Bei der diesjährigen Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft zum Thema Spekulation vom 3. bis 6.10 in Frankfurt am Main am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft werden wir 2 Panel zur Beziehung zwischen Spekulationen und Automatismen durchführen. Sobald der genaue Termin und die Räumlichkeit bekannt sind, werden wir sie hier veröffentlichen.
Vorab schon einmal unser Konzept:
Automatismen der Spekulation – Spekulative Automatismen
Einleitungen:
Automatismen werden verstanden als ungeplante Abläufe, die sich einer
bewussten Kontrolle weitgehend entziehen. Automatismen bringen – gleichsam im Rücken der Beteiligten – neue Strukturen hervor. Daraus ergeben sich verschiedene Schnittpunkte zwischen Konzepten von Spekulation und von Automatismen, deren Bearbeitung wir für sinnvoll erachten. Im Folgenden führen wir einige davon aus.
*Methodische Spekulation:*
Die Untersuchung von Automatismen sieht sich dem Problem gegenüber, Prozesse der Strukturentstehung analysieren zu wollen, die den beteiligten Akteuren zu großen Teilen unbewusst bleiben. Die Spekulation könnte einen methodischen Ansatz dazu darstellen, für derartige Phänomene Entwicklungsmodelle zu erstellen. Hier wäre zu fragen, ob man hinsichtlich einer wissenschaftlichen Perspektive auf Automatismen (und dies gilt sicher auch für andere Gegenstände der Medienwissenschaften) so weit gehen müsste, eine methodische Notwendigkeit der Spekulation anzunehmen. Dann bedarf es im Gegenzug einer kritischen Ermittlung solcher Strategien in theoretischen Modellen, die diese zu verbergen suchen.
*Popkulturelle Spekulation:*
Die Spekulation über opake Prozesse wie den Automatismen findet sich nicht nur in wissenschaftlichen, sondern auch und insbesondere in populärkulturellen Diskursen. Beispielweise entwerfen Filmgenres wie der Katastrophen- oder Science-Fiction-Film Szenarien, in denen zukünftige Ereignisse (etwa Weltuntergänge, oder präemptive Kriminalistik) spekulativ durchgespielt werden. Hier wäre nach den Wechselwirkungen zwischen spekulativ-spektakulären Szenarien und kollektiven Ängsten und Wünschen zu fragen, die sich darin möglicherweise manifestieren und oftmals aus der Vermutung einer Wirkmächtigkeit von ungeplanten und unkontrollierten Automatismen speisen.
*Spekulation auf Automatismen*
Aufgrund ihrer nicht-intentionalen Entstehung stellen sich die Produkte von Automatismen den Akteuren als nicht manipulierbare Fakten dar. Darauf wiederum reagieren z. B. die Praktiken der Statistik. Ihre Beschreibungsmodelle versuchen, jene Zusammenhänge korrelativ zu erfassen, die den Beteiligten entzogen bleiben. Auf diese Weise sollen die zugrunde liegenden Entwicklungsgesetze aufgedeckt werden. Werden die Ergebnisse dieser Praktiken etwa im Risikomanagement und in Trendprognosen in die Zukunft verlängert, nehmen sie einen spekulativen Charakter an. Hier wäre zu fragen, welche angenommenen Automatismen wann und wie als Grundlage für Spekulationen herangezogen werden. Darüberhinaus wäre zu untersuchen, wie diese Spekulationen mit ihrem spekulativen Charakter umgehen.
Panel:
Diese generellen theoretischen Vorannahmen zur Beziehung von Spekulation und Automatismen dienen als Rahmen für zwei Panels, welche sich je speziellen Vertiefungen und Materialitäten widmen.
Automatismen und Spekulation I: (Un)berechenbarkeiten
Moderation: Theo Röhle
Sogenanntes „gesichertes Faktenwissen“ gilt besonders in Bereichen der Kontrolle und Überwachung als notwendige Handlungs- und Entscheidungsgrundlage. Um dieses zu generieren wird zumeist versucht, die stets amorphe und unüberschaubare Menge potenziell relevanter Informationen in operationalisierbares Wissen zu übersetzen. Die Vorträge des Panels werden an Beispielen aus der Kriminalistik und der militärischen Aufklärung des Raumes herausarbeiten, welche Strategien der Sichtbar- und Berechenbarmachung zu diesem Zweck in Anschlag gebracht werden. Automatismen kommen hierbei auf zweifache Weise ins Spiel. Zum einen dienen sie als Legitimierungsgrund für Objektivierungsstrategien/Regulierungspraktiken/die Notwendigkeit statistischer Verknappung, zum anderen verweisen sie implizit auf das Moment der Spekulation, indem sie sich der Beobachtung systematisch entziehen.
Andreas Weich
Profile der Spekulation: Zur (Un)berechenbarkeit von Menschen
Wissen über Eigenschaften und (potenzielles) Verhalten von Menschen ist von großer Relevanz für Institutionen der Kontrolle und Überwachung. Das Konzept des Profils hat diesem Wissen eine spezifische Form gegeben, die ihre Wurzeln vor allem in den merkmalsbezogenen Kategorisierungen der Physiognomie hat. Durch deren Mathematisierung seit dem späten 18. Jh. wurde die Überführung von Persönlichkeit in kalkulierbare Daten etabliert. Am Beispiel der Kriminologie des späten 19. Jh. soll im Vortrag gezeigt werden, dass bei der Erstellung von Profilen sowie der auf diesen basierenden statistischen Dia- und Prognostik notwendig spekulative Momente eine Rolle spielen. In computerbasierten Medien, so die These, sind Profile heute oftmals Grundlage und Produkt von Automatismen der alltäglichen Generierung von Wissen über Menschen. Anhand aktueller Beispiele wird abschließend diskutiert, inwiefern dadurch Diskurse und Praktiken der vermessenden Spekulation in populäre Medienkulturen integriert werden.
Julius Othmer
Expect the Unexpected: Zum Verhältnis von Risiko und Spekulation in zeitgenössischer Software
Das Konzept des Risikos bringt ein auf Zukunft bezogenes Kontrollbedürfnis zum Ausdruck und formiert damit einen theoretische Alternative zur Spekulation, welche dasselbe Ziel mit anderen Mitteln verfolgt. Im Risiko wird eine zur Reaktion verpflichtende Gefahr oder Bedrohung durch Prozesse der Berechnung auf statistischen Daten zum Risiko transformiert, das die Option des proaktiven Handelns eröffnet. Risiko bedarf neben der statistischen Modellierung auch einer Sichtbarmachung zwecks Transformation in Wissen und scheint somit wie gemacht für die Idee des Computers. Mit der kulturellen Erfahrung einer begrenzten Berechenbarkeit und sich mehrenden Kontingenzeindrücken verändert sich das Konzept des Risikos. Der Gedanke der Präemption und Grenzziehungen zwischen sicher und unsicher werden primär, weiterhin nähert sich der Umgang mit Risiko der Spekulation in Momenten des Imaginären und des Spielerischen an. Der Vortrag möchte diesen Wandel des Risikos und des Risikomanagements anhand von Softwarefragmenten aus verschiedenen „kriminalistischen“ Diskursen vorstellen und bewerten.
Timo Kaerlein
Verhaltensprognosen in Kriminalprävention und Science Fiction – Ein Vergleich
Vorhaben im Bereich der präemptiven Kriminalitätsbekämpfung wie INDECT in der EU sowie diverse lokale Initiativen in den USA bringen technische Verfahren der Predictive Analysis und des Relationship Mining in Stellung, um Straftaten zu verhindern, bevor sie begangen werden. Dazu werden scheinbar zufällige Verhaltensmuster wie z.B. Bewegungsprofile ausgewertet und in Kalkulierbarkeiten überführt. Ähnliches funktioniert bereits weitgehend verlässlich im Science-Fiction-Film Minority Report (USA 2002). Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: Im Film verlassen sich die Behörden auf eine spekulative Instanz, die sogenannten Precogs, die Vorhersagen über zukünftige Verbrechen treffen, ohne Einblick in die Genese diesen brisanten Wissens zu geben. Eine Relektüre des Films im Lichte jüngster Entwicklungen soll Aufschluss darüber geben, inwieweit er als spektakuläre Spekulation über die notwendigen blinden Flecken eines „lückenlosen Überwachungssystems verstanden werden kann.
David Kaller
Geliehene Augen: zur Sichtbarkeit des Raumes in der Drohnentechnologie
In den letzten Jahren ist in der zeitgenössischen Kunst eine vermehrte Auseinandersetzung mit neuen militärischen Technologien der Sichtbarmachung, Ordnung und Kontrolle von Räumen zu beobachten. Eine besondere Bedeutung erhält dabei die Frage, auf welche Weise der Raum in eine kalkulierbare Größe überführt wird. Ausgehend von der Videoarbeit Her Face Was Covered (2011) von Omer Fast soll am Beispiel der militärischen Drohnentechnologie aufgezeigt werden, welche Prozesse an der Visualisierung von Territorien und den darin zu identifizierenden Akteuren und Objekten beteiligt sind. Die Sichtbarmachung folgt dabei dem Bestreben, uneindeutige Informationen als mögliche Risiken auf operativer Ebene zu reduzieren. Diesen Versuch einer Berechenbarkeit des Raumes verhandelt die Arbeit Omer Fasts auf inhaltlicher und ästhetischer Ebene: Sie verweist auf die Grenzen der medialen Repräsentation des Raumes und zeigt auf, inwiefern die Deutung des Betrachters an ein Moment der Spekulation gebunden ist.
Automatismen und Spekulation II: Die Frage der Verfügbarkeit
Moderation: Serjoscha Wiemer
Automatismen sind einer direkten Kontrolle entzogen. Ihr Wirken ist weder im Prozess der Entstehung noch retrospektiv komplett greifbar. ‚Spekulation‘ bietet sich als provisorisches Verfahren zur Verfügbarmachung dieser Entwicklungen an, da sie ein Beobachten impliziert, das keinen Anspruch auf gesicherte Ergebnisse erhebt. In der Betrachtung/Darstellung historischer oder selbstkonstitutiver Ereignisse gerät das Opake jedoch oft in Vergessenheit – und damit auch die Notwendigkeit zur Spekulation.
Das Bewusstsein vom begrenzten Zugriff des Individuums auf Selbst, Welt und Geschichte zeigt sich in Praktiken, die zwischen ironisch-distanzierten Positionierungen und handlungspraktischen Festlegungen schwanken, sowie in spektakulären, populärkulturellen Inszenierungen eines apokalyptischen Endes der Geschichte. Auf Zweifel an Wahrhaftigkeit reagieren auch Geschichtsmodelle, die der Un(be)greifbarkeit ihres Objekts ‚Geschichte‘ über Sinnstiftung begegnen. Diese methodischen Spekulationen versuchen dasjenige verfügbar zu machen, das sich dem direkten Zugriff entzieht.
Christian Köhler
Über Automatismen und Spekulation in Geschichtsphilosophie und Mediengeschichte
Schon klassische Positionen der spekulativen Geschichtsphilosophie beinhalten Modelle, die Strukturentstehung aus verteilten Systemen beschreiben. Der trotz allem „regelmäßige Gang der Weltgeschichte” (Kant) wird in ihnen dann auf im Verborgenen planende Instanzen zurückgeführt (z. B. Kants „planende Natur“ oder Hegels „List der Vernunft“). Spekulativ ist deren Erkenntnis, da sie auf einen Gegenstand geht, „wozu man in keiner Erfahrung gelangen kann“ (Kant).
Wenn sich Geschichtsschreibung jedoch dadurch auszeichnet, dass ihr Gegenstand der sinnlichen Anschauung konstitutiv entzogen ist, sie sinnliche Anschauung in ihren Narrationen vielmehr stiftet, ist dann nicht jede Form historischer Erkenntnis notwendig spekulativ? Inwiefern sind also zeitgenössische Mediengeschichten, die Strukturentstehungen als mikrodeterminierte Prozesse denken, deren Ergebnisse ungeplant und kontingent sind, ebenfalls spekulativ?
Matthias Koch
„Spekulative Mediengeschichtsschreibung: Zum Verhältnis von Kontinuität und Diskontinuität“
Kontinuitäts- und Diskontinuitätsannahmen unterlegen dem historischen Prozess jeweils strukturierende Automatismen. Diese entziehen sich in ihrem Wirken, sollen historiografisch jedoch Gestalt annehmen. Spekulative Automatismen haben also eine konstruktive Funktion, da sie Kausalität stiften und heterogene Phänomene bündeln können. Entscheidend ist dabei die theoretische Transparenz der zugrunde gelegten Annahme: Wird sie in ihrem spekulativen Charakter nicht reflektiert, nimmt sie als Automatismus der Spekulation bzw. blinder Fleck historiografischer Praxis selbst ‚automatistische’ Form an.
Der Vortrag skizziert Spekulation anhand von Beispielmodellen als medienhistoriografisches Verfahren zur Reflexion der Wechselseitigkeit von Kontinuität und Diskontinuität. Sie schlägt zwischen ihnen – in dezidiert provisorischer Weise – eine sinnstiftende Brücke.
Lioba Foit
Ironische Identitätskonzepte – Vom Spielen und Vergessen der Vielfalt
Dem Dilemma heterogener und konträrer Erwartungen und Anforderungen wird heute häufig über das Medium der Ironie begegnet. So lassen sich auf performative Weise polyvalente Bedürfnisse der Selbstkonstitution realisieren, ohne durch scheinbar widersprüchliche Rollenvorgaben limitiert zu werden. Spekulationen ob der Wahrhaftigkeit dieser Inszenierungen entscheiden sich, wenn überhaupt, in der Sicht des Betrachters und ausgehend von ihrer situativen Adäquatheit. Die Bezüge bleiben dabei – ein doppelter Twist der Ironieschraube – fixiert auf Konzepte, deren Kontingenz bereits erkannt wurde. Der/die Handelnde entzieht sich damit einer Festlegung; der diskursive Raum jedoch erzeugt aus den Signalen Figuren, die die Anschlussoffenheit der Ironie immer wieder korrumpieren. Ist der/die Handelnde schließlich (nur noch) Spekulant des eigenen Lebensentwurfs?
Martin Müller
Weltuntergang 2012 – Kontingenz, Evidenz, Spektakel
Das Motiv um die Spekulation über zukünftige Weltuntergänge und Apokalypsen bildet eine feste Größe in den narrativen und symbolischen Ökonomien fast aller bekannten Kulturen. Das ‚Ende der Welt 2012’ hat Hochkonjunktur in der Populärkultur: (computergestützte) Enträtselung von Maya-Kalendern und Bibel-Codes, Blockbuster Movies und Survival Kits, Engelmedien, Blogs, empörte WissenschaftlerInnen sowie Gammablitze zeugen davon – und bilden ein diffuses Feld divergierender Wissenssorten, Praxen, Dinge und (Medien)Politiken. Der Vortrag thematisiert den ‚Weltuntergang 2012’ unter den Stichworten Spekulation, Inszenierung des Spektakulären, Kontingenz und Evidenz anhand ausgewählter Beispiele und Diskurspositionen.