als Zeugen auszuschliessen.

Als Bild verschließt uns das Foto den Zugang zu den Geschehnissen, die scheinbar in ihm dargestellt werden. Als Künstler glaube ich dennoch, dass sich in diesem Bild etwas finden lässt, das uns mehr über uns und unser Verhältnis zu jenem Geschehen sagen kann, als es zu zeigen bereit ist. Als Künstler versuche ich einen Zugang zu diesem Bild zu finden, der im Bild selbst verborgen liegt.

Über die detailreiche räumliche Re-Inszenierung seiner bildlichen Vorlage in Form einer begehbaren medialen Closed-Circuit-Installation erschafft die Arbeit THE SITUATION ROOM eine offene Spiegelsituation für den Betrachter, in der er sich selbst in das künstlerische Projekt einbinden und in seiner Performance durch sich selbst zugleich Bild und Erfahrung werden kann.

In Bezug auf die Fotografie Pete Souzas kann das wichtige historische Ereignis der Ermordung Bin Ladens auf performativer Ebene neu befragt werden, in dem der Bild-Betrachter zum Bild-Erzeuger wird. Durch die Möglichkeit, in das Bild selbst hineinzutreten, es mit sich selbst zu füllen und es dadurch neu zu inszenieren und zu interpretieren, wird der Betrachter befähigt, über die vorgegebene Rolle des Bildkonsumenten hinaus eine eigene Perspektive zu entwickeln. Was in dem Bild ist, und was nicht, welches Verhältnis der Betrachter zu der dargestellten Situation einnehmen kann, lässt sich so im eigenen Handeln erfahren.

Die Arbeit hat sich im Kontext ihrer Ausstellungen an zusätzliche Diskurse angebunden, zum einen als Teil kunstwissenschaftlicher Abhandlungen zu Themen wie Surveillance Art oder dem künstlerischen Reenactment selbst, aber auch in Form einer Dokumentation verschiedener Formen des Reenactments der Betrachter der Installation. In konsequenter Weiterentwicklung ist aus einem eigenen Reenactment in der Installation eine eigenständige Video-Arbeit entstanden: JUSTICE HAS BEEN DONE, die ich neben den Dokumentationen der Reenactments anderer Betrachter im Rahmen des Vortrags zeigen werde.

In dieser Video-Arbeit ist mein eigener Zugang, meine eigene Motivation in meiner Suche in der Fotografie Pete Souzas eingeschrieben. Im Nachstellen der fotografierten Situation öffnet sich ein neuer Zugang zum dargestellten Zusammenhang, ein eigener und persönlicher Zugang, sowohl für mich selbst als auch den Betrachter des Videos, der einen neuen Blick auf dieses Bild frei macht. Denn das Bild ist zugleich immer genau das, was es mir zeigen und verbergen soll und zugleich auch all das, was ich fähig bin in ihm zu sehen und nicht sehen zu können. Das ist ein gewaltiges Potential, dass sich durch die Transformation eines Bildes in den Erfahrungsraum einer künstlerischen Installation zumindest ein Stück weit entfalten und erfahren lässt.



Franz Reimer (*1977 in Berlin) reflektiert in raumgreifenden Videoinstallationen die Konstruktionsmechanismen der medialen Wirklichkeit, vor allem der Bildwelt der Werbung und der Politik. In seiner Arbeit mit medialen (Vor-)Bildern geht es ihm jedoch weniger um die Unterscheidung von Realität und Fiktion. Mit großer Lust an der „ästhetischen Halluzination der Realität“ (Jean Baudrillard) sucht er im medialen Bilderfluss verborgene Qualitäten zu radikalisieren und für den Betrachter eine eigene Autonomie und Souveränität im Umgang mit diesen Bildern zu gewinnen.

Franz Reimer studierte Kommunikationsdesign in Düsseldorf sowie Kunst und Medien bei Prof. Maria Vedder an der UdK Berlin. Seine Arbeiten werden national und international in Ausstellungen und auf Medienkunstfestivals gezeigt. 2014 ist seine Installation THE SITUATION ROOM in der Ausstellung SCHWINDEL DER WIRKLICHKEIT in der Akademie der Künste Berlin zu sehen gewesen.

Als Mitglied des Medienkünstler_innen-Kollektivs UNST und als freier Kurator entwickelt und realisiert Franz Reimer experimentelle Ausstellungssituationen und Architekturen für Medienkunst. UNST hat sich 2014 in Berlin zusammengeschlossen, um über die Entwicklung einer Ausstellungsserie eine eigene Sprache in der Präsentation von Medienkunst zu formulieren. Zudem arbeitet er als Co-Kurator und Architekt der Ausstellung des EMAF in Osnabrück.

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Veranstaltet von:

Prof. Dr. Inga Lemke
Monique Breuer
Alexander Schröder
Renate Wieser

Kontakt:

Fach Kunst / Medienästhetik
Universität Paderborn
Warburger Str. 100
33098 Paderborn






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