Leibliche Automatismen in der Telepräsenz-Robotik

Ich hatte gestern die einmalige Gelegenheit, verschiedene am ATR in Kyoto entwickelte Telepräsenz-Roboter aus nächster Nähe kennenzulernen und auch selbst den Sitz des Operators zu übernehmen. Zunächst das bekannteste Modell Geminoid HI-2, anschließend auch das Modell Telenoid (im Bild). Die beiden Roboter repräsentieren diametral entgegengesetzte Ansätze, einen Effekt zu produzieren, der in der japanischen Philosophie als sonzaikan bezeichnet wird – das Gefühl der leiblichen Kopräsenz aus Sicht des Gesprächspartners. Während bei Geminoid auf ein Maximum an Menschenähnlichkeit gesetzt wird, sodass er seinem Erfinder Hiroshi Ishiguro zum Verwechseln ähnelt, hat der Telenoid nur rudimentär anthropomorphe Züge. Auf diese Weise soll er als neutrale Projektionsfläche dienen, die erst in Kombination mit Mimik, Gestik und Stimme des Gesprächspartners den Eindruck von Präsenz hervorrufen soll.

Telenoid-Roboter

Telenoid R1 was developed by Osaka University and ATR Hiroshi Ishiguro Laboratory.

Generell geht es bei Telepräsenz-Medien (dazu zählt u.a. auch die Tele-Chirurgie) darum, re-embodiment zu verwirklichen. Im Idealfall bedeutet das, der/die AnwenderIn der Technologie erhält das Gefühl, als sei er/sie in einer räumlich entfernten Umgebung anwesend, während dort befindliche InteraktionspartnerInnen ihn/sie ebenfalls als kopräsent wahrnehmen. Genau hier liegt in der Sicht der IngenieurInnen ein entscheidendes Defizit gegenwärtiger Videoconferencing-Technologien, die nämlich genau an der Erzeugung dieses Präsenzeffekts scheitern und dadurch Missverständnisse befördern sowie potenziell eine entfremdende Wirkung haben.

Aus Automatismenperspektive ist die Telepräsenz-Robotik ein ergiebiges Feld. Die leibliche Anwesenheit an einem Ort und mit dem eigenen Körper als unhintergehbarer und vorreflexiver Voraussetzung jeder Erfahrung (z.B. von Wahrnehmungen) ist das zentrale Thema der Leibphänomenologie nach Husserl und Merleau-Ponty. Der Leib (lived body) zeichnet sich in der Perspektive der Phänomenologie im Normalfall durch ein hohes Maß an Transparenz aus, er ist zwar Nullpunkt des Selbst- und Weltbezugs, gleichzeitig aber dem Bewusstsein nicht als Gegenstand vorgesetzt. Das hat auch gute Gründe, denn ein großer Teil der Aktivitäten unseres Körpers läuft automatisch ab, ohne Rekurs auf eine symbolische Ebene. Auf diese Weise wird erst ein reibungsloses und effektives Handeln ermöglicht, wie der pathologische Fall des Ian Waterman beweist. Waterman hat vom Hals abwärts kein Tastempfinden und keine propriozeptiven Eindrücke (ohne dabei jedoch gelähmt zu sein), wodurch er buchstäblich genötigt ist, jeden Schritt bewusst und unter Zuhilfenahme der visuellen Wahrnehmung zu tun – eine frustrierende Aufgabe mit hohem Aufwand an kognitiven Ressourcen.

Was hat das jetzt mit Robotik zu tun? Die Ingenieure stehen hier vor einer Herausforderung: Wie bekommt der/die AnwenderIn das Gefühl, an einem Ort wirklich anwesend zu sein, inklusive des damit empfundenen Verantwortungsgefühls für eigene Handlungen und einem angemessenen Risikokalkül? Es gibt Indizien dafür, dass das re-embodiment bereits erstaunlich gut funktioniert. So berichten Ishiguro und seine Forschungsstudenten von dem sonderbaren Gefühl des phantom poke, wenn sie auf einer Videokamera sehen können, dass jemand den Roboter, den sie fernsteuern, unerwartet anstößt. Ähnliche Beobachtungen machte eine schwedische Forschergruppe um Henrik Ehrsson bei Experimenten mit Schaufensterpuppen, die durch ein verhältnismäßig schlichtes technisches Setup von Versuchspersonen als eigene Körper wahrgenommen wurden (Out-of-Body-Experience). Noch vollständiger wird diese Erfahrung vermutlich dann sein, wenn es einen zusätzlichen haptischen Feedback-Kanal gibt. Diese Beobachtungen fordern das Diktum der Phänomenologie heraus, dass eine Distanzierung von Selbst und Körper unmöglich sei. Jedenfalls scheinen technische Medien das Potenzial zu haben, an Automatismen des Leibes anzudocken und diese für die Konstruktion von Telepräsenz-Szenarien produktiv zu machen.

Mehr zum Zusammenhang von Telepräsenz, re-embodiment und Phänomenologie des Leibes findet sich in einem lesenswerten Aufsatz von Luna Dolezal.

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