Reinszenierung, Reenactment
Workshop und SILOGESPRÄCH

Sven Lindholm
Über Bilder und deren Wiederholung
– zu Arbeiten des Künstlerkollektivs Hofmann&Lindholm.

Prof. Dr. Sven Lindholm Köln

Dienstag, 24.01.2017
Sven Lindholm
Über Bilder und deren Wiederholung
– zu Arbeiten des Künstlerkollektivs Hofmann&Lindholm.

Formen der Reinszenierung, des Reenactment und der Wiederholung von (medialen) Bildern spielen eine zentrale Rolle in Arbeiten des Künstlerkollektivs Hoffmann@Lindholm, die Sven Lindholm im Rahmen des Künstlergesprächs vorstellt.

Die 4-Kanal-Videoinstallation Serie Deutschland (seit 2008) reinszeniert vor laufender Kamera Fotografien, die aufgrund ihrer medialen Verbreitung das Bildgedächtnis der Deutschen nachhaltig geprägt haben. Dabei handelt es sich um Ereignisse nach 1945, wie beispielsweise die Unterzeichnung des Grundgesetzes durch Konrad Adenauer (1949), die Entführung Hanns-Martin Schleyers durch die RAF (1977) oder das ‚Gladbecker Geiseldrama’ (1988). Jeweils vier gleichstarke Personengruppen greifen ein bestimmtes Motiv an seinem Entstehungsort auf.

Als würde der Schein der Bildoberflächen trügen, wird die Fotografie als Schlüsselbild minutiös in Handlung - und damit in eine filmisch-kontinuierliche Beziehungsbildung aller sichtbaren Ebenen - rückübersetzt. Hiermit fordern Hofmann&Lindholm nicht allein zur Haltungsfindung auf: Indem sie die Referenzbilder als Handlungsanweisungen begreifen, laden sie Beteiligte und Rezipierende gleichermaßen dazu ein, sich ins Verhältnis zu setzen und thematisieren die Relation zwischen Einzelnem und sozialer Rolle in gesellschaftlichen Zusammenhängen. Es handelt sich um die exemplarische Umsetzung einer konzeptuellen Strategie: der inszenierten Re-Lektüre.

Die gemeinsam mit dem Theater Basel realisierte Stadraumintervention Basler Unruhen (2010) macht die Stadt zur Bühne einer Inszenierung, deren Realität auf Bilder der Rebellion verweist, die auf Gesten und Muster der Inszenierung von Aufständen und Unruhen in Film und Fernsehen zurückgehen. Was hat die Vorkommnisse, in die zahlreiche Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt in den letzten Monaten verwickelt waren und die heute als Basler Unruhen bezeichnet werden, ausgelöst? In dieser Produktion behauptet das Künstlerduo Hofmann&Lindholm einen Ausnahmezustand, der sich in der ersten Jahreshälfte 2010 in Basel ereignet und der mit der Uraufführung im Theater endet. Es werden Unruheszenarien gestiftet, Fotos, Filme und O-Töne von den Vorgängen (Kundgebungen, Demonstrationen, Ausschreitungen, Tumulte, Plünderungen, Straßenschlachten und ähnliches) inszeniert und mit Hilfe von Augenzeugen dokumentiert. Für das Projekt, die Filmarbeiten sowie für die Mitwirkung in dem Theaterprojekt auf der Kleinen Bühne wurden Laiendarsteller engagiert.

Die geschaffenen Extremsituationen im öffentlichen Raum präsentiert Basel als Epizentrum der Un/Ruhen, verortet auf der Schwelle zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Ihrer Inszenierung der Erzählung im öffentlichen Raum folgt ein emotional kalkulierter Theaterabend um das Wohl und Wehe einer Stadt.

Ihre für den GRIMME ONLINE AWARD 2012 nominierte Arbeit Archiv der zukünftigen Ereignisse (2011) verstehen Hofmann&Lindholm als PRE-Enactment, eine der Wirklichkeit vorauseilende Inszenierung, die ihre eigenen Grenzen auslotet und damit auf die Gegenwart verweist. Im Rahmen des in Köln eröffneten Projekts können Hörerinnen und Hörer Mobiltelefone nutzen und sich mithilfe eines GPS-gestützen Navigationssystems durch den öffentlichen Raum der Stadt Köln bewegen. Dabei verfolgen sie kommende Ereignisse aus Sicht der handelnden Protagonisten. Die 37 akustischen Vorwegnahmen sind mit Hilfe eines Smartphones im Stadtraum zugänglich - man findet sie jeweils an Ort und Stelle des zukünftigen Geschehens bis die Gegenwart die Zukunft einholt und damit aus dem Archiv verbannt und damit die Grenzen der Stadt um ihre potentielle Zukunft erweitert.


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Veranstaltet von:

Prof. Dr. Inga Lemke
Monique Breuer
Alexander Schröder
Renate Wieser

Kontakt:

Fach Kunst / Medienästhetik
Universität Paderborn
Warburger Str. 100
33098 Paderborn






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