Stefanie Stüber
David Toop: "Ocean of Sound". Anmerkungen zu einer Theorie der Popmusik als flüssigem Medium
Wintersemester
1997/1998
Ruhr-Universität Bochum
Institut für Film- und Fernsehwissenschaft
Hauptseminar "Sounds - Zur Medientheorie der Popmusik"
Prof. Dr. Hartmut Winkler
INHALT:
Teil 1:
1. Einleitung:
A: Popmusik ist Körpermusik
2. Einleitung:
B: Popmusik als flüssiges Medium
3. Eine kurze Geschichte der Maschinen
und der Sounds
3.1 Künstliche Töne - der Synthesizer
3.2 Die Techno-Rebellen - oder:
Immer wieder Kraftwerk
3.3 Bereit für „alle
Signale, die sich im Äther empfangen lassen“
- Mille Plateaux
3.4
Coldcut´s Samplewahnsinn
Teil 2:
4. Die Verteiler: Von der Schallplatte zum Internet
4.1 The Future Sound of London
4.2 Coldcut´s CD-ROM und Internet-Projekt
4.3 Popmusik umspannt die Welt
Teil 3:
5. Schwimmen
im Ocean of Sound
6. Schluß
7. Bibliographie
8. Diskographie
TEIL 1:
1. Einleitung
A:
Popmusik ist
Körpermusik
„Zusammen
mit meinen Labormitarbeitern veranstaltete ich im August 1993 in
den Mittelalpen in einem Hochtalbecken das erste Roro-0101-Festival, zu
welchem einige hunderttausend Leute aus der Schweiz, Deutschland, Holland,
Frankreich, Österreich, Italien, aus Japan und Nordamerika zusammenströmten.
[...]
Vermessen Sie ihren Geschlechtsbereich
Der Autor des vorangestellten Textauszugs treibt die
These „Popmusik ist Körpermusik“
auf die Spitze, indem der Körper seiner Hauptfigur die völlige Herrschaft
über den Verstand übernimmt. Der Körper ist nur noch Musik, und „vergiftet“
durch das „reine Halluzinogen“, das die Bässe aussenden, kann das Ohr
zum „Denkorgan“ werden und die Kontrolle an sich reißen.
Die oben geschilderte Erfahrung ist wahrscheinlich
in verminderter Form jedem Menschen mehr oder weniger vertraut. In Diskotheken,
Konzerthallen, auf Partys oder auch zu Hause mit dem Kopfhörer gibt es
Momente, die den oben beschriebenen ähneln. Es steht außer Frage, daß
Popmusik über den Körper erfahrbar wird und deshalb ging es in dem Seminar
„Sound 1 - Medientheorie der Popmusik“ auch immer wieder um Popmusik
und Körpertheorie.
In der vorliegenden Arbeit soll jedoch von diesem Gesichtspunkt
abgerückt werden. Der reale physische Körper, der bestimmten Konzepten
unterliegt und sich im Tanz befreit, soll hier nicht mehr im Vordergrund
stehen, sondern das Medium Popmusik selbst, konkret ihre Produzenten,
und Verbreitungsmedien und die daraus folgende veränderte Rezeption von
Musik, die in diesem Falle nicht hauptsächlich über physische Erfahrungen,
wie dem Tanz, vermittelt wird, sondern eher durch eine Art des körperlosen
Hörens, das einen virtuellen Körper in Bewegung geraten läßt. Dabei sollen
diese beiden Formen der Erfahrbarkeit von Popmusik nicht gegeneinander
aufgerechnet werden, sondern ein anderer Blickwinkel auf das Phänomen
Popmusik und ihre mögliche Beschreibungsformen eröffnet werden.
2. Einleitung
B:
Popmusik als
flüssiges Medium
„[...]
Die vergangenen hundert Jahre der Ausdehnung von Musik als eines überwiegend
flüssigen, nichtverbalen, nichtlinearen Mediums haben uns für den elektronischen
Ozean des nächsten Jahrhunderts vorbereitet .
Während sich die Welt zu einem Ozean der Information
entwickelt hat, wurde die Musik selbstversunken. Hörer schwimmen in diesem
Meer. Musiker sind zu virtuellen Reisenden geworden, zu Schöpfern
von Klangtheatern, die alle Signale übertragen, die sich im Äther empfangen
lassen.“[2]
Dies sind die letzten Sätze des Prologs, den David
Toop, seines Zeichens Musiker, Musikjournalist und Radio-Dj seinem Buch
„Ocean of Sound“ voranstellt. Er versucht darin, die Veränderungen in der
Musik des 20. Jahrhunderts zu beschreiben und geht dabei zunächst von
klassischer Musik aus, bei der sich für ihn „das
Klangobjekt, so wie es die romantischen
Symphonien des 19. Jahrhunderts verkörpern“ [3] in dem Augenblick
gewandelt hat, als der Musiker ausgedehntere Möglichkeiten zum Austausch
mit fremden Kulturen und deren musikalischen Traditionen hatte. Die Voraussetzung
dafür sind neue mediale Verbreitungsmöglichkeiten, die über das rein schriftliche
Notat und die physische Anwesenheit von Musizierenden hinausgehen.
„Von diesem Moment
an -meiner Meinung nach der Beginn des musikalischen 20. Jahrhundert- wurde die Beschleunigung der Kommunikation
und kulturellen Konfrontation zu einem Brennpunkt musikalischen Ausdrucks.
Eine ätherische Kultur, in Parfüm, Licht, Schweigen und Umgebungsklänge
gebadet, entstand als Antwort auf die zunehmende Immaterialität und Unberührbarkeit
der Kommunikation im 20. Jahrhundert.“[4]
„Ocean of Sound“
ist Toops eigene Musikgeschichtsschreibung der letzten hundert Jahre.
Ausgehend von den klassischen Klangexperimenten von Strawinsky, Varèse
und den Musikern der „Musique Concrète“, über Jazzgrößen wie Charlie Parker
und Miles Davis, kommt Toop dann zu Popmusik. Dazu wählt er zur Illustration
seiner These, Musik ist zu einem „Ocean
of Sound“ geworden, meist Beispiele aus popmusikalischen Randgebieten.
Dieser Arbeit liegt Toops Ansatz zugrunde, den er in
den beiden Zitaten kurz zusammenfaßt. Die mediale Ebene, „Musik als überwiegend flüssiges, nichtverbales,
nichtlineares Medium“ , welches „alle Signale, die sich im Äther empfangen lassen“ in sich aufnimmt,
gilt hier als die zentrale Beschreibungsmöglichkeit von Popmusik. Diese
These soll durch die Vorstellung und Analyse bestimmter musikalischer
Beispiele im Sinne David Toops weiter untermauert werden. Die Beispiele
werden aus der jüngeren Popmusikgeschichte herangezogen, sind ausschließlich
elektronischer Art und nur bedingt charttauglich. Auf die dort verwendeten
Instrumente, wie den Synthesizer, den Computer und den Sampler wird kurz
eingegangen.
Der zweite Teil der Hausarbeit wird sich mit den modernen
Verteilern, sprich den Verbreitungsmedien von Popmusik wie der CD-ROM
und dem Internet befassen. Popmusik als elektrische Energie und „als Antwort auf die zunehmende Immaterialität
und Unberührbarkeit der Kommunikation im 20. Jahrhundert“ zu verstehen, bildet den Ausgangspunkt.
Wenn Toop behauptet, Musik hat die Menschen für den „elektronischen Ozean“ vorbereitet, der
ein „Ozean der Information“
ist, indem sie selbst zum „Ocean
of Sound“ wurde, (so der Tenor von Toops Buch) so werden diese unterschiedlichen
Begrifflichkeiten zueinander in Beziehung gesetzt.
Zuletzt wird es um den Hörer bzw. Rezipienten von Popmusik
gehen, der nach Toop im „Ocean of
Sound“ „schwimmt“. Was das Bild
des „Schwimmens“ bedeuten kann,
nämlich eine virtuelle Reise (nicht nur die Musiker sind zu „virtuellen Reisenden“ geworden) durch
den Referenzraum Popmusik, wird abschließend erläutert.
Zum Schluß noch eine Bemerkung zu dem Begriff Popmusik,
wie er in der Arbeit verwendet wird. Damit ist lediglich populäre Musik
im Gegensatz zu klassischer Musik gemeint und dies umfaßt alle Stilrichtungen
vom Rock´n´Roll bis Techno, da es hier nicht um stilistische Unterscheidungen
zwischen den einzelnen Genres gehen wird.
3. Eine kurze
Geschichte der Maschinen und der Sounds
Es ist die Frage, welche technischen Produkte, die
in diesem Jahrhundert entwickelt wurden, die populäre Musik am weitesten
an den Punkt gebracht haben, an dem sie sich heute befindet. Nach der
Erfindung der Schallplatte, die es ermöglichte, sich ein Musikstück fernab
eines Live-Erlebnis anzuhören, der Nutzung des Radios, das wiederum den
Erwerb einer Schallplatte überflüssig machte, entfernten sich die Musiker
selbst immer mehr von der bis dato üblichen Weise der Komposition. Es
entstanden neue Musikinstrumente, neue Aufnahmeverfahren, mit denen man
experimentieren konnte und neue Verbreitungsmöglichkeiten von Musik, mittels
derer man viel schneller mit anderen musikalischen Traditionen in Berührung
ka, und für das eigene Arbeiten nutzen konnte.
Einige dieser neuen „Musikinstrumente“, die die Popmusik
in vielen Teilen revolutioniert haben und eigentlich in der jüngsten Vergangenheit
erst entstanden sind, haben maßgeblich dazu beigetragen, sie inzwischen
offen zu machen für „alle Signale, die sich im Äther empfangen
lassen.“
Bei diesen akustischen Signalen kann es sich um fremde
musikalische Einflüsse handeln, um künstlich erzeugte Töne, um jedes Geräusch,
das auf diesem Erdball existiert. Auch das kann man dann Sounds nennen.
Popmusik ist heute offen für alle Sounds und die etwas salopp formulierte
Maxime der Postmoderne „anything
goes“ behält vor allem hier ihre Gültigkeit.
Dennoch bleibt es nach wie vor nicht leicht, einige
der technischen Errungenschaften herauszugreifen, die für diese Entwicklung
verantwortlich sind. Was hat Popmusik zu einem „Ocean of Sound“ gemacht ?
Im folgenden werden die modernsten Musikinstrumente,
der Synthesizer, der Computer und der Sampler und die Musiker, die sich
ihrer bedienen noch einmal näher vorgestellt, um den Weg zum „Ocean of Sound“ zu verdeutlichen, da sie für die Popularisierung
der elektronischen Musik verantwortlich sind.
3.1 Künstliche
Töne - der Synthesizer
Schon vor Erfindung des Synthesizers reizte es viele
Musiker und Ingenieure, die elektrische Energie in den Dienst der Komposition
von Musik zu stellen. Denn „ ein
Synthesizer erzeugt mit Hilfe des elektrischen Stroms Klänge. Sie dienen
nicht nur einer eigenständigen >>elektronischen<< Musik im
Bereich von Pop und experimenteller Musik, sondern auch in Form von Digitalpianos der Nachahmung traditioneller Instrumente,
insbesondere als Ersatz für
das Klavier.“ [5] Im Jahre 1964 stellte dann der Amerikaner Robert Moog den ersten
Synthesizer vor, und von diesem Zeitpunkt an war er aus der modernen Popmusik
nicht mehr wegzudenken. Damals arbeitete dieser Prototyp noch analog,
und erst in den siebziger Jahren entstanden Synthesizer, die mit digitaler
Technik ausgestattet waren. Die Musiker konnte nun ihre Klangeinstellungen
besser speichern und neue hinzu programmieren. Auch Sampler sind Synthesizer
und zwar solche, die mit oder ohne Keyboard dazu in der Lage sind alle
möglichen Klänge aufzunehmen, zu speichern und wieder zu bearbeiten. Alle
akustischen Signale standen plötzlich durch diese Techniken gleichberechtigt
nebeneinander und somit jedem Musiker plötzlich zur Verwertung offen.
Die Grenzen zwischen Musik und Nicht-Musik verschwanden nach und nach,
oder um es mit den Worten von Murray Schafer zu sagen, „dieses
Verwischen der Grenzen zwischen Musik und Umweltlauten wird sich vielleicht
einmal als das überraschendste Kennzeichen der gesamten Musik des
zwanzigsten Jahrhunderts erweisen.“[6]
3.2. Die Techno-Rebellen-
oder: Immer wieder Kraftwerk
„Ich bin der
Musikant mit Taschenrechner in der Hand.
Dieser Textauszug aus „Taschenrechner“ verdeutlicht Kraftwerks Beziehung zu Synthesizern
und Computern. Sie sehen sie nicht als kalte, feindliche Maschinen, mittels
derer man auch nur kalte Musik fabriziert, sondern als vollwertige Instrumente.
Kraftwerk gehörten deshalb ebenso wie Can, Faust, Tangerine Dream und
Klaus Schulze zu den sogenannten Krautrockern, einer Musikrichtung, die
Ende der 1960er Jahre in Deutschland entstand und die neben „konventionellen“
Instrumenten, wie der Gitarre eben auch synthetische Klänge und Geräusche
verwendeten. Viele der genannten Musiker beriefen sich wiederum auf Karlheinz
Stockhausen, der schon 1951 das Studio für elektronische Musik in Köln
gegründet hatte und bei dem unter anderen Holger Czukay von Can Student
gewesen war.[8]
Wenn es heute um elektronische Musik geht, kommt man
um die Band Kraftwerk und ihre Funktion als Vorreiter in der elektronischen
Musik nicht herum. Was aber Kraftwerk im nachhinein dennoch geradezu prädestiniert,
sie immer wieder als inzwischen schon kanonisiertes Beispiel für Synthesizer-Musik
anzuführen, ist die Tatsache, daß fast alle berühmt gewordenen Synthie-Pop-Bands,
allen voran Depeche Mode bis hin zu den Techno-Pionieren wie Juan Atkins
oder Derrick May, ihre Vorarbeit als unerläßlichen Einfluß begreifen.
Dabei geht es nicht nur um die neuen Klänge, die sie den Synthesizern
und Computern entlockten und die somit im Laufe der Zeit hoffähig wurden,
sondern eben auch um ihren Umgang mit der Maschine. Die Maschine ist wie
jedes andere Instrument zur Verlängerung des Körpers geworden, der außer
durch die Stimme zu keiner musikalischen Äußerung fähig ist. Sie haben
den Respekt und die Angst vor dem technischen Ungeheuer abgelegt und benutzen
es wie es ihnen gefällt und das muß nicht immer gemäß der Gebrauchsanweisung
sein. Heraus kam dabei eine Musik, die Ralf Hütter, einer der Kraftwerkköpfe
als „fließende Kunstform“[9]
bezeichnet. David Toop kam zu eben diesem Schluß, wenn er ihn in einem
Inteview darauf hinweist, daß viele der Kraftwerk-Titel (>>Autobahn<<,
>>Musique Non Stop<<, >>Europe Endless<<, Trans
-Europe Express<<, >>Tour de France<<) mit einer Fließ-bzw.
Reisebewegung zu assoziieren seien.
>> Ja,
ja sich gehen lassen. Sitz in der Bahn und ch-ch-ch-ch-ch. Einfach immer
weiter. Lieber einblenden und ausblenden, als dramatisch zu werden und
der Musik eine logische Form zuzumuten, was ich lächerlich finde. Der
Fluß ist viel ... entsprechender. In unserer Gesellschaft ist alles in
Bewegung. Elektrizität läuft durch die Kabel, und die Leute, die Bio-Einheiten,
reisen von Stadt zu Stadt. Irgendwo treffen sie sich dann, und es macht
Pffuit! Warum sollte Musik da stillstehen? Musik ist die fließende Kunstform.<<[10]
Man könnte Kraftwerk und ihre Nachfolger als Techno-Rebellen
bezeichnen, was in diesem Fall auf den ersten Blick nichts mit der Musikrichtung
Techno zu tun hat. Der Ausdruck Techno-Rebell stammt von Alvin Toffler,
einem amerikanischen Futurologen, der 1980 das Buch „The third wave“ veröffentlichte, das in
Deutschland unter dem Titel „Die
Zukunftschance. Von der Industriegesellschaft
zu einer humaneren Zivilisation.“ erschienen ist. Er teilt darin die
Menschheit in drei Zivilisationswellen ein, und beschreibt den Übergang
der zweiten Welle, der Welle der industriellen Revolution zur dritten
Welle, der postindustriellen Computergesellschaft. Techno-Rebellen sind
seiner Ansicht diejenigen, die „meinen,
daß wir die Technik kontrollieren sollen und nicht umgekehrt sie uns [...]“[11]
Er teilt dabei keineswegs die Auffassung einiger Apokalyptiker, die den
technischen Fortschritt nur als den Untergang der Menschheit sehen wollen,
sondern hofft auf seinen sinnvollen, ökologisch vertretbaren Einsatz.
Wenn oben erwähnt wird, daß Alvin Tofflers Techno-Rebellen
auf den ersten Blick nichts mit Techno zu tun haben, dann kommt jetzt
der zweite Blick: Versetzt man sich ins Detroit der 80er Jahre befindet
man sich in einer nicht mehr blühenden Industriestadt, deren Einwohner
nun mit Arbeitslosigkeit, Drogen und Rassenproblemen zu kämpfen haben.
Kevin Saunderson, Juan Atkins und Derrick May beginnen, Techno-Musik zu
machen.
>>Tofflers
<Third Wave> half uns nach vorn zu schauen. Er gab uns Einblick
in die grossen Veränderungen, die vor unseren Augen abliefen. Sein Buch
machte auch plausibel, warum wir eine neue Art von Musik machen wollten,
ja mußten.<<[12]
Detroit-Techno, eine der moderneren Formen von Synthesizer
bzw. Computermusik entstand für Techno-Pionier Juan Atkins aus „Tofflers Visionen“ und „Kraftwerks Abstraktionen“[13] .
Kraftwerk und die Erben, die Techno-Musiker, sind sicherlich
die populärsten Beispiele für die elektronische Popmusik der letzten 30
Jahre und sie sind auch dafür verantwortlich, daß der Synthesizer und
der Computer inzwischen nicht mehr als seelenlose Musikinstrumente bezeichnete
werden. Statt dessen bereicherten sie die Popmusik auf ihrem Weg zum „Ocean of Sound“ um neue Klänge und Geräusche,
eben „alle Signale, die sich im
Äther empfangen lassen“.
3.3 Bereit
für „alle Signale, die sich im Äther
empfangen lassen“
Mille Plateaux
Achim Szepanski, der Begründer eines Sublabels bei
der Plattenfirma Force Inc./Deutschland, hat sich bei der Namengebung
nicht ohne Grund an einem der Hauptwerke der Poststrukturalisten Deleuze
und Guattari orientiert. Wie er selbst sagt, versucht er auf seinem Label
Musik zu präsentieren, die nicht mit den üblichen Ausschließungmechanismen
der abendländischen Musiktradition arbeitet, die nämlich bestimmt, daß
außermusikalische Geräusche bzw. Sounds innerhalb des Systems Musik nichts
zu suchen haben. Dabei dient ihm das Denken von Deleuze und Guattari als
Folie für sein Vorhaben, wenn er annimmt,
„[...] ,daß Klangmaschienerien,
die ein Gefüge haben können wie der Synthesizer oder der Computer, Klangmaterien
herstellen, indem sie diese molekularisieren, d.h. bestimmteFormen des
Musikalischen auflösen, und sie zugleich erweitern.“[14]
Im Jahr 1996 gibt das Label Mille Plateaux einen Sampler
„In Memoriam Gilles Deleuze“ heraus, der dem Andenken des Philosophen
gewidmet ist und sich zugleich wie eine Programmschrift der Philosophie
des Labels anhört. In dem Booklet zu den beiden CDs ist eine Reihe ausführlicher
Texte zu der Musik zu finden, unter anderen auch ein Text von Achim Szepanski
selbst, der den Titel „Heute Abend
findet ein Konzert statt“ trägt. Szepanski versucht darin zu erläutern,
wie er sich das Chaos der Geräusche bzw. des Rauschens vorstellt, das
„sämtlichen Verkettungen von Signalen und Tönen
vorgelagert ist.“[15]
Alle diese Signale, die in dem Rauschen enthalten sind,
können hörbar gemacht werden und sind gleichberechtigtes Material. „Unhörbares hörbar machen“ [16] lautet deshalb die Devise, dabei schöpft man aus dem Chaos, die Materialien,
die man dazu benötigt. Dabei geht es dann nicht darum, die Musik in eine
feste Form zu gießen, sondern sie als offene zu begreifen, die mit vielen
anderen offenen Formen Verbindungen eingehen kann. Die Musik bleibt dabei immer im Werden begriffen,
es wird klar
„[...] daß der
musikalische Körper nur ein flüchtiger sein kann, er ist nicht einfach
daseiend, Einheit oder Verkettung von Elementen, sondern ein Werden, bei
der jede Veränderung einer Dimension die Beschaffenheit des ganzen Körpers
verändert.“[17]
Szepanskis Erklärungsmuster sind derartig eng an Deleuze
philosophische Welt geknüpft, daß man schon sehr genau mit den Termini
aus „Mille Plateaux“ und „Rhizom“ vertraut sein muß, um annähernd zu begreifen,
was er da auf Musik - und auch
er spricht noch von Popmusik -, zu übertragen versucht. Das Wichtigste
scheint jedoch, daß er einen theoretischen Überbau gefunden hat, der die
Entwicklung der letzten Jahre genau beschreibt. Die Signale, die aus dem
Rauschen gekommen sind, eingefangen wurden und durch moderne Technologien
zu bearbeiten sind, stehen neben scheinbar festen tradierten musikalischen
Formen, lösen diese auf , formieren sich von neuem und so fort. Dabei
bleibt die Musik ein offenes System, das sich an andere Musiksysteme ankoppelt,
oder an das angekoppelt wird.
Hört man sich dann die beiden CDs des Samplers genau
an, können sich offenbar so unterschiedliche Projekt, wie Chris &
Cosey, die aus dem Industrial-und EBM-Hintergrund der frühen 80er Jahre
stammen ebenso auf dieses Theoriekonzept einigen, wie die in dem Kölner
Umfeld angesiedelten Techno-Minimalisten Jörg Burger und Mike Ink oder
die Elektro-Frickler Mouse on Mars, die übrigens alle mit ihren übrigen
Arbeiten durchaus größere Erfolge bei einem breiten Publikum zu verbuchen
hatten.
Es gibt allerdings auch kritische Stimmen, die Szepanskis
Theorie für übermotiviert halten.[18] Darunter der Pop-Theoretiker
Nummer Eins in Deutschland Diedrich Diederichsen, bei dem sich sonst,
verfolgt man seine Texte in seinen Büchern oder der Musikzeitschrift SPEX
, mangelnde Überhöhung mancher Sachverhalte nicht gerade feststellen läßt.
Auch Rainald Goetz, in die Jahre gekommene Pop-Literatur-Ikone, der sich
in vielen seiner literarischen Texte immer wieder mit Popmusik beschäftigt
läßt kein gutes Haar an Szepanski. Wenn er in seiner neuesten Erzählung
„Rave“ über die „mittelmäßigen“[19]
Platten von Szepanski, Mouse on Mars und Mike Ink schimpft, statt dessen
aber den inzwischen äußerst unangenehm kommerziellen und inzwischen innovationsunfähigen
Westbam vorzieht, ist diese Stellungnahme nicht mehr allzu ernst zu nehmen.
Es soll auch nicht darum gehen, das ausgewählte Beschreibungsbeispiel
für „Popmusik als flüssiges Medium“ durch angeführte Kritiker dieser Theorie
selbst wieder zu demontieren, sondern eher mit diesem Abschluß ein kleines
Abbild von dem zu zeichnen, wie Poptheorie gegenwärtig geschrieben wird
und welche widersprüchlichen Ebenen auch innerhalb dieses Diskurses inzwischen
existieren. Das Einfordern eines theoretischen Überbaus versus die übermotivierte
Überhöhung.
3.4. Coldcut´s
Samplewahnsinn
Das englische DJ-Duo Coldcut, bestehend aus Jonathan
More und Matt Black, traten 1987 mit dem Remix von „Paid in Full“ der amerikanischen Hip-Hop-Formation Eric B. &
Rakim zum ersten Mal ans Licht der Mainstream-Öffentlichkeit. Sie landeten
damit einen Hit in den britischen Top 20. Das ursprünglich etwas rauhe
Hip-Hop-Original wurde mit diversen poppigen Samples versehen und die
Rhythmusstruktur eher an europäische Dancefloor-Verhältnisse angeglichen.[20]
Schon damals fielen Coldcut musikalisch durch ihre
anarchisch zu nennende Art der Aneinanderreihung unterschiedlichster
Stile und Samples aus verschiedenen Kontexten auf, und die 1997 erschienene
CD „Let us play“ verfeinert diese Arbeitsweise
weiter. Wie die „Zeitschrift
für elektronische Lebensaspekte
- DE:BUG“ konstatiert, sind Coldcut „die
manifestierte Antithese des Copyrights“
[21],
denn in ihren Stücken wimmelt
es nur so von Referenzen quer durch Popgeschichte und -kultur. Dahinter
steht ein in diesem Fall souveräner Umgang mit den Samples, was ihre Herkunft
und Verwertbarkeit angeht und ein fundiertes musikalisches Wissen. Der
Vorwurf des Eklektizismus wäre somit hinfällig, allerdings kommt man nicht
umhin, in Coldcut`s Samplewahnsinn auch die Absurdität und den andernorts
oft willkürlichen Gebrauch dieser Technik zu hinterfragen. Vor allem der
Track „More Beats+Pieces“, der ein Nachfolger
der vorangegangenen „Beats+Pieces“
darstellt, demonstriert Coldcut´s Technik aufs deutlichste. Das Stück
beginnt mit einer Art Rückkopplungsgeräusch, und es dauert eine ganze
Weile, bis der erste Scratch einsetzt, um den darauffolgenden Drumloop
einzuführen. Doch dieser strukturiert das Stück nur kurz, und schon steht
der nächste Wechsel in der Rhythmuseinheit bevor. So geht es das ganze
Stück hindurch, kaum hat man sich in einen „Beat“ oder eben ein „Piece“
eingehört, die für gewöhnlich gerade mal eine Minute anhalten, wird dieser
Höreindruck durch den nächsten Scratch oder das Einsetzen des neuen Samples
wieder zerstört. Das führt wenn nicht zur Unhörbarkeit, so doch zur Untanzbarkeit
des Stücks, zeigt aber auf der anderen Seite die Fähigkeit mit den Versatzstücken
auf die virtuoseste Art jonglieren zu können. Coldcut gibt in den Informationen
zu dem Track übrigens an, welche Samples sie verwendet haben, und fügt
hinzu, daß es durch verschiedene Remixe unterschiedlicher Künstler (Coldcut
selbst, John Mc. Entire von Tortoise, einer Postrock-Band aus Chicago
oder DJ Food, der eher langsame Hip-Hop-Beats bevorzugt) auch unterschiedlichen
Arbeitsverfahren ausgesetzt werden soll.
„Why lot of versions? You may well ask. To contrast different
takes on analogue (classic vinyl/ scratching/ x-fade mixing/ linear editing)
vs digital (multitrack harddisk recording/ on screen non linear editing/
sequencing/ fx). ?ok?“ [22]
Gerade in „More
Beats+Pieces“ wird durch die extreme Anhäufung verschiedener Samples
aus verschiedenen musikgeschichtlichen Kontexten, der zeitlich, lineare
musikgeschichtliche Rahmen, aus dem die Samples stammen, aufgesprengt.
Musik wird in diesem Sinne „nichtlinear“,
wie Toop es beschreibt, indem sich Coldcut aus jeglichem Material, das
ihnen zur Verfügung steht, bedienen und sich somit die Musik weder historisch,
noch stilistisch mehr verorten läßt. Sie hat keinen festen historischen
Platz mehr in einer linearen Musikgeschichtsschreibung. Wenn dann dieses
Stück noch zusätzlich durch analoge=alte und digitale=neue Remixverfahren
(s.o.) von Musikern unterschiedlichster Stilrichtungen aufbereitet wird,
verdoppelt sich der eben beschriebene Effekt. Altes und Neues wird bewußt
miteinander vermischt.
TEIL 2:
4. Die Verteiler:
Von der Schallplatte zum Internet
Im ersten Teil der Arbeit wurden verschiedene musikalische
Projekte vorgestellt, die Popmusik so begreifen, wie David Toop es zu
skizzieren versucht. Eine weitere Möglichkeit, das Medium Popmusik zu
beschreiben, wäre sie einfach als elektrische Energie zu bezeichnen, die
man sich genauso als „flüssiges
Medium“ vorstellen kann und wenn in diesem Teil der Hausarbeit nun
von den Verbreitungsmedien der Popmusik die Rede sein wird, ist „Popmusik als elektrische Energie“ die angemessene Formel. Das Internet
zum Beispiel ist auf die Umwandlung von Information in elektrische Energie
angewiesen. Das gilt auch für
Musik, die aus dem Internet kommt und auch dorthin wieder
verschwindet. Die Option, sich Musik aus den Weiten des WWW auf den Rechner
zu laden und damit zu arbeiten,
wird schon vielfältig genutzt. So gibt es eine Internet MidiJamming-Seite
(http://www.resrocket.com), wo die User untereinander ihre Sounds, Samples
oder fertigen musikalischen Produkte austauschen können, ohne ein herkömmliches
Musikinstrument in die Hand nehmen zu müssen, oder gar das Haus zu verlassen.
Auch die CD-ROM stellt eine interessante Alternative zu den normalen Tonträgern
dar, da sie das passende Bildmaterial zu der Musik gleich mitliefern kann,
ohne daß man dazu diverse Video-Clip-Sender anschauen muß. Hier sollen
nun zwei Projekte vorgestellt werden, die diese Medien bewußt instrumentieren,
um andere Wege der Verteilung von Musik zu beschreiten, die natürlich
auch Konsequenzen auf die herkömmliche Musiker-Hörer-Relation hat.
4.1 The Future Sound of London
Die beiden Engländer Gary Cobain und Brian Dougan machten
vor FSOL unter anderem mit ihren Projekten Amorphus Androgynous oder Humanoid
schon seit 1989 in der Techno-Szene von sich reden. [23]
1994 schafften sie es mit ihrem Album
„Lifeforms“ in die englischen Top Ten, wobei vor allem der Titel „Papua New Guinea“ auch einem größeren
Publikum bekannt sein dürfte. [24] Die beiden sind spezialisiert auf Soundschnipsel
und ihre Möglichkeiten zur Verfremdung durch den Sampler.
>>Die beste
Musik würde entstehen, wenn jemand in seinem Wohnzimmer sitzt, auf seinem
Satelliten fernseher durch all diesen gloriosen digitalen Sound zappt
und die Schnipsel direkt in den Sampler lädt. Keine Rock´n´Roll Romantik,
einfach ein Typ in einem verdammten Haus, der mit dem TV-Programm nicht
glücklich wird und aus diesen Schnipseln wunderbare Musik bastelt.<<[25]
Im letzten Jahr kam das nächste Album „Dead Cities“ heraus, das via ISDN-Leitung
live und direkt aus dem Studio der Musiker in den Äther geschickt
wurde und von verschiedenen Radiostationen dann ( unter anderem auch von
Eins Live, dem Jugendsender des WDR am Anfang des letzten Jahres) gesendet
wurde. Schon ab 1994 nutzen die beiden Musiker dieses Verfahren, um ihre
Musik unter die Leute zu bringen. Dabei treffen zwei verschiedene unterschiedlich
alte und unterschiedlich etablierte Medien zusammen,
die Musik durchlaufen muß.
>> Wir
senden zwei Stunden live aus unserem Studio und spielen mit einem Medium,
das eigentlich tot ist. Aber in jedem Haus steht ein Radio und niemand
weiß, wer wo gerade zuhört. Darin liegt für uns ein viel größerer Reiz,
als in Live-Auftritten.<<[26]
Im gleichen Verfahren gaben sie auch ein „Konzert“
für den New Yorker >>Kitchen Club<<, und nach ihren Aussagen
wird sich ihre Publikation und Verbreitung von Musik erst einmal nicht
mehr ändern. >> We can´t rewind, we´ve
gone too far.<<[27]
4.2. Coldcut´s
CD-ROM und Internet-Projekt
Noch einmal soll Coldcut im Mittelpunkt des Interesses
dieser Arbeit stehen. Sie und ihr Label Ninja Tune versuchen, mit der
CD „Let us play“ andere Wege
der Kommunikation zwischen Hörer und Musiker zu beschreiten. Der Platte
ist eine CD-ROM beigefügt , die sich ganz dem „Laßt uns spielen-Motto“
unterordnen läßt. Anfangs sieht der User das Cover der CD, eine Art Spiel-
oder Werkzeugkiste, die mit allerhand Gerätschaften angefüllt ist. Einige
der Gegenstände, z.B. eine Videokassette, oder der Schriftzug
„Let us Play“ lassen sich anklicken und man landet dabei auf der nächsten
Ebene. Wählt man die Videokassette, sieht man eine Art altertümliche Fernseh-Videorecorder-Konsole,
an der man auch erst mal die passenden Knöpfe per Maus betätigen muß,
um sich dann 8 verschiedene Videos zu den einzelnen Stücken ansehen zu
können. Geht man den „Let us play-Weg“, kommt man zu einem Plattenspieler,
der, einmal in Gang gesetzt, Fragen zu Coldcut und dem Ninja-Tune-Label
in der Geschwindigkeit stellt, auf den man ihn vorher justiert hat. Neben
diesen beiden Spielangeboten gibt
es noch Beats und Samples zum Manipulieren und umweltpolitische Pamphlete.
(Coldcut setzen sich für Greenpeace und einige andere Umweltorganisationen
ein.) Bleibt das noch eindimensional, so funktioniert die Internet-Seite
von Coldcut als zweikanaliges Kommunikationssystem. Musiker und User/Hörer
stehen in direktem Austausch.
„[…] Mögliche
bidirektionale Kommunikation (von A zu B
& B zu A) zwischen Producer und User wird nicht unter den Tisch
gekehrt. Sie wird als nötig erkannt. Denn Producer/User/Konsumer- Kommunikation
schafft temporäre jederzeit reaktivierbare Verbindungen, die ihr Potential
aus der Entwicklungsfähigkeit der derzeitigen Netzwerke (Internet, Radio,
TV o.ä.) schöpfen.[...]
Mit anderen Worten kann man Coldcut´s Unternehmen als
eine moderne Form von Gesamtkunstwerk bezeichnen.
Statt wie üblich die Präsenz in den Medien durch Live-Auftritte
zu ergänzen, um dort alle medialen Möglichkeiten der Selbstinszenierung
auszuschöpfe, (Live-Musik, Visuals, Film, Tanz), wie es Madonna und Michael
Jackson vorgemacht haben, versuchen sich Coldcut und andere Künstler,
die auf Ninja-Tune vertreten sind, in dieser Form des Publikumkontakts.
Sie verzichten auf die körperliche Präsenz (selbst Photos von den Musikern
spielen eine untergeordnete Rolle) und gehen den Weg der Kommunikation
durch diverse Filter wie das Internet. Es soll anhand dieses Beispiels
nicht die Ersetzbarkeit des „alten“ Modells diskutiert werden, selbst
Coldcut gehen noch auf Tournee und präsentieren DJ-Sets, sondern eine
andere Form von Verteilung von Popmusik präsentiert werden, die Coldcut
schon sehr weit vorangetrieben hat, obwohl sie selbst dazu anmerken, daß
dieses Projekt noch fortentwickelt werden muß. Ihr Ziel ist es, das ist
schon an dem Versuch der umweltpolitischen Einbindung ihrer Musik zu merken,
>>daß die Leute aus ihrem
oberflächlichen, Zombie-haften Zustand erwachen, in dem sie nur Propaganda
aufnehmen, die den Informationsgehalt eines Hamburgers hat.<<[29] Das ist wohl an die Adresse anders orientierter
Popmusikrichtungen gerichtet, die außer des Spaßfaktors keinen anderen
Inhalt transportieren wollen und können. Zugegebenermaßen erinnert Coldcuts´
Anliegen doch sehr an Aufklärung und Erziehung zum mündigen Medienkonsumenten
und es wird sich zeigen, ob sich ihr Wunsch auf lange Sicht hin erfüllen
kann, denn Popmusik gründet eben fundamental auf eben diesen Spaßfaktor
und arbeitet gegen Erziehungsversuche.
Eines scheint jedoch gewiß: die Nutzung neuer Verbreitungsformen
von Popmusik, nämlich sie sich direkt auf den Rechner zu laden, ohne dabei
erst die neue Platte der geliebten Band kaufen zu müssen, wird in Zukunft
Stoff für Diskussionen liefern. Coldcut und The Future Sound of London
unterstützen diese Entwicklung, aber man hört heute auch ständig davon,
wie das neueste Produkt der Band X vorab und ohne Autorisierung im Internet
gelandet ist, sehr zum Leidwesen der Plattenfirmen und zur Freude der
Fans.
Gleichgültig wie nun Popmusik zu ihren Hörern gelangt,
hat sie das Potential weltweite Kommunikation zu stiften, was, um wieder
auf David Toop zurückzukommen, auch an der Immaterialität des Mediums
Musik selbst liegt, denn...
4.3 Popmusik
umspannt die Welt
„Elektrisch zusammengezogen
ist die Welt nur mehr ein Dorf. Die elektrische Geschwindigkeit, mit der
alle sozialen und politischen Funktionen in einer plötzlichen Implosion koordiniert werden, hat die Verantwortung
des Menschen in erhöhtem Maß bewußt werden lassen. Dieser Faktor der Implosion
ist es, der die Lage der Neger, der Teenager und einiger anderer Gruppen
verändert. Sie lassen sich nicht mehr zurückhalten im Sinne begrenzter
Einbeziehung in die Gemeinschaft. Sie sind jetzt dank der elektrischen
Medien in unser Leben miteinbezogen wie wir in das ihre.“[30]
Diese vielzitierte Stelle aus „Die magischen Kanäle“ von Marshall Mc Luhan behält, übertragen auf
die Popmusik, gerade in dem in der Arbeit behandelten Zusammenhang ihre
Gültigkeit.
Die Entstehung von Pop- und Jugendkulturen, die sich
um einzelne musikalische Phänomene lagern und eng mit diesen verbunden
sind, lassen sich als Mitglieder der Gesellschaft tatsächlich nicht mehr
ausgrenzen, wenn es um ihre Einbeziehung in die menschliche Gemeinschaft
geht. Es sei dabei nur an den Hip-Hop gedacht, der anfangs die Musik afroamerikanischer
Jugendlicher war, die plötzlich ein Medium hatten, um ihre Frustration
über die Verhältnisse, in denen sie leben, kundtun zu können. Heute, 20
Jahre nach „Erfindung“[31] dieses Stils hören Menschen auf der ganzen Welt
diese Musik und es gibt darunter sicherlich und hoffentlich einige, die
dadurch auf afroamerikanische Kultur und ihre speziellen Probleme aufmerksam
wurden.
Musik als Medium und alle daran beteiligten anderen
Medien, die zu ihrer Produktion, Verbreitung und Rezeption vonnöten sind,
tragen somit tatsächlich dazu bei, die Welt kleiner und die Kommunikation
und Verständigung größer werden zu lassen. Diese Utopie, die in der Popmusik
schon immer immanent transportiert wurde, scheint
nach und nach einlösbar. Musik in ihrer heutigen offenen Form dazu
bei, das Ohr zu sensibilisieren für die unterschiedlichsten Stile und
Richtungen und die damit verbundenen Lebensentwürfe, die sie als Popkulturen
umlagern. Nichts anderes formuliert Diedrich Diederichsen, wenn er immer
wieder davon spricht, daß der Einzelne durch die Übernahme bestimmter
Codes, die einen bestimmten Stil von Popmusik verschlüsseln, sich plötzlich verbunden fühlt mit Gleichgesinnten, obwohl sich diese vielleicht
auf der anderen Seite des Erdballs befinden.[32] Der „Ocean
of Sound“ unterscheidet sie nicht mehr vom „Ozean
der elektronischen Informationen.“
Musik wird selbst zur ungreifbaren Information:
„Die harten Dinge in unserer Umwelt beginnen,
von weichen Undingen verdrängt
zu werden: Hardware von Software. Die Dinge ziehen sich aus dem Zentrum
des Interesses zurück, es konzentriert sich auf Informationen. [...] Informationen
- Undinge wie Bilder auf dem Fernsehschirm, in
Computern gelagerte Daten, in Robotern gespeicherte Programme, Mikrofilme
und Hologramme - lassen sich nicht mit Fingern greifen.“[33]
Wird Popmusik wirklich ungreifbar? Hat der schwitzende,
leibhaftig auf der Bühne stehende Bluesgitarrist, zu dem der Hörer sich
hinbewegen muß, etwa ausgedient? Sitzt der Hörer statt dessen zu Hause
allein vor einem Computerbildschirm? Werden Konzerthallen als öffentliche
Räume bald überflüssig sein, wie Vilém Flusser
in seinem Text „Der städtischen
Raum und die neuen Technologien“ ankündigt:
„Die informative
Revolution strukturiert die informative Lage um, genauer: sie baut den
öffentlichen Raum ab. Die Informationen dringen jetzt in den Privatraum,
um dort empfangen zu werden. Geschäfte, Banken, Schulen, Kinos und alle
übrigen öffentlichen Orte werden von den neuen Technologien ausgeschaltet.
Die Sender der Information müssen dank dieser Technologien nicht mehr
publizieren, sondern sie können durch verzweigte Kanäle ihre Informationen
an die einzelnen Empfänger verteilen lassen. Wo bisher der öffentliche
Raum, der Stadtplatz, das Forum offenstand, werden in naher Zukunft strahlenförmig
und netzförmig strukturierte Kanäle sitzen, um Informationen zu empfangen
und zu senden.“[34]
Flussers Thesen beschreiben nichts anderes als die
Gegenwart und dennoch wird der Popmusikkonsument sicherlich nicht auf
seine Live-Erlebnisse in der Gemeinschaft körperlich anwesender Zuhörer
und Musiker verzichten wollen, denn der „Ocean
of Sound“ kann und muß auch auf
diese Weise „durchschwommen“
werden.
Teil 3:
5. Schwimmen im Ocean of Sound
Die im ersten Teil vorgestellten Produktionstechniken
haben das Ohr auf die Unendlichkeit der Soundmöglichkeiten vorbereitet.
Die Geschmäcker differenzieren sich einerseits immer mehr aus, werden
aber andererseits durch die vielfältigen Kombinationsmöglichkeiten zwischen
unterschiedlichsten Stilarten (z.B.: Drum´n´Bass mit Heavy Metal- und
Punkversatzstücken; die französische House-Szene wie das Duo AIR liebäugelt
mit Easy-Listening-Melodien aus den 1970er Jahren und strebt die Zusammenarbeit
mit Peter Thomas an) offen für Musik aus vielleicht ehemals verfeindeten
musikalischen Lagern. Der Hörer schwimmt dabei bewußt, um David Toops
Vergleich noch einmal zu bemühen, von Sounderlebnis zu Sounderlebnis oder er läßt sich einfach treiben und wartet
ab, was der „Ocean of Sound“
so alles an ihm vorbeispült.
Vor allem die lineare Zeitrechnung und Aufteilung in
IN & OUT scheint aufgehoben. Retro-Sounds sind eben plötzlich nicht
mehr rückwärtsgerichtet und altmodisch, sondern können jederzeit neu veröffentlicht
werden und finden sofort eine Hörerschaft, die zum Zeitpunkt des Entstehens
der Musik noch gar nicht geboren war. Ein Beispiel dafür wäre der Diskussionsstoff,
den die letzte Neuveröffentlichung von altem Beach Boys-Material geliefert
hat. War Brian Wilson tatsächlich seiner Zeit soweit voraus in der Erforschung
unbekannter Soundlanschaften? Ist es deshalb wichtig, sich von dem alten
Bild der nur lustig herumsurfenden Strandjungs zu trennen, um tiefer in
ihr Musikuniversum einzudringen?
Alle diese Phänomene tragen dazu bei, Popmusik als
einen grenzenlosen Referenzraum zu beschreiben, in dem der Hörer sich
virtuell bewegt. Es handelt sich dabei um einen Dschungel, oder, um wieder
auf Deleuze zurückzugreifen, um ein rhizomatisches Gewächs. Der Hörer
ist dazu eingeladen, den einzelnen Verstrebungen zu folgen, sich seine
Pfade abzuteilen oder den „Fluchtlinien“[35]
zu folgen. Die Agentur Bilwet formuliert das in ihrem Text „Das dominante Ohr“ ähnlich, wenn auch anklingt, daß die Autoren sich
etwas anderes wünschen.
„Popmusik ist
ein so perfekt funktionierendes System der Selbstreferenz, daß es sofort
geschätzt wird, wenn irgend jemand den Stil des Singens oder des Gitarrespielens
eines frühverstorbenen Vorgängers übernimmt. Popmusiker, die den akustischen
Raum mit gefählichen Signalen aufladen wollen, nehmen den Kampf mit der
Transparenz ihres Stils auf und versuchen, mittels wachsender Komplexität
die Eigenheit und Benennbarkeit ihrer Methode undurchsichtig zu machen.
Die existierende Offenheit nach allen Kontinenten und Epochen bietet Material
für minimale Einordnung. Aber Popmusik kennt ihre Geschichte und kann
diese ständig und rhizomatisch in einer Art und Weise plagiieren, die
mühelos von den Medienmassen angenommen wird. Ist zeitlose, abstrakte
Popmusik, die keine Referenz hat und aus nichts hervorkommt, möglich?“[36]
Entscheidet man sich für die bereits oben angesprochene
Lesart dieses Zitats, nämlich, daß eine „zeitlose, abstrakte“ Popmusik von den Autoren ausdrücklich gefordert
wird, so läßt sich eine leicht Tendenz zum Popkultur-Pessimismus feststellen.
Und selbst wenn es diese referenzlose Popmusik geben sollte, stellt sich
die Frage, ob sie der Hörer dann überhaupt will, oder ob er sich nicht
viel lieber in den Referenzräumen bewegt, die ihm zumindest teilweise
bekannt sind.
6. Schluß
7. Bibliographie
1.Agentur Bilwet: Das dominante Ohr. In: Agentur Bilwet:
Medien-Archiv. Bensheim und Düsseldorf 1993.
Zeitschriftenartikel:
1.
Anz, Philipp: Future Sound of London. Video killed the radio star. In: SPEX Nr.1, Januar 1997.
Texte
in CD-Booklets:
8. Diskographie:
6. Chris&Cosey: Exotica.
Auf: Electronic Body Music.PIAS, Belgien 1988.
[1] Weber, Peter: Meine körpereigene Musik. In: Neumeister,
Andreas. Hartges, Marcel. (Hrsg.): Poetry! Slam! Texte der Popfraktion.
Hamburg, 1996. S.74 f..
[2] Toop, David: Ocean of Sound. Klang, Geräusch, Stille. St. Andrä-Wördern, 1997. S.11 f..
[3] ebenda, S.10.
[4] ebenda, S.11. Alle Textstellen, die aus diesen beiden Zitaten von David Toop stammen und in der Arbeit immer wieder verwendet werden, werden im folgenden nicht mehr mit einer Fußnote versehen, sind aber kursiv gekennzeichnet und auf S.10/11 (s.o.) zu finden.
[5] Noll, Justus: Multimedia, Midi und Musik. Die Welt der digitalen Klänge. F.a.M. 1994. S.116.
[6] Schafer, Murray: Klang und Krach. Eine Kulturgeschichte des Hörens. F.a.M. 1988. S.150-151.
[7] Kraftwerk: Taschenrechner.
[8] vgl. dazu: Cope, Julian: Krautrocksampler. One
Head´s Guide To The Grosse Kosmische Musik. Lörbach,
[9] Toop, David: Ocean of Sound, S.224.
[10] ebenda, S.224.
[11] Toffler, Alvin: Die Zukunftschance. Von der Industriegesellschaft zu einer humaneren Zivilisation. München 1980. S.165.
[12] Kuhn, Albert: Juan Atkins. In: Anz, Philipp. Walder, Patrick (Hrsg.): Techno. Zürich 1995. S.30.
[13] ebenda, S.30.
[14] ebenda, S.137.
[15] Szepanski, Achim: Heute Abend findet ein Konzert
statt. (Gilles Deleuze) In: Booklet zu In Memoriam Gilles
[16] ebenda, S.35.
[17] ebenda, S.32.
[18] vgl. dazu: Büsser, Martin: Ein Grundstück bilden. Oval. Wie rebellisch ist der reine Sound? In: Büsser, Martin; Kleinhenz, Jochen; Schütze, Frank; Ullmaier, Johannes. (Hrsg.): Testcard. Beiträge zur Popgeschichte. Nr. 2. Oppenheim 1996. S. 94.
[19] Götz, Rainald: Rave. F/M 1998. S.34.
[20] vgl. dazu. Poschardt, Ulf: DJ Culture. Hamburg,
1995. S.269.
[21] Hillmann, Jan Rikus: Coldcut. In:
DE:BUG. Zeitschrift für elektronische Lebenaspekte. NO.[07]. Hrsg.:
DEBUG Verlags-GmbH 1998. S.1.
[22] Coldcut: Text zu „More Beats + Pieces“. In: Coldcut. Let us play. Ninja Tune 1997.
[23] vgl. dazu: Anz , Philipp u. Walder, Patrick:
Techno. Zürich 1995. S.261.
[24] Anz, Philipp: Future Sound Of London. Video killed the radio Star. In: SPEX Nr.1, Januar 1997. S.6.
[25] ebenda
[26] ebenda
[27] ebenda
[28] Hillmann, Jan Rikus: Coldcut. In: DE:BUG. S.3.
[29] Fabian, Roderich: Coldcut. Subversive Kleinunternehmer. In: SPEX Nr.9, September 1997. S.16.
[30] Mc Luhan, Marshall: Die magischen Kanäle. >>Understanding
Media<<. Düsseldorf und Wien 1968. S.11.
[31] vgl. dazu: Toop, David: Rap Attack. St. Andrä-Wördern 1992.
[32] Diederichsen, Diedrich: „Wer fürchtet sich vor dem Cop-Killer? Zehn Thesen.“ In: Spiegel Spezial, Pop und Politik. 2/1994.
[33] Flusser, Vilém: Auf dem Weg zum Unding. In: (ders.): Die Revolution der Bilder. Der Flusser-Reader. Zu Kommunikation, Medien und Design. Bollmann Verlag Gmbh. S.162/163.
[34] Flusser, Vilém: Der städtische Raum und die neuen Technologien. In: ebenda. S.75/76.
[35] Deleuze, Gilles. Guattari, Félix: Rhizom. Berlin 1977.
[36] Agentur Bilwet: Das dominante Ohr. In: Agentur Bilwet: Medien -Archiv. Bensheim und Düsseldorf 1993. S.88.
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