Reinszenierung, Reenactment
Workshop und SILOGESPRÄCH

Micha Braun
»Dieses ›finstere‹ Procedere der Wiederholung …«
– Zu Körpern und Objekten als Medien der Differenzierung in den polnischen Gegenwartskünsten


Dr. Micha Braun Universität Leipzig

Dienstag, 24.01.2017
Micha Braun
»Dieses ›finstere‹ Procedere der Wiederholung …«
– Zu Körpern und Objekten als Medien der Differenzierung in den polnischen Gegenwartskünsten

Der polnische Installations- und Performancekünstler Robert Kuśmirowski ist für seine beeindruckenden museumsartigen Rekonstruktionen historischer wie fiktiver Räume bekannt, die eine eindrückliche, oftmals nostalgische Atmosphäre erhabener Vergangenheit erzeugen, obwohl sie größtenteils ›gefälscht‹ sind – d.h. aus zufälligen oder bewusst ›falschen‹ Materialien für genau dieses Setting hergestellt. Seine Faszination für die ruinösen Überbleibsel der Geschichte, für die Attrappen und allegorischen Artefakte, die unser Gedächtnis ebenso wie unsere Identität erst konstituieren, erinnert nicht zufällig an Tadeusz Kantors mnemonische Idee eines Theaters der (endlosen) Wiederholung, das aus den Wracks und Resten einer »Realität niedrigsten Ranges« seine Kraft bezieht.

In den Videoarbeiten eines anderen polnischen Künstlers, Artur Żmijewski, stellt Wiederholung eine maßgebliche Praxis dar, »to make things visible that are usually not« (um ihn selbst zu zitieren). In seinen experimentellen Setups und Dokumentationen provozierter Ereignisse sucht er Wiederholungen von antrainiertem Verhalten, impliziten Annahmen und Mustern der Wahrnehmung auf Seiten der Teilnehmer seiner Experimente wie auf der Betrachter seiner dokumentarischen Arbeiten. Interessanterweise sind diese Reaktionsmuster oft von medialen Repräsentationen oder Objekten bestimmt, die auf den menschlichen Körper als ein Instrument politischer Sozialisierung und Gemeinschaftsbildung verweisen.

In Zeiten der späten Globalisierung, welche wieder verstärkt nach Originalität, Authentizität und Eigentlichkeit in Bezug auf kulturelle Identität und historische Abstammung suchen, muss eine solche ambivalente Handhabung von Fakten und Fiktionen Misstrauen hervorrufen. In der Analyse zentraler Arbeiten wie Mapping Auschwitz (2004), Bunker (2005) und Träumgutstraße (2014) von Kuśmirowski sowie Berek/Game of Tag (1999), 80064 (2004) und Repetition (2005) von Żmijewski stellt Micha Braun dar, wie Körper und Objekte entgegen ihrer repräsentativen Funktion als Medien einer ästhetischen Strategie der Wiederholung gelesen werden können, die eher nach Differenzierung und Distanzierung als nach einer (Re-)Konstruktion von Identität und Geschichte streben. Emphatisch gesprochen, erinnern uns die Arbeiten beider Künstler an die grundlegende Uneigentlichkeit jedes Originals – an die ›theatrale Sekundarität‹ (G. Deleuze) jedes vermeintlich authentischen Objektes, Konzeptes und vor allem jedes Individuums.

Dr. Micha Braun ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leipziger Institut für Theaterwissenschaft und wissenschaftlicher Geschäftsführer des neu gegründeten Centre of Competence for Theatre an der Universität Leipzig. Er arbeitet zu Praktiken der Wiederholung, des Erinnerns und Erzählens in den darstellenden und bildenden Künsten mit Schwerpunkt Mittel- und Osteuropa sowie zu Medien der Aneignung von Vergangenheit. Jüngste Publikationen: »Die Praxis der/des Echo. Zum Theater des Widerhalls« (mit V. Darian, J. Bindernagel und M. Kocur), Peter Lang 2015, sowie »Reenacting History. Theater & Geschichte« (mit G. Heeg, L. Krüger und H. Schäfer), TdZ 2014. In Vorbereitung: »Das Theater der Wiederholung und Überschreitung« (mit G. Heeg, A. Hensel, H. Wölfl), TdZ 2017, sowie »A Theatre of Repetition and Recurrence. On the Return of History in Theatre from 19th century Historicism to Contemporary Performances« (mit G. Heeg, A. Hensel, P. Primavesi), Cambridge 2017.

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Veranstaltet von:

Prof. Dr. Inga Lemke
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Renate Wieser

Kontakt:

Fach Kunst / Medienästhetik
Universität Paderborn
Warburger Str. 100
33098 Paderborn






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